Als der Du­ce mit Gift­bom­ben sein Im­pe­ri­um bau­te

Vor 80 Jah­ren er­ober­te das fa­schis­ti­sche Ita­li­en das al­te christ­li­che Kai­ser­reich Äthio­pi­en – nach mas­si­ven Luft­an­grif­fen mit Senf­gas­bom­ben und ge­ziel­ten Atta­cken auf Zi­vi­lis­ten. Hun­dert­tau­sen­de Äthio­pi­er fie­len dem Krieg und Ko­lo­ni­al­re­gime Be­ni­to Mus­so­li

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON SUSANNA BASTAROLI

Spät am Abend des 9. Mai 1936 trat ein ganz be­son­ders stol­zer Be­ni­to Mus­so­li­ni auf den Bal­kon des rö­mi­schen Pa­laz­zo Ve­ne­zia: „Ita­lie­ner! Ita­li­en hat sein Im­pe­ri­um zu­rück!“, ver­kün­de­te er laut­hals die Anne­xi­on Abes­si­ni­ens (Äthio­pi­ens). „Du­ce! Du­ce!“ju­bel­ten ihm et­wa hun­dert­tau­send Men­schen eu­pho­risch zu, 42 Mal rie­fen sie den Dik­ta­tor auf den Bal­kon zu­rück. Das fa­schis­ti­sche Ita­li­en be­fand sich an je­nem lau­en Früh­lings­abend in Ek­s­ta­se, Mus­so­li­ni im Ze­nit der Macht: End­lich war Ita­li­en in die Li­ga der Groß­mäch­te auf­ge­stie­gen, so die all­ge­mei­ne Über­zeu­gung.

In­ner­halb von sie­ben Mo­na­ten hat­ten Ita­li­ens Ar­mee und Luft­waf­fe das al­te Kai­ser­reich am Horn von Afri­ka un­ter ih­re Ge­walt ge­bracht. Doch trotz mo­der­nen Ge­räts wa­ren die gut 400.000 Ita­lie­ner auf er­bit­ter­ten Wi­der­stand der Ein­hei­ten des Ne­gus (ei­gent­lich „Ne­gu­se Ne­gest“, be­deu­tet Kai­ser von Äthio­pi­en) ge­sto­ßen, die oft spär­lich aus­ge­rüs­tet mit Lan­zen, St­ei­nen und nur we­ni­gen Ge­weh­ren und Ka­no­nen ihr Land ver­tei­dig­ten. Erst mas­si­ve Gift-Bom­bar­de­ments und sys­te­ma­ti­sche Atta­cken auf Zi­vi­lis­ten bra­chen die Ge­gen­wehr. Mus­so­li­ni hat­te be­foh­len, „den Geg­ner to­tal zu er­obern und zu ver­nich­ten“. Zahn­lo­ser Völ­ker­bund. In Mus­so­li­nis im­pe­ria­len Fan­ta­si­en hat­te das an die ita­lie­ni­schen Ko­lo­ni­en So­ma­li­land und Eri­trea an­gren­zen­de Abes­si­ni­en schon lang vor 1935 ei­ne zen­tra­le Rol­le ge­spielt: Ganz öf­fent­lich träum­te der Du­ce von ei­ner ita­lie­ni­schen Sied­lung am Horn von Afri­ka, ei­nem „Zeug­nis für die Über­le­gen­heit der rö­mi­schen Zi­vi­li­sa­ti­on“. Das afri­ka­ni­sche Reich war noch nie ko­lo­ni­siert wor­den: Im 19. Jh. hat­te Äthio­pi­ens Heer ei­ne In­va­si­on Ita­li­ens ab­ge­wehrt. Die­se „Schmach von Adua“(in der äthio­pi­schen Stadt fand die ent­schei­den­de Schlacht statt) blieb für Ita­li­ens Na­tio­na­lis­ten ei­ne of­fe­ne Wun­de, die der Du­ce zu hei­len ver­sprach: „Wir wer­den je­den be­kämp­fen, der un­se­rem Ziel im We­ge steht.“

1935 sah der Dik­ta­tor die Zeit reif für ei­nen An­griff: Ein Grenz­zwi­schen­fall dien­te ihm als Vor­wand, den Krieg in al­ler Öf­fent­lich­keit vor­zu­be­rei­ten. Mus­so­li­ni setz­te dar­auf, dass die Ko­lo­ni­al­mäch­te Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich zu­rück­hal­tend re­agie­ren wür­den: Sie woll­ten den Noch-Ver­bün­de­ten in Rom nicht in die Ar­me des im­mer mäch­ti­ge­ren NS-Deutsch­lands trei­ben.

