So vie­le sind wirk­lich oh­ne Job

LŻut EU-ZŻh­len giãt es in Ös­ter­reich 251.800 Ar­beits­lo­se. In Wirk­lich­keit hŻãen Żãer 487.100 Men­schen kei­nen Joã, so ©ie Agen©Ż Aus­triŻ. Sie wer©en in ©er StŻ­tis­tik »ver­steckt«.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON JEANNINE BIN­DER

Ös­ter­reich hat ein un­er­freu­li­ches Al­lein­stel­lungs­merk­mal. EU-weit geht die Ar­beits­lo­sig­keit zu­rück. Nur hier­zu­lan­de (und in Est­land) steigt die Ar­beits­lo­sen­ra­te wei­ter. Die jüngs­te Pres­se­aus­sen­dung der EU-Sta­tis­tik­be­hör­de Eu­ro­s­tat ver­an­schau­licht die­sen Trend: Im März sank die Ar­beits­lo­sen­quo­te in der EU auf 8,8 Pro­zent, den nied­rigs­ten Wert seit sie­ben Jah­ren. In Ös­ter­reich stieg sie im sel­ben Zei­t­raum auf 5,8 Pro­zent. 2012 wa­ren es noch 4,3 Pro­zent.

Frei­lich: In vie­len Län­dern sinkt die Ar­beits­lo­sig­keit von ei­nem ho­hen Ni­veau aus. Und in Ös­ter­reich ist sie im­mer noch un­ter­durch­schnitt­lich hoch. Aber die Zei­ten, in de­nen sich ös­ter­rei­chi­sche Po­li­ti­ker mit der EU-weit nied­rigs­ten Ar­beits­lo­sig­keit rüh­men konn­ten, sind erst ein­mal vor­bei.

Die Zah­len sa­gen auch nur die hal­be Wahr­heit. In Wirk­lich­keit gibt es näm­lich viel mehr Ar­beits­lo­se, als die of­fi­zi­el­len Zah­len aus­wei­sen. Ein Teil von ih­nen wird ein­fach nur recht gut in der Sta­tis­tik „ver­steckt“, so die Denk­fa­brik Agen­da Aus­tria. Im Vor­jahr wa­ren laut EU-Da­ten 251.800 Men­schen in Ös­ter­reich oh­ne Job. Tat­säch­lich hat­ten aber, so Agen­da Aus­tria, noch ein­mal 235.300 Men­schen kei­ne Ar­beit. Sie wer­den von der Sta­tis­tik nicht als ar­beits­los ge­zählt, ob­wohl sie gern ar­bei­ten wür­den. Ins­ge­samt gab es dem­nach al­so 487.100 Ar­beits­lo­se. Der Spit­zen­platz ist weg. Die 251.800 of­fi­zi­el­len Ar­beits­lo­sen sind je­ne Zahl, die Ös­ter­reich im Vor­jahr an die EUS­ta­tis­tik­be­hör­de Eu­ro­s­tat mel­de­te. Die EU-Zah­len zeich­nen ein viel sym­pa­thi­sche­res Bild vom Ar­beits­markt als die na­tio­na­len, mit de­nen et­wa das Ar­beits­markt­ser­vice Ös­ter­reich (AMS) ar­bei­tet. Laut der na­tio­na­len Be­rech­nung hat­te die Ar­beits­lo­sen­ra­te be­reits 9,1 Pro­zent er­reicht, als sie nach EUMe­tho­de noch 5,7 Pro­zent be­trug.

Das ist des­halb wich­tig, weil im­mer häu­fi­ger die EU-Zah­len zi­tiert wer­den und nicht die na­tio­na­len, wenn es um den Ar­beits­markt geht. Vom So­zi­al­mi­nis­te­ri­um et­wa. Lang war der Satz „im EU-Ver­gleich ist Ös­ter­reich noch im­mer Mus­ter­schü­ler“so oder ab­ge­wan­delt ein fi­xer Be­stand­teil je­der Aus­sen­dung zum Ar­beits­markt. Mitt­ler­wei­le hat Ös­ter­reich die­sen Spit­zen­platz ein­ge­büßt und nur noch die fünft­nied­rigs­te Ar­beits­lo­sig­keit in der EU. Gleich­auf mit Dä­ne­mark und Un­garn.

Die EU-Me­tho­de er­mit­telt Ar­beits­lo­sig­keit in Um­fra­gen: Sie zählt je­den Men­schen als „be­schäf­tigt“, der ge­ra­de nicht auf Ar­beits­su­che ist. Wer nur ei­ne St­un­de in der Wo­che be­schäf­tigt ist, zählt schon nicht mehr als ar­beits­los. Auch die rund 70.000 Teil­neh­mer an AMS-Schu­lun­gen nicht. Re­for­men zei­gen Wir­kung. Aber auch die na­tio­na­le Ar­beits­lo­sen­quo­te ver­schwei­ge Ar­beits­lo­sig­keit, so die Agen­da Aus­tria. Bei­de Quo­ten über­se­hen Men­schen, die gern ar­bei­ten wür­den, aber ge­ra­de nicht auf Job­su­che sind oder dem Ar­beits­markt nicht so­fort zur Ver­fü­gung ste­hen. Frau­en et­wa, die gar nicht erst mit der Su­che be­gin­nen, weil sie sich kei­ne Chan­cen auf ei­ne Stel­le aus­rech­nen. Oder Be­zie­her von So­zi­al­hil­fe, die ei­nen Job an­neh­men wür­den, aber of­fi­zi­ell nicht als ar­beits­los gel­ten. Oder Stu­den­ten, die stu­die­ren, weil sie kei­ne Ar­beit fin­den. Auch sie fal­len aus der Ar­beits­lo­sen­sta­tis­tik. Men­schen al­so, die in wirt­schaft­lich gu­ten Zei­ten Ar­beit nach­fra­gen wür­den. In schlech­ten aber den Kopf un­ten hal­ten.

