Die Wun­der von El Roc´ıo

Je©es JŻhr zu Pfings­ten pil­gern mehr Żls ei­ne Mil­li­on Men­schen ©urch Spa­ni­ens Step­pen, W´l©er un© Wüs­ten ins Żn©Żlu­si­sche Dorf El Roc´ıo un© ©urch­leãen ei­ne ŻrchŻi­sche Welt vol­ler En­tãeh­run­gen, sur­reŻ­ler R´tsel, WŻhn­sinn, TrŻ©itio­nen un© Wun©er.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON CHRISTOPH OTTO

Ein schar­fer Wind weht am frü­hen Mor­gen an den Ufern des Gua­dal­qui­vir und über­tönt die aus ei­ner Strand­bar drin­gen­den Stim­men. Er treibt fei­ne wei­ße Sand­kör­ner in Schlan­gen­li­ni­en vor sich her, als wol­le er mit ih­nen spie­len.

Jetzt hört man sie wie­der. Die Stim­men ei­ner Grup­pe, die das Schick­sal erst vor we­ni­gen Mi­nu­ten zu­sam­men­ge­führt hat. Da sitzt die schlan­ke 27-jäh­ri­ge Su­za­na mit den schwar­zen Haa­ren ne­ben ih­rer Mut­ter Pe­pi in And­acht ver­sun­ken und lauscht Pad­re Que­ve­do. Der spricht über die wun­der­sa­me Ret­tung sei­ner an Krebs er­krank­ten Nich­te: „Die gan­ze lin­ke Ge­sichts­hälf­te soll­te durch ei­ne Pro­the­se er­setzt wer­den, wä­re nicht ein an­de­rer Arzt durch das Wei­nen der Mut­ter auf den Fall auf­merk­sam ge­wor­den und hät­te sich der Klei­nen an­ge­nom­men. Am En­de ge­nüg­te ei­ne ein­stün­di­ge Ope­ra­ti­on, oh­ne dass ein ein­zi­ger Kno­chen ent­fernt wer­den muss­te.“ Zeit für Trä­nen. Pe­pi kann die Trä­nen nicht mehr ver­ber­gen und of­fen­bart, wie vor sechs Jah­ren auch bei ih­rer Toch­ter Su­za­na ein Hirn­tu­mor fest­ge­stellt wur­de. Am Hin­ter­kopf, dort, wo al­le Ner­ven­bah­nen zu­sam­men­lau­fen und die Ge­fahr ei­ner Qu­er­schnitt­läh­mung kaum grö­ßer sein kann, muss­te sie nur we­ni­ge Ta­ge nach der schreck­li­chen Nach­richt ope­riert wer­den. Die bei­den Frau­en schau­en ein­an­der kurz in die Au­gen. Die Mut­ter holt tief Luft und be­schreibt, wie der Kopf ih­rer Toch­ter kahl ge­scho­ren wur­de. Wäh­rend der acht­stün­di­gen Ope­ra­ti­on ha­be sie ei­ne Gold­me­dail­le der Hei­li­gen von El Roc´ıo so fest in ih­rer Hand ge­drückt, dass ihr Fleisch blu­te­te.

Su­za­na ver­sucht, ih­re Trä­nen zu un­ter­drü­cken. „Des­halb bin ich hier“, sagt sie selbst­be­wusst, „des­halb mar­schie­re ich je­des Jahr seit der Ope­ra­ti­on nach El Roc´ıo, um der Hei­li­gen zu dan­ken, dass sie mein Le­ben ge­ret­tet hat.“Auch die drah­ti­ge und re­so­lu­te Ade­li­na, die heu­er mit­hilft, die Wall- fahrt der Pil­ger zu or­ga­ni­sie­ren, kann ih­re Trä­nen nicht mehr zu­rück­hal­ten. „Seht ihr“, sagt Pad­re Que­ve­do, „das ist das Wun­der von El Roc´ıo, dass wir, oh­ne uns zu ken­nen, an ei­nem Tisch sit­zen und zu­sam­men wei­nen.“

