Der Ro­sen­krieg der Ma­fia in Wi­ens Nacht­lo­ka­len

In den Wie­ner Clubs hat die Ma­fia ein lu­kra­ti­ves Ge­schäft hoch­ge­zo­gen: Das Re­per­toire reicht vom Ro­sen­ver­kauf und Dro­gen­han­del über ein­ge­schleus­tes Per­so­nal bis hin zu Schmier­geld- und Schutz­geld­zah­lun­gen. Wer wo wel­che Vier­tel re­giert, kann auf dem Stadt

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON AN­NA THALHAMMER

Ei­ne Rose für die Da­me?“, fragt ein Ver­käu­fer ein eng um­schlun­ge­nes Paar in ei­nem gro­ßen Wie­ner Club im ers­ten Be­zirk in Wi­en. Dies­mal hat er Glück: Der Mann kauft ihm ei­ne Blu­me für sie­ben Eu­ro ab. Ei­ne Frau kas­siert an der Tür Ein­tritt, sie lä­chelt dem Ver­käu­fer zu. Die bei­den ken­nen sich gut, denn er kommt je­den Abend in das Lo­kal. Er schenkt ihr ei­ne Rose.

Hin­ter die­ser harm­los-freund­li­chen Ges­te ver­steckt sich ei­ne frucht­ba­re Ge­schäfts­be­zie­hung. Al­ler­dings kei­ne le­ga­le. Denn wer an der Tür ei­nes Clubs steht, der wacht nicht nur über die Gäs­te, son­dern auch über die Ge­schäf­te. Wer drin­nen Geld ma­chen will, muss drau­ßen an ih­nen vor­bei – und das kos­tet. Nicht sel­ten sind Tür­ste­her Dreh- und An­gel­punk­te der Ge­schäf­te der Wie­ner Ma­fia, die in Wie­ner Clubs Geld ver­die­nen will.

Der Ro­sen­ver­kauf ist da­bei nur ein klei­ner Teil ei­nes grö­ße­ren Ge­schäfts­mo­dells. „Das Re­per­toire reicht von Dro­gen­han­del, Zins­wu­cher und Kör­per­ver­let­zun­gen bis hin zu Schmier­geld oder Schutz­geld­er­pres­sun­gen“, sagt Andre­as Hol­zer, Lei­ter der Ab­tei­lung zur Be­kämp­fung der or­ga­ni­sier­ten Kriminalität im Bun­des­kri­mi­nal­amt.

Erst vor we­ni­gen Wo­chen ließ die Wie­ner Po­li­zei ei­nen Ring Schutz­geld­er­pres­ser nach mo­na­te­lan­gen Re­cher­chen hoch­ge­hen. Es wur­den sie­ben Män­ner und ei­ne Frau im Al­ter von 23 bis 38 Jah­ren fest­ge­nom­men. Der Kopf der Ban­de ist ein ge­bür­ti­ger Bos­ni­er. Er soll auch in den so­ge­nann­ten Cap­puc­ci­no-Mord ver­wi­ckelt ge­we­sen sein, als im Mai 2006 in Her­nals in der Ot­ta­krin­ger Stra­ße ein 32-jäh­ri­ger Lo­kal­be­su­cher bei ei­ner Schie­ße­rei ums Le­ben kam. Bei den an­de­ren Be­schul­dig­ten han­delt es sich um drei Tsche­tsche­nen, zwei Kroa­ten und zwei Ser­ben – dar­un­ter die 28-jäh­ri­ge Frau. Die Ban­de soll zwi­schen 240.000 und 500.000 Eu­ro er­presst ha­ben.

Auch der Ro­sen­ver­kauf ist an­ders, als man an­neh­men möch­te, ein äu­ßerst lu­kra­ti­ves, schwer kon­trol­lier­ba­res und dar­um heiß um­wor­be­nes Ge­schäft. 30 bis 40 Sträu­ße a` 30 Blu­men ver­kau­fe er am Abend in den Clubs des ers­ten Be­zirks, er­zählt der Ro­sen­ver­käu­fer der „Pres­se am Sonn­tag“. Pro Stück kön­ne er je nach Al­ko­ho­li­sie­rungs­grad des Käu­fers zwi­schen fünf und 20 Eu­ro ver­lan­gen. An ei­nem durch­schnitt­li­chen Abend lie­ge der Um­satz bei rund 5000 Eu­ro, sagt er. Hoch­ge­rech­net sind das et­wa 150.000 Eu­ro im Mo­nat. Im Ein­kauf kos­tet ei­ne Rose zwi­schen 20 und 40 Cent. Auf die Fra­ge, ob er ei­ne Re­gis­trier­kas­se ha­be, lacht er nur.

