Weiß die Mut­ter, was sie tut? Frau­en wol­len mehr Re­spekt

In ih­rem Buch for­dern De­ni­se Wilk und Ali­na Bronsky mehr Wert­schät­zung und Selbst­be­stim­mung für Müt­ter. Und schei­tern selbst dar­an.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON EVA WINROITHER

Be­ruf un­be­frie­di­gend blei­ben (per­sön­li­che Un­zu­frie­den­heit und das Ge­fühl, in ei­ner in­sta­bi­len Part­ner­schaft zu le­ben, sind ei­ner US-ame­ri­ka­ni­schen Stu­die aus dem Jahr 2015 zu­fol­ge wei­te­re ty­pi­sche Fak­to­ren bei den be­tref­fen­den Müt­tern). Müt­ter­li­ches Ga­te­ke­eping ist ei­ne Ant­wort auf un­be­frie­di­gen­de Zu­stän­de – ei­ne sehr kon­tra­pro­duk­ti­ve, wie so oft in Paar­be­zie­hun­gen.

Klingt das nicht al­les wie ein al­ter Hut? Ma­ter­nal Ga­te­ke­eping wird es wohl ge­ben, so­lan­ge Müt­ter lang über die ers­ten Mo­na­te hin­aus mehr zu­stän­dig für die Kin­der­be­treu­ung blei­ben, so­lang ei­ne Ge­sell­schaft es im­mer noch als gott­ge­ge­ben hin­nimmt, dass Män­ner „in der Re­gel“wei­ter­hin 40 St­un­den ar­bei­ten, Frau­en an­fangs gar nicht und dann Teil­zeit – statt et­wa bei­de El­tern­tei­le 30 St­un­den. So­lang Ar­beit von zu Hau­se aus kein selbst­ver­ständ­li­cher Teil des Be­rufs­le­bens ist, wo im­mer mög­lich. Oder so­lan­ge die Kin­der­be­treu­ung nicht fle­xi­bler wird. Und so­lang Müt­ter im­mer noch mehr Er­war­tun­gen zu er­fül­len ha­ben als Vä­ter. Nicht, dass mit der rich­ti­gen Po­li­tik al­les per se wun­der­voll wür­de. Aber den Rest an (Be­zie­hungs-)Ar­beit könn­te man dann ge­trost den Paa­ren über­las­sen. Nicht die un­sicht­ba­ren Bar­rie­ren der Müt­ter sind je­den­falls das Haupt­pro­blem, son­dern die ge­sell­schaft­li­chen rea­len und ima­gi­nä­ren Bar­rie­ren, die die­ses Ga­te­ke­eping för­dern.

Einst­wei­len wer­den in vie­len Fa­mi­li­en die Müt­ter Ga­te­kee­per blei­ben – hof­fent­lich gu­te, und nicht über­trie­ben per­fek­tio­nis­ti­sche. Denn Per­fek­tio­nis­mus ist ein Wohl­stand­sphä­no­men, das maß­los wer­den kann und der­zeit wird, nicht nur in der Kin­der­er­zie­hung. Aber das ist wie­der ein an­de­res The­ma. Bei­spie­le gibt es ge­nug. Wenn die 20-Jäh­ri­ge schief an­ge­schaut wird, weil sie so jung be­reits (ge­plant) ein Kind be­kommt. Wenn die 40-Jäh­ri­ge nach dem vier­ten Kind den fünf­ten Spröss­ling er­war­tet. Wenn die Mut­ter lie­ber ar­bei­ten geht, statt zu Hau­se zu blei­ben, wenn sie lie­ber zu Hau­se bleibt, statt zu ar­bei­ten. Wenn sie ei­ne na­tür­li­che Ge­burt nach ei­nem Kai­ser­schnitt ein­for­dert, wenn sie ihr Kind gleich nach der Ge­burt ins Ba­by­schwim­men steckt oder ihr Kind (zu) öf­fent­lich stillt.

Nichts bleibt, wenn es um Kin­der geht, un­kom­men­tiert. Es gibt vie­le The­men, die in al­len (schil­lern­den) Fa­cet­ten ab­ge­han­delt wer­den: Kin­der­pla­nung, Schwan­ger­schaft, Er­zie­hung. Das hat Fol­gen. In ih­rem Buch „Die Ab­schaf­fung der Mut­ter“ma­chen De­ni­se Wilk und Ali­na Bronsky (die Schrift­stel­le­rin stand mit ih­rem Ro­man „Ba­ba Dun­jas letz­te Lie­be“auf der Lon­glist des Deut­schen Buch­prei­ses) ih­rem Är­ger Luft, dass Müt­ter zu­neh­mend als „ent­behr­lich und er­setz­bar“hin­ge­stellt wer­den. „Müt­ter klei­ner Kin­der sind in Deutsch­land trotz ih­rer gro­ßen Zahl ei­ne Rand­grup­pe ge­wor­den, die dann am freund­lichs­ten be­han­delt wird, wenn sie nicht wei­ter auf­fällt“, mo­nie­ren sie im Vor­wort.

