Mit Maß zum Er­folg

In ei­nem klei­nen Ort et­was nord­öst­lich Wi­ens wer­den seit 16 Jah­ren die Maß­hem­den des Hau­ses Gi­no Ven­tu­r­i­ni hand­ge­fer­tigt. Ein Be­such bei Fir­men­chef Ni­co­las Ven­tu­r­i­ni – Stoff­lieb­ha­ber, Zu­hö­rer und Qu­er­den­ker.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON ANTONIA LÖFFLER

Wenn man auf die Haupt­stra­ße der nicht ein­mal 400 See­len zäh­len­den Wein­viert­ler Ge­mein­de Klein­rötz ein­biegt, sticht ei­nem ein ge­schmack­lich frag­wür­di­ger Turm ins Au­ge. Von Schwal­ben um­se­gelt, mit viel Glas, wä­ren wohl ei­ni­ge im Dorf nicht un­glück­lich, wür­de er eher heu­te als mor­gen ab­ge­ris­sen. Der ehe­ma­li­ge Be­sit­zer woll­te von sei­nen Fens­tern aus die na­he ge­le­ge­ne Burg Kreu­zen­stein se­hen, er­klärt Ni­co­las Ven­tu­r­i­ni den aus­ge­fal­le­nen Auf­bau.

Seit nun 16 Jah­ren be­her­bergt das al­te Wein­viert­ler Bau­ern­haus mit der be­weg­ten Ge­schich­te die Werk­statt der Maß­hem­den­ma­nu­fak­tur Gi­no Ven­tu­r­i­ni. Im Gar­ten gab einst Schau­spie­ler Os­kar Wer­ner Re­gie­le­gen­de Axel Cor­ti sein letz­tes TV-In­ter­view. Im Erd­ge­schoß da­hin­ter ar­bei­ten heu­te 17 Frau­en an ih­ren Näh­ma­schi­nen, Bü­gelei­sen und Skiz­zen­ti­schen.

Da­zwi­schen wir­belt der heu­te 44-jäh­ri­ge Fir­men­chef hin und her, misst ein­mal da nach, be­rät dort, plau­dert, lacht und ent­wirft zwi­schen­durch in sei­nem an­gren­zen­den Bü­ro neue Kra­gen­for­men oder mus­tert die frisch ge­lie­fer­ten wei­ßen Schwei­zer Baum­woll­stof­fe durch. „Je­der an­ders“, be­tont er und lässt zur Be­stä­ti­gung füh­len. Ein Stoff­fa­na­ti­ker sei er und er­klärt das Kon­zept hin­ter der Mar­ke Gi­no Ven­tu­r­i­ni, die er nach ei­nem „schlei­chen­den“Über­gang um 2009 vom Va­ter und Na­mens­ge­ber über­nahm. Der Zu­hö­rer. Ein Maß­hemd ver­die­ne die­sen Na­men nicht schon, wenn sei­ne Är­mel­län­ge passt, es ein hand­ge­näh­tes Mo­no­gramm vor­wei­sen kann und nicht aus der Ho­se rutscht, so­bald man den Arm hebt. Na­tür­lich sei­en die fei­nen ita­lie­ni­schen und Schwei­zer Stof­fe, die ak­ku­ra­ten Schnit­te, die Maß­ar­beit sei­ner Mit­ar­bei­te­rin­nen wich­ti­ger Teil des Pro­dukts. „Das ist rich­ti­ges Hand­werk, was wir hier ma­chen.“Aber zu die­sem rich­ti­gen Hand­werk müs­se ei­nes hin­zu­kom­men: das Zu­hö­ren, und zwar dem Kun­den. So gel­te es, beim Ab­mes­sen und Be­ra­ten in dem klei­nen, edel-ge­müt­li­chen Ge­schäft in der Wie­ner Spie­gel­gas­se al­le nö­ti­gen In­for­ma­tio­nen aus dem Kun­den her­aus­zu­kit­zeln. „Da­mit er das Hemd be­kommt, das er sich im­mer ge­wünscht hat.“

Ven­tu­ri­nis Weg zum Maß­hem­den­schnei­der schien nicht im­mer vor­ge­zeich­net – und dann wie­der­um doch. In der Schul­zeit in­ter­es­sier­te er sich sehr für den Film, woll­te Mu­sik­vi­de­os pro­du­zie­ren und ar­bei­te­te sich vom Ka­bel­trä­ger beim ORF zu Prak­ti­ka in di­ver­sen deut­schen Me­di­en­häu­sern hin­auf. Ir­gend­wann sag­te Va­ter Gi­no zu ihm: „Das ist wun­der­bar, was du da machst, aber wir ha­ben ein be­ste­hen­des, gut ge­hen­des Ge­schäft.“Das war An­fang der Neun­zi­ger. Die Ent­schei­dung sei ihm trotz des ur­sprüng­lich ab­wei­chen­den Be­rufs­wun­sches nie schwer­ge­fal­len. Das sei zu ei­nem Teil dem herz­li­chen Ver­hält­nis zum Va­ter ge­schul­det, der vor zwei Jah­ren ver­starb. Heu­te hän­gen Fo­to­gra­fi­en und Öl­bil­der von ihm, dem lei­den­schaft­li­chen Jä­ger, al­ler­orts zwi­schen den Hun­der­ten von Stoff­bal­len in der be­leb­ten Werk­statt.

An­fang der Neun­zi­ger, da war Gi­no Ven­tu­r­i­ni be­reits seit 40 Jah­ren im Hem­den­ge­schäft tä­tig. Al­les be­gann, nach­dem der ge­bür­ti­ge Tries­ter von sei­nem Va­ter Gui­sep­pe in den Fünf­zi­gern zum Stu­di­um nach Wi­en ge­schickt wur­de. „Mein Groß­va­ter war ein An­hän­ger der eu­ro­päi­schen Idee und woll­te, dass er Deutsch lernt.“Um sich das Stu­di­um in Wi­en zu fi­nan­zie­ren, ver­kauf­te Gi­no Ven­tu­r­i­ni an­fangs aus Kärn­ten im­por­tier­te Hem­den und Kra­wat­ten in ei­nem win­zi­gen Ge­schäft na­he der Se­zes­si­on. Bald ver­leg­te er sich auf Maß­hem­den, be­auf­trag­te ei­ne Lohn­werk­statt in Wi­en Her­nals, wo auch nam­haf­te Häu­ser wie Adl­mül­ler, Kni­ze und Hem­den Her­zog an­fer­ti­gen lie­ßen.

Von Letz­te­rem er­warb er in den Sech­zi­gern auch das klei­ne, holz­ge­tä­fel­te Ver­kaufs­lo­kal in der Wie­ner In­nen­stadt. Ni­co­las Ven­tu­r­i­ni er­in­nert sich an den Ein­druck, als er nach ei­ner Lehr­zeit in der Tex­til­in­dus­trie Hong­kongs in den Fa­mi­li­en­be­trieb ein­stieg: „Ich ha­be ge­se­hen, dass es so nicht wei­ter­geht.“Da­mit meint er nicht das Ver­kaufs­lo­kal in der Spie­gel­gas­se, auf des­sen we­ni­gen Qua­drat­me­tern sich sams­täg­lich die Kun­den drän­gen. Son­dern die Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se. Zwar hat­te man mitt­ler­wei­le ei­ne ei­ge­ne Werk­statt. Je­doch im drit­ten Stock ei­nes Wied­ner Alt­baus – oh­ne Las­ten­lift. „Wir muss­ten je­den Stoff­bal­len hin­auf­tra­gen, das war ein­fach nicht mehr zeit­ge­mäß.“ Land­luft. Zu­fäl­lig wur­de er auf den in­se­rier­ten Hof na­he Kor­neu­burg auf­merk­sam. Ein zwei­fa­cher Glücks­fall. Nicht nur, dass die Ven­tu­ri­nis hier kei­nen Las­ten­auf­zug mehr be­nö­tig­ten, da die Ar­beits­sä­le eben­er­dig lie­gen. Auch per­so­nell scheint das Wein­vier­tel bes­ser ge­eig­net als die Haupt­stadt: „Ich ha­be ge­wusst, ich fin­de in Wi­en nicht mehr ge­nü­gend Leu­te“, sagt der Un­ter­neh­mer. Der Lehr­lings­nach­wuchs blei­be aus. Und die Le­bens­kos­ten in Wi­en könn­ten ei­ne al­lein er­zie­hen­de Nä­he­rin leicht über­for­dern. Als die hei­mi­sche Tex­til­in­dus­trie vor 20 Jah­ren mehr oder we­ni­ger ge­schlos­sen über die öst­li­che Gren­ze oder nach Asi­en ab­wan­der­te, woll­te er mit sei­ner Pro­duk­ti­ons­stät­te aber nicht mit­zie­hen.

Sei­ne Nä­he­rin­nen sit­zen heu­te im Kor­neu­bur­ger Um­land. Sie be­kom­men die fer­tig zu­ge­schnit­te­nen Stoff­tei­le nach Hau­se ge­lie­fert. Nach ei­ni­gen Ta­gen wer­den die fer­ti­gen Da­men­blu­sen und Her­ren­hem­den wie­der von den ein­zel­nen oder in Näh­grup­pen or­ga­ni­sier­ten Frau­en ab­ge­holt. Das al­les zu ko­or­di­nie­ren ver­langt ei­ni­ges an lo­gis­ti­schem Ge­schick und Rou­ti­ne.

