Neue Rä¤er aus al­ten Tei­len

300 Rä­der wer­den jähr­lich von der MA 48 in Wi­en ver­schrot­tet. Ein ehe­ma­li­ger Son­der­schul­leh­rer und ein Bas­sist bau­en aus die­sen al­ten Tei­len neue Fahr­rä­der zu­sam­men.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON ELISABETH HO­FER

In Wi­en ist der Le­bens­zy­klus ei­nes Fahr­ra­des meist kurz. Schlecht an­ge­ket­tet am fal­schen Ort ab­ge­stellt – und weg ist es. Oder aber das einst­mals sehr ge­lieb­te Fahr­rad wird beim Um­zug im Rad­kel­ler ste­hen ge­las­sen und nie wie­der ab­ge­holt. Die Stadt ist vol­ler Lei­chen. Fahr­rad­lei­chen.

Für ech­te Rad­lieb­ha­ber, wie Pe­ter Pl­u­har und Richard Zirkl, ist die­ser Zu­stand un­trag­bar. Vor sechs Jah­ren ha­ben die bei­den es sich da­her zur Auf­ga­be ge­macht, wie­der Le­ben in die to­ten Rad­ge­stel­le zu brin­gen und al­te Fahr­rä­der (oder was da­von noch üb­rig ist) zu re­ani­mie­ren. Mit viel Know-how und Hin­ga­be ma­chen die ge­lern­ten Mecha­ni­ker in ih­rem Shop Re­ani­ma­ted Bi­kes in der West­bahn­stra­ße 35 aus ros­ti­gen Draht­ge­stel­len „Fahr­rä­der mit Zu­kunft“, wie sie es nen­nen. „Die­ser Be­griff hat sich bei uns schon ein­ge­bür­gert“, er­klärt „Chef de Bi­ke“Richard Zirkl, „weil die Vor­stel­lung ei­gent­lich schön ist: Das al­te Rad muss nicht in die Schrott­pres­se, son­dern hat noch ei­nen lan­gen Weg vor sich.“ 300 Rä­der pro Jahr ver­nich­tet. Tat­säch­lich ist für die ver­ges­se­nen Fahr­rä­der in Wi­en die MA 48 zu­stän­dig. Sie sam­melt nicht be­nutz­te Fahr­rä­der nach ei­ni­ger Zeit der Be­ob­ach­tung ein und ver­nich­tet schließ­lich et­wa 300 Rä­der pro Jahr.

Dem will das Team von Re­ani­ma­ted Bi­kes zu­vor­kom­men. Ein­mal im Mo­nat wühlt es sich des­halb durch das Rad­la­ger der Müll­ab­fuhr und nimmt mit, was noch ir­gend­wie brauch­bar er­scheint. Dann be­ginnt das gro­ße Schrau­ben. Zu­nächst grei­fen aber nicht Pl­u­har, Zirkl und ihr Team zur Werk­zeug­kis­te, son­dern die Ju­gend­li­chen der ge­mein­nüt­zi­gen Or­ga­ni­sa­ti­on Ju­gend am Werk. In der Werk­stät­te für Ju­gend­li­che mit be­son­de­ren Be­dürf­nis­sen wer­den die ge­ret­te­ten Rä­der in ih­re Ein­zel­tei­le zer­legt. Die­se wer­den an­schlie­ßend in die un­zäh­li­gen klei­nen Kis­ten im Shop ein­sor­tiert. Pl­u­har kennt das Pro­jekt noch aus sei­ner Zeit als Son­der­schul­leh­rer. War­um er statt zu un­ter­rich­ten heu­te Schläu­che flickt, Sät­tel an­passt und Rah­men la­ckiert, er­klärt er mit den Wor­ten: „Ir­gend­wann war es ein­fach ge­nug.“Zum pas­sen­den Zeit­punkt lern­te er dann auch sei­nen heu­ti­gen Ge­schäfts­part­ner ken­nen. Der woll­te ei­gent­lich Rock­star wer­den und spiel­te als Bas­sist mit Pl­u­hars Bru­der in ei­ner Band. Auf ei­ner Ge­burts­tags­fei­er tra­fen die bei­den lei­den­schaft­li­chen Rad­fah­rer auf­ein­an­der, und zu et­was spä­te­rer St­un­de wur­de die Idee zu Re­ani­ma­ted Bi­kes ge­bo­ren. An­de­re mo­ti­vie­ren. Hin­ter dem Ge­schäfts­mo­dell steckt aber nicht nur die Lie­be zum Ge­fährt, son­dern auch der Wunsch, nach­hal­tig zu agie­ren. Das Re­cy­cling der Ein­zel­tei­le, aus de­nen am En­de ein neu­wer­ti­ges Fahr­rad ent­steht, dient dem Um­welt­schutz. Das Ziel der bei­den ge­bür­ti­gen Stei­rer ist aber grö­ßer: „Wir wol­len die Men­schen da­zu brin­gen, das Au­to ste­hen zu las­sen und mehr Fahr­rad zu fah­ren. Die Leu­te ha­ben sich dar­an ge­wöhnt, dass die Stadt im­mer vol­ler Au­tos ist, aber ei­gent­lich ist das un­trag­bar“, sagt Zirkl. „Es könn­ten si­cher 50 Pro­zent der Wie­ner Au­to­fah­rer aufs Rad um­stei­gen, da­für müss­te man sanf­te Mo­bi­li­tät aber at­trak­ti­ver ma­chen. Und man braucht ein pas­sen­des Fahr­rad.“