Er­fah­rung ha­ben sie ge­nug: Zu­sam­men­ge­zählt ha­ben die bei­den Au­to­rin­nen zehn Kin­der (Wilk sechs und Bronsky vier). Stief­kin­der – wie sie aus­drück­lich be­to­nen – noch nicht mit­ge­zählt. In zehn Ka­pi­teln – vom Kin­der­wunsch, über „das Mär­chen von der un­ter­stütz­ten Ge­burt“über das „hys­te­ri­sche Ver­hält­nis zum Stil­len“bis zur „Lü­ge von der Ver­ein­bar­keit“– grei­fen sie Punk­te auf, wann Müt­ter kri­ti­siert, wie sie un­ter Druck ge­setzt wer­den – und wie ih­nen schon längst durch ei­ne Schar von „Ex­per­ten“die Kom­pe­tenz ab­ge­spro­chen wird, selbst zu wis­sen, was gut für ihr Kind ist. Wenn Schwan­ge­re sich et­wa wei­gern, Prä­na­ta­l­un­ter­su­chun­gen

„Die Ab­schaf­fung der Mut­ter.

Kon­trol­liert, ma­ni­pu­liert und ab­kas­siert – war­um es so nicht wei­ter­ge­hen darf“Ali­na Bronsky und De­ni­se Wilk, DVA, 256 Sei­ten, 18,50 Eu­ro. durch­zu­füh­ren, und lie­ber zu Hau­se mit ei­ner Heb­am­me ent­bin­den, wenn sie sich wei­gern, Work­shops, Kur­se und Se­mi­na­re zu je­dem Ent­wick­lungs­schritt zu ab­sol­vie­ren. Selbst wenn das Wis­sen zum je­weils ak­tu­el­len Trend (Kind im Tra­ge­tuch tra­gen, Kin­dern fes­te Nah­rung statt Brei ge­ben) Hun­der­te Jah­re alt ist. „Kein Wun­der, dass bei man­chen Frau­en die Ner­ven blank lie­gen“, ana­ly­sie­ren sie. Das Gan­ze be­le­gen sie mit Stu­di­en und Bei­spie­len, die sie aus Ge­sprä­chen mit Müt­tern ha­ben. Ein­sei­tig ar­gu­men­tiert. Und das ist ein Pro­blem. Auch wenn ih­re The­se gut ge­meint ist und sich vie­le Müt­ter dar­in wohl wie­der­fin­den, ist ih­re Ar­gu­men­ta­ti­on stre­cken­wei­se un­dif­fe­ren­ziert, in je­dem Fall sehr ein­sei­tig. Kin­der­lo­sen den Wunsch vor­zu­wer­fen, ein Kind via künst­li­cher Be­f­ruch­tung zu wol­len (vor al­lem, wenn man selbst schon meh­re­re hat), zeugt von Em­pa­thie­lo­sig­keit. Vor al­lem, wenn man selbst schreibt, dass die Fol­gen von künst­li­cher Be­f­ruch­tung noch längst nicht al­le er­forscht sind.

Vä­ter und Müt­ter zu kri­ti­sie­ren, die ein Kind per Kai­ser­schnitt be­kom­men ha­ben und sich des­we­gen nicht stig­ma­ti­sie­ren las­sen wol­len, ist ein­fach selt­sam. Zwar rich­tet sich die ge­ne­rel­le Kri­tik ge­gen den Trend, dass in Deutsch­land zu vie­le (und da­mit un­nö­ti­ge) Kai­ser­schnit­te ge­macht wer­den, aber die Bot­schaft, dass Kai­ser­schnit­te trau­ma­ti­sie­rend sind, kommt an. Eben­so, dass Müt­ter, die sich ei­ne PDA ge­ben las­sen, das Kind um En­dor­phi­ne bei der Ge­burt bringt.

Müt­ter, die Stil­len für ei­ne Pri­vat­an­ge­le­gen­heit hal­ten, wer­den eben­so an­ge­grif­fen wie Men­schen, die ein Kind via Leih­mut­ter wol­len. Auch an ei­ner Ver­ein­bar­keit von Job und Kin­dern wird ge­kratzt (Vor­bild Frank­reich ist doch nicht so toll). Im­mer­hin: Bes­se­re Kin­der­be­treu­ungs­stät­ten wer­den von bei­den ge­for­dert. „Doch jen­seits der struk­tu­rel­len Ve­rän­de­run­gen wün­schen sich vie­le Frau­en mit Kin­dern vor al­lem ei­nes: das En­de der stän­di­gen Be­vor­mun­dung, des Rein­re­dens, Be­wer­tens und Ve­r­un­si­cherns“, schrei­ben die Au­to­rin­nen am Schluss. Gut so. Am bes­ten fängt je­der bei sich selbst an.

Ma­ter­nal Ga­te­ke­eping ist ei­ne ty­pi­sche kon­tra­pro­duk­ti­ve Ant­wort auf ein Paar­pro­blem. Für je­den Ent­wick­lungs­schritt gibt es Work­shops, Se­mi­na­re und Bü­cher. Das ver­un­si­chert.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.