Jahr­tau­send­kri­mi

Die Presse am Sonntag - - Spiel -

De­geh er­wach­te mit ei­nem Ruck. Er hat­te et­was ge­hört. Ein Ge­räusch. Ir­gend­wo vor ihm. Mit an­ge­hal­te­nem Atem späh­te er auf­merk­sam in das Dun­kel des Wal­des.

Nichts. Al­les war still. Trü­ge­risch still, wie ihm schien. Er dreh­te den Kopf, um bes­ser zu lau­schen. Ob das die­se Frem­den ge­we­sen wa­ren? Ihr La­ger be­fand sich fast ei­nen hal­ben Ta­ges­marsch ent­fernt. Viel­leicht hat­ten sie sich in der Nacht her­an­ge­schli­chen, um ih­nen die Schä­del ein­zu­schla­gen? Den Frem­den konn­te man nicht trau­en. Da! Et­was ra­schel­te vor ihm. De­geh sprang auf und griff nach sei­nem Stock. Doch es war nur ein Vo­gel, der mit ei­nem lau­ten Schrei weg­flog. Be­ru­higt setz­te er sich wie­der und lausch­te. Doch nur das Was­ser, das seit über ei­nem Mond vom Him­mel fiel, war mit sei­nem gleich­mä­ßi­gen Rau­schen zu hö­ren. Er war mü­de. Aber er konn­te nicht mehr ein­schla­fen. Hun­ger und Käl­te hiel­ten ihn wach.

Im­mer öf­ter wa­ren die Jä­ger in letz­ter Zeit oh­ne Beu­te heim­ge­kehrt. Statt­des­sen war die Näs­se in ih­re Be­hau­sung ge­kro­chen und hat­te die Klei­der feucht und klamm wer­den las­sen. Bald wa­ren die ers­ten krank ge­wor­den und ge­stor­ben. Und dann, dann war auch noch das Feu­er er­lo­schen. Strei­te­rei­en hat­ten be­gon­nen. Dar­über, wer schuld ge­we­sen war, dass das Feu­er aus­ge­gan­gen war, dar­über, dass sie kaum mehr et­was zu es­sen hat­ten.

Und über die groß ge­wach­se­nen Frem­den, die kurz nach der letz­ten Son­nen­wen­de ins Tal ge­zo­gen wa­ren. Spä­her hat­ten be­ob­ach­tet, dass sie je­den Abend auf ih­re Trom­meln schlu­gen und da­zu Ge­sän­ge in ei­ner un­be­kann­ten Spra­che gröl­ten. Seit die Frem­den da wa­ren, war das Wild we­ni­ger und scheu­er ge­wor­den. Aber das küm­mer­te die Frem­den nicht, denn sie hat­ten ih­re ei­ge­nen Tie­re mit­ge­bracht, die nicht fort­lie­fen, son­dern bei ih­nen blie­ben, ob­wohl sie auch ge­tö­tet und ge­ges­sen wur­den.

Lasst uns die Frem­den tö­ten und ih­re Tie­re ho­len, hat­te Sooth ge­meint. Aber die Äl­tes­te der Sip­pe hat­te ihm wi­der­spro­chen. Nhe­re hat­te ge­sagt, dass die Frem­den nicht nur zahl­rei­cher als sie wa­ren, son­dern auch die bes­se­ren Waf­fen hat­ten. Auf den Spit­zen ih­rer Spee­re sa­ßen schar­fe St­ein­klin­gen, HONIGWABE

Ro­bert Baum­gart­ner

ist Pro­fes­sor für In­for­ma­tik an ei­ner Hö­he­ren tech­ni­schen Lehr­an­stalt in Wi­en.

Ar­no Brau­neis

ist Rechts­an­walt in Wi­en. Baum­gart­ner und Brau­neis sind die Au­to­ren des 2015 er­schie­ne­nen Thril­lers „Schuld­ver­mu­tung“. die die Haut auf­schnit­ten, als wä­re die­se aus nas­sem Lehm. Sooth hat­te aber nicht nach­ge­ge­ben, und so war es zwi­schen ihm und Nhe­res Sohn, Gher­sin, zum Streit ge­kom­men. De­geh hat­te die Aus­ein­an­der­set­zung ge­schlich­tet. Auf ihn hat­te Sooth ge­hört.

De­geh öff­ne­te die Au­gen. Nun hat­te er doch ge­schla­fen. Die Son­ne blitz­te durch die lo­cke­re Be­wöl­kung. Er blick­te um sich. Die Jä­ger wa­ren schon auf­ge­bro­chen. Heu­te wür­den sie er­folg­reich sein. Und so­bald ge­nug Fleisch da wä­re, wür­de die Sip­pe wei­ter­zie­hen. Weit weg von die­sen Frem­den. Ei­ne hel­le Stim­me riss ihn aus sei­nen Ge­dan­ken. Es war Koobs jüngs­ter Sohn, der auf das La­ger zu­lief. „Die Frem­den ha­ben Gher­sin ge­tö­tet, die Frem­den ha­ben Gher­sin ge­tö­tet!“– „Was?“De­geh war sich nicht si­cher, ob er rich­tig ver­stan­den hat­te. „Gher­sin ist tot!“Ein Tu­mult brach los. Al­le stürz­ten her­bei und re­de­ten auf den Jun­gen ein. Nur Nhe­re saß ab­seits und be­klag­te laut wei­nend den Tod ih­res Soh­nes.

