Letz­te Hoff­nung für Li­by­en

Fünf Jah­re nach dem Auf­stand ge­gen Dik­ta­tor Gad­da­fi ist Li­by­en von in­ter­nen Macht­kämp­fen schwer ge­zeich­net. Die Öl­pro­duk­ti­on ist ge­schrumpft, die Ex­tre­mis­ten des IS brei­ten sich aus. Nun soll ei­ne neue Ein­heits­re­gie­rung das Ru­der her­um­rei­ßen. In Wi­en wird

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON MAR­TIN GEHLEN (KAI­RO), SU­SAN­NA BASTAROLI UND WIE­LAND SCHNEIDER

Es ist ei­ner der wei­tes­ten Vor­stö­ße in Rich­tung Wes­ten, der dem li­by­schen Ab­le­ger der Ex­tre­mis­ten­or­ga­ni­sa­ti­on ge­lun­gen ist: Kämpfer des so­ge­nann­ten Is­la­mi­schen Staats (IS) sind bis in die Stadt Abu Grain vor­ge­rückt, die auf hal­bem Weg zwi­schen der IS-Hoch­burg Sir­te und der wich­ti­gen Ha­fen­stadt Mis­ra­ta liegt. Mi­li­zen aus Mis­ra­ta lie­fern dem IS seit Ta­gen in Abu Grain Ge­fech­te. Sie ver­su­chen, ei­nen wei­te­ren Vor­marsch der Ex­tre­mis­ten zu ver­hin­dern. In sei­nen Stamm­ge­bie­ten in Sy­ri­en und im Irak ist der IS längst in der De­fen­si­ve. Er hat dort in den ver­gan­ge­nen ein­ein­halb Jah­ren wei­te Ter­ri­to­ri­en ver­lo­ren. Die IS-Füh­rung scheint sich im­mer mehr un­ter Druck zu füh­len. Sie ha­be, wie ein ho­her US-Mi­li­tär am Sams­tag be­rich­te­te, über ih­re sy­ri­sche „Haupt­stadt“Raqqa den Aus­nah­me­zu­stand ver­hängt.

Mit den Nie­der­la­gen in Sy­ri­en und im Irak wird je­doch Li­by­en zu ei­ner im­mer wich­ti­ge­ren Ba­sis des IS. Fünf Jah­re nach dem Auf­stand ge­gen den frü­he­ren Dik­ta­tor Mu­am­mar al-Gad­da­fi ist das nord­afri­ka­ni­sche Land von in­ter­nen Macht­kämp­fen schwer ge­zeich­net. Die­ses Cha­os nützt dem IS. Um Sir­te her­um kon­trol­liert er mit 6000 Kämp­fern ei­nen 300 Ki­lo­me­ter lan­gen Küs­ten­strei­fen. Laut UN-Er­kennt­nis­sen sto­ßen die Ex­tre­mis­ten in­zwi­schen auch nach Sü­den in Rich­tung Ni­ger und Tschad vor. Die Aus­brei­tung des IS in Li­by­en wird auf der an­de­ren Seite des Mit­tel­meers in Eu­ro­pa – vor al­lem in Ita­li­en – mit Sor­ge ge­se­hen. Zu­letzt wur­de so­gar ein in­ter­na­tio­na­ler Kampf­ein­satz ge­gen den IS in dem nord­afri­ka­ni­schen Land de­bat­tiert. Per Schiff nach Tri­po­lis. Die pre­kä­re Si­tua­ti­on in Li­by­en ge­hört ne­ben der La­ge in Sy­ri­en zu den wich­tigs­ten The­men, über die in den kom­men­den Ta­gen bei ei­ner in­ter­na­tio­na­len Groß­kon­fe­renz in Wi­en be­ra­ten wird. Auf Be­trei­ben der Au­ßen­mi­nis­ter der USA und Russ­lands, John Ker­ry und Ser­gej La­w­row, sol­len Spit­zen­po­li­ti­ker aus mehr als 20 Staa­ten in der ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­haupt­stadt zu­sam­men­tref­fen, dar­un­ter auch die Au­ßen­mi­nis­ter der ver­fein­de­ten Re­gio­nal­mäch­te Iran und Sau­di­ara­bi­en.

