»Die EU und Russ­land schwä­chen sich ge­gen­sei­tig«

Kein rus­si­scher Mil­li­ar­där ist in so vie­len Sek­to­ren tä­tig wie Wla­di­mir Jew­tu­schen­kow. Der größ­te Mo­bil­funk­an­bie­ter MTS ge­hört zu sei­nem Im­pe­ri­um, da­zu 5,5 Mil­lio­nen Hekt­ar Wald. Nur den Öl­kon­zern Ba­sch­neft muss­te er nach ei­nem Haus­ar­rest vor Kur­zem dem S

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON EDU­ARD ST­EI­NER

Be­gin­nen wir bei der Ma­kro­öko­no­mie. Wie sieht ei­ner der größ­ten Un­ter­neh­mer Russ­lands des­sen ge­gen­wär­ti­gen Zu­stand? Wla­di­mir Jew­tu­schen­kow: Wie ei­ne Wirtschaft der Über­gangs­pe­ri­ode. Das hat­ten wir schon in den 1990er-Jah­ren. Wis­sen Sie, die Ge­schich­te wie­der­holt sich im­mer wie­der. Hof­fent­lich nicht! Lei­der liegt es nicht in un­se­rer Macht, den Lauf der Ge­schich­te zu än­dern, ob­wohl es die Leu­te stän­dig ver­su­chen. Na­tür­lich hat der spür­ba­re Schlag der Sank­tio­nen ei­ne deut­li­che Spur hin­ter­las­sen, und es wä­re dumm zu glau­ben, dass nichts pas­siert ist. Wir in Russ­land ha­ben uns wie­der dar­an ge­wöhnt, auf un­se­re ei­ge­nen Kräf­te zu set­zen, da wir kei­ne struk­tu­rier­ten Kre­di­te im Wes­ten be­kom­men und manch west­li­che Fir­ma mit ih­rer Tech­no­lo­gie und ih­rem Hu­man­ka­pi­tal das Land ver­lässt. Aber so schlimm, wie es aus­sieht, ist es auch wie­der nicht: Ein Zu­sam­men­bruch hat nicht statt­ge­fun­den. Wir ver­su­chen, uns ein­fach im neu­en Pa­ra­dig­ma zu­recht­zu­fin­den. Das wie aus­sieht? Mit den ei­ge­nen Mit­teln le­ben, Aus­ga­ben op­ti­mie­ren, in neue Sek­to­ren in­ves­tie­ren und ver­ste­hen, dass die Kauf­kraft be­deu­tend ge­sun­ken ist. In der vor­he­ri­gen Pe­ri­ode ha­ben wir uns sehr stark in die west­li­che Öko­no­mie in­te­griert, ha­ben Al­li­an­zen ge­bil­det und ge­gen­sei­tig An­tei­le ge­kauft. Jetzt wer­den wir da­rin eben be­schränkt. Es ist ei­ne schwie­ri­ge Pha­se, aber der ers­te Schock ist vor­bei, und wir ver­ste­hen ge­nau, was zu tun ist. Sie sind ei­ner der we­ni­gen, der den ne­ga­ti­ven Ein­fluss der Sank­tio­nen her­vor­streicht. Die meis­ten in Russ­land spie­len die­ses Mo­ment im Ver­gleich zum Öl­preis­ver­fall und der Struk­tur­kri­se her­un­ter. Na­tür­lich ist al­les ein gan­zer Klum­pen. Aber oh­ne Sank­tio­nen könn­te auch bei ei­nem nied­ri­gen Öl­preis die In­te­gra­ti­on fort­ge­setzt, Geld im Aus­land ge­borgt und Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen in Russ­land ge­tä­tigt wer­den, was die Wirtschaft an­ge­kur­belt hät­te. Und wie Sie wis­sen, ha­ben wir ja schon Jah­re da­vor die Man­tras wie­der­holt, dass wir uns von der Öl­ab­hän­gig­keit be­frei­en, die Wirtschaft di­ver­si­fi­zie­ren müs­sen usw. So wie Sie das auf­zäh­len, klingt es, als ob Sie es schon leid sind. Ja, da ha­ben Sie völ­lig recht. Des­halb sa­ge ich Ih­nen: Wir ha­ben al­le ver­stan­den, dass so et­was frü­her oder spä­ter mit der Wirtschaft pas­sie­ren wird. Aber auf­grund un­se­rer ty­pisch rus­si­schen Sorg­lo­sig­keit ha­ben wir uns eben nicht recht­zei­tig dar­auf vor­be­rei­tet. Die Vi­ze­che­fin der Zen­tral­bank, Xe­nia Ju­da­je­wa, sag­te kürz­lich, Russ­land ste­he ei­ne ewi­ge Sta­gna­ti­on be­vor, wenn Re­for­men aus­blei­ben. Pre­mier Dmi­trij Med­wed­jew sag­te gleich dar­auf, es wer­de kei­ne for­cier­ten Re­for­men ge­ben . . . Wis­sen Sie: Ich bin et­was zu alt, um mir an­zu­hö­ren, was je­mand sagt. Ich ha­be zu al­lem mei­ne ei­ge­ne Mei­nung. Ei­ne ewi­ge Sta­gna­ti­on kann es nicht ge­ben. Un­ser Land hat man schon oft be­gra­ben, und im­mer wie­der ist es aus di­ver­sen Grün­den wie­der­auf­er­stan­den. Es wird ei­nen Wirt­schafts­auf­schwung ge­ben. Neh­men Sie den Agrar­sek­tor: Der Im­port wur­de jäh ge­stoppt, statt­des­sen