»In der Haft ver­miss­te ich mei­ne Ar­beit«

Der aser­bai­dscha­ni­sche Men­schen­rechts­ak­ti­vist Ra­sul Ja­fa­row spricht im In­ter­view mit der »Pres­se am Sonn­tag« über sei­ne Zeit im Ge­fäng­nis und war­um das au­to­kra­ti­sche Staats­ober­haupt ihn aus­ge­rech­net jetzt be­gna­dig­te. Ein Ge­spräch über feh­len­de Ido­le, Ak­ti

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON JUTTA SOMMERBAUER

Sei­nen 30. Ge­burts­tag muss­te er im Ge­fäng­nis fei­ern, jetzt ist er wie­der in Frei­heit: Ra­sul Ja­fa­row (31), aser­bai­dscha­ni­scher Men­schen­rechts­ak­ti­vist und Initia­tor der „Sing for De­mo­cra­cy“-Kam­pa­gne, wur­de im März 2016 ge­mein­sam mit mehr als ei­nem Dut­zend an­de­rer po­li­ti­scher Ge­fan­ge­ner von Prä­si­dent Il­ham Ali­jew be­gna­digt.

Mit „Sing for De­mo­cra­cy“wur­de Ja­fa­row der eu­ro­päi­schen Öf­fent­lich­keit be­kannt: Die Kam­pa­gne mach­te krea­tiv und me­di­en­wirk­sam auf Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in Aser­bai­dschan auf­merk­sam, je­ner res­sour­cen­rei­chen und au­to­ri­tär re­gier­ten Re­pu­blik am Kas­pi­schen Meer, die vor ge­nau vier Jah­ren den – pom­pös in­sze­nier­ten – Song Con­test aus­trug.

Nach dem En­de der Schla­ger­pa­ra­de und dem Ab­flau­en der in­ter­na­tio­na­len Auf­merk­sam­keit be­gan­nen die Be­hör­den ih­re ei­ge­ne Kam­pa­gne ge­gen die Zi­vil­ge­sell­schaft: Das NGO-Ge­setz wur­de ver­schärft, aus­län­di­sche Stif­tun­gen schlos­sen ih­re Bü­ros, die Jus­tiz schoss sich auf un­ab­hän­gi­ge Or­ga­ni­sa­tio­nen ein. Auch Ja­fa­rows NGO Hu­man Rights Club ge­riet ins Vi­sier der Be­hör­den; im April 2015 wur­de er we­gen an­geb­li­cher Steu­er­hin­ter­zie­hung zu sechs­ein­halb Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt. Be­ob­ach­ter spra­chen von ei­nem fin­gier­ten Pro­zess. Wie er­ging es Ih­nen im Ge­fäng­nis? Ra­sul Ja­fa­row: Wenn mich Leu­te frü­her frag­ten, was ich tun wür­de, soll­te ich ver­haf­tet wer­den, sag­te ich stets halb im Scherz: Dann wür­de ich end­lich die Chan­ce ha­ben, Bü­cher zu le­sen und zu schla­fen. Ich ha­be bei­des in die­sen 20 Mo­na­ten ge­macht. Ich las mehr als 20 Bü­cher, ich sprach mit den an­de­ren Ge­fan­ge­nen, ich te­le­fo­nier­te zwei­mal in der Wo­che mit Ver­wand­ten. Es gibt nicht so vie­le Din­ge, die man in der Haft tun kann. Ich ver­such­te, mich nicht zu lang­wei­len. Ich dach­te viel über mei­nen Fall nach. Das Haupt­pro­blem war, dass ich il­le­gal im Ge­fäng­nis war. Statt dort mei­ne Zeit zu ver­lie­ren, hät­te ich drau­ßen wich­ti­ge Din­ge für die Ge­sell­schaft tun kön­nen. Ich ver­miss­te mei­ne Ar­beit. Psy­cho­lo­gisch war das das Haupt­pro­blem. Wie wur­den Sie be­han­delt? Ich hat­te kei­ne erns­ten Pro­ble­me, was die phy­si­sche oder psy­cho­lo­gi­sche Be­hand­lung be­traf. Wär­ter und Ver­wal­tung wa­ren höf­lich. Aber Haft ist Haft. Das Haupt­pro­blem ist, dass man ge­fan­gen ist. Man stellt sich im­mer wie­der die Fra­ge: War­um bin ich hier, war­um hat man mich ver­haf­tet? Ha­ben Sie in die­ser Zeit auch Ih­re Über­zeu­gun­gen in­fra­ge ge­stellt? Nein. Ich ha­be mich nur ge­fragt, ob ich nicht tak­ti­sche Schrit­te hät­te un­ter­neh­men kön­nen, um mei­ne Haft zu ver­hin­dern. Ih­re Un­ter­stüt­zer ha­ben ei­ne in­ter­na­tio­na­le So­li­da­ri­täts­kam­pa­gne or­ga­ni­siert. Ha­ben Sie das im Ge­fäng­nis mit­be­kom­men? Na­tür­lich. Ich schät­ze sehr, was lo­ka­le und in­ter­na­tio­na­le Un­ter­stüt­zer für mich ge­tan ha­ben. Sie ha­ben mir Brie­fe und Bü­cher ge­schickt, Events or­ga­ni­siert, mei­ne Haft in Ge­sprä­chen mit Ent­schei­dungs­trä­gern the­ma­ti­siert. Psy­cho­lo­gisch hat das sehr ge­hol­fen. Hat es zu Ih­rer vor­zei­ti­gen Ent­las­sung bei­ge­tra­gen? Es spiel­te ei­ne Rol­le, ver­mut­lich aber kei­ne zen­tra­le. War­um wur­den Sie ge­ra­de jetzt be­gna­digt? Prä­si­dent Ali­jew reis­te An­fang April in

Am 17. Au­gust 1984

wird Ra­sul Ja­fa­row in Ba­ku ge­bo­ren. Nach der Schu­le be­ginnt er Jus zu stu­die­ren.

Im Jahr 2005

grün­det er mit Freun­den die Ju­gend­grup­pe Me­gam.

Seit 2010

ist er in sei­ner NGO Hu­man Rights Club tä­tig, die mit der Kam­pa­gne „Sing for De­mo­cra­cy“zur Zeit des Song Con­tests in Aser­bai­dschan 2012 für Schlag­zei­len sorgt. Nach Ver­schär­fung des NGO-Ge­set­zes wird dem Hu­man Rights Club die Re­gis­trie­rung ver­wehrt. Ja­fa­row wird 2014 in U-Haft ge­nom­men. Zu die­ser Zeit ar­bei­tet er an ei­ner Lis­te mit den Na­men der po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen im Land. Spä­ter wird er we­gen Ver­un­treu­ung zu sechs­ein­halb Jah­ren Haft ver­ur­teilt.

Am 17. März 2016

be­gna­digt Prä­si­dent Ali­jew 148 Ge­fan­ge­ne, dar­un­ter 14 po­li­ti­sche Häft­lin­ge. Ja­fa­row ist ei­ner von ih­nen. die USA. We­gen der an­ge­spann­ten Wirt­schafts­la­ge ist das Land un­ter Druck und be­nö­tigt gu­te Be­zie­hun­gen zu Welt­bank und Wäh­rungs­fonds, um Kre­di­te zu be­kom­men. Das war der Haupt­grund, war­um er 14 von uns in ei­nem Mo­nat ent­las­sen hat. Es war ein gu­tes Ti­ming für Ali­jew. Füh­len Sie sich in­stru­men­ta­li­siert – als Ob­jekt ei­nes De­als? Mei­ne Po­si­ti­on ist: Al­le po­li­ti­schen Häft­lin­ge soll­ten ent­las­sen wer­den. Mei­ne Frei­las­sung und die an­de­rer sind po­si­tiv, aber nicht ge­nug. Wenn die Re­gie­rung wirk­lich ih­ren Wil­len zur De­mo­kra­ti­sie­rung zei­gen will, soll­te sie al­le ge­hen las­sen – die Jour­na­lis­tin Kha­di­ja Is­mailo­wa und vie­le an­de­re Ak­ti­vis­ten. Ba­ku muss ei­ne At­mo­sphä­re schaf­fen, in der wir un­ab­hän­gig ar­bei­ten kön­nen. Glau­ben Sie, dass Ba­ku über­haupt ge­willt ist, wei­te­re Schrit­te in Rich­tung De­mo­kra­ti­sie­rung zu set­zen? Ich will dar­an glau­ben. Ich bin Op­ti­mist. Die Re­gie­rung soll­te die Wich­tig­keit der Zi­vil­ge­sell­schaft ak­zep­tie­ren und de­mo­kra­ti­sche Re­for­men durch­füh­ren. Die Frei­las­sung von Häft­lin­gen und die Öff­nung von ein paar NGOBank­kon­ten be­deu­ten noch nicht, dass die Zi­vil­ge­sell­schaft frei ar­bei­ten kann. Die re­strik­ti­ve Ge­setz­ge­bung muss ge­än­dert wer­den: Wäh­rend ei­ne Fir­ma in drei Ta­gen er­öff­net wer­den kann, ist die Sa­che für NGOs sehr bü­ro­kra­tisch. Letzt­lich kön­nen die Be­hör­den die Re­gis­trie­rung im­mer wie­der ver­schie­ben. Auch die Ar­beit von aus­län­di­schen Geld­ge­bern soll­te ver­ein­facht wer­den. Wir