Klei­ne Er­schüt­te­rung der Macht

Der Wie­ner Bür­ger­meis­ter ist zwar in­te­ri­mis­ti­scher SPÖ-Chef, die Kür von Kern hat aber ge­zeigt: Micha­el Häupl hat an Ein­fluss ein­ge­büßt. Auch, weil der 1. Mai nach­wir­ken wird: Par­tei­dis­zi­plin war ges­tern.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON UL­RI­KE WEI­SER

Die Haupt­fi­gur schweigt noch. Kein Wort hat der Kanz­ler in spe zu­letzt öf­fent­lich ge­sagt. Man weiß al­so nicht, was er vor­hat. Nur, was er vor­ha­ben soll­te – näm­lich viel: „Es muss sich et­was ver­än­dern“, schallt es Chris­ti­an Kern ent­ge­gen. Manch­mal klingt es wie ei­ne Dro­hung, manch­mal eu­pho­risch, öf­ter ver­zwei­felt. Im We­sent­li­chen soll Kern al­so kurz ein­mal die (rot-weiß-ro­te) Welt ret­ten, wie es in dem lau­ni­gen Tim-Bendz­ko-Song heißt.

In der gro­ßen Er­war­tung des Kom­men­den lässt sich al­ler­dings leicht über­se­hen, dass sich schon et­was ver­än­dert hat: In den ver­gan­ge­nen Ta­gen gab es in der SPÖ – um noch ei­nen Ab­ste­cher in die Pop­kul­tur zu ma­chen – ei­ne klei­ne „Er­schüt­te­rung der Macht“, die nicht un­mit­tel­bar mit Kern zu tun hat. Spür­bar war sie vor al­lem in Wi­en. Hier wur­de das letz­te Ka­pi­tel der Fay­man­nÄ­ra be­gon­nen. Aber fer­tig ge­schrie­ben ha­ben die Ge­schich­te an­de­re.

Denn der Wie­ner Bür­ger­meis­ter ist zwar der in­te­ri­mis­ti­sche SPÖ-Chef, Kanz­ler­ma­cher ist er aber nicht. Da­für war er zu lang­sam, zu skep­tisch. Der mäch­ti­ge Micha­el Häupl wur­de gleich mehr­fach aus­ge­bremst. Er war in das Tref­fen der Län­der­chefs zur Vor­ver­le­gung des Par­tei­tags (zu­min­dest of­fi­zi­ell) nicht ein­ge­bun­den. Auch bei der Kan­di­da­ten­su­che kam man ihm zu­vor. Ein Bun­des­land nach dem an­de­ren stand für Kern auf – und ließ Wi­en al­lein und zö­gernd in der Ecke ste­hen. Er sei eben Mo­de­ra­tor und nicht Lob­by­ist für ei­nen Kan­di­da­ten ge­we­sen, sagt Häupl. Aber das Ge­rücht, dass er Ger­hard Zei­ler ein­fach nicht durch­brin­gen konn­te, hält sich.

Die­ser hat im Ab­gang Häupl üb­ri­gens kei­nen Freund­schafts­dienst er­wie­sen. Frei­mü­tig schil­der­te Zei­ler, dass es seit ei­nem Jahr ei­ne Art Mas­ter­plan von ihm und Kern ge­ge­ben ha­be, Wer­ner Fay­mann ab­zu­lö­sen. Auch wenn es viel­leicht dick auf­ge­tra­gen war, stellt sich die Fra­ge: Hat Zei­ler Häupl da­von er­zählt? Häupl ver­neint. Was wie­der­um be­deu­tet, dass zu­letzt auf­fal­lend viel in der SPÖ pas­siert, wo­von der frü­he­re Strip­pen­zie­her nichts weiß. Wo­bei das Ge­gen­teil noch un­an­ge­neh­mer wä­re. Hät­te Häupl da­von ge­wusst, stün­de er nun als ei­ner da, der, wäh­rend er of­fi­zi­ell für sei­nen Par­tei­ob­mann ein­tritt, hin­ten­rum die Mes­ser wetzt. Das kä­me in den ehe­ma­li­gen Pro-Fay­mann-Be­zir­ken in Wi­en schlecht an.

Dort ist es oh­ne­hin schon un­ge­müt­lich. In der Wie­ner SPÖ tobt ein bein­har­ter Macht­kampf, der auch nicht en­det, soll­te Son­ja Weh­se­ly, streit­ba­re Ver­tre­te­rin des lin­ken Flü­gels, in den Bund wech­seln. Mit Schmäh ist die­se Par­tei nicht mehr zu re­gie­ren. Auch, weil der 1. Mai mit sei­nen Pfeif­kon­zer­ten für die Ba­sis ei­ne ein­drück­li­che Lek­ti­on war: Sie hat Macht, wenn sie will. Häupl, aber auch Kern wer­den das im Hin­ter­kopf be­hal­ten müs­sen.

Dort sitzt auch die lei­di­ge FPÖ-Fra­ge, der gro­ße blaue Ele­fant. Na­tür­lich ha­ben al­le recht, die sa­gen, dass es jetzt um Wich­ti­ge­res – von Wirtschaft bis Bil­dung – ge­he. Aber die SPÖ hat sich die­se Fi­xie­rung selbst zu­zu­schrei­ben. Wer gan­ze Wahl­kämp­fe auf der Ab­gren­zung zur FPÖ auf­baut, kann nach­her bei dem The­ma nicht läs­sig ab­win­ken. Stil­fra­ge. Tat­säch­lich wur­de dem neu­en Chef schon ein Weg vor­ge­zeich­net. Statt ei­nes prin­zi­pi­el­len Neins zur FPÖ soll es ei­nen Kri­te­ri­en­ka­ta­log für die Zu­sam­men­ar­beit mit al­len Par­tei­en ge­ben. Ob die Kri­te­ri­en eher ei­ne An­nä­he­rung auf Ra­ten zur FPÖ be­deu­ten oder bloß das „al­te Nein“in neu­er Ver­pa­ckung sind, wer­den aber erst die De­tails zei­gen. Bis da­hin, al­so bis zum Par­tei­tag, ist aber noch Zeit. Die man mit Läs­sig­keit gut über­brü­cken kann, wie Zei­ler ge­zeigt hat. Er de­mons­trier­te in der „ZiB 2“, wie man al­te Glau­bens­sät­ze stil­si­cher zu Gr­a­be trägt. Über die FPÖ sag­te er: Dass man kei­ne Par­tei aus­schlie­ße, sei doch „das Na­tür­lichs­te der Welt“. Nicht die SPÖ müs­se sich öff­nen, son­dern die FPÖ än­dern. Da­für gab es Ap­plaus. Dass bei­des letzt­lich aufs Glei­che raus­kom­men könn­te, küm­mert of­fen­bar nicht. Vo­r­erst. Aber bald muss die SPÖ, muss Kern hier Far­be be­ken­nen. Weltret­tung hin oder her.

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