wächst der Sek­tor im In­land. Den­ken Sie auch, dass aus dem bis­he­ri­gen, öl­ge­trie­be­nen Wirt­schafts­mo­dell ein in­ves­ti­ti­ons­ge­trie­be­nes wer­den muss? Na­tür­lich. Dann sind die Vor­zei­chen – das In­ves­ti­ti­ons­kli­ma – nicht gut, be­denkt man, dass Sie vor ein­ein­halb Jah­ren im drei­mo­na­ti­gen Haus­ar­rest ge­lan­det sind und Ih­nen Ihr Öl­kon­zern Ba­sch­neft weg­ge­nom­men wor­den ist. Se­hen Sie, ich idea­li­sie­re un­se­re Ge­sell­schaft nicht! Auch nicht un­se­re staat­li­che Ma­schi­ne­rie. Ich weiß nur zu gut, wie sie funk­tio­niert. Aber ich ar­bei­te in 35 Län­dern der Welt, und über­all gibt es die je­wei­li­gen Pro­ble­me. Un­ge­ach­tet sol­cher Vor­fäl­le wie Ba­sch­neft ist das In­ves­ti­ti­ons­kli­ma bei uns nicht schlech­ter als in vie­len an­de­ren Län­dern. Nun, die Ak­ti­en Ih­res Misch­kon­zerns Sis­te­ma, zu dem auch Ba­sch­neft ge­hört hat, sind nach dem Er­eig­nis ins Bo­den­lo­se ge­fal­len und ha­ben sich nie mehr so rich­tig er­holt. Nur we­ni­ge Un­ter­neh­men wür­den mit so ei­ner Si­tua­ti­on zu­recht­kom­men. Wir aber ex­pan­die­ren so­gar, gin­gen in drei gänz­lich neue Sek­to­ren. Ja, wä­re schön, wür­den die Ak­ti­en an­zie­hen. Dass sie es nicht tun, liegt an der all­ge­mein­po­li­ti­schen und der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on und dar­an, dass un­se­re neu­en Sek­to­ren von den In­ves­to­ren noch nicht wahr­ge­nom­men wor­den sind. MTS, Russ­lands größ­ter Mo­bil­funk­kon­zern mit 108 Mil­lio­nen Nut­zern, ist Ihr wich­tigs­tes Ak­tiv. Aber der Gip­fel im Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­schäft scheint über­schrit­ten. Wie stellt man sich den Her­aus­for­de­run­gen? Ja, der Gip­fel wur­de welt­weit über­schrit­ten. Nicht zu­fäl­lig tauch­ten in­zwi­schen Gi­gan­ten wie Face­book auf. Da­her müs­sen wir neue Rich­tun­gen, neue Ge­schäfts­ar­ten und Pro­duk­te su­chen, zu­mal die In­fra­struk­tur ja vor­han­den ist. Welt­weit wird da­nach ge­sucht. Ob er­folg­reich oder nicht, ist noch of­fen. Ei­ne per­sön­li­che Fra­ge: Ha­ben sich nach den Er­eig­nis­sen um Ba­sch­neft Ihr Den­ken und Ih­re Sicht auf die Si­tua­ti­on ge­än­dert? Nichts hat sich ge­än­dert. Ich ken­ne mein Land sehr gut. Soll hei­ßen? In un­se­rer Ge­schich­te gab es oft am­bi­va­len­te Si­tua­tio­nen, Be­lei­di­gun­gen usw. Aber das hat die Leu­te, die Pa­trio­ten wa­ren, nicht ge­hin­dert, so wei­ter­zu­ar­bei­ten, weil sie nicht an­ders le­ben kön­nen. Auch ich. Wie frü­her ar­bei­te ich ag­gres­siv, kau­fe, schaf­fe Neu­es. Der Mul­ti­mil­li­ar­där und Stra­bag-Ak­tio­när, Oleg De­ri­pas­ka, hat vor ei­ni­gen Jah­ren in un­se­rem Ge­spräch über die spek­ta­ku­lä­re Re­na­tio­na­li­sie­rung des Öl­kon­zerns Yu­kos und die Fol­gen ge­sagt, man müs­se ein­fach wis­sen, in wel­chem Land man lebt. Ja, ge­nau. Man muss ein­fach wis­sen, in wel­chem Land man lebt, dann wird es leich­ter. Im Ge­schäfts­le­ben muss man im­mer mit al­len Even­tua­li­tä­ten rech­nen – auch mit aty­pi­schen. Ich bin dem Schick­sal für mein in­ter­es­san­tes Le­ben dank­bar. Und ich möch­te be­to­nen, dass wir von den­je­ni­gen, die et­was ris­kiert ha­ben, ja im­mer nur je­ne se­hen, die es ge­schafft ha­ben. Wir ken­nen zwei Dut­zend Hol­ly­wood­stars, aber nicht die Zehn­tau­sen­den, die auch ihr Le­ben ein­ge­setzt ha­ben, aber ver­ges­sen sind. Sie ha­ben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark in den Agrar-, Wald- und Hoch­tech­no­lo­gie­sek­tor in­ves­tiert. Das rus­si­sche Im­por­tem­bar­go auf Agrar­pro­duk­te kommt da­her auch Ih­nen zu­gu­te. Soll es ver­län­gert wer­den? Nein, na­tür­lich nicht! Al­le Em­bar­gos und Sank­tio­nen sind Rechts- und Frei­heits­be­schrän­kun­gen. Ich bin ka­te­go­risch da­ge­gