Wie Müt­ter die Rich­tung vor­ge­ben

Die Presse am Sonntag - - Leben -

be­wacht – und die­se Pfor­te öff­net und schließt, wie es ihm be­liebt: Es gibt ei­nen eng­li­schen Be­griff da­für, Ma­ter­nal Ga­te­ke­eping. Da Me­di­en und Buch­bran­che ge­nau­so gern Trends ver­kün­den wie die Mo­de­in­dus­trie, könn­te man ver­sucht sein, dar­aus ei­ne wei­te­re Etap­pe in der Ge­schich­te der El­tern­schaft nach dem Mus­ter zu ma­chen: Erst ta­ten die Vä­ter nichts. Dann wur­den sie zu „neu­en Vä­tern“. Und jetzt wer­den die­se neu­en Vä­ter von ih­ren Frau­en am neu­en Va­ter­sein ge­hin­dert . . . Hier­ar­chi­en der Nä­he. Ma­ter­nal Ga­te­ke­eping ist frei­lich kein neu­es Mo­de­wort und als Un­ter­su­chungs­ge­gen­stand schon Jahr­zehn­te alt. En­de der 1980er-Jah­re gab es die ers­ten Stu­di­en zum müt­ter­li­chen Ga­te­ke­eping. Man ver­stand und ver­steht dar­un­ter die Ein­schrän­kung des vä­ter­li­chen Ein­flus­ses in der Kin­der­be­treu­ung durch die Mut­ter, die Aus­gren­zung des Va­ters aus ge­wis­sen oder al­len Be­rei­chen der Kin­der­be­treu­ung und -er­zie­hung. Die Mut­ter eta­bliert so­zu­sa­gen un­sicht­ba­re Bar­rie­ren, ver­wal­tet Nä­he und Hier­ar­chie – et­wa in­dem sie dem Va­ter In­for­ma­tio­nen vor­ent­hält oder sei­ne Art, mit den Kin­dern um­zu­ge­hen, kon­trol­liert.

War­um kön­nen Müt­ter über­haupt die Pfor­te zu den Kin­dern kon­trol­lie­ren? Da sie im­mer noch mehr­heit­lich die Ers­ten sind, die dort ste­hen – und das für län­ge­re Zeit. Im­mer noch sind sie es, die nach der Ge­burt mehr Zeit mit dem Kind ver­brin­gen, län­ger in Ka­renz sind und oft über Jah­re hin­aus mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Im­mer noch wird un­ter­schwel­lig mehr von ih­nen er­war­tet, ha­ben sie eher ein Müt­ter, die län­ge­re Zeit beim Kind sind, füh­len sich nicht nur als obers­te Ex­per­tin­nen – sie sind es auch. schlech­tes Ge­wis­sen, wer­den sie eher an­ge­ru­fen, wenn das Kind in der Schu­le er­krankt. Und im­mer noch wird zum Mut­ter­tag, wie der Han­del ver­mel­det, viel mehr Geld für sie aus­ge­ge­ben als am Va­ter­tag für die Vä­ter. Gu­te und bö­se Ga­te­kee­per. Das Phä­no­men Ma­ter­nal Ga­te­ke­eping zeigt zu­nächst, wie er­staun­lich groß nach wie vor der Ein­fluss von Müt­tern dar­auf ist, wie Vä­ter und Kin­der in Be­zie­hung zu­ein­an­der tre­ten. Ga­te­ke­eping ist auch nicht nur ver­werf­lich. Je­der Fir­men­chef ist ein Ga­te­kee­per, die Fra­ge ist, wie er mit Macht und Kon­trol­le um­geht. Lädt er an­de­re ein, her­ein­zu­kom­men, wenn es sinn­voll ist, oder hält er sie fern? Ei­nes zei­gen die Stu­di­en klar: Er­mu­tigt die Mut­ter den Va­ter, sich ein­zu­brin­gen, steu­ert sie sein En­ga­ge­ment vor al­lem mit­hil­fe von po­si­ti­vem Feed­back, dann er­höht sich der Ein­satz der Vä­ter. Übt sie da­ge­gen vor al­lem Kri­tik, schlimms­ten­falls re­gel­mä­ßig vor den Kin­dern oder gar Freun­den, ver­rin­gert sich der vä­ter­li­che Ein­satz. Ei­nen an­de­ren, psy­cho­lo­gisch ge­ra­de­zu köst­li­chen Ne­ben­as­pekt hat der US-ame­ri­ka­ni­sche So­zio­lo­ge Jay Fa­gan her­aus­ge­ar­bei­tet, der an der Temp­le Uni­ver- si­ty in Phil­adel­phia lehrt und forscht: Er­leich­tert die Mut­ter dem Va­ter den Zu­gang zu den Kin­dern, er­höht dies das vä­ter­li­che En­ga­ge­ment der Vä­ter nur dann, wenn sie es of­fen­bar um der Va­ter-Kind-Be­zie­hung wil­len tut, nicht aber, wenn sie da­mit ih­re ei­ge­ne Be­las­tung ver­rin­gern will . . . „Schul­di­ge“Vä­ter? Was bringt aber Müt­ter im Fa­mi­li­en­le­ben über­haupt da­zu, dem Va­ter die Pfor­te zu den Kin­dern zu ver­schlie­ßen? Und war­um ist es ih­nen über­haupt so wich­tig, an der Pfor­te zu ste­hen? Jay Fa­gan hat in sei­nen Stu­di­en ei­nen di­rek­ten Zu­sam­men­hang zwi­schen müt­ter­li­chem Ga­te­ke­eping und vä­ter­li­chem Ein­satz her­aus­ge­fun­den: Je we­ni­ger der Va­ter an­we­send ist, je klei­ner sein Ein­satz im Haus­halt und bei den Kin­dern und je ge­rin­ger die Mut­ter sei­ne Kom­pe­tenz ein­schätzt, des­to stär­ker hü­tet sie die Pfor­te. Ein Teu­fels­kreis.