Da die Quan­ti­tät zählt, funk­tio­niert das Ge­schäft nur, wenn die Kon­kur­renz mög­lichst klein ge­hal­ten wird. „Die Ro­sen­ver­käu­fer ha­ben sich die Wie­ner Clubs auf­ge­teilt. Um si­cher­zu­ge­hen, dass sie die ein­zi­gen sind, die dort ver­kau­fen dür­fen, be­zah­len sie den Se­cu­ri­tys am Ein­gang Schmier­geld“, sagt ein Tür­ste­her ei­nes gro­ßen Clubs im ers­ten Be­zirk zur „Pres­se am Sonn­tag“. Zeu­gen ge­sucht. Eta­blie­ren sich der­art il­le­ga­le Ma­chen­schaf­ten von Schmier­gel­dern bis Schutz­geld­er­pres­sun­gen, ist es für Lo­kal­be­sit­zer oft schwie­rig, ei­nen Aus­weg zu fin­den, wenn es aus dem Ru­der läuft – oder Zah­lun­gen nicht mehr ge­leis­tet wer­den kön­nen. „Die Be­trof­fe­nen trau­en sich sel­ten, zur Po­li­zei zu ge­hen – Zeu­gen las­sen sich kaum fin­den, im­mer wie­der wer­den die­se auch be­droht. Es braucht schon ei­ne or­dent­li­che Por­ti­on Mut, ge­gen die Er­pres­ser auf­zu­tre­ten“, sagt Hol­zer. Nach­satz: „Denn wer er­presst wird, ist oft auch er­press­bar.“Schwarz­ar­beit, dop­pel­te Buch­füh­rung – oder An­ge­stell­te, die Voll­zeit ar­bei­ten, aber als Aus­hil­fen an­ge­mel­det sind – das gibt es in der Gas­tro­no­mie noch im­mer. Die Re­gis­trier­kas­sen­pflicht soll Ab­hil­fe schaf­fen. Wie vie­le Lo­ka­le in Wi­en von Schutz­geld­er­pres­sun­gen be­trof­fen sind, kann die Po­li­zei auf­grund man­geln­der Zeu­gen­aus­sa­gen nicht ab­schät­zen.

„Pres­se am Sonn­tag“-Re­cher­chen zu­fol­ge dürf­te es sich aber um al­les an- de­re als ein Rand­phä­no­men han­deln: „Ich ken­ne kei­nen grö­ße­ren Club, der nicht schon mit Gel­d­er­pres­sun­gen zu tun hat­te“, sagt ein Club­be­sit­zer im ers­ten Be­zirk – der auch an­onym blei­ben möch­te, weil er selbst be­trof­fen ist. „Die Pres­se am Sonn­tag“fand et­li­che Gas­tro­no­men, die – stets an­onym – von Er­fah­run­gen mit der Schutz­geld­ma­fia be­rich­te­ten.

Die Vor­ge­hens­wei­se wur­de meist ähn­lich ge­schil­dert: „Da kommt ein Gast über Mo­na­te, wird zum Stamm­gast, du plau­derst mit ihm. Du ver­traust ihm, er­zählst aus dei­nem Ar­beits­le­ben, wie der Be­trieb läuft, trinkst mit ihm. Er weiß ir­gend­wann recht ge­nau, was in dei­nem La­den los ist. Und ei­nes Ta­ges kom­men dann Leu­te, ma­chen Stress im Lo­kal, und plötz­lich ist er da und sagt, er kann hel­fen“, sagt et­wa ein Bar­be­sit­zer.

Da be­kä­me man dann bei­spiels­wei­se an­ge­bo­ten, kom­pe­ten­te Tür­ste­her ver­mit­teln zu kön­nen, die mit der­ar­tig un­an­ge­neh­men Gäs­ten zu­ran­de kä­men. Wer das An­ge­bot aus­schlägt, ha­be im­mer öf­ter Är­ger mit ran­da­lie­ren­den Grup­pen, die blitz­ar­tig in das Lo­kal ein­fal­len. „Auch wenn du im­mer gleich die Po­li­zei rufst – bis sie da ist, ist der Spuk vor­bei. Das kann sich nie­mand leis­ten, weil dann die Gäs­te aus­blei­ben. Al­so stellst du ir­gend­wann die Tür­ste­her an“, sagt er.

