Jen­seits der Schmerz­gren­ze

Die Presse am Sonntag - - Eco -

Die La­ge des un­ga­ri­schen Per­so­nals ist Ne­ben­schau­platz im Rechts­streit zwi­schen Ge­werk­schaft und ÖBB-Ca­te­rer ge­nau­er Blick zeigt, wel­che Ar­beits­be­din­gun­gen herrsch­ten. Die Ar­bei­ter­kam­mer bie­tet grenz­über­schrei­ten­de Hil­fe an.

Da stehst du auf dem Bahn­steig wie ei­ne Un­glück­li­che und weißt nicht, was pas­siert“, sagt Edi­na. Vor drei Wo­chen er­hielt die jun­ge Un­ga­rin wie 14 wei­te­re Kol­le­gen ein knap­pes Mail: Ih­re Di­ens­te für Hen­ry am Zug wür­den nicht mehr be­nö­tigt. Sie sol­le sich im Bu­da­pes­ter Bü­ro ih­res Per­so­nal­ver­mitt­lers, Rand­stad, ein­fin­den und die Kün­di­gung un­ter­schrei­ben.

Was war pas­siert? Der ös­ter­rei­chi­sche Do-&-Co-Chef At­ti­la Do­gu­dan˘ hat­te der Ge­werk­schaft im März ver­spro­chen, in sei­nem ÖBB-Ca­te­ring Hen­ry am Zug nur noch nach ös­ter­rei­chi­schem Kol­lek­tiv­ver­trag ent­lohn­tes Ser­vice­per­so­nal zu be­schäf­ti­gen. Zu die­sem ge­hör­te Edi­na nicht. Das Ver­spre­chen, kei­ne Un­garn mehr zu Bil­lig­löh­nen in ÖBB-Rail­jets durch Eu­ro­pa zu schi­cken, hat ei­ne be­weg­te Vor­ge­schich­te: En­de Jän­ner kul­mi­nier­ten mo­na­te­lan­ge Ver­war­nun­gen des Ar­beits­in­spek­to­rats in ei­ner Straf­dro­hung. 1,3 Mil­lio­nen Eu­ro Bu­ße für den Do-&-Co-Gas­tro­no­men ste­hen im Raum. Ihm wer­den sys­te­ma­ti­sche Ver­stö­ße ge­gen Ar­beits- und Ru­he­zeit­re­geln beim in­län­di­schen Per­so­nal zur Last ge­legt. Für Edi­na ist ei­nes klar: Do­gu­dans˘ öf­fent­lich aus­ge­tra­ge­ner Streit mit der Ge­werk­schaft ist der Grund, war­um sie ih­ren Job als fah­ren­de Kell­ne­rin ver­lo­ren hat.

Sehr gut wä­re sie bei dem Zug­ca­te­rer zwar auch für un­ga­ri­sche Ver­hält­nis­se nie be­zahlt wor­den, „aber mit Trink­geld ging es“, sagt die 29-Jäh­ri­ge. Und als jun­ger Mensch ha­be man so zu­min­dest et­was von der Welt ge­se- hen. Für zu­letzt um­ge­rech­net 712 Eu­ro brut­to im Mo­nat fuh­ren sie und ih­re Kol­le­gen durch halb Eu­ro­pa. Die ös­ter­rei­chi­schen Ste­wards, mit de­nen sie an Bord ar­bei­te­te, be­ka­men den ös­ter­rei­chi­schen Kol­lek­tiv­ver­trags­lohn von 1400 brut­to ge­zahlt. In Zwölf-St­un­denSchich­ten ging es da­hin. Mit­un­ter la­gen nur drei St­un­den Pau­se da­zwi­schen. Nicht sel­ten wa­ren sie zwei Wo­chen lang täg­lich auf Schie­nen. „Mein Re­kord sind 16 Ar­beits­ta­ge am Stück“, sagt Edi­na. Die Do-&-Co-Ca­te­ring­toch­ter Hen­ry am Zug wird mit dem Vor­wurf kon­fron­tiert, bei ih­ren un­ga­ri­schen Mit­ar­bei­tern ge­gen Ar­beits­zeit- und Lohn­vor­schrif­ten ver­sto­ßen zu ha­ben.

