Wort der Wo­che

BE­GRIF­FE DER WIS­SEN­SCHAFT

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON MAR­TIN KUGLER

Das Mi­kro­bi­om der Er­de ist deut­lich viel­fäl­ti­ger als bis­her ge­dacht. Durch die­se Di­ver­si­tät spie­len Bak­te­ri­en, Pil­ze & Co. bei sehr vie­len Pro­zes­sen auf der Er­de ei­ne we­sent­li­che Rol­le.

Prak­tisch die gan­ze Welt ist dicht be­sie­delt mit Mi­kro­or­ga­nis­men. Selbst in so le­bens­feind­lich schei­nen­den Re­gio­nen wie der Ant­ark­tis, der Ata­ca­ma­wüs­te oder in fos­si­lem Grund­was­ser in meh­re­ren Ki­lo­me­tern Tie­fe sprie­ßen Archae­en, Bak­te­ri­en, Cya­no­bak­te­ri­en, Pil­ze usw. Wie vie­le Ar­ten das Mi­kro­bi­om der Er­de um­fasst, weiß nie­mand (die Zahl hängt auch da­von ab, wie man ei­ne Art de­fi­niert). Si­cher ist je­den­falls, dass man die Viel­falt bis­her deut­lich un­ter­schätzt hat. Mi­kro­or­ga­nis­men ver­fü­gen über im­mens vie­le Mecha­nis­men, wie sie in ver­schie­de­nen Bio­to­pen über­le­ben kön­nen – man kennt bei Wei­tem nicht al­le, auch des­halb, weil nur ein Bruch­teil der Ar­ten im La­bor kul­ti­viert wer­den kann. Durch ge­ne­ti­sche Un­ter­su­chun­gen wer­den lau­fend neue Ar­ten ent­deckt, vor al­lem im Bo­den. Ak­tu­ell fin­den sich in den Lis­ten der Öko­lo­gen mehr als fünf­ein­halb Mil­lio­nen Ar­ten, For­scher der In­dia­na Uni­ver­si­ty ver­öf­fent­lich­ten die­se Wo­che ei­ne Hoch­rech­nung, laut der es mehr als 100 Mil­li­ar­den Mi­kro­or­ga­nis­men­ar­ten ge­ben könn­te (PNAS, 2. 5.).

Die­se im­men­se Viel­falt macht be­greif­lich, war­um es fast kei­nen Fleck auf der Er­de gibt, wo kei­ne Mi­kro­or­ga­nis­men le­ben. Und da­her darf es auch nicht ver­wun­dern, dass Bak­te­ri­en & Co. in sehr vie­len ir­di­schen Pro­zes­sen ei­ne Rol­le spie­len – in bio­lo­gi­schen ge­nau­so wie in at­mo­sphä­ri­schen oder geo­lo­gi­schen (sie­he Ar­ti­kel rechts).

Ein der­zeit hei­ßes For­schungs­ge­biet sind Bio­krus­ten – das sind Ge­sell­schaf­ten von Mi­kro­or­ga­nis­men, die die obers­ten Mil­li­me­ter von blan­kem Bo­den be­sie­deln. Bei der welt­größ­ten Geo­lo­gieKon­fe­renz (EGU) Mit­te April in Wi­en be­rich­te­ten For­scher, wie sol­che Krus­ten das Ant­litz der Er­de ver­än­dern: Die Kleinst­le­be­we­sen hal­ten die Bo­den­teil­chen zu­sam­men, spei­chern Was­ser und Nähr­stof­fe, neh­men am Koh­len­stoff- und Stick­stoff­kreis­lauf teil – und kön­nen durch spe­zi­el­le Farb­stof­fe so­gar be­wir­ken, dass die Bo­den­tem­pe­ra­tur um bis zu zehn Grad steigt (Na­tu­re Com­mu­ni­ca­ti­ons, 20. 1.).

Sol­ches Wis­sen über das Mi­kro­bi­om der Er­de ist nicht nur wich­tig, um öko­lo­gi­sche Pro­zes­se und die glo­ba­len Stoff­kreis­läu­fe bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen. Es lie­fert auch prak­ti­sche Hin­wei­se z. B. für die Be­kämp­fung der Wüs­ten­bil­dung. Und es gibt über­dies Ein­bli­cke in die Früh­ge­schich­te des Le­bens: Denn schon lang be­vor Pflan­zen und Tie­re dem Meer ent­stie­gen sind, ha­ben Mi­kro­or­ga­nis­men das Land be­sie­delt und im wört­li­chen Sinn den Bo­den be­rei­tet, auf dem sich hö­he­re Le­be­we­sen, auch wir Men­schen, ent­wi­ckeln konn­ten. Der Au­tor lei­te­te das For­schungs­res­sort der „Pres­se“und ist Chef­re­dak­teur des „Uni­ver­sum Ma­ga­zins“.

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