Die­se müss­ten dann nicht nur über­durch­schnitt­lich gut be­zahlt wer­den, um sich um ver­meint­lich un­lieb­sa­me Gäs­te zu küm­mern – son­dern be­stim­men auch, wer im Lo­kal Dro­gen ver­kau­fen darf und wer nicht. „Ei­gent­lich hat je­der grö­ße­re Club sei­nen Haus­dea­ler: Man­che Club­be­sit­zer sind dar­über auch gar nicht un­glück­lich. Denn die Dea­ler ver­si­chern dir, dass kein Schrott ver­kauft wird. Sei­en wir ehr­lich – vie­le Leu­te neh­men beim Fort­ge­hen so­wie­so Dro­gen. Mir ist es lie­ber, sie neh­men kei­ne schlech­ten, und ich ha­be dar­um nicht dau­ernd die Ret­tung hier, was mei­nen Ruf zer­stö­ren wür­de“, sagt der Club­be­sit­zer. Das Er­ken­nungs­zei­chen der ein­ge­schleus­ten Dea­ler sei häu­fig ei­ne ro­te Kap­pe, an der ein­ge­weih­te Kun­den die­sen er­ken­nen könn­ten.

Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit, um ein Lo­kal zu kon­trol­lie­ren, sei, Kell­ner ein­zu­schleu­sen, sagt Hol­zer. „Auch hier ist die Tak­tik ähn­lich: Zu­erst ver­su­chen sie, viel über das Lo­kal in Er­fah­rung zu brin­gen – et­wa wie viel Um­satz ge­macht wird. Dann wer­den die Be­sit­zer ir­gend­wie un­ter Druck ge­setzt – und pro­zen­tu­ell am Um­satz ge­mes­sen wird dann ab­kas­siert“, sagt Hol­zer. Es sei kei­ne Sel­ten­heit, dass die­se ein­ge­schleus­ten – sehr gut be­zahl­ten – Kell­ner selbst Dro­gen im Lo­kal ver­kau­fen.

Tür­ste­her ent­schei­den, wer im Club Ge­schäf­te ma­chen darf und wer nicht. Das kos­tet. »Ich ken­ne kei­nen grö­ße­ren Club, der nicht schon mit Gel­d­er­pres­sung zu tun hat­te.«

Wer wo kas­siert. Wer wo re­giert, kann eth­nisch am Stadt­plan in Vier­tel ein­ge­teilt wer­den: „Im ers­ten Be­zirk sind es die Kur­den und Tür­ken, die Schutz­gel­der er­pres­sen. Der Gür­tel, Ot­ta­kring und Ru­dolfs­heim-Fünf­haus ge­hö­ren der Bal­kan-Com­mu­ni­ty – al­len vor­an re­gie­ren hier die Ser­ben“, be­rich­tet der Tür­ste­her aus dem ers­ten Be­zirk. Die Ge­schäf­te mit den Clubs sind laut Bun­des­kri­mi­nal­amt nur ein Ge­schäfts­zweig die­ser kri­mi­nel­len Struk­tu­ren – Waf­fen­han­del, Schlep­pe­rei und Men­schen­han­del ge­hö­ren eben­so zu de­ren Re­per­toire. „Da gibt es Ca­pos, wie man es aus ita­lie­ni­schen Fil­men kennt“, sagt Hol­zer. Die­se wie­der­um ha­ben ih­re Hand­lan­ger.

Das sind nicht sel­ten Tsche­tsche­nen, die als ex­zel­len­te Kämpfer und be­son­ders bru­tal gel­ten – in der Hier­ar­chie der Ma­fia bis auf we­ni­ge ein­zel­ne aber meist un­ten blei­ben. „Sie wer­den ge­schickt, um in den Lo­ka­len auf­zu­mi­schen, oder wirk­lich das Schutz­geld ein­zu­for­dern“, sagt Hol­zer. Ein­mal Kran­ken­haus­reif­prü­geln kos­te zwi­schen 500 und 1000 Eu­ro.

Hol­zers Son­der­kom­mis­si­on ver­sucht mit Hoch­druck, die Struk­tu­ren der kri­mi­nel­len Ban­den zu er­mit-

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