Vor­beu­gen statt be­han­deln

Die Presse am Sonntag - - Ausland -

Wenn Ma­rio Schalk Ver­mu­tun­gen hört, in der hei­mi­schen Vieh­zucht wä­re der Ein­satz von Hor­mo­nen, An­ti­bio­ti­ka oder an­de­ren Me­di­ka­men­ten All­tag, är­gert sich der sonst sehr ru­hi­ge Stei­rer ziem­lich. Der Grund: Schalk ist Be­treu­ungs­tier­arzt im Tier­ge­sund­heits­dienst Stei­er­mark und kennt in die­ser Funk­ti­on Schwei­ne­hal­ter und ih­re Ar­beit ge­nau. „Wir be­trei­ben ge­mein­sam mit den Land­wir­ten be­trächt­li­chen Auf­wand, um die Tie­re durch die vor­beu­gen­den Maß­nah­men ge­sund zu er­hal­ten, denn wir wol­len mög­lichst we­nig Arz­nei­mit­tel ein­set­zen“, er­läu­tert er. Das Ziel liegt nicht nur in Kos­ten­ein­spa­run­gen be­grün­det, er­klärt Schalk wei­ter: „Wir wis­sen heu­te, dass sich ge­sun­de Tie­re op­ti­mal ent­wi­ckeln und bes­te Leis­tung er­brin­gen, und das ist das obers­te In­ter­es­se des Land­wirts.“

Bes­tens Be­scheid wis­sen

Da­mit die Tie­re ge­sund blei­ben, kommt der Ve­te­ri­när im Rah­men des Tier­ge­sund­heits­diens­tes al­le drei Wo­chen auf den Hof. Zum Bei­spiel zu Anton und Ka­rin Prödl im süd­stei­ri­schen Kirch­bach, ein Be­trieb, der von der AMA kon­trol­liert wird. Seit 1820 be­fin­det sich die Land­wirt­schaft im Fa­mi­li­en­be­sitz. Drei Eber, 200 Mut­ter­tie­re und rund 1600 Fer­kel le­ben hier. Man be­treibt Kreis­lauf­wirt­schaft, das Fut­ter stammt groß­teils vom ei­ge­nen Acker. Für Schalk ist der Prödl’sche Hof ein Mus­ter­be­trieb.

Ma­rio Schalk geht ge­mein­sam mit Anton Prödl durch die Stal­lun­gen, aus­führ­lich be­spre­chen sie, wie es den Tie­ren geht und ob es Auf­fäl­lig­kei­ten gab. Land­wirt Prödl ist er­fah­re­ner Schwei­ne­züch­ter, hält sich tag­täg­lich ei­ni­ge St­un­den im Stall auf und be­ob­ach­tet die Tie­re ge­nau. Der Tier­arzt zählt auf die­ses Wis­sen: „Die Bau­ern sind Spe­zia­lis­ten, sie wis­sen über das Be­fin­den ih­rer Tie­re bes­tens Be­scheid.“Be­reits aus sol­chen Ge­sprä­chen las­sen sich vie­le Maß­nah­men ab­lei­ten, die für op­ti­ma­les Wohl­be­fin­den der Schwei­ne sor­gen und Er­kran­kun­gen vor­beu­gen.

Ei­ne wich­ti­ge Tä­tig­keit bei den re­gel­mä­ßi­gen Be­su­chen von Tier­arzt Schalk sind Träch­tig­keits­un­ter­su­chun­gen der Sau­en: „Mit ei­nem Ul­tra­schall­ge­rät kön­nen wir prü­fen, ob die Sau­en träch­tig sind“. Die Träch­tig­keit er­laubt Rück­schlüs­se auf die Ge­sund­heit der Mut­ter­tie­re: „Zehn Pro­zent nicht träch­ti­ge Sau­en sind ein Alarm­zei­chen, dass et­was nicht stimmt“be­rich­tet Prödl. Ge­mein­sam mit dem Tier­arzt wird in sol­chen Fäl­len nach den Ur­sa- chen ge­sucht, um ge­zielt Ab­hil­fe zu schaf­fen. Das kön­nen Maß­nah­men wie die Op­ti­mie­rung der Lüf­tung oder der Füt­te­rung sein. Tier­arzt Schalk hat auch ei­ne Aus­bil­dung in Ho­möo­pa­thie und setzt oft auf die­se The­ra­pie. Eben­so wer­den Na­tur­heil­mit­tel ge­nützt, wie et­wa Kren bei Atem­weg­sin­fek­tio­nen.