„Kommt, folgt mir.“Der Jun­ge lief in Rich­tung des Flus­ses, und das gan­ze La­ger folg­te ihm. De­geh konn­te mit den an­de­ren bald nicht mehr Schritt hal­ten. Vor ei­ni­gen Jah­ren hat­te er sich das Bein ver­letzt. Seit­dem hum­pel­te er. End­lich hat­te er die an­de­ren, die zu ei­ner klei­nen Grup­pe ver­eint in ei­nem Halb­kreis stan­den, wie­der ein­ge­holt. Hier kam der Fluss ganz nah an den Berg her­an, wäh­rend sich auf der ge­gen­über­lie­gen­den Sei­te ebe­nes Land er­streck­te.

„Lasst mich mal se­hen!“De­geh bahn­te sich sei­nen Weg durch die Grup­pe. Gher­sin lag auf dem Bauch, mit dem Ge­sicht nach un­ten, in der Geh­rich­tung des Tram­pel­pfa­des, der zur Furt führ­te. Aus sei­nem Rü­cken rag­te das hel­le Holz ei­nes Speers her­aus, wie ihn die Frem­den ver­wen­de­ten. De­geh ging um den Leich­nam her­um und bück­te sich zu des­sen Kopf hin­un­ter. Er fass­te ihn an den Haa­ren und zog ihn hoch. Gher­sins Au­gen wa­ren schon ge­bro­chen. Blut quoll aus sei­nem Mund, ver­meng­te sich mit dem Schlamm auf sei­nem Kinn und fiel in zä­hen Trop­fen zu Bo­den.

De­gehs Bein be­gann zu schmer­zen, die Son­ne brann­te in sein Ge­nick. Doch un­be­irrt hob er den Kopf des To­ten noch wei­ter an, um bes­ser in des- BUCHSTABENBUND sen Au­gen zu se­hen. Aber Gher­sins Au­gen ver­rie­ten nichts. Er ließ den Kopf sin­ken und rich­te­te sich auf. „Wir wa­ren zu zweit“, sag­te Sooth un­ver­mit­telt. „Ich ging vor­an, Gher­sin hin­ter mir. Da hör­te ich ihn plötz­lich auf­schrei­en. Ich dreh­te mich um, und er brach zu­sam­men. Töd­lich ge­trof­fen von dem Speer des Frem­den.“– „Du hast den Frem­den ge­se­hen?“, frag­te De­geh. „Wie sah er aus?“Sooth schüt­tel­te den Kopf. „Es ging so schnell. Ich konn­te kaum et­was er­ken­nen, die Son­ne blen­de­te mich und . . .“

Ein dunk­les Grol­len, ver­mengt mit dem Kra­chen von bers­ten­dem Holz, schnitt ihm das Wort ab. Er­schro­cken blick­te De­geh in die Rich­tung des Ge­räu­sches. Weit oben am Berg hat­te sich der Bo­den ge­löst, Fels­bro­cken und zer­bors­te­ne Baum­stäm­me ras­ten auf sie zu. Wäh­rend Schlamm und Er­de in sei­ne Au­gen, in sei­nen Mund und sei­ne Na­se dran­gen, wur­de ihm auf ein­mal be­wusst, dass es Sooth ge­we­sen war, der Gher­sin er­mor­det hat­te. Un­weit der Stel­le, an der die Enns in die Do­nau mün­det, starr­te Franz Burg­stal­ler, Pro­fes­sor am In­sti­tut für klas­si­sche Archäo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Wi­en, auf das Ske­lett des Ne­an­der­ta­lers, das er so­eben frei­ge­legt hat­te. Es dau­er­te ein paar Se­kun­den, bis er sich der Trag­wei­te der Ent­de­ckung be­wusst wur­de. „Das ist der Be­weis!“, rief er sei­nen As­sis­ten­ten zu und rich­te­te sich auf. Er deu­te­te auf ei­ne Speer­spit­ze, die zwi­schen den Rip­pen des Ske­letts lag und ein­deu­tig von ei­nem Ho­mo sa­pi­ens stamm­te.

„Wir wa­ren es. Wir ha­ben die Ne­an­der­ta­ler aus­ge­rot­tet!“ War­um hat­te nicht Pro­fes­sor Burg­stal­ler, son­dern De­geh recht? Lö­sung der ver­gan­ge­nen Wo­che: Ber­nie hat die Fah­ne ab­ge­schnit­ten. Er hat­te das Mo­tiv (Rach­sucht), die Fä­hig­keit (ExEin­bre­cher) und kein Ali­bi, denn er wuss­te als Ein­zi­ger nicht, dass die Son­ne ge­schie­nen hat, wo­mit klar ist, dass er nicht am Marsch in die Stadt teil­ge­nom­men hat, son­dern erst am Rat­haus­platz zu den an­de­ren ge­sto­ßen ist. KIN­DER-SYM­BOL-SUDOKU

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