„Die Mo­na­te April bis Ju­ni zer­stö­ren dann to­tal un­se­ren Rhyth­mus“, sagt Ven­tu­r­i­ni. Da spü­re man in der Werk­statt die Hoch­zeits­sai­son. Für den jun­gen Bräu­ti­gam sind die drei Wo­chen von der Be­stel­lung des Hoch­zeits­hemds bis zur Trau­ung viel­leicht ei­ne lan­ge Zeit. Für Ven­tu­r­i­ni und sei­ne ins­ge­samt 38 Mit­ar­bei­ter nicht. Drei Wo­chen – so lang braucht es un­ge­fähr auch, bis der Kun­de sein Hemd in Emp­fang neh­men kann. Acht St­un­den Hand­ar­beit flie­ßen in ein Mo­dell. Der Preis da­für liegt bei durch­schnitt­lich 206 Eu­ro. 20 da­von für das hand­ge­stick­te Mo­no­gramm. Die Werk­statt be­hei­ma­tet zwar auch ei­ne Stick­ma­schi­ne. Aber die ar­bei­te längst nicht so schön, wie sei­ne Wein­viert­ler Heim­sti­cke­rin­nen, sagt der Chef. Er prä­sen­tiert fast ent­rüs­tet ei­nen ma­schi­nell ge­fer­tig­ten, deut­lich we­ni­ger char­man­ten Schrift­zug. Zwan­zig Eu­ro für zwei Buch­sta­ben – das wir­ke tat­säch­lich viel, da­von kön­ne man schließ­lich ein Abend­es­sen kau­fen, gibt er zu. „Aber da­hin­ter steht gleich­zei­tig ein sehr dif­fi­zi­les Hand­werk.“An ei­nem kom­pli­zier­ten Buch­sta­ben stick­ten sei­ne Da­men ei­ne hal­be St­un­de. An ei­nem „schnel­len“zehn Mi­nu­ten. „Wir lie­ben das I“, sagt Ven­tu­r­i­ni la­chend. Und er­gänzt gleich­zei­tig erns­ter: „Da kön­nen sie sich den St­un­den­lohn aus­rech­nen.“

»Mein Groß­va­ter war ein An­hän­ger der eu­ro­päi­schen Idee.« »Ich ha­be ge­wusst, ich fin­de in Wi­en nicht mehr ge­nü­gend Leu­te.«

Schil­ling­rech­ner. Mit dem Preis hin­un­ter­zu­ge­hen sei un­mög­lich – „den­noch muss ich ihn je­den Tag ar­gu­men­tie­ren“. Nicht erst ein Kun­de ha­be ihm vor­ge­rech­net, wie er vor 20 Jah­ren bei Va­ter Gi­no 1500 Schil­ling, um­ge­rech­net 109 Eu­ro, ge­zahlt ha­be. De­tails wie In­fla­ti­on und ge­stie­ge­ne Lohn­ne­ben­kos­ten wer­den in sol­chen Fäl­len ge­flis­sent­lich aus­ge­blen­det.

Den­noch be­tont Ven­tu­r­i­ni: „Ich den­ke, wir ha­ben den Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel bei der Kund­schaft ganz gut ge­schafft.“Auch sei­ne ei­ge­nen Kin­der, heu­te zwölf und 14 Jah­re alt, sei­en schon über­zeugt: Spä­ter wer­den sie Hem­den­ma­cher. Ihr Va­ter wirft halb im Scherz die Hän­de über den Kopf: „Bit­te nicht, seid ihr ver­rückt“, sa­ge er dann im­mer. Es sei schließ­lich ein Sie­ben-Ta­ge-Job. Fünf Vor­mit­ta­ge ste­he er in der Werk­statt, oft sechs Nach­mit­ta­ge im Wie­ner La­den. Und sonn­tags sit­ze er über den Bü­chern.

„Ein Hand­werk kann man nur aus­üben, wenn man ein Pro­dukt liebt“, stellt er ab­schlie­ßend fest. Für ihn je­den­falls sei es das Schöns­te, dar­an zu den­ken, wie die Kun­den mor­gens ih­re Klei­der­käs­ten öff­nen, das frisch ge­wa­sche­ne Hemd aus sei­nem Haus se­hen und den­ken: „Jö, es ist wie­der da.“

Cle­mens Fa­b­ry

Fir­men­chef Ni­co­las Ven­tu­r­i­ni. Rechts vier Mit­ar­bei­te­rin­nen. Im Hin­ter­grund im Bil­der­rah­men Va­ter Gi­no.

Cle­mens Fa­b­ry

In der Werk­statt la­gern mehr als 300 Stoff­bal­len.

Cle­mens Fa­b­ry

Ar­beit an der Knopf­loch­ma­schi­ne.

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