Am Mon­tag geht es bei den Be­ra­tun­gen in Wi­en dar­um, wie der neu­en li­by­schen Re­gie­rung der Na­tio­na­len Ein­heit un­ter die Ar­me ge­grif­fen wer­den kann, um das Land zu sta­bi­li­sie­ren. Die Ein­heits­re­gie­rung ist un­ter UN-Ver­mitt­lung ins Le­ben ge­ru­fen wor­den. Ihr Mi­nis­ter­prä­si­dent, Fay­ez al-Sar­raj, traf En­de März in ei­ner Über­ra­schungs­ak­ti­on von Tu­ne­si­en aus per Schiff auf ei­nem schwer be­wach­ten Ma­ri­ne­stütz­punkt in Li­by­ens Haupt­stadt Tri­po­lis ein. Seit­her mü­hen sich der ge­lern­te Ar­chi­tekt und sein Mi­nis­ter­ka­bi­nett, in Li­by­en das Ru­der in die Hand zu be­kom­men und die bei­den bis­he­ri­gen Re­gie­run­gen in Tri­po­lis und To­bruk zum Auf­ge­ben zu zwin­gen.

Als wich­tigs­ten Er­folg konn­te die neue Füh­rung ver­bu­chen, dass die Chefs von Zen­tral­bank, Na­tio­na­ler Öl­ver­wal­tung und zen­tra­ler In­ves­ti­ti­ons­be­hör­de ihr die Ge­folg­schaft er­klär­ten. Die­se drei In­sti­tu­tio­nen ver­fü­gen über den Zu­griff auf al­le Staats­fi­nan­zen. Sie zah­len die Ge­häl­ter sämt­li­cher Mi­li­zen und der ver­blie­be­nen Staats­be­diens­te­ten – und spie­len da­her im Po­ker um die künf­ti­ge Kon­trol­le über den Pos­tG­ad­da­fi-Staat ei­ne zen­tra­le Rol­le. Ge­gen­re­gie­rung in To­bruk. Die bis­he­ri­ge Re­gie­rung im ost­li­by­schen To­bruk wei­gert sich bis­her aber be­harr­lich, das neue Ein­heits­ka­bi­nett von Pre­mier Sar­raj an­zu­er­ken­nen. Und auch die seit 2014 am­tie­ren­de, is­la­mis­tisch ge­präg­te Re­gie­rung in Tri­po­lis tut dies bes­ten­falls halb­her­zig. Sie ist nach wie vor nicht ein­deu­tig zu­rück­ge­tre­ten. Nur ein paar klei­ne­re Mi­nis­te­ri­en in Tri­po­lis fie­len un­ter die Kon­trol­le der Ein­heits­re­gie­rung. Und so be­leg­ten USA und EU kürz­lich die Blo­ckie­rer mit Sank­tio­nen. „Wer den Frie­dens­pro­zess ka­putt macht, der wird zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen“, warn­te auch UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ban Ki-moon. De­mo­ti­vier­te Po­li­zei. Gleich­zei­tig stell­te die UNO der neu­en Ein­heits­re­gie­rung in Aus­sicht, die seit fünf Jah­ren ein­ge­fro­re­nen 60 Mil­li­ar­den Eu­ro aus dem li­by­schen Staats­fonds frei­zu­ge­ben. Mit die­sen Rück­la­gen muss der Staat prak­tisch von Grund auf neu auf­ge­baut wer­den. Ar­mee und Küs­ten­wa­che exis­tie­ren nicht, die Po­li­zei ist de­mo­ti­viert und kor­rupt.

Um ei­ne Frei­ga­be des seit der Na­to-In­ter­ven­ti­on 2011 ein­ge­fro­re­nen li­by­schen Ei­gen­tums wird es auch nun bei den Be­ra­tun­gen in Wi­en ge­hen. Zu­dem soll das seit 2011 gel­ten­de UNWaf­fen­em­bar­go ge­gen Li­by­en teil­wei­se auf­ge­ho­ben wer­den. Wie „Die Pres­se“er­fah­ren hat, wird am Mon­tag über ei­ne „ge­ziel­te Teil­auf­he­bung“be­ra­ten. Da­durch soll Sar­ra­js Füh­rung im­stan­de sein, sich oh­ne in­ter­na­tio­na­le Un­ter­stüt­zung zu ver­tei­di­gen und ge­gen den IS zu kämp­fen. Rom und Wa­shing­ton, zen­tra­le Play­er in der Be­frie­di­gung Li­by­ens, un­ter­stütz­ten die­sen Plan, der auch grü­nes Licht aus Kai­ro hät­te.

