ZUR PER­SON

Die Presse am Sonntag - - Inland -

Vor­stand, den Be­ginn der Li­be­ra­li­sie­rung des Markts und die dar­aus re­sul­tie­ren­den Chan­cen er­kann­te er schnel­ler als an­de­re. Als er dann spä­ter zu den ÖBB wech­sel­te, be­gan­nen lang­sam wie­der schwie­ri­ge­re Zei­ten für die Ener­gie­bran­che. Bö­se Ver­lus­te bei Aus­lands­aben­teu­ern, die Kern beim Ver­bund einst mit­ent­schie­den hat­te, wur­den spä­ter schla­gend. ÖVP-Klub­chef Rein­hold Lo­pat­ka, der Kern seit Jah­ren als An­ti-ÖBB-Aya­tol­lah ver­folgt, er­zählt dies im­mer wie­der ge­nüss­lich. Ve­rän­de­run­gen als ÖBB-Chef. In den Bun­des­bah­nen ver­än­der­te Kern viel. Er mo­der­ni­sier­te Bahn und Un­ter­neh­men, bau­te Per­so­nal und Struk­tu­ren ab. Steu­er­geld fließt aber wei­ter in Mil­li­ar­den­hö­he für In­fra­struk­tur, Pen­sio­nen und als Ab­gel­tung für Frei­fahr­ten. Zu­letzt, sa­gen Ex­per­ten, sei der Re­form­ei­fer Kerns ge­gen­über der mäch­ti­gen Ei­sen­bah­ner-Ge­werk­schaft nicht mehr ganz so groß ge­we­sen wie zu Be­ginn. Ob dies im Zu­sam­men­hang mit den Kanz­le­r­am­bi­tio­nen stand? Man weiß es nicht. So viel wie er hat kei­ner vor ihm ge­tan. Ju­gend­sün­den. Na­tür­lich gibt es auch die be­rühmt-be­rüch­tig­ten Ju­gend­sün­den, die die­ser Tage er­zählt wer­den: dass er, wäh­rend an­de­re im Ver­band So­zia­lis­ti­scher Stu­den­ten de­mons­trier­ten, lie­ber mit dem Ver­spre­chen „Mit­spra­che­recht für al­le“und schö­nem Por­trät­fo­to in den Wahl­kampf zog und für die Frak­ti­ons­zei­tung „Rot­press“den Chef­re­dak­teur gab. Kern er­zählt gern, dass er als Stu­dent Che Gue­va­ra zwar las, aber Gün­ther Nen­nings ver­gleichs­wei­se bra­ve Buch „Rea­lis­ten oder Ver­rä­ter? Die Zu­kunft der So­zi­al­de­mo­kra­tie“als po­li­ti­sches Schlüs­sel­werk emp­fand.

In ei­nem In­ter­view mit „Da­tum“sag­te Kern, dass ihm Stil wich­tig sei und er „cho­le­ri­sche An­fäl­le zu­tiefst ver­ach­tet“. Un­an­ge­nehm kann er auch mit lei­ser Stim­me wer­den, wenn er Mit­ar­bei­ter mit Kom­pe­tenz­po­ten­zi­al nach oben mit rhe­to­ri­scher Über­le­gen­heit zum Ver­stum­men bringt. Kern, der in Patch­work-For­ma­ti­on lebt und in Wi­en Neu­bau in den Ge­nuss ei­nes grü­nen Be­zirks­vor­ste­hers kommt, kennt Gott und die Welt, wie man es frü­her for­mu­lier­te, wenn man „gro­ßes Netz­werk“mein­te. Al­lein die SPÖ-in­ter­nen Fay­mann-Fein­de rei­chen zah- len­mä­ßig schon für ei­nen Schwei­zer­haus-Abend. An­ge­fan­gen von Andre­as Schie­der bis zu ORF-Ge­ne­ral­di­rek­tor Alex­an­der Wra­betz. Auf dem Fuß­ball­platz kann Kern auch wei­te­re (Per­so­nal-)Pro­ble­me lö­sen: Er sitzt im Ku­ra­to­ri­um des Fuß­ball­clubs Aus­tria. Der Vor­sit­zen­de des Gre­mi­ums heißt Micha­el Häupl, sein Stell­ver­tre­ter Hans Niessl, der Ver­eins­prä­si­dent Wolf­gang Kat­zi­an.

Kerns Netz ist auch au­ßer­halb der SPÖ breit und dicht ge­wo­ben. Er ver­kehrt mit vie­len Kol­le­gen aus der Wirtschaft, schätzt die Me­dien­bran­che. Jour­na­lis­ten ruft er auch ein­mal an, wenn ihn et­was stört. Span­nend wird, ob er den ver­zwei­fel­ten Lock­an­ge­bo­ten des Bou­le­vards, wie sein Vor­gän­ger Wer­ner Fay­mann, folgt oder nicht.

Oft wird vom Bou­le­vard der mo­di­sche Ge­schmack des neu­en Kanz­lers und SPÖ-Bun­des­vor­sit­zen­den the­ma­ti­siert: In Ita­li­en oder Frank­reich wä­ren sei­ne gu­ten An­zü­ge kei­nen Halb­satz Wert, in Ös­ter­reich gel­ten Män­ner mit In­ter­es­se für Mo­de im­mer als ein we­nig exo­tisch.

Al­f­red Gu­sen­bau­er, selbst Fay­mann-Op­fer und de­kla­rier­ter KernF­reund, mein­te einst: In den ers­ten bei­den Mo­na­ten müs­se man als Par­tei­chef al­le wich­ti­gen Pf­lö­cke ein­schla­gen. Per­so­nell wie struk­tu­rell und fi­nan­zi­ell. Al­so noch vor dem Som­mer.

1966.

Chris­ti­an Kern wird am 4. Jän­ner als Sohn ei­ner Se­kre­tä­rin und ei­nes Elek­tro­in­stal­la­teurs im Wie­ner Ar­bei­ter­be­zirk Sim­me­ring ge­bo­ren.

1989.

Kar­rie­re­start als Wirt­schafts­jour­na­list.

1991.

As­sis­tent des Staats­se­kre­tärs Peter Ko­s­tel­ka in der Re­gie­rung Vra­nitz­ky.

1997.

Wech­sel zum Strom­kon­zern Ver­bund, 2007 steigt er zum Vor­stand auf.

2010.

Kern wech­selt und wird ÖBB-Chef.

2016.

Nach dem Rück­tritt von Wer­ner Fay­mann wird Kern am Di­ens­tag als Kanz­ler an­ge­lobt, am 25. Ju­ni wird er of­fi­zi­ell SPÖBun­des­par­tei­chef.

Che Gue­va­ra ge­le­sen, aber Gün­ther Nen­nings Schlüs­sel­werk war wich­ti­ger.

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