Was aber ist ein pas­sen­des Fahr­rad? „Es gibt so vie­le ver­schie­de­ne Ar­ten, und in der Stadt hat man ein­fach an­de­re An­for­de­run­gen, als wenn man über Wald­we­ge fährt“, er­klä­ren die bei­den. In den meis­ten Fäl­len baut das Team von Re­ani­ma­ted Bi­kes so­ge­nann­te „Cust­om Ma­de Bi­kes“, das be­deu­tet, ein neu­es Rad wird spe­zi­ell nach den Wün­schen des Kun­den aus re­cy­cel­ten Tei­len zu­sam­men­ge­stellt. Der Käu­fer kann da­bei den gan­zen Ent­ste­hungs­pro­zess sei­nes künf­ti­gen Ge­fährts mit­ver­fol­gen. Ein ex­tra an­ge­fer­tig­tes Rad kos­tet 650 Eu­ro auf­wärts. Der ge­sam­te Wert­schöp­fungs­pro­zess fin­det in Wi­en statt. Weil aber vie­le Men­schen ei­ne ähn­li­che Idee vom per­fek­ten Stadt­rat hat­ten, ha­ben Pl­u­har und Zirkl auch ei­nen Pro­to­typ ent­wor- fen, der in Se­rie pro­du­ziert wird. Die­ses Rad trägt sei­ner Her­stel­lung und dem Fir­men­sitz ent­spre­chend den Na­men „Neu­bau“und kos­tet 550 Eu­ro. Auch Re­pa­ra­tur mög­lich. Bei Re­ani­ma­ted Bi­kes kön­nen Fahr­rä­der aber nicht nur ge­kauft wer­den, auch Re­pa­ra­tu­ren wer­den über­nom­men. Im In­nen­hof ste­hen da­her Fahr­rä­der in al­len denk­ba­ren Far­ben und Bau­ar­ten her­um.

Ein­mal im Mo­nat wühlt sich das Team durch das Rad­la­ger der Müll­ab­fuhr. Die Fahr­rä­der wer­den in al­le Ein­zel­tei­le zer­legt und neu zu­sam­men­ge­baut.

Im hin­te­ren Teil des La­dens wird ge­ar­bei­tet – und zwar bis zu 60 St­un­den in der Wo­che. Bei so viel Ar­beit bleibt we­nig Zeit für an­de­res. Sonst wür­de Zirkl sich auch in der Freizeit für sei­nen Traum ei­ner au­to­frei­en Stadt ein­set­zen und öf­ter an „Cri­ti­cal Mass“teil­neh­men, ei­nem kol­lek­ti­ven Rad­fah­ren durch die Stadt, mit dem auf Fahr­rad­fah­ren als al­ter­na­ti­ve Form des In­di­vi­du­al­ver­kehrs auf­merk­sam ge­macht wird. Pl­u­har sieht die vie­len St­un­den in der Werk­statt prag­ma­tisch: „Um sich wirk­lich mit Fahr­rä­dern aus­zu­ken­nen, reicht es nicht, ei­nen Fahr­rad­me­cha­ni­ker­kurs zu be­su­chen, das braucht viel Zeit und Er­fah­rung“, er­klärt er, wäh­rend er ein Pe­dal­la­ger ölt. „Das ist ein fast un­er­schöpf­li­ches Ge­biet, je­den Tag gibt es et­was Neu­es. Ein Freund hat ein­mal ge­sagt: ,Will man sich wirk­lich mit Fahr­rä­dern aus­ken­nen, ist man erst nach 10.000 St­un­den fer­tig.‘ Das sind meh­re­re Jah­re an Ar­beits­zeit.“

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