Nicht im­mer kann auf Phar­ma­zeu­ti­ka ver­zich­tet wer­den: „Manch­mal sind Me­di­ka­men­te un­um­gäng­lich“, so der Tier­arzt. Et­wa, wenn Fer­kel Durch­fall ha­ben. Je­doch wer­den so­fort Maß­nah­men wie Mut­ter­schutz­imp­fun­gen ge­setzt, um Fer­kel über das Ko­lo­s­trum mit An­ti­kör­per zu ver­sor­gen. Wei­ters wer­den Tem­pe­ra­tur- und Fut­ter op­ti­miert, um Ge­s­äu­ge­ent­zün­dun­gen der Mut­ter­sau vor­zu­beu­gen. „Die Fer­kel be­kom­men sonst zu we­nig Milch, des­halb feh­len wich­ti­ge Stof­fe für den Auf­bau des Im­mun­sys­tems“, er­klärt Prödl. Ei­ne The­ra­pie der Zucht­sau mit ei­nem ent­zün­dungs­hem­men­den Mit­tel bringt meist Bes­se­rung. Mit­un­ter müs­sen die Fer­kel bei Durch- fall aber auch mit An­ti­bio­ti­ka be­han­delt wer­den, er­läu­tert der Tier­arzt: „Ich kann die Tie­re ja nicht ver­en­den las­sen.“Der Ein­satz der Me­di­ka­men­te er­folgt ge­zielt. Um nicht durch Ab­ga­be ei­nes Breit­ban­dan­ti­bio­ti­kums qua­si mit Ka­no­nen auf Spat­zen zu schie­ßen, wird mit Aus­nah­me von Not­fäl­len ein hof­spe­zi­fi­sches An­ti­bio­gramm er­stellt. So wer­den nur je­ne An­ti­bio­ti­ka ein­ge­setzt, die tat­säch­lich die die Krank­heit ver­ur­sa­chen­den Kei­me be­kämp­fen.

