Blind zum Lehr­ab­schluss

Frä­sen, schrei­ben oder we­ben: An der Fach­schu­le für Men­schen mit Seh­be­hin­de­rung oder Blind­heit in Graz ar­bei­ten 90 Schü­ler an ih­rem Schul­ab­schluss und ei­ner be­ruf­li­chen Zu­kunft.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON JU­LIA NEUHAUSER

Es riecht nach Schmier­öl. Ka­rin Schwarz steht vor ei­ner rie­si­gen Dreh­ma­schi­ne und blickt durch ei­ne Lu­pe auf die klei­nen Zah­len des Dis­plays. Sie presst die Au­gen zu­sam­men und fräst ei­nen sechs Mil­li­me­ter gro­ßen Schrift­zug in den schma­len Schlüs­sel­an­hän­ger. Her­aus­for­dern­de Prä­zi­si­ons­ar­beit.

Ei­nen Stock über der Werk­statt sitzt Me­la­nie Zrau­nig vor ih­rem Com­pu­ter. Schnell drückt sie „Strg“, „Alt“und „W“in die Tas­ta­tur. Das Word-Pro­gramm öff­net sich au­to­ma­tisch. Aus den Kopf­hö­rern, die Me­la­nie trägt, ist ei­ne männ­li­che Stim­me zu hö­ren. Man kann er­ah­nen, dass die Stim­me Deutsch spricht. Ver­ste­hen kann man sie nicht. Es ist zu schnell. Erst als Me­la­nie das Tem­po dros­selt, hört man „Do­ku­ment eins, ecki­ge Klam­mer, Kom­pa­ti­bi­li­täts­mo­dus, ecki­ge Klam­mer, ist gleich, Mi­cro­soft Word . . .“

Was für Ka­rin die Lu­pe ist, sind für Me­la­nie Kurz­be­feh­le und die Sprach­aus­ga­be des Com­pu­ters: näm­lich ei­ne un­ver­zicht­ba­re Ar­beits­hil­fe. Bei­de Schü­le­rin­nen ha­ben ei­ne Seh­be­hin­de­rung – Me­la­nie so­gar ei­ne hoch­gra­di­ge. Sie führt am Tag der of­fe­nen Tür durch die Fach­schu­len des Odi­li­en-In­sti­tuts in Graz. 90 Schü­ler, die meis­ten da­von ha­ben ei­ne Seh­be­ein­träch­ti­gung, ge­hen auf die tech­ni­sche Fach­schu­le bzw. die wirt­schaft­li­che Fach­schu­le für Men­schen mit Seh­be­hin­de­rung oder Blind­heit. Dort ar­bei­ten die Schü­ler nicht nur an ih­rem Schul­ab­schluss, son­dern auch an ei­ner be­ruf­li­chen Zu­kunft.

Die St­un­den­ta­fel liest sich hier an­ders als an ge­wöhn­li­chen Schu­len: Ne­ben den üb­li­chen Fä­chern wie Deutsch, Eng­lisch und Geo­gra­fie ste­hen an der Fach­schu­le auch noch Blin­den­schrift, Hard- und Soft­ware für blin­de und seh­be­hin­der­te An­wen­der so­wie die Ein­füh­rung in den Ge­brauch von Seh­ge­schä- dig­ten­hilfs­mit­teln auf dem St­un­den­plan. Her­bert Rai­ner un­ter­rich­tet die­se Fä­cher. Da­mit er die Welt von Men­schen mit Blind­heit bes­ser ver­ste­hen kann, hat er in sei­ner Aus­bil­dung selbst ei­ne Bril­le, die ihm jeg­li­che Sicht nahm, ge­tra­gen. De fac­to blind muss­te er den All­tag meis­tern. Da wird das Ein­stei­gen in die Stra­ßen­bahn, das Set­zen auf ei­nen Stuhl oder das Löf­feln ei­ner Sup­pe zur Her­aus­for­de­rung.

Seit Jahr­zehn­ten ver­sucht Rai­ner, den Schü­lern mit Seh­be­hin­de­rung an der Fach­schu­le den All­tag zu er­leich­tern. Er zeigt den Ju­gend­li­chen hilf­rei­che Kurz­be­feh­le, mit de­nen sie den Com­pu­ter steu­ern kön­nen, stellt ih­nen tast­ba­re Braille-Uh­ren und spre­chen­de Kü­chen­waa­gen vor oder lehrt den Um­gang mit dem Blin­den­stock. „Schwer war, als ich ge­merkt ha­be, dass es oh­ne Blin­den­stock nicht geht“, er­zählt die 24-jäh­ri­ge Me­la­nie. Auch le­bens­prak­ti­sche Fer­tig­kei­ten, wie Wä­sche wa­schen, Ko­chen, Ess­tech­nik oder Kör­per­pfle­ge, wer­den an der Fach­schu­le ge­lehrt. „Hil­fe zur Selbst­hil­fe“, nennt es Rai­ner. Kei­ne Son­der­schu­le. Die Ju­gend­li­chen kom­men aus ganz Ös­ter­reich. An der Fach­schu­le wer­den sie in den Be­rei­chen In­for­ma­ti­ons­tech­nik, Korb­flech­te­rei, Me­tall­be­ar­bei­tung, We­be­rei, Ko­chen oder im Bü­ro aus­ge­bil­det und auf die Teil­qua­li­fi­zie­rung bzw. die Lehr­ab­schluss­prü­fung vor­be­rei­tet. Vie­le Schü­ler woh­nen im Fach­schul­in­ter­nat – auch Me­la­nie. Wäh­rend sie am Tag der of­fe­nen Tür durch die Schu­le führt, er­zählt sie von sich selbst: Sechs Mo­na­te war sie alt, als ih­re Oma be­merk­te, dass sie im­mer wie­der ne­ben das Spiel­zeug griff. Nach den Un­ter­su­chun­gen war klar: Me­la­nie ist stark seh­be­hin­dert.