Sind al­so die Vä­ter „schuld“? So ein­fach ist es wie­der nicht. Denn in den be­tref­fen­den Stu­di­en wur­de nicht er­ho­ben, wie „kom­pe­tent“die Vä­ter tat­säch­lich sind, son­dern nur, wie kom­pe­tent sie von den Müt­tern wahr- ge­nom­men wer­den. Dar­über hin­aus wur­de zwar das Aus­maß des vä­ter­li­chen zeit­li­chen En­ga­ge­ments er­ho­ben – doch das kann, wie das Phä­no­men Ma­ter­nal Ga­te­ke­eping zeigt, von der Mut­ter ein­ge­schränkt sein.

Ne­ben dem vä­ter­li­chen Ein­satz nennt Jay Fa­gan noch drei Haupt­grün­de für müt­ter­li­ches Ga­te­ke­eping im Fa­mi­li­en­le­ben: ho­he An­sprü­che der Mut­ter, Freu­de an der Kon­trol­le über die fa­mi­liä­ren Be­lan­ge und da­zu die Ten­denz, sich vor al­lem über Kin­der und Fa­mi­lie zu de­fi­nie­ren. Wie viel von die­sem müt­ter­li­chen Per­fek­tio­nis­mus, von der Ten­denz, die ei­ge­ne Iden­ti­tät auf die Mut­ter­rol­le zu kon­zen­trie­ren, ist Cha­rak­ter­sa­che – und wie viel da­von hat mit den Um­stän­den zu tun? Bei die­ser Fra­ge hel­fen die bis­he­ri­gen Stu­di­en kaum wei­ter. Da­bei wä­re ge­ra­de das be­son­ders in­ter­es­sant. Ex­per­tin­nen des An­fangs. Si­cher ist, dass Müt­ter, die ei­ne Zeit lang in Ka­renz sind, sich meist nicht nur als die ers­ten Ex­per­tin­nen füh­len, was ihr Kind be­trifft, son­dern es auch sind. Sie sind am ver­trau­tes­ten mit dem Rhyth­mus des Ba­bys, sie er­ken­nen am bes­ten, wenn es schla­fen, es­sen, spie­len will oder Schmer­zen hat. Spe­zia­lis­ten kön­nen Nicht­spe­zia­lis­ten ner­ven – auch das kennt man. Da sie Fein­hei­ten be­ob­ach­ten und sich dar­auf ver­stei­fen, die an­de­re ent­we­der gar nicht oder zu­min­dest als we­nig be­deut­sam wahr­neh­men. Da sie de­tail­ver­ses­sen wir­ken, wo an­de­re fin­den: „Geht ja eh so auch.“Er­fah­re­ne Fo­to­gra­fen wer­den es viel schwe­rer ha­ben, ein­fach auf den Knopf zu drü­cken und mit dem Er­geb­nis zu­frie­den zu sein – auch wenn vie­le an­de­re die „Män­gel“gar nicht se­hen.

Das ist zu­nächst ganz nor­mal. Für die Paar­be­zie­hung von El­tern kann die­ser per­spek­ti­vi­sche Un­ter­schied frei­lich dra­ma­tisch ent­frem­dend wir­ken. Ein „ist nicht so wich­tig“kann für sol­che Müt­ter leicht als „ist nich­tig“ver­stan­den wer­den. Die un­zäh­li­gen Klei­nig­kei­ten, mit de­nen sich Müt­ter ab­ge­ben, so­lan­ge sie be­deu­tend mehr Zeit mit den Kin­dern ver­brin­gen, ma­chen in die­ser Zeit den Groß­teil ih­rer Welt aus. Je we­ni­ger an­de­re Rol­len Platz ha­ben, des­to mehr kon­zen­triert sich dar­auf die ei­ge­ne Iden­ti­tät. Aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve des­sen hin­ge­gen, der viel mehr Zeit in an­de­ren (Be­rufs-) Sphä­ren ver­bringt, kann die­se Welt recht klein wir­ken. Doch mit je­dem De­tail ver­tei­di­gen Ga­te­ke­eping-Müt­ter ihr Re­vier, ih­re Da­seins­be­rech­ti­gung, ih­re Macht über ih­re Kin­der – und zwar um­so mehr, je mehr an­de­re Be­rei­che wie Part­ner­schaft oder

Es gibt auch gu­tes Ga­te­ke­eping – Kon­trol­le, die zu­gleich po­si­tiv er­mu­tigt.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.