Pe­ni­bel do­ku­men­tiert

Me­di­ka­men­ten­ein­sät­ze und Be­hand­lun­gen wer­den über­dies pe­ni­bel do­ku­men­tiert. Der Tier­arzt re­gis­triert die Ab­ga­be der Prä­pa­ra­te und führt den Land­wirt mit­tels Ar­beits­an­wei­sun­gen in die Be­hand­lung ein. Der Land­wirt er­hält ei­nen Ab­ga­be­be­leg, auf dem al­le not­wen­di­gen De­tails ste­hen. Auch die so­ge­nann­te War­te­zeit, die fest­legt, in­ner­halb wel­cher Zeit nach ei­ner Me­di­ka­men­ten­ga­be die Tie­re nicht ver­kauft be­zie­hungs­wei- se ge­schlach­tet wer­den dür­fen, ist hier fest­ge­hal­ten. Die Auf­zeich­nun­gen müs­sen ar­chi­viert wer­den, da­mit sind sämt­li­che Be­hand­lun­gen nach­voll­zieh­bar. Ne­ben dem Be­treu­ungs­tier­arzt über­wa­chen Amt­s­tier­arzt und Kon­trol­leu­re der AMA Me­di­ka­men­ten­ein­satz und Do­ku­men­ta­ti­on. Das Ziel al­ler Maß­nah­men des Tier­ge­sund­heits­diens­tes: ge­sun­de Tie­re, die si­cher­stel­len, dass im Le­bens­mit­tel Fleisch kei­ner­lei Rück­stän­de von even­tu­ell ver­wen­de­ten Me­di­ka­men­ten vor­han­den sind. Das will auch Land­wirt Prödl. Schließ­lich möch­ten er und sei­ne Fa­mi­lie Schnit­zel, Schweins­bra­ten und Schin­ken aus der ei­ge­nen Pro­duk­ti­on oh­ne Be­den­ken ge­nie­ßen. Und au­ßer­dem will er die Zu­kunft des Be­trie­bes für sei­nen 26-jäh­ri­gen Sohn si­chern, der auf dem Hof mit­ar­bei­tet. Und Prödl weiß: Lang­fris­ti­ger Er­folg ei­nes nach in­ter­na­tio­na­len Maß­stä­ben klei­nen ös­ter­rei­chi­schen Fa­mi­li­en­be­trie­bes ist nur dann ge­ge­ben, wenn Fleisch höchs­ter Qua­li­tät pro­du­ziert wird. Jo­sef Ko­wald, Ob­mann des stei­ri­schen Tier­ge­sund­heits­diens­tes: Auf je­den Fall, wenn Sie Fleisch mit AMA-Gü­te­sie­gel kau­fen. Wir ha­ben in Ös­ter­reich ei­nen Tier­ge­sund­heits­dienst. Im Rah­men des­sen be­su­chen Tier­ärz­te in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den die Hal­ter von Schwei­nen, Rin­dern, Zie­gen, Dam­wild und Ge­flü­gel. Ge­mein­sam mit dem Land­wirt wer­den spe­zi­el­le Pro­gram­me aus­ge­ar­bei­tet, um Krank­hei­ten gar nicht auf­kom­men zu las­sen und die Tie­re da­mit mög­lichst oh­ne Ein­satz von Me­di­ka­men­ten ge­sund zu er­hal­ten. Be­son­de­re Schwer­punk­te lie­gen in der Hy­gie­ne, Sau­ber­keit und an­de­ren vor­beu­gen­den Maß­nah­men. Falls doch ei­ne Be­hand­lung mit Me­di­ka­men­ten not­wen­dig ist, wird je­der Ein­satz ge­nau do­ku­men­tiert, um ei­ne Nach­voll­zieh­bar­keit zu ge­währ­leis­ten. In Ab­stim­mung mit dem Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um und den Ve­te­ri­när­be­hör­den gibt es zu­sätz­li­che Kon­trol­len bei Land­wir­ten und Tier­ärz­ten. Dar­über hin­aus wer­den durch die AMA noch stren­ge Kon­trol­len durch­ge­führt. Ko­wald: Fakt ist, dass wir ei­nes der strengs­ten Tier­schutz­ge­set­ze welt­weit ha­ben. Un­se­re Tier­hal­ter sind meist mitt­le­re und klei­ne­re bäu­er­li­che Fa­mi­li­en­be­trie­be. Sie wis­sen, dass sie nur mit al­ler­ers­ter Qua­li­tät Chan­cen ha­ben, wett­be­werbs­fä­hig ge­gen­über aus­län­di­schen Groß­be­trie­ben mit dem fünf- oder zehn­fa­chen Vieh­be­stand zu blei­ben. Des­halb un­ter­stüt­zen die Bau­ern al­le Be­stre­bun­gen, die das Ver­trau­en der Kon­su­men­ten in ih­re Pro­duk­te stär­ken und ha­ben frei­wil­lig von sich aus den Auf­bau sol­cher Sys­te­me ge­för­dert. Lei­der wer­den die­se An­stren­gun­gen oft nicht ent­spre­chend be­zahlt. Ko­wald: Mit Si­cher­heit be­tref­fen sol­che Ge­rüch­te nicht Fleisch aus Ös­ter­reich, da seit mehr als zehn Jah­ren an­ti­bio­ti­sche Leis­tungs­för­de­rer ver­bo­ten sind. Wer Schnit­zel, Schweins­bra­ten, Steak oder Ta­fel­spitz mit Freu­de und oh­ne Be­den­ken ge­nie­ßen möch­te, soll­te beim Ein­kauf des­halb auf das AMA-Gü­te­sie­gel ach­ten. Das gibt Si­cher­heit, dass das Fleisch von Tie­ren stammt, die in Ös­ter­reich ge­bo­ren, auf­ge­wach­sen und ge­schlach­tet wur­den und dass in der ge­sam­ten Ket­te Vor­schrif­ten be­züg­lich Tier­ge­sund­heit, Tier­schutz und Le­bens­mit­tel­qua­li­tät ein­ge­hal­ten wur­den.

Land­wirt Anton Prödl und Tier­arzt Ma­rio Schalk in den Stal­lun­gen des süd­stei­ri­schen Schwei­ne­zuch­be­trie­bes.

[FO­TOS: DIMO DIMOV]

Ei­ne wich­ti­ge Tä­tig­keit bei den re­gel­mä­ßi­gen Be­su­chen vom Tier­arzt sind un­ter an­de­rem die Träch­tig­keits­un­ter­su­chun­gen der Sau­en.

Je­de Art von Me­di­ka­men­ten­ga­be wird ge­nau do­ku­men­tiert. Kann man sich in Ös­ter­reich dar­auf ver­las­sen, dass im Fleisch kei­ne Rück­stän­de von An­ti­bio­ti­ka oder Hor­mo­nen zu fin­den sind?

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