Gau­gu­in, ge­nia­ler Stra­te­ge

Ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Aus­stel­lung in Ko­pen­ha­gen ent­larvt Paul Gau­gu­in als ei­nen be­rech­nen­den Kunst­markt­stra­te­gen. Sein Plan ist (spät) auf­ge­gan­gen.

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON SABINE B. VO­GEL

Sei­ne Wer­ke er­rei­chen auf dem Auk­ti­ons­markt Spit­zen­prei­se, die klei­ne Zeich­nung der Rü­cken­an­sicht ei­nes Ta­hi­ti-Mäd­chens aus den Jah­ren 1901–02 brach­te bei Sothe­by’s 2011 rund 577.000 Pfund, ein Öl­ge­mäl­de mit ei­nem Süd­see­mäd­chen wech­sel­te vo­ri­ges Jahr laut Me­di­en­mel­dun­gen per Pri­vat­ver­kauf für ge­schätz­te 300 Mio. Dol­lar den Be­sit­zer. Paul Gau­gu­in (1848–1903) ist heu­te ei­ner der be­kann­tes­ten Im­pres­sio­nis­ten. Zu sei­nen Leb­zei­ten war das al­ler­dings an­ders. Ei­ni­ge sei­ner Kol­le­gen schätz­ten den Ma­ler kei­nes­wegs, Ed­gar De­gas und Paul Ce­zan­ne´ ver­ba­ten ihm so­gar den Zu­tritt zu ih­ren Ate­liers. Den Grund da­für er­fährt man jetzt in ei­ner au­ßer­ge­wöhn­li­chen Aus­stel­lung in Ko­pen­ha­gen: „Gau­gu­in’s Worlds“in der Carls­berg Glyp­to­thek zeigt an­hand von 71 Wer­ken, dass der be­rühm­te Gau­gu­in we­ni­ger ein ge­nia­ler Ma­ler war denn ein knall­har­ter Kunst­stra­te­ge, der sei­ne Bild­mo­ti­ve nach dem Markt aus­rich­te­te.

Gau­gu­in ge­lang­te über Um­we­ge zur Ma­le­rei. Mit 17 Jah­ren trat er als Of­fi­ziers­an­wär­ter in die Han­dels­ma­ri­ne ein, wech­sel­te zur Kriegs­ma­ri­ne und wur­de spä­ter Bör­sen­mak­ler. Da­mals sam­mel­te er be­reits Wer­ke von De­lacroix bis Cour­bet und be­gann, selbst zu ma­len. Aus die­ser Zeit stammt auch das frü­hes­te Werk, das im Be­sitz der Glyp­to­thek ist und jetzt erst­mals aus­ge­stellt wird: ei­ne klei­ne Bro­sche aus Me­tall und Glas, in die Haa­re ein­ge­ar­bei­tet sind. 1879 hat Gau­gu­in das Stück für sei­ne Frau Met­te ge­bas­telt. 1882 ver­lor Gau­gu­in we­gen ei­nes Bör­sen­krachs sei­ne Stel­lung und der 34-jäh­ri­ge Va­ter von vier Kin­dern – das fünf­te war ge­ra­de un­ter­wegs – ent­schied sich ganz für die Ma­le­rei. Er hat­te da­mit ge­rech­net, schnell be­kannt und wohl­ha­bend zu wer­den. Was läuft gut bei den Kol­le­gen? Der Plan ging nicht auf. War­um ihm der Er­folg so lang ver­wehrt ge­blie­ben ist, er­klärt die Ku­ra­to­rin der Glyp­to­thek, Li­ne Clau­sen-Pe­der­sen: „In der Mal­tech­nik ist Gau­gu­in ein Mo­der­ner ge­we­sen, in sei­nen Mo­ti­ven nicht.“Statt sei­nen Stil aus­zu­bil­den ha­be er im­mer ge­schaut, was bei den Kol­le­gen gut läuft. Denn Gau­gu­in war nicht der ge­nia­le Ma­ler, son­dern ei­ne Art frü­her Jeff Koons: „Er war sehr be­rech­nend, woll­te un­be­dingt Er­folg ha­ben und Geld ver­die­nen“, fasst die Ku­ra­to­rin zu­sam­men. So pro­bier­te er, ne­ben der Ma­le­rei ei­nen Markt für Gra­fi­ken, Holz­schnit­te und so­gar Ke­ra­mi­ken auf­zu­bau­en. Heu­te kennt man 60 die­ser fas­zi­nie­ren­den Gro­tes­ken, die als Ge­fä­ße mit Hen­keln und Aus­guss ge­formt sind. In Mo­ti­vik und Ver­ar­bei­tung er­in­nern sie an Volks­kunst, man­che zei­gen Ge­sich­ter, an­de­re sind na­he­zu abs­trak­te For­men. Wahr­schein­lich wa­ren es ins­ge­samt 200 Ke­ra­mi­ken, 15 da­von be­sitzt heu­te die Glyp­to­thek.