Vor ein­ein­halb Jah­ren hät­ten noch rund 120 Un­garn über den Per­so­nal­ver­mitt­ler Trenk­wal­der für Do­gu­dan˘ ge­ar­bei­tet. Vie­le spran­gen ab, so­bald sich ein fi­nan­zi­ell bes­se­res An­ge­bot auf­tat. Im­mer wie­der sei man ver­trös­tet wor­den. Edi­na er­in­nert sich an ein Tref­fen mit der Per­so­nal­ab­tei­lung im De­zem­ber 2014: „Leu­te, wir kämp­fen für euch, aber bit­te noch ein biss­chen Ge­duld.“Pas­siert sei nie et­was. In Un­garn sei so­wie­so al­les bil­li­ger, ha­be man spä­ter auf Nach­fra­gen nach ös­ter­rei­chi­schen Löh­nen er­wi­dert.

Mit­te Jän­ner die­ses Jah­res stieg Trenk­wal­der aus. Der jet­zi­ge Per­so­nal­ver­mitt­ler, Rand­stad, über­nahm das Per­so­nal. Da bro­del­te es be­reits hef­tig in Ös­ter­reich. En­de des­sel­ben Mo­nats klopf­ten die Ar­beits­in­spek­to­ren an die Zug­tür. Sie woll­ten von al­len die Di­enst­plä­ne se­hen. „Die wir nicht be­ka­men, weil wir dann hät­ten se­hen kön­nen, wel­che Über­stun­den nicht ge­zahlt wur­den“, mut­maßt Edi­na. Haupt­säch­lich wa­ren die In­spek­to­ren hin­ter Be­le­gen für die Ar­beits­zeit­ver­stö­ße beim ös­ter­rei­chi­schen Per­so­nal her. Da­bei stie­ßen sie auf die un­ga­ri­schen Zu­stän­de. 33 Un­garn wa­ren da­mals noch bei Hen­ry am Zug be­schäf­tigt. Heu­te sind es 18, be­stä­tigt Do & Co. „Die Zahl wird de­fi­ni­tiv re­du­ziert“, heißt es vom Un­ter­neh­men.

Neun Ver­fah­ren we­gen Ar­beits­zeit­ver­let­zun­gen ficht die Ar­bei­ter­kam­mer ak­tu­ell für ehe­ma­li­ge ös­ter­rei­chi­sche Mit­ar­bei­ter aus. Drei wei­te­re sind in Vor­be­rei­tung. Do­gu­dan˘ re­agier­te im März mit Ge­gen­vor­wür­fen auf die dro­hen­de Straf­zah­lung. Das hei­mi­sche Ar­beits­recht sei nicht fle­xi­bel ge­nug. „Wenn nor­ma­les Ar­bei­ten il­le­gal ist, dann muss man es halt blei­ben las­sen“, sag­te der Gas­tro­nom. Er woll­te spon­tan den Ver­trag mit den ÖBB auf­kün­di­gen. Die Bahn wie­gel­te ab: Am Ca­te­rer wer­de fest­ge­hal­ten, bis ein neu­er Part­ner ge­fun­den ist.

