Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KULTURKAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHAEL PRÜLLER

Eu­ro­pas Cha­rak­ter. War­um Par­la­ments­prä­si­dent Mar­tin Schulz kei­ne gro­ße Leuch­te ist, aber der neue Lon­do­ner Bür­ger­meis­ter, Sa­diq Khan, ein Licht­blick.

Nun hat Mar­tin Schulz, der Prä­si­dent des Eu­ro­pa­par­la­ments, doch tat­säch­lich im ita­lie­ni­schen Fern­se­hen ge­sagt, dass sich Eu­ro­pas Cha­rak­ter än­dern wird, „wenn die ex­tre­mis­ti­sche Rech­te die Wah­len in Ös­ter­reich und in Eu­ro­pa ge­winnt“. Und die Pos­ting-Ge­mein­de im In­ter­net, die man nicht zwei­mal bit­ten muss, ih­rer Ent­rüs­tung frei­en Lauf zu las­sen, griff die Ge­le­gen­heit dank­bar auf. Da­bei ist we­nig ge­gen das Schulz’sche Dik­tum ein­zu­wen­den. Selbst dann, wenn gar nicht die ex­tre­mis­ti­sche Rech­te, son­dern bloß Nor­bert Ho­fer ei­ne Wahl ge­winnt, wür­de sich oh­ne Fra­ge Eu­ro­pas Cha­rak­ter ver­än­dern.

Al­ler­dings nicht mehr sehr. Man kann die Ar­gu­men­ta­ti­on näm­lich auch um­dre­hen: Hät­te die EU nicht be­reits ih­ren Cha­rak­ter ge­än­dert, wür­den na­tio­na­le Eng­füh­rer auch nicht ge­win­nen. Und mit Cha­rak­te­rän­de­rung mei­ne ich jetzt nicht, dass sich in London – als ob Jef­frey Archers Ro­man­welt Wirk­lich­keit ge­wor­den wä­re – ein jü­di­scher Mil­li­ar­där und der mus­li­mi­sche Sohn ei­nes Bus­fah­rers um das Bür­ger­meis­ter­amt matchen und der Mus­lim haus­hoch ge­winnt. Das wird hier das Wahl­ver­hal­ten weit we­ni­ger be­ein­flus­sen als die Kin­der­gar­ten­Per­for­mance der EU in der Zu­wan­de­rungs­po­li­tik.

Neh­men wir al­lein, was vor drei Ta­gen so pas­siert ist: An­ge­la Mer­kel spricht in Ita­li­en wie­der ein­mal ge­gen Kon­trol­len am Bren­ner. Da­mit hat sie zwar völ­lig recht – aber nach­dem man mo­na­te­lang auf dem Salz­bur­ger Bahn­hof deut­schen Gren­zern den Pass hat zei­gen müs­sen, wun­dert man sich über ih­ren mo­ra­li­schen Un­ter­ton. Üb­ri­gens je­ne Mer­kel, von der Vik­tor Or­ban´ kürz­lich be­frie­digt fest­ge­stellt hat: „Oh­ne es zu­zu­ge­ben, geht Eu­ro­pa mit den Flücht­lin­gen in Re­de und Tat ge­nau­so um wie wir.“Je­ner Or­ban,´ des­sen Au­ßen­mi­nis­ter nun den Vor­schlag der EU-Kom­mis­si­on ei­nes eu­ro­päi­schen Flücht­lings­re­gimes öf­fent­lich ei­ne Er­pres­sung nennt. Je­ne EU-Kom­mis­si­on, die wei­ter­hin Bin­nen­grenz­kon­trol­len ge­gen Os­ten er­laubt, wäh­rend sie Vi­s­um­frei­heit für Tür­ken und Ko­so­va­ren vor­be­rei­tet.

Die Zeit­um­stän­de und ih­re Nicht­be­wäl­ti­gung ma­chen vie­len Men­schen Angst. Sie wer­den nicht Na­zis, son­dern wäh­len bloß die­je­ni­gen, die ih­nen Lö­sun­gen ver­spre­chen. Und die ein­gän­gigs­te Lö­sung ist: Schau­en wir zu­nächst auf uns! Gren­zen wir uns ab! Dass das be­reits wie­der zum Cha­rak­ter Eu­ro­pas ge­hört, ist Zei­chen ei­ner Füh­rungs­kri­se. Nir­gend­wo sind Staats­män­ner zu se­hen, die uns da durch­füh­ren oh­ne zu ver­füh­ren, die Ver­trau­en nicht nur er­hei­schen, son­dern auch ein­flö­ßen. Da ist es we­nigs­tens ein Licht­blick, dass in der Me­tro­po­le London der kos­mo­po­li­ti­sche Geist noch ein­mal auf­blitzt. Noch liegt die ja in der EU. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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