Kar­rie­re: Von der Ju­gend­ban­de zur or­ga­ni­sier­ten Kriminalität

Das Phä­no­men der Ju­gend­gangs der 1980er fei­ert ei­ne Re­nais­sance. Vor al­lem tsche­tsche­ni­sche Ju­gend­li­che wer­den für die Ma­fia so­zia­li­siert.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON AN­NA THALHAMMER

teln, um die Köp­fe aus­fin­dig zu ma­chen und aus dem Ver­kehr zu zie­hen. Da­für sei die Po­li­zei aber auch auf die Hil­fe von Op­fern an­ge­wie­sen: „Ich kann nur im­mer wie­der be­trof­fe­ne Gas­tro­no­men auf­ru­fen, sich zu mel­den, denn die Spi­ra­le nimmt kein En­de“, sagt Hol­zer. Die Po­li­zei si­che­re An­ony­mi­tät zu, falls dies er­wünscht ist. Ne­ben struk­tu­rel­len Er­mitt­lungs­ar­bei­ten sol­len auf un­te­rer Ebe­ne Hand­lan­ger als Ab­schre­ckungs­ef­fekt mas­siv ab­ge­straft wer­den.

Hol­zer: „Lei­der ist das schwie­rig, denn ge­ra­de bei den Tsche­tsche­nen ge­hört es fast zum gu­ten Ton, ein­mal im Ge­fäng­nis ge­ses­sen zu sein – um dort von den Äl­te­ren da­zu­zu­ler­nen.“Sie sei­en nach­her oft bes­se­re Kri­mi­nel­le als vor­her. Schutz­geld­er­pres­sun­gen, Dro­gen­han­del und Auf­trags­schlä­ger – die Hand­lan­ger der Wie­ner Ma­fia, die von Tür­ken und Ser­ben do­mi­niert wird, sind nicht sel­ten Tsche­tsche­nen (sie­he Be­richt links). Doch je­der fängt ein­mal klein an: Der­zeit er­le­ben die Ju­gend­ban­den, ein Phä­no­men der 1980erJah­re, ei­ne Re­nais­sance. Sie die­nen als Nach­wuchs­schmie­de für kri­mi­nel­le Or­ga­ni­sa­tio­nen.

Vor al­lem tsche­tsche­ni­sche Gangs ma­chen der Wie­ner Po­li­zei seit Län­ge­rem zu schaf­fen. Nicht zu­letzt wur­de dar­um ei­ne Son­der­ein­heit ein­ge­rich­tet, die sich in­ten­siv mit die­ser Grup­pe aus­ein­an­der­setzt und be­reits ers­te Er­fol­ge ver­zeich­nen konn­te.

Erst vor we­ni­gen Wo­chen gab es meh­re­re Ver­haf­tun­gen rund um ei­ne Ju­gend­ban­de, die sich selbst „Wöl­fe“nennt. Der Wolf ist das Wap­pen­tier Tsche­tsche­ni­ens. Seit ei­ni­ger Zeit ma­chen sie die Bri­git­ten­au rund um die Mill­en­ni­um-Ci­ty un­si­cher und ter­ro­ri­sie­ren Men­schen im und um das Ein­kaufs­zen­trum.

So be­läs­tig­ten die selbst er­nann­ten Sit­ten­wäch­ter et­wa im März ei­ni­ge Mäd­chen, die ih­rer Mei­nung nach nicht züch­tig ge­nug ge­klei­det wa­ren. Als die­se sich wei­ger­ten, wie be­foh­len nach Hau­se zu ge­hen, kam ih­nen ein Mann zur Hil­fe. Die­ser wur­de dar­auf­hin bru­tal zu­sam­men­ge­schla­gen – ein ähn­li­cher Vor­fall er­eig­ne­te sich we­ni­ge Wo­chen zu­vor, als ein Fa­mi­li­en­va­ter ei­ner Frau und de­ren Toch­ter zur Hil­fe ei­len woll­te.

Vier jun­ge Män­ner, die im In­ter­net mit Waf­fen po­sier­ten, stan­den ver­gan- ge­ne Wo­che we­gen schwe­rer Kör­per­ver­let­zung vor Ge­richt und fass­ten Schuld­sprü­che aus. Ei­ner der An­ge­klag­ten at­ta­ckier­te beim Pro­zess ei­nen ORFKa­me­ra­mann mit den Wor­ten: „Wenn du mich filmst, dann fin­de ich dich.“

Die Mill­en­ni­um-Ci­ty ver­stärkt lau­fend ihr Si­cher­heits­per­so­nal: Nicht zu­letzt, weil es zu ei­ner Mas­sen­schlä­ge­rei zwi­schen Af­gha­nen und Tsche­tsche­nen mit meh­re­ren Schwer­ver­letz­ten in der Nä­he des Zen­trums ge­kom­men ist.

Auch das Ein­kaufs­zen­trum Lug­ner Ci­ty (Ru­dolfs­heim-Fünf­haus) hat Pro­ble­me mit Gangs: Dort ist das Re­vier der Gang VDK (Vo­gel­weid­park) – es kam im April 2014 zu ei­ner Schie­ße­rei auf of­fe­ner Stra­ße. Die Gang übt sich sonst in Klein­kri­mi­na­li­tät wie Han­dy­dieb­stäh­len und Ein­brü­chen – aber auch Raub­über­fäl­le ge­hö­ren zum Re­per­toire. Ca­po sitzt in Haft. Der größ­te Coup ge­gen ei­ne tsche­tsche­ni­sche Ju­gend­gang ge­lang der Po­li­zei im Som­mer ver­gan­ge­nen Jah­res. In ei­ner groß an­ge­leg­ten Ak­ti­on wur­den et­li­che Mit­glie­der der bis da­hin größ­ten tsche­tsche­ni­schen Ban­de in Wi­en ver­haf­tet. Die so­ge­nann­ten Gol­den­bergs zähl­ten laut An­ga­ben der Po­li­zei rund 150 Ju­gend­li­che und jun­ge Er­wach­se­ne – 33 da­von wur­den we­gen schwe­ren Raubs, schwe­rer Kör­per­ver­let­zung, Dieb­stahls und an­de­rer De­lik­te an­ge­zeigt. In drei se­pa­ra­ten Ver­fah­ren wur­den die De­lik­te ab­ge­han­delt. Der Kopf der Ban­de, der 21-jäh­ri­ge Ma­ga­med M., der sich selbst Max Gol­den­berg nann­te, wur­de zu drei Jah­ren un­be­ding­ter Haft ver­ur­teilt.

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