Die Tur­nier­mann­schaft: Tu­gend, Glück und To­re

Die EM 2016 in Frank­reich könn­te das Tur­nier von Welt­meis­ter Deutsch­land wer­den. Joa­chim Löw sagt, »dass wir in der La­ge sind, un­se­re Qua­li­tät zu zei­gen«. Die Mar­sch­rich­tung ist klar.

Die Presse am Sonntag - - Sport -

Berlin. Die Fuß­ball-EM naht, Ti­tel­ver­tei­di­ger Spa­ni­en rüs­tet sich für den nächs­ten An­lauf, Gast­ge­ber Frank­reich schmückt sich mit der Equi­pe Tri­co­lo­re und im­men­sen Si­cher­heits­vor­keh­run­gen. En­g­land hat ei­ne tol­le Qua­li­fi­ka­ti­on ge­spielt, im Hei­mat­land des Fuß­balls war­tet man gie­rig auf ei­nen Ti­tel und hofft auf ei­ne Sen­sa­ti­on, wie Leices­ter Ci­ty sie in der Pre­mier Le­ague vor­ge­lebt hat. Doch die Th­ree Li­ons könn­ten auch in die­sem Tur­nier schnell ent­täu­schen, spä­tes­tens dann, wenn wie­der ein Elf­me­ter­schie­ßen auf dem Pro­gramm steht. Es gibt folg­lich vie­le An­wär­ter auf Eu­ro­pas Kro­ne, aber kei­nen rich­ti­gen Top­fa­vo­ri­ten. Al­so braucht man ei­ne Tur­nier­mann­schaft – es könn­te die EM von Welt­meis­ter Deutsch­land wer­den.

Frank­reich (1998 und 2000) oder Spa­ni­en (2010 und 2012) zeig­ten es vor: WM-Sieg und EM-Tri­umph sind in Se­rie nicht un­mög­lich, al­so könn­te dem Welt­meis­ter von 2014 auch nun ein Hit ge­lin­gen. Am Abend des 12. Ju­ni im Sta­de Pier­re Mau­roy von Lil­le wird für Joa­chim Löw ge­gen die Ukrai­ne je­den­falls vor­erst nur das nack­te Er­geb­nis zäh­len. Im ers­ten EM-Spiel muss der ehe­ma­li­ge Ti­ro­lund Aus­tria-Trai­ner wie­der Leis­tung zei­gen. Was vor­her war, ist dann egal. Löw denkt, plant, läuft. Die EM-Ope­ra­ti­on be­ginnt für Löw aber tat­säch­lich schon 20 Ta­ge vor dem Auf­takt­spiel. Der 23. Mai ist der Stich­tag für den Schwa­ben, dann fliegt Löw mit sei­nem vor­läu­fi­gen Ka­der in die Schweiz, um Ma­rio Göt­ze, Mar­co Reus und Co. im Trai­nings­la­ger in As­co­na am ma­le­ri­schen La­go Mag­gio­re fit zu ma­chen für die stra­pa­ziö­se Tour de Fran­ce.

Er ver­traut auf sei­ne bis­lang bei Tur­nie­ren nach­ge­wie­se­ne Fä­hig­keit, die Na­tio­nal­mann­schaft in der Vor­be­rei­tung auf den Punkt in Form zu brin­gen. EM-Fi­na­le 2008, WM-Drit­ter 2010, EM-Halb­fi­na­le 2012, Welt­meis­ter 2014 – die DFB-Mann­schaft hat sich in den bis­he­ri­gen vier Tur­nie­ren mit Chef­coach Löw als ei­ne ty­pi­sche Tur­nier­mann­schaft prä­sen­tiert. Und auch dies­mal setzt der 56-Jäh­ri­ge al­les auf die in­ten­si­ve Vor­ar­beit. „Ich ken­ne un­se­re Mann­schaft ganz gut und weiß, wenn es drauf an­kommt, kann sich die Mann­schaft ganz an­ders fo­kus­sie­ren. Ich ha­be kei­ne Be­den­ken, dass wir bei der EM kon­zen­triert sind und ei­ne gu­te Leis­tung ab­ru­fen“, sagt Löw.

