Fünf­zig ist das neue Fünf­zig

Der US-Pen­sio­nis­ten­ver­ãŻn© will Żuf Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung Żuf­merksŻm mŻchen un© für ein ães­se­res Selãs­tãil© ©er Ge­nerŻ­ti­on 50+ sor­gen.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON SABINE MEZLER-ANDELBERG

Ei­gent­lich hät­te sie dar­auf vor­be­rei­tet sein sol­len, aber Jo Ann Jenk­ins traf es trotz­dem aus hei­te­rem Him­mel: Ih­ren 50. Ge­burts­tag fei­er­te sie mit Freun­den und Fa­mi­lie und fühl­te sich ei­gent­lich präch­tig. Bis sie be­gann, all die – gut ge­mein­ten – Glück­wunsch­kar­ten zu le­sen. „Jetzt bist Du über den Berg“, „Will­kom­men auf der an­de­ren Sei­te“oder „Du hast im­mer noch, was es braucht. Auch wenn Du Dich nicht mehr er­in­nern kannst, wo es ist“ver­kün­de­ten die­se und ver­ur­sach­ten bei ihr ein gar nicht mehr so fei­er­li­ches Ge­fühl.

„Erst ha­be ich mir nicht so viel da­bei ge­dacht, schließ­lich sind die­se gan­zen Sprü­che Teil des Ri­tu­als, wenn man 50 wird“, er­in­nert sie sich, „aber dann wur­de mir klar, dass sich da­hin­ter ein nicht sehr sub­ti­ler kul­tu­rel­ler Ethos ver­birgt, der kaum et­was mit dem ge­mein hat, was mei­ne Al­ters­ge­nos­sen und ich füh­len. Ich bin nicht über den Berg, ich füh­le mich auf dem Gip­fel, und ha­be vor, das auch noch ei­ne Wei­le zu ge­nie­ßen“, so die Prä­si­den­tin des US-ame­ri­ka­ni­schen Pen­sio­nis­ten­ver­ban­des AARP (Ame­ri­can As­so­cia­ti­on of Re­ti­red Per­sons), der mit 37 Mil­lio­nen Mit­glie­dern zu den größ­ten Non-Pro­fitOr­ga­ni­sa­tio­nen der Welt ge­hört. Und mit dem sie nun ei­ne Kam­pa­gne un­ter der Ti­tel „Dis­rupt Aging“(„Stö­re den Al­te­rungs­pro­zess“) ge­star­tet hat, mit der das Selbst- und Fremd­bild von Men­schen über 50 ver­bes­sert wer­den soll. Das ist schon aus de­mo­gra­fi­schen Grün­den not­wen­dig, wie die Zah­len des AARP zei­gen: Im Jahr 2030 wer­den über 71 Mil­lio­nen Men­schen in den USA über 65 sein und da­mit fast 20 Pro­zent der Be­völ­ke­rung aus­ma­chen; die am schnells­ten wach­sen­de Al­ters­grup­pe sind die Men­schen über 85, und im Jahr 2040 wird er­war­tet, dass die über 65-Jäh­ri­gen erst­mals in der Ge­schich­te den Kin­dern zah­len­mä­ßig über­le­gen sein wer­den. Wahr­neh­mung än­dern. Rea­li­tä­ten, die die Ge­sell­schaft un­be­strit­ten vor zahl­rei­che Her­aus­for­de­run­gen stel­len (vom Ge­sund­heits­we­sen über die Pfle­ge­si­tua­ti­on bis zur Pen­si­ons­the­ma­tik), aber eben auch Chan­cen bie­ten kön­nen. Zu­min­dest dann, wenn sich die Sicht­wei­se än­dert auf je­ne Jah­re, die im­mer häu­fi­ger das drit­te Drit­tel, wenn nicht so­gar bald die zwei­te Hälf­te des Le­bens aus­ma­chen. Und da­bei geht es Jenk­ins nicht um Sät­ze wie „Sech­zig ist das neue Vier­zig“oder „Fünf­zig ist das neue Drei­ßig“– im Ge­gen­teil, sagt die 57-Jäh­ri­ge: „Ich kann die­se Sprü­che nicht lei­den. Fünf­zig ist das neue Fünf­zig, und sonst gar nichts.“Ent­schei­dend sei bloß, wie man das Al­ter be­trach­tet. „Wir soll­ten un­se­re Ei­gen­wahr­neh­mung vom Al­tern als Nie­der­gang zum Al­tern als ste­ti­ger Ent­wick­lung ver­schie­ben“, er­klärt sie in ih­rem so­eben er­schie­ne­nen Buch „Dis­rupt Aging“. „Vie­le äl­te­re Men­schen se­hen sich aufs Ab­stell­gleis ge­scho­ben. Statt­des­sen soll­ten sie Sinn für neue Auf­ga­ben und ein po­si­ti­ves Selbst­bild ent­wi­ckeln. Un­ser Ziel soll­te es sein, uns als in­te­gra­len Be­stand­teil der Ge­sell­schaft zu se­hen.“