In „Gau­gu­in’s World“wird ge­ra­de bei die­sen Werk­grup­pen of­fen­sicht­lich, dass der Ma­ler schon lang vor Ta­hi­ti das Ur­sprüng­li­che ge­sucht hat – nicht aus eth­no­gra­fi­schem In­ter­es­se, son­dern als Mo­ti­ve für sei­ne Kunst. 1891 schiff­te er sich dann nach Ta­hi­ti ein auf der Su­che nach „glück­li­chen Be­woh­nern ei­nes un­be­ach­te­ten Pa­ra­die­ses“, wie er in ei­nem Brief schrieb. Die Rea­li­tät sah an­ders aus: Es war ei­ne fran­zö­si­sche Ko­lo­nie mit Well­blech­hüt­ten, west­li­cher Klei­dung und Ar­mut. In ei­nem Brief an sei­ne Frau schreibt Gau­gu­in, der auf Ta­hi­ti mit ei­ner 13-Jäh­ri­gen zu­sam­men­lebt: „Hier ist das Le­ben sehr teu­er, und ich rui­nie­re mei­ne Ge­sund­heit, da ich nicht es­se. Ich spü­re, wie ich alt wer­de, und zwar schnell.“In sei­ner Ma­le­rei aber er­schuf er sich die er- träum­te exo­ti­sche, far­ben­präch­ti­ge Welt ei­nes pri­mi­ti­ven Le­bens – und er­fand sich nicht nur die per­fek­ten Su­jets, son­dern ern­te­te end­lich den er­sehn­ten Er­folg. Aber Clau­sen-Per­der­sen be­tont: „Er mal­te in der Süd­see, aber im­mer mit Pa­ris im Kopf.“Aus ei­nem Brief­wech­sel weiß man, dass er sich nicht nur Lein­wän­de und Farb­pig­men­te, son­dern auch Blu­men­sa­men für Son­nen­blu­men und Li­li­en schi­cken ließ. Ta­hi­ti war ei­ne Fik­ti­on, und zwar de­zi­diert für den Pa­ri­ser Kunst­markt. Der Er­folg ver­bat ihm ei­ne Rück­kehr. Bald ver­schlech­ter­te sich sein Ge­sund­heits­zu­stand, sei­ne Bei­ne wa­ren zer­fres­sen von Ek­ze­men, ei­ne Fol­ge sei­ner Sy­phi­lis. Gau­gu­in woll­te zu­rück nach Frank­reich. Doch da­mit hät­te er sei­ne ei­ge­ne Le­gen­de vom Le­ben im Pa­ra­dies zer­stö­ren. „Sie sind jetzt die­ser selt­sa­me, le­gen­dä­re Künst­ler, der aus der Tie­fe Ozea­ni­ens sei­ne be­stür­zen­den, un­nach­ahm­li­chen Wer­ke schickt“, schrieb ihm ein Freund aus Pa­ris. „Sie dür­fen nicht wie­der­kom­men.“Am 8. Mai 1903 starb Gau­gu­in mit knapp 55 Jah­ren in Atoua­na auf La Do­mi­ni­que.

Da­mals be­fand sich noch kei­nes sei­ner Wer­ke in Dä­ne­mark, ob­wohl sei­ne Frau Met­te be­reits seit 1884 mit den Kin­dern in Ko­pen­ha­gen leb­te. Sie war aus Geld­not zu ih­rer Fa­mi­lie zu­rück­ge­kehrt. Aber erst 1914 be­gann der da­ma­li­ge Di­rek­tor Hel­ge Ja­cob­sen für die Glyp­to­thek Wer­ke Gau­gu­ins an­zu­kau­fen, schenk­te dem Haus spä­ter acht wei­te­re aus sei­nem Pri­vat­be­sitz. Heu­te be­sitzt die Glyp­to­thek 54 Wer­ke des Meis­ters, und es wird wei­ter an­ge­kauft. Drei der 15 Ke­ra­mi­ken wur­den un­längst auf Auk­tio­nen er­wor­ben. Die­se Skulp­tu­ren sind weit­aus we­ni­ger ge­fragt als die Ma­le­rei, er­klärt Di­rek­tor Flem­ming Fri­borg, die Ob­jek­te „kos­te­ten zu­sam­men un­ter 500.000 Eu­ro“. Für das Ver­ständ­nis des Ma­lers al­ler­dings, das be­weist die­se Aus­stel­lung, sind sie von un­schätz­ba­rem Wert.

Gau­gu­in war nicht in ers­ter Li­nie ge­nia­ler Ma­ler, son­dern ei­ne Art frü­her Jeff Koons. Sei­ne Ke­ra­mi­ken sind güns­tig, für das Ver­ständ­nis Gau­gu­ins aber von un­schätz­ba­rem Wert.

Paul Gau­gu­in, Frau mit ei­ner Blu­me, 1891

Das Gau­gu­in-Bild zum Mut­ter­tag: „Frau mit ei­ner Blu­me“, 1891.

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