Vor al­lem ei­ne Grup­pe wird hier­zu­lan­de in gro­ßem Stil ver­steckt: die Früh­pen­sio­nis­ten. Jahr­zehn­te­lang war es gang und gä­be, Men­schen ab 50 lang­sam in den Ru­he­stand zu ver­ab­schie­den. Mit dem un­ter Öko­no­men um­strit­te­nen Ar­gu­ment, dass so Jobs ver­steck­te Ar­beits­lo­se kom­men auf ei­nen of­fi­zi­el­len. Pro­zent be­trägt die Ar­beits­lo­sig­keit in Ös­ter­reich der­zeit laut EU-De­fi­ni­ti­on. Die na­tio­na­le Quo­te liegt bei 9,1 Pro­zent. für Jün­ge­re frei wer­den. Des­halb ist die ver­steck­te Ar­beits­lo­sig­keit auch in kei­ner Al­ters­grup­pe so hoch wie bei den 55- bis 64-Jäh­ri­gen: Auf ei­nen of­fi­zi­el­len kom­men 4,3 ver­steck­te Ar­beits­lo­se.

Aber es tut sich et­was. Der Zu­gang zur Früh­pen­si­on (et­wa mit Hack­ler­re­ge­lung oder In­va­li­di­täts­pen­si­on) wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren schritt­wei­se ver­schärft. „Da sind zar­te Re­for­men pas­siert“, sagt De­nes´ Kuc­se­ra, Ar­beits­markt­ex­per­te der Agen­da Aus­tria. Des­halb sinkt die ver­steck­te Ar­beits­lo­sig­keit, wäh­rend die of­fi­zi­el­le steigt: 2013 gab es noch 1,17 ver­steck­te pro of­fi­zi­el­lem Ar­beits­lo­sen, heu­te sind es 1,06. „Es ist nicht mehr so leicht, sich in der Früh­pen­si­on zu ver­ste­cken. Des­halb er­ge­ben die of­fi­zi­el­len Zah­len jetzt ein ehr­li­che­res Bild “, so Kuc­se­ra.

Aber noch nicht ehr­lich ge­nug. „Wir müs­sen deut­lich spä­ter in Pen­si­on ge­hen“, sagt Kuc­se­ra. An ei­ner Pen­si­ons­au­to­ma­tik (An­pas­sung des Pen­si­ons­al­ters an die Le­bens­er­war­tung) füh­re kein Weg vor­bei. Kaum ver­steck­te Ar­beits­lo­sig­keit gibt es üb­ri­gens un­ter den Jun­gen, was vor al­lem an der gut funk­tio­nie­ren­den dua­len Aus­bil­dung (Leh­re) lie­ge. In­ves­ti­tio­nen feh­len. Ver­steckt wird frei­lich nicht nur in Ös­ter­reich. Ein be-

Die EU-ZŻh­len zeich­nen ein sym­pŻ­t­hi­sche­res Bil© Żls ©ie nŻ­ti­onŻ­len. »Es ist heu­te nicht mehr so leicht, sich in ©er Früh­pen­si­on zu ver­ste­cken.«

son­ders kras­ser Fall sind die Nie­der­lan­de: Dort be­trug die of­fi­zi­el­le Ar­beits­lo­sig­keit im Vor­jahr 6,9 Pro­zent, tat­säch­lich hät­ten es 15 Pro­zent sein müs­sen, so die Agen­da Aus­tria (sie­he Gra­fik). In Ös­ter­reich wa­ren 5,7 Pro­zent aus­ge­wie­sen, es hät­ten aber 10,7 Pro­zent sein müs­sen. „Ös­ter­reich ver­steht es im­mer noch gut, die sta­tis­ti­schen Spiel­räu­me op­ti­mal zu nut­zen“, so Kuc­se­ra.

Da­mit Ös­ter­reich im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich nicht wei­ter zu­rück­fällt, sei es vor al­lem wich­tig, für Be­schäf­ti­gung zu sor­gen, sagt Kuc­se­ra. Die Re­gie­rung müs­se drin­gend die Be­din­gun­gen für In­ves­to­ren ver­bes­sern. Der­zeit wer­de kaum in neue Pro­jek­te in­ves­tiert, des­halb ent­ste­hen kaum neue Ar­beits­plät­ze. „Aber nur neue Jobs kön­nen die Ar­beits­lo­sig­keit zu­rück­drän­gen.“

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