Pre­mier Sar­raj hat erst vor Kur­zem die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft auf­ge­for­dert, das Em­bar­go zu be­en­den. „Es hat kei­nen Sinn, dass die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft un­se­ren An­ti-Ter­ror-Krieg un­ter­stützt, uns aber gleich­zei­tig ver­bie­tet, uns zu be­waff­nen.“

Das Waf­fen­em­bar­go und auch das Ein­frie­ren der li­by­schen Fi­nan­zen sind Re­lik­te aus dem Kampf der Na­to ge­gen Ex-Macht­ha­ber Gad­da­fi. Nach den Re­vo­lu­tio­nen in Tu­ne­si­en und Ägyp­ten brach An­fang 2011 auch in Li­by­en ein Auf­stand ge­gen das Re­gime los. Die Herr­schen­den in Tri­po­lis ver­such­ten von An­fang an, die Stra­ßen­pro­tes­te mit Ge­walt zu un­ter­drü­cken. Und auch die Auf­stän­di­schen vor al­lem im Os­ten des Lan­des grif­fen eben­falls rasch zu den Waf­fen. Als die Trup­pen Gad­da­fis im März 2011 kurz da­vor stan­den, die Re­bel­len­hoch­burg Ben­gasi ein­zu­neh­men, star­te­te die Na­to Luft­an­grif­fe zur Un­ter­stüt­zung des Auf­stands.

Im Ok­to­ber 2011 wur­de Gad­da­fi in sei­nem letz­ten Rück­zugs­ort Sir­te von Re­bel­len ge­fan­gen ge­nom­men, miss­han­delt und um­ge­bracht. Nach dem Sturz des Re­gimes ran­gen zahl­rei­che Mi­li­zen und ein­fluss­rei­che Städ­te wie Mis­ra­ta und Zin­tan um die Macht im Land. Die Span­nun­gen führ­ten im Ju­li 2014 zu ei­nem of­fe­nen mi­li­tä­ri­schen Kon­flikt, in dem auch um die Kon­trol­le von Tri­po­lis ge­kämpft wur­de.

»Es wird uns nicht er­laubt, uns zu be­waff­nen. Das hat kei­nen Sinn.«

Der mäch­ti­ge Ge­ne­ral Haftar. Ei­ne der ein­fluss­reichs­ten Fi­gu­ren im Kampf um die Macht ist Ge­ne­ral Kha­li­fa Haftar. Er kon­trol­liert die Streit­kräf­te im Os­ten des Lan­des und ist im­mer wie­der ge­gen die bis­he­ri­ge is­la­mis­tisch ge­präg­te Re­gie­rung in Tri­po­lis und die mit ihr ver­bün­de­ten Mi­li­zen aus Mis­ra­ta vor­ge­gan­gen. Haft­ars künf­ti­ge Rol­le ist laut In­for­ma­tio­nen der „Pres­se“auch ein zen­tra­ler Dis­kus­si­ons­punkt bei den Ge­sprä­chen in Wi­en.

Haftar soll da­zu ge­drängt wer­den, die Ein­heits­re­gie­rung an­zu­er­ken­nen. Da­für soll ihm in ihr „ei­ne zen­tra­le Po­si­ti­on“zu­ge­si­chert wer­den, so die For­de­rung meh­re­rer west­li­cher Re­gie­run­gen, dar­un­ter der Ita­li­ens. Haftar spielt ei­ne ge­wich­ti­ge Rol­le im Kampf ge­gen den IS und an­de­re ji­ha­dis­ti­sche Grup­pen. Zu­gleich strebt er mit­hil­fe der Re­gie­rung des Nach­bar­lands Ägyp­ten nach mehr politischer Macht.

Das Rin­gen zwi­schen den ver­schie­den Play­ern und das Si­cher­heits­va­ku-

Reu­ters

Li­by­en 2016. Das Land lei­det un­ter den Fol­gen ei­nes jah­re­lan­gen Macht­kamp­fes zwi­schen ver­fein­de­ten Mi­li­zen.

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