sind für ei­ne trans­pa­ren­te Ge­setz­ge­bung. Wenn die Re­gie­rung ei­ne Über­sicht über die im Land tä­ti­gen NGOs ha­ben will, kann man das auf an­de­rem We­ge ma­chen – man muss nicht so re­strik­tiv sein. Wie sol­len sich aus­län­di­sche Re­gie­run­gen be­züg­lich der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und die­ser Hür­den für die Zi­vil­ge­sell­schaft ver­hal­ten – mit Mil­de oder mit Stren­ge? Im Mai oder Ju­ni steht ei­ne An­hö­rung von Kha­di­ja Is­mailo­wa vor dem Höchst­ge­richt be­vor. Die gan­ze Welt weiß, das sie ei­ne po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne ist. Soll­te die Re­gie­rung die Chan­ce, sie frei­zu­las­sen, nicht nut­zen, ist die Zeit der sanf­ten Di­plo­ma­tie vor­über. Der Druck soll­te er­höht wer­den – man soll­te Ba­ku mit Sank­tio­nen dro­hen. Das Ge­gen­ar­gu­ment, dass man da­mit Aser­bai­dschan in die Ar­me Russ­lands treibt, hal­te ich für nicht über­zeu­gend. Nie­mand in Mos­kau be­fiehlt Ba­ku, Blog­ger, Op­po­si­tio­nel­le oder Ak­ti­vis­ten zu ver­haf­ten. Das macht Ba­ku selbst. Men­schen­rechts­ar­beit in Aser­bai­dschan ist al­so ei­ne ris­kan­te An­ge­le­gen­heit. Wie und war­um ha­ben Sie da­mit be­gon­nen? Das ist recht zu­fäl­lig pas­siert. Es war 2003, ich war im drit­ten Jahr mei­nes Jus­stu­di­ums. Ein Ver­tre­ter der (FDP­na­hen, Anm.) Fried­rich-Nau­mann-Stif­tung be­such­te un­se­re Uni und lud zu Se­mi­na­ren über Men­schen­rech­te ein. Ich dach­te nicht viel nach und mel­de­te mich. Das Se­mi­nar han­del­te ge­nau von den Din­gen, mit de­nen ich mich jetzt be­schäf­ti­ge: Men­schen­rech­te, de­mo­kra­ti­sche Re­for­men, li­be­ra­le Ge­sell­schafts­ord­nung. 2005 grün­de­te ich mit Freun­den ei­ne Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on, die die Ab­hal­tung frei­er und fai­rer Wah­len for­der­te. Nach der Ar­mee be­gann ich, im In­sti­tut für die Frei­heit und Si­cher­heit von Re­por­tern Pro­jek­te um­zu­set­zen. 2010 grün­de­te ich den Hu­man Rights Club. Seit mehr als zehn Jah­ren bin ich Men­schen­rechts­ak­ti­vist. Sind Sie al­so ein Bei­spiel da­für, war­um die Re­gie­rung aus­län­di­sche Stif­tun­gen für ge­fähr­lich hält? Es kommt dar­auf an, was man un­ter . . . wel­che Be­rufs­wün­sche Sie als Kind hat­ten? Mei­ne Be­rufs­wün­sche als Kind wa­ren weit ent­fernt von Men­schen­rech­ten. Ich woll­te Fuß­ball­spie­ler wer­den, zu Be­ginn mei­nes Stu­di­ums dann An­walt. . . . was Sie als Ers­tes ge­macht