Un­ter­stüt­zung kä­me da­bei auch von der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on, be­tont Jenk­ins: „Die so­ge­nann­ten Mill­en­ni­als tra­gen ih­ren Teil da­zu bei, den Al­te­rungs­pro­zess zu un­ter­bre­chen, in­dem sie ei­ne Work-Li­fe-Ba­lan­ce ein­for­dern und uns zei­gen, wel­che Vor­tei­le bei­spiels­wei­se die Sha­red Eco­no­my für die Ge­mein­schaft bringt.“ Ver­ba­le Dis­kri­mi­nie­rung. Zu den wich­tigs­ten Zie­len der Kam­pa­gne ge­hört ne­ben der Schaf­fung ei­nes neu­en Be­wusst­seins in Sa­chen Ge­sund­heits­und Fi­nanz­vor­sor­ge aber auch die Schaf­fung ei­ner neu­en Auf­merk­sam­keit ge­gen­über dem, was Jenk­ins in An­leh­nung an den eng­li­schen Be­griff „Ra­cism“für Ras­sis­mus „Agism“nennt, die ver­ba­le Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. Da­zu ge­hö­ren all die klei­nen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, die über 50-Jäh­ri­gen das Ge­fühl ver­mit­teln, we­ni­ger wert zu sein. „Heut­zu­ta­ge ist es so­zi­al völ­lig in­ak­zep­ta­bel, je­man­den auf­grund sei­nes Ge­schlechts, sei­ner eth­ni­schen Zu­ge­hö­rig­keit oder se­xu­el­len Ori­en­tie­rung lä­cher­lich zu ma­chen“, so Jenk­ins. „Wie­so ist es dann im­mer noch so sa­lon­fä­hig, das hin­sicht­lich des Al­ters zu tun?“Da­bei ge­he es nicht nur um die alt­be­kann­ten Ge­burts­tags­kar­ten zum The­ma „Fix und Fünf­zig“und ähn­li­che „Spä­ße“, son­dern das fan­ge mit Fra­gen an wie „Bist du nicht lang­sam zu alt für das Kleid?“und hö­re bei dem mä­ßig spaß­haf­ten „Bist du si­cher, dass du dir das al­les mer­ken kannst, oder soll ich’s dir auf­schrei­ben?“noch nicht auf.

Auch das Ab­wie­geln von Be­schwer­den sei ein ty­pi­sches Zei­chen: wenn et­wa ei­ne äl­te­re Per­son über Schmer­zen im Knie kla­ge und sich dann an­hö­ren müs­se, dass er oder sie nicht mehr der oder die Jüngs­te sei und sich bes­ser auf wei­te­re Weh­weh­chen ein­stel­len sol­le. „Wenn ich mir dann den­ke: ,Ja, sie hat wohl recht, und ich wer­de halt äl­ter’, sorgt das im Zwei­fels­fall da­für, dass man sich noch schlech­ter fühlt als nur we­gen des Knies“, er­klärt Jenk­ins. „Wenn ich mir in ei­nem sol­chen Mo­ment sa­ge: ,Mein an­de­res Knie ist ge­nau­so alt und tut nicht weh, viel­leicht liegt der Grund wo­an­ders?’, hilft das wo­mög­lich nicht un­mit­tel­bar dem Knie, aber si­cher dem Selbst­wert­ge­fühl.“ Jun­ge er­rei­chen. Mit der kürz­lich ge­star­te­ten Kam­pa­gne sol­len aber nicht nur die „Be­trof­fe­nen“, son­dern auch je­ne er­reicht wer­den, die sich mit dem The­ma der­zeit noch nicht aus­ein­an­der­set­zen (müs­sen). Was un­ter an­de­rem mit Ver­an­stal­tun­gen zum The­ma „Agism“an Col­le­ges und Uni­ver­si­tä­ten, aber auch mit YouTube-Vi­de­os ge­tan wird. Ei­nes da­von zeigt ei­nen Food­truck in ei­ner ame­ri­ka­ni­schen Stadt, vor dem das Schild „Nie­mand über 40“auf­ge­stellt und wo die Be­die­nung Äl­te­rer ver­wei­gert wur­de. Die Zu­se­her re­agier­ten fas­sung­los bis so­li­da­risch, ins­ge­samt rich­te­te der Spot den Blick auf die sonst oft im Ver­bor­ge­nen – bei­spiels­wei­se am Ar­beits­platz – ge­leb­te Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. „Vie­le Jün­ge­re ha­ben uns er­zählt, dass es ih­re Wahr­neh­mung ge­gen­über Äl­te­ren und ihr ei­ge­nes Ver­hal­ten ge­än­dert hat“, sagt Jenk­ins über die Er­fol­ge ih­rer Initia­ti­ve. Die sie nun im Al­ter von 57 Jah­ren US-weit in­iti­iert hat: Sie­ben Jah­re nach ih­rem Fünf­zi­ger, fünf Jah­re, nach­dem sie ih­ren Job als Che­fin der Kon­gress-Bi­b­lio­thek hin­ge­schmis­sen und beim AARP an­ge­fan­gen, und zwei Jah­re, nach­dem sie des­sen Lei­tung über­nom­men hat.

Im JŻhr 2030 wer©en fŻst 20 Pro­zent ©er Be­völ­ke­rung üãer 65 JŻh­re Żlt sein. »Fünf­zig ist ©Żs neue Fünf­zig, un© sonst gŻr nichts«, sŻgt Jo Ann Jenk­ins, 57.

Jo Ann Jenk­ins (57) ist ©ie Pr´si©en­t­in ©es US-Żme­rik. Pen­sio­nis­ten­ver­ãŻn©es AARP (Ame­ricŻn As­soc. of Re­ti­re© Per­sons). Ihr Żk­tu­el­les Buch heißt: „Dis­rupt Aging: A Bol© New PŻth to Li­ving Your Best Li­fe Żt Every Age“(Puã­lic Af­fŻirs NY, 272 S., 25,59 Eu­ro).

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