Er­kennt­nis­se stan­den für ihn zum Start ins EM-Jahr über Er­geb­nis­sen, das 2:3 ge­gen En­g­land be­rei­te­te ihm kei­ne schlaf­lo­sen Näch­te. Auch die für ei­nen Welt­meis­ter holp­ri­ge Qua­li­fi­ka­ti­on be­glei­te­te er mit Lang­mut. Er denkt, plant und ar­bei­tet in Zwei­jah­res­zy­klen, von Tur­nier zu Tur­nier. Die WM 2018 in Russ­land hat Löw schon im Vi­sier, vor al­lem in Hin­blick auf das nö­ti­ge Spie­ler­po­ten­zi­al. Ist es sinn­vol­ler, Ta­len­ten wie Jos­hua Kim­mich (20/Bay­ern), Le­roy Sa­ne´ (20/Schal­ke) oder Jo­na­than Tah (20/Le­ver­ku­sen) wert­vol­le Er­fah­run­gen zu be­sche­ren statt auf ver­dien­te Ve­te­ra­nen wie Lu­kas Po­dol­ski (30/Ga­la­ta­sa­ray) zu set­zen?

„Es gibt Spie­ler, die wir kon­kret auf un­se­rer Lis­te ha­ben“, sagt Löw. Und mehr auch schon wie­der nicht. „Wir glau­ben, dass sie in der La­ge sind, bei so ei­nem Tur­nier ih­re Qua­li­tät zu zei­gen. Der Kon­kur­renz­kampf um die 23 Plät­ze ist im Gang. Es wird span­nend.“ Au­to­ma­tis­men we­cken. Wie weit, wird Löw am 17. Mai ver­ra­ten. Dann be­nennt er in Berlin den vor­läu­fi­gen EM-Ka­der, mit dem er ins Trai­nings­la­ger star­tet. „Es hängt auch da­von ab, wie ein­zel­ne Spie­ler nach ih­ren Ver­let­zun­gen zu­rück­ge­kom­men sind“, sag­te Löw mit Blick auf Jer´omeˆ Boateng, Il­kay Gün­do­gan˘ und Be­ne­dikt Hö­we­des. Hol­ger Bad­stu­ber wird es nach dem Bruch des Sprung­ge­lenks nicht schaf­fen. Auch für Bas­ti­an Schwein­stei­ger wird es nach ei­nem zwei­ten In­nen­band­scha­den im rech­ten Knie eng. „Das muss man kurz vor­her be­wer­ten, ob es Spie­ler gibt, die an­ge­schla­gen sind oder Trai­nings­rück­stand ha­ben“, sag­te Löw über das Pro­ze­de­re.

Im Trai­nings­la­ger, den ab­schlie­ßen­den Test­spie­len ge­gen die Slo­wa­kei in Augs­burg (29. Mai) und ge­gen Ös­ter­reichs EM-Geg­ner Un­garn in Gel­sen­kir­chen (4. Ju­ni) gilt es dann für Löw, beim Team ver­lo­ren ge­gan­ge­ne Au­to­ma­tis­men „wie­der ein­zu­schlei­fen“, wie er es tro­cken for­mu­lier­te. Dar­auf ver­trau­en auch sei­ne Spie­ler, denn er be­sitzt die nö­ti­ge Ru­he – auch in Kri­sen­mo­men­ten wie im ver­gan­ge­nen No­vem­ber in Pa­ris, als der Ter­ror den Fuß­ball ein­ge­holt hat. „Das Wich­tigs­te wird sein, dass wir in der Vor­be­rei­tung gut ar­bei­ten. Da kön­nen wir in­halt­lich und kon­zep­tio­nell ar­bei­ten“, sagt der Trai­ner, der ob der Vor­fäl­le auch psy­cho­lo­gi­sche Ar­beit zu be­trei­ben hat.

Am 7. Ju­ni be­zieht Deutsch­land das Quar­tier in E´vi­an-les-Bains am Gen­fer See. Grup­pen­geg­ner sind Ukrai­ne, Po­len und Nord­ir­land. Und Joa­chim Löw weiß: „Den Welt­meis­ter will je­der schla­gen!“

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