Ei­ne Son­der­schu­le be­such­te Me­la­nie, wie die meis­ten Fach­schü­ler, nie. Sie ging in ei­nem Berg­dorf auf über 1400 Me­tern im Kärnt­ner Möll­tal in die Volks­schu­le. Spä­ter wech­sel­te sie in die Haupt­schu­le. Um 5.50 Uhr mit dem Bus los­fah­ren hieß es dann. „Das war nicht leicht“, sagt sie. Schwer war es auch, ih­re El­tern da­von zu über­zeu­gen, dass es die rich­ti­ge Ent­schei­dung sei, in die

Ka­rin Schwarz.

Die 20-jäh­ri­ge Stei­re­rin macht die vier­jäh­ri­ge Aus­bil­dung im Fach Me­tall­be­ar­bei­tung und Fer­ti­gungs­tech­nik.

Me­la­nie Zrau­nig.

Die 24-jäh­ri­ge Kärnt­ne­rin hat ih­re Aus­bil­dung zur Bü­ro­kauf­frau ab­ge­schlos­sen. Fach­schu­le in das vier­ein­halb St­un­den ent­fern­te Graz zu wech­seln. Die El­tern hat­ten Angst um ih­re Toch­ter. Rück­bli­ckend ist für Me­la­nie aber klar: „Es war die bes­te Ent­schei­dung mei­nes Le­bens, dass ich die­se Schu­le ge­wählt ha­be. Heu­te sind auch mei­ne El­tern stolz.“ Fir­men skep­tisch. Der­weil han­tiert die 20-jäh­ri­ge Ka­rin in der Werk­statt an der CNC-Dreh­ma­schi­ne. Ih­re Hand­grif­fe sit­zen. Sie beugt sich le­dig­lich un­ge­wöhn­lich na­he über die Ma­schi­ne. Nur so kann sie die Tas­ten er­ken­nen. „Ich ha­be bei ei­ner Ma­gna-Toch­ter­fir­ma ge­ar­bei­tet und dort die glei­che Ar­beit wie die an­de­ren Prak­ti­kan­ten ge­macht.“

»Schwer war, als ich ge­merkt ha­be, dass es oh­ne Blin­den­stock nicht geht.« »Nie­mand kann sich vor­stel­len, wie es ist, Men­schen mit Seh­be­ein­träch­ti­gung ein­zu­stel­len.«

Die Schü­ler müs­sen Be­triebs­prak­ti­ka ma­chen: ei­ne nicht ganz ein­fa­che An­nä­he­rung an die Wirt­schaft. „Es ist zu­neh­mend schwie­rig, Fir­men zu fin­den, die un­se­re Schü­ler als Prak­ti­kan­ten auf­neh­men. Vie­le ha­ben Angst, dass et­was pas­siert“, sagt Werk­stät­ten­leh­rer Mar­kus Eber­scheg. Di­rek­to­rin Ma­nue­la Wil­li­bald kennt das Pro­blem: „Es kann sich nie­mand vor­stel­len, wie es ist, Men­schen mit Seh­be­ein­träch­ti­gung ein­zu­stel­len. Kaum je­mand weiß, was un­se­re Schü­ler leis­ten kön­nen. Vie­le den­ken, dass das ei­ne rei­ne Be­las­tung ist.“Die Fir­men, die Er­fah­rung mit den Schü­lern ge­macht ha­ben, neh­men sie gern wie­der. Vie­le Ab­sol­ven­ten fin­den nach dem Fach­schul­ab­schluss, der sie auf den Lehr­ab­schluss bzw. die Teil­qua­li­fi­zie­rung vor­be­rei­tet, ei­nen Job – meist auf dem ers­ten Ar­beits­markt. „Aber lei­der nicht al­le“, sagt die Di­rek­to­rin.

Seit dem Tag der of­fe­nen Tür ist ei­ni­ge Zeit ver­gan­gen. Mitt­ler­wei­le hat Me­la­nie ih­re Aus­bil­dung zur Bü­ro­kauf­frau mit Aus­zeich­nung ab­ge­schlos­sen und macht ein frei­wil­li­ges so­zia­les Jahr. Da­nach möch­te sie im So­zi­al­be­reich oder im Bü­ro ar­bei­ten. Ei­nen Job muss sie je­doch erst noch fin­den.

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