Am Fähr­ha­fen tref­fen seit Ta­gen Bru­der­schaf­ten aus ganz Spa­ni­en in der an­da­lu­si­schen Stadt San­lu­car de Bar­ra­me­da ein. Bunt ge­schmück­te Och­sen­wa­gen und Hun­dert­schaf­ten von Rei­tern in Trach­ten war­ten auf die Über­fahrt. Fuhr­wer­ke trans­por­tie­ren Schin­ken und Würs­te, Sher­ry­fla­schen, Ha­fer und Stroh. Es gibt vie­le We­ge zum Wall­fahrts­ort von El Roc´ıo, aber et­wa ein Drit­tel der Pil­ger, vor al­lem je­ne aus dem süd­li­chen Teil Spa­ni­ens, nimmt den süd­west­li­chen Weg und setzt bei San­lu­car über den Gua­dal­qui­vir.

Noch den Schmerz der Er­in­ne­rung in den Au­gen be­gin­nen Su­za­na und Pe­pi zum Takt der Kas­ta­gnet­ten und Gi­tar­ren zu tan­zen, und mit ih­nen tan­zen al­le, die auf der of­fe­nen Fäh­re Platz ge­fun­den ha­ben. In ih­ren Fla­men­co­klei­dern und Trach­ten dre­hen sie Pi­rou­et­ten und stamp­fen im Rhyth­mus der Mu­sik mit ih­ren Stie­feln auf die Plan­ken. Un­ter der sen­gen­den Son­ne, mit­ten auf dem Was­ser, stei­gert sich der Tanz bis zur Ek­s­ta­se. Alt und Jung, Dick und Dünn, Arm und Reich ver­ei­nen sich im wil­den Tau­mel der Mu­sik.

Wer die Ge­schich­te von El Roc´ıo un­ter­sucht, stößt schnell auf zahl­rei­che Le­gen­den. Der wich­tigs­ten Über­lie­fe­rung nach ent­deck­te ein Jä­ger aus Al­mon­te ei­ne Ma­ri­en­sta­tue aus Holz in den vom Gua­dal­qui­vir ge­speis­ten Sümp­fen und woll­te sie in die Stadt brin­gen. Nach ei­ni­ger Zeit wur­de er mü­de und ras­te­te. Als er wie­der er­wach­te, war die Fi­gur ver­schwun­den. Der Jä­ger fand sie an ge­nau der Stel­le Sze­nen am Ran­de der Wall­fahrt: Vie­le Teil­neh­mer kom­men zu Pferd. Und ab und zu die­nen Wein und Sher­ry zu mys­tisch-sa­kra­len Zwe­cken. wie­der, von der er sie zu­vor mit­ge­nom­men hat­te. Von da an pil­ger­ten Dorf­be­woh­ner zu der Hei­li­gen in den Sümp­fen, bis Kö­nig Al­fon­so X. im Jahr 1280 für die Ma­ri­en­fi­gur ei­ne Ka­pel­le er­rich­ten ließ. Fast 500 Jah­re spä­ter, im Jahr 1772, fand auf Initia­ti­ve des ein­fluss­rei­chen Her­zogs von Me­di­na-Si­do­nia das ers­te Mal zu Pfings­ten ein Freu­den­fest zu Eh­ren der Hei­li­gen statt. Der lan­ge Marsch. Die me­tal­le­ne Heck­ram­pe der Fäh­re prallt mit vol­ler Wucht an den Strand. Ein Ruck er­schüt­tert das Trans­port­schiff. Schnell lässt der Fähr­mann die La­de­ram­pe in den Sand fal­len. Al­len vor­an schrei­tet der Tam­bo­ri­le­ro; trom­melnd und flö­tend gibt er das Si­gnal zum Auf­bruch. Wei­te­re Fäh­ren lan­den und brin­gen im­mer mehr Pfer­de­kut­schen, Och­sen­wa­gen, Rei­ter und Pil­ger zum Na­tio­nal­park Co­to de Don˜ana, wo der be­schwer­li­che Teil des lan­gen Mar­sches be­ginnt.

Der ers­te Ab­schnitt des We­ges führt durch Pi­ni­en­wäl­der. Ver­ein­zelt ste­hen

Un­ter ©er sen­gen©en Son­ne ver­ei­nen sich Żl­le im wil©en TŻu­mel ©er Mu­sik.

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