Der Du­ce hat­te rich­tig kal­ku­liert. Die Bri­ten mo­bi­li­sier­ten zwar ih­re Flot­te im Mit­tel­meer, grif­fen aber nicht ein, als Mus­so­li­nis Trup­pen am 3. Ok­to­ber 1935 oh­ne Kriegs­er­klä­rung in Äthio­pi­en ein­mar­schier­ten. Der äthio­pi­sche Kai­ser, Hai­le Se­las­sie, pro­tes­tier­te beim Völ­ker­bund, dem sein Land an­ge­hör­te. In Genf brand­mark­te man denn auch den An­griff als „Ag­gres­si­on“und ver­häng­te Sank­tio­nen ge­gen das Re­gime in Rom: Un­ter­sagt wur­de „der Han­del mit Ka­me­len, Maul­eseln und Alu­mi­ni­um“. Stahl, Koh­le und Öl, zen­tra­le Pro­duk­te für die Kriegs­wirt­schaft, wa­ren nicht vom Em­bar­go be­trof­fen. Das hat­ten London und Pa­ris ver­hin­dert.

Die „Abes­si­ni­en-Kri­se“führ­te al­ler Welt die Zahn­lo­sig­keit des Völ­ker­bun­des vor Au­gen. Noch deut­li­cher wur­de aber in den nächs­ten Mo­na­ten, wie we­nig Ge­wicht das Völ­ker­recht hat­te. Nie­mand re­agier­te, als Mus­so­li­nis Afri­kaAben­teu­er zum bru­ta­len Ver­bre­chen an der äthio­pi­schen Be­völ­ke­rung aus­ar­te­te. Denn nach­dem die ita­lie­ni­sche Of­fen­si­ve im Herbst we­gen äthio­pi­schen Wi­der­stands im ge­bir­gi­gen und zer­klüf­te­ten Ge­län­de ins Sto­cken ge­ra­ten war, wech­sel­te der Du­ce die Stra­te­gie: Er setz­te Mar­schall Pie­tro Ba­do­glio ans Kom­man­do, an der süd­li­chen Front über­nahm Mus­so­li­nis Mann fürs Gro­be, Ge­ne­ral Ro­dol­fo Gra­zia­ni, die Füh­rung. Der Du­ce de­kre­tier­te: „Vor der

»Das ist kein Krieg. Das ist Fol­ter an wehr­lo­sen Män­nern, Frau­en und Kin­dern.«

Re­gen­zeit muss Ad­dis Abe­ba er­obert wer­den. Egal mit wel­chen Mit­teln.“

Ba­do­glio und Gra­zia­ni er­hiel­ten En­de De­zem­ber freie Hand für den Ein­satz von Senf­gas, mit dem die bei­den be­reits zu­vor in Li­by­en Er­fah­rung ge­sam­melt hat­ten. Von Flug­zeu­gen aus wur­de das töd­li­che Gift auf Trup­pen, Dör­fer, Her­den, Fel­der, Flüs­se und Se­en ab­ge­wor­fen. Vie­le Äthio­pi­er er­stick­ten, als sie das ver­gif­te­te Was­ser tran­ken. An­de­re star­ben an den ät­zen­den Wun­den. „Das ist kein Krieg. Das ist Fol­ter an wehr­lo­sen Män­nern, Frau­en und Kin­dern“, schrieb der bri­ti­sche Arzt John Lel­ly vom Ro­ten Kreuz em­pört in ei­nem Be­richt. Ins­ge­samt 300 Ton­nen Senf­gas de­to­nier­ten von En­de De­zem­ber 1935 bis En­de März 1936 in Äthio­pi­en. Der Gift­ga­s­ein­satz war ein kla­rer Bruch in­ter­na­tio­na­ler Ver­trä­ge, die Rom un­ter­zeich­net hat­te. Gra­zia­ni ließ zu­dem Re­bel­len aus Flug­zeu­gen wer­fen und wahl­los Zi­vi­lis­ten er­schie­ßen.

Bald be­gann Ita­li­en, auch Spi­tä­ler des Ro­ten

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.