Es muss nicht im­mer Schön­brunn sein

Gäm­sen, Hir­sche, Scha­fe, Schwei­ne – und Wöl­fe. 40 Ki­lo­me­ter von Wi­en ent­fernt, im Wil©pŻrk Ernst­brunn be­geg­net man vie­len hei­mi­schen Tier­ar­ten. Ein sehr ent­spann­ter Tier­park­be­such im Wein­vier­tel.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON MIR­JAM MARITS

Ma­le­risch, die­ses leicht über­stra­pa­zier­te Wort – man kommt ihm hier fast nicht aus. Auf dem kur­zen Weg vom Park­platz zum Ein­gang des Wild­parks, un­ter mäch­ti­gen Ei­chen ent­lang, die ein paar Son­nen­strah­len durch­las­sen. Ir­gend­wo plät­schert ein Bach, und die Vö­gel zwit­schern.

Kei­ne Fra­ge, im Wild­park Ernst­brunn, we­ni­ger als ei­ne Au­to­stun­de von Wi­en ent­fernt, im Na­tur­park Lei­ser Ber­ge ge­le­gen, taucht man, so­fern man aus der Groß­stadt an­reist, in ei­ne an­de­re Welt ein. Wun­der­bar alt­mo­disch schon die al­te Holz­hüt­te, an der man den Ein­tritt be­zahlt und sich ein Sa­ckerl Fut­ter mit­nimmt, mit dem man ei­ni­ge der Tier­ar­ten im Wild­park füt­tern kann.

Wie es sich für ei­nen Wild­park ge­hört, wird man auf der leich­ten Wan­de­rung durch die An­la­ge fast nur an hei­mi­schen (oder zu­min­dest eu­ro­päi­schen) Tier­ar­ten vor­bei­kom­men. Exo­ti- schen Tie­re, nur um kei­ne fal­schen Er­war­tun­gen zu we­cken, wird man hier nicht be­geg­nen. Ein Zoo Schön­brunn ist das hier nicht, auch nicht Hell­brunn, und das ist auch gut so: Ge­ra­de als Stadt­be­woh­ner mit Jah­res­kar­te im Hiet­zin­ger Tier­gar­ten ist ei­nem der An­blick von Ti­gern, Pan­da­bä­ren oder Ele­fan­ten mitt­ler­wei­le ja tat­säch­lich ver­trau­ter als je­ner ei­nes Rot­wilds oder ei­ner Gams.

In­so­fern bie­tet der Wild­park ei­ne net­te Ab­wechs­lung. Die Ge­he­ge fü­gen sich links und rechts des – pha­sen­wei­se recht stei­len – Spa­zier­wegs in die Land­schaft, zwi­schen­durch, wenn ein paar Me­ter ent­fernt ein Reh durch das Ge­büsch läuft, ver­gisst man fast, dass hier Zäu­ne (und ganz sel­ten auch Glas­schei­ben) Be­su­cher und Fau­na tren­nen.

Gleich zu Be­ginn war­ten links neu­gie­rig am Zaun die Haus­esel und las­sen sich die Stirn krau­len: Sie tei­len ihr weit­läu­fi­ges Ge­he­ge mit Haus­scha­fen und Haus­zie­gen, die trä­ge in der Son­ne lie­gen. Ein paar Me­ter wei­ter kom­men rechts die Un­ga­ri­schen Za­ckel­scha­fe mit ih­ren selt­sam ge­dreh­ten lan­gen Hör­nern (und ei­ni­gen Läm­mern). Wo sin© ©ie G´msen? In Sicht­wei­te ist da schon der net­te Kin­der­spiel­platz, auf dem ei­ne Schul­klas­se ge­ra­de Pau­se macht, die Tie­re rings­um (Hän­ge­bauch­schwei­ne, Frett­chen, Ka­nin­chen) schei­nen sich am Kin­der­lärm nicht zu stö­ren. Lau­ter als hier wird es im gan­zen Wild­park nicht mehr sein: Ru­hig und ent­spannt ist der Be­such, kein Ver­gleich zu den über­lau­fe­nen Zoos der Groß­städ­te, in de­nen man sich an Schön­wet­ter­ta­gen mit­un­ter vor man­chem Ge­he­ge an­stel­len muss, um ei­nen gu­ten Blick auf die Tie­re zu be­kom­men. Manch­mal spa­ziert man auch durch ei­ne klei­ne Wald­stre­cke ganz oh­ne Ge­he­ge (sieht aber viel­leicht den ei­nen oder an­de­ren Specht). Au­ßer­dem be­merkt man auch nicht in je­dem Ge­he­ge so­fort, wel­ches Tier hier lebt. Auf der stei­len Fels­wand, auf der Gäm­sen le­ben, ent­deckt man mit­un­ter kein ein­zi­ges der Tie­re, die wohl – gut so – aus­rei­chend Rück­zugs­räu­me ha­ben.

An den St­ein­bö­cken mit ih­rem präch­ti­gen Ge­hörn vor­bei geht es wei­ter berg­auf, Hin­weis­schil­der war­nen die Be­su­cher, dass die nächste Etap­pe et­was an­stren­gen­der wer­den könn­te. „Die lan­ge Va­ri­an­te des ro­ten Rund­wegs ist steil und stei­nig“ist da zu le­sen. Wer will, kann ei­ne ein­fa­che­re Rou­te wäh­len – je nach Rund­weg braucht man ei­ne Drei­vier­tel­stun­de bis St­un­de, um den gan­zen Wild­park zu durch­wan­dern, die Zeit, die man vor den Ge­he­gen ver­bringt, nicht mit­ge­rech­net.