Der Streit zwi­schen den Ge­werk­schafts­ver­tre­tern und Do & Co wird mitt­ler­wei­le be­müht hin­ter fest ver­schlos­se­nen Tü­ren bei­ge­legt. Doch blieb er nicht oh­ne Kon­se­quenz im Nach­bar­land. Hen­ry am Zug wur­de im Um­gang mit ar­beits­recht­li­chen Vor­schrif­ten vor­sich­ti­ger. Seit An­fang April durf­ten Edi­na und ih­re Kol­le­gen of­fi­zi­ell nur noch bis zum Grenz­ort He­gyes­ha­lom fah­ren. Sonst wä­ren sie als ge­leas­te un­ga­ri­sche Ar­beits­kräf­te, die für ein ös­ter­rei­chi­sches Un­ter­neh­men in Ös­ter­reich tä­tig wer­den, wie bis­her un- ter die eu­ro­päi­sche Ent­sen­de­richt­li­nie ge­fal­len – und hät­ten für die Ar­beits­zeit in Ös­ter­reich nach dem hei­mi­schen Gas­tro-Kol­lek­tiv­ver­trag ent­lohnt wer­den müs­sen. Da de­cken sich die Ein­schät­zun­gen von Ju­ris­ten, Ar­bei­ter­kam­mer und ei­nem von der Ge­werk­schaft in Auf­trag ge­ge­be­nen Rechts­gut­ach­ten. De fac­to gin­gen die Tou­ren nach Deutsch­land, die Schweiz und Ös­ter­reich wei­ter. Je­doch, er­zählt Edi­na, wur­den sie erst in Wi­en an ih­rer Kas­sa re­gis­triert. „Dann scheint im Sys­tem nicht auf, dass man aus Bu­da­pest kommt.“ Ant­wort auf Glo­ba­li­sie­rung. AK-Ju­ris­tin Ju­lia Vaz­ny-Kö­nig ist mit den Ge­schich­ten der un­ga­ri­schen Hen­ry-amZug-Mit­ar­bei­ter ver­traut. Ei­ni­ge, wie auch Edi­na, hät­ten sich be­reits in ei­nem Mail an sie ge­wandt. „Wir wol­len sie auf je­den Fall un­ter­stüt­zen“, sagt sie. Ein Son­der­fonds soll da­bei hel­fen. Er wur­de ein­ge­rich­tet, seit ver­mehrt un­ter­be­zahl­te Un­garn an­klop­fen und nach ih­ren Rech­ten in Ös­ter­reich fra­gen. Grund­sätz­lich gilt: So­lang sie kei­ne ös­ter­rei­chi­sche So­zi­al­ver­si­che­rungs­num­mer ha­ben, ist die Ar­bei­ter­kam­mer nicht ver­tre­tungs­be­rech­tigt. Doch Vaz­ny-Kö­nig sagt: „Wir müs­sen auch je­ne ver­tre­ten, die auf den ers­ten Blick nicht AK-zu­ge­hö­rig sind. Das schul­den wir der Glo­ba­li­sie­rung.“

Die Zu­kunft der 18 ver­blie­be­nen un­ga­ri­schen Hen­ry-am-Zug-Mit­ar­bei­ter wer­de sich laut Edi­na die­ser Ta­ge ent­schei­den. Die­ses Ge­rücht ma­che zu­min­dest zur­zeit un­ter den Kell­nern die Run­de. Wenn man dem Ver­spre­chen At­ti­la Do­gu­dans˘ an die Ge­werk­schaft Glau­ben schenkt, dürf­ten auch die Ta­ge der letz­ten un­ga­ri­schen Mit­ar­bei­ter bei der Ca­te­ring­toch­ter ge­zählt sein. Fragt man bei den ÖBB zum Stand der Cau­sa nach, wird man di­rekt an Do & Co wei­ter­ver­wie­sen. Dort heißt es nur: „In der Sa­che ist be­reits al­les ge­sagt.“

»Sehr gut wur­de ich auch für un­ga­ri­sche Ver­hält­nis­se nicht be­zahlt. Mit Trink­geld ging es.«

Am 28. Jän­ner führ­te das Ar­beits­in­spek­to­rat we­gen ver­mu­te­ter Ver­stö­ße ge­gen Ar­beits- und Ru­he­zeit­re­geln bei ÖBB-Ca­te­rer Hen­ry am Zug Kon­trol­len durch. Da­bei gin­gen die In­spek­to­ren auch den un­ga­ri­schen Ar­beits­ver­hält­nis­sen nach. Mit­te April kün­dig­te der Per­so­nal­ver­mitt­ler Rand­stad 15 der 33 ver­blie­be­nen un­ga­ri­schen Ser­vice­kräf­te. En­de 2014 hat­ten noch 120 Un­garn für den Ca­te­rer ge­ar­bei­tet.

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