ha­ben, nach­dem Sie aus der Haft ent­las­sen wur­den? Ich kam nach Hau­se und ha­be mei­ne Fa­mi­li­en­mit­glie­der ge­trof­fen. Dann ha­be ich en­ge Freun­de und Ver­wand­te an­ge­ru­fen. Und schließ­lich ha­be ich In­ter­views ge­ge­ben. . . . ob Sie es der Staats­füh­rung nach­tra­gen, dass sie fast zwei Jah­re Ih­res Le­bens ge­stoh­len hat? Nein. Na­tür­lich war ich nicht gern in Haft. Aber – wie ich auch frü­her schon ge­sagt ha­be – ich ha­be al­len ver­ge­ben, die in mei­ne Ge­fan­gen­nah­me ver­wi­ckelt wa­ren. ge­fähr­lich ver­steht (lacht). Ich tue mei­ne Ar­beit zum Wohl der Ge­sell­schaft und auch des Staa­tes. Die Re­gie­rung will das Ge­gen­teil be­wei­sen. Aber ich glau­be, un­se­re Ar­gu­men­te sind stär­ker. Ha­ben Sie Vor­bil­der für Ih­re Ar­beit? Als ich be­gann, hat­te ich ei­gent­lich kei­ne. Na­tür­lich hat­te ich in der Uni­ver­si­tät, im Rah­men mei­nes Rechts­stu­di­ums, über Mar­tin Lu­ther King ge­le­sen, über Va­clav´ Ha­vel und Lech Wałe-˛ sa. Ich dach­te mir aber nicht: Jetzt wer­de ich ein neu­er Lech Wałe­sa!˛ Viel­leicht ha­ben mich die­se Per­sön­lich­kei­ten eher in­di­rekt be­ein­flusst. War­um ha­ben Sie über­haupt wei­ter­ge­macht? Ich ha­be ver­stan­den, dass Men­schen­rechts­schutz und Frei­heits­rech­te un­se­re Ge­sell­schaft ver­bes­sern wer­den. Die­se Ar­beit kann Krie­ge ver­hin­dern. In mei­ner Fa­mi­lie ha­be ich ge­lernt, dass es wich­tig ist, an­de­ren zu hel­fen, nicht nur mit Es­sen und Geld, son­dern auch durch den Schutz ih­rer Rech­te. Ha­ben Sie nach Ih­rer Frei­las­sung „Emp­feh­lun­gen“be­kom­men, was Sie tun und las­sen soll­ten? Ich ha­be kei­ne di­rek­ten An­wei­sun­gen be­kom­men. Be­am­te spra­chen öf­ter mit mir, sie sag­ten dann Din­ge wie: „Es wä­re bes­ser, wenn du das nicht ma­chen wür­dest“, „Du bist doch ge­bil­det“, „Es ist nicht zu spät, sich neu zu ori­en­tie­ren“. Es gab im­mer wie­der mal sol­che Ge­sprä­che. Wie geht es wei­ter? Ha­ben Sie vor, in Aser­bai­dschan zu blei­ben und zu ar­bei­ten? Mo­men­tan bin ich im Aus­land in me­di­zi­ni­scher Be­hand­lung. Ich will auf je­den Fall mei­ne Men­schen­rechts­ar­beit in Aser­bai­dschan wei­ter­füh­ren. In der kom­men­den Zeit wer­de ich über­le­gen, wie ich das am bes­ten ma­chen kann.

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Ra­sul Ja­fa­row will wei­ter­hin für Men­schen­rech­te in sei­ner Hei­mat kämp­fen – und sucht nach We­gen da­für.

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