Apro­pos steil: Wer mit klei­nen Kin­dern kommt, soll­te den Kin­der­wa­gen, wenn es die Kon­di­ti­on der Kin­der er­laubt, im Au­to las­sen. Die We­ge sind nicht nur zu steil, um Kin­der­wa­gen zu schie­ben, sie sind auch nicht asphal­tiert, son­dern recht stei­nig. Je­den­falls mit­neh­men soll­te man ei­ne Jau­se – die gas­tro­no­mi­sche Aus­wahl im Wild­park ist ab­ge­se­hen vom Würs­tel­stand „He- Die Si­ka­hir­sche (l.) sind zahm und las­sen sich auch strei­cheln. Über dem Wild­tier­park ragt das klei­ne Schloss Ernst­brunn mit präch­ti­gem Gar­ten. xe­n­hüt­te“sehr über­schau­bar. Ge­le­gen­hei­ten, un­ter­wegs auf Holz­bän­ken und -ti­schen zu ras­ten gibt es auf den Stre­cken je­den­falls ge­nü­gend.

Hat man sich für den ro­ten Rund­weg ent­schie­den, kommt man zu dicht be­wal­de­ten Ge­he­gen hin­ter ho­hen Zäu­nen: Hier le­ben auf ei­nem gro­ßen (und für die Be­su­cher nicht durch­wegs ein­seh­ba­ren) Are­al meh­re­re Wöl­fe. „Das hab ich im Fern­se­hen ge­se­hen“, sagt ein äl­te­rer Be­su­cher zu sei­ner Frau, „die tun da mit Wöl­fen for­schen.“

Ge­nau. Kon­kret ist im Wild­park Ernst­brunn auch das Wolf Sci­ence Cen­ter un­ter­ge­bracht, in dem For­scher rund um Kurt Ko­trschal und Frie­de­ri­ke Ran­ge seit ei­ni­gen Jah­ren Wöl­fe und Hun­de mit der Hand auf­zie­hen und ihr Ver­hal­ten er­for­schen. Sams­tags und sonn­tags gibt es hier (sie­he In­fo­box) auch Füh­run­gen, die den Be­su­chern mehr Ein­blick in die Wolf­for­schungs­sta­ti­on bie­ten, über die Web­site kann man auch spek­ta­ku­lä­re Pro­gram­me bu­chen – wie ei­nen Spa­zier­gang mit ei­nem Wolf oder ei­ne Fo­to­work­shop, bei dem die Wöl­fe das Fo­to­mo­tiv sind. DŻs Heu­len ©er Wöl­fe. Aber auch oh­ne Zu­gang zum Wolf Sci­ence Cen­ter be­kommt man als (ge­dul­di­ger) Be­su­cher den ei­nen oder an­de­ren Wolf zu se­hen. Ihr cha­rak­te­ris­ti­sches Heu­len hat man schon wei­ter un­ten im Wild­park ver- nom­men, nun er­kennt man, im Schat­ten und im recht ho­hen Gras, zwei Tie­re in der Wie­se lie­gen. Ge­gen­über, in ei­nem wei­te­ren Ge­he­ge, lau­fen zwei Wöl­fe, an­mu­tig , stolz und ein biss­chen ner­vös (hung­rig?) auf und ab. An den Be­su­chern auf der an­de­ren Seite des Zauns schei­nen sie kein be­son­de­res In­ter­es­se zu ha­ben.

Ein paar Mi­nu­ten wei­ter steht man plötz­lich, ganz oh­ne Zaun da­zwi­schen, auf ei­ner Wie­se mit den Si­ka­hir­schen, die ein we­nig scheu, aber doch neu­gie­rig ge­nug sind, um sich strei­cheln (und sehr ge­dul­dig fo­to­gra­fie­ren) zu las­sen.

Wer nach dem Wild­park noch ein paar Mi­nu­ten Zeit hat, kann ei­nen Ab­ste­cher zum Schloss Ernst­brunn ma­chen, das man vom Wild­park aus, mäch­tig auf dem Fel­sen thro­nend, aus der Fer­ne ge­se­hen hat. Vor­bei an ei­nem im­po­san­ten Schütt­haus geht es ei­ne Al­lee ent­lang zum Schloss, das im Be­sitz der Fürs­ten­fa­mi­lie Reuss steht. Das In­ne­re des Schlos­ses, des­sen äl­tes­ter Teil aus dem Mit­tel­al­ter stammt, ist nicht zu­gäng­lich. Da­für ent­schä­digt aber der ver­wun­sche­ne Ba­rock­gar­ten.

Ru­hig und ent­spannt ist der Be­such, kein Ver­gleich zu den über­lau­fe­nen Zoos der Städ­te. Ihr Heu­len hat man schon wei­ter un­ten ver­nom­men, nun sieht man sie auch, die Wöl­fe.

Cle­mens Fa­b­ry

Ei­ner der Wöl­fe, die sich im Wild­park Ernst­brunn im Wein­vier­tel aus der Nä­he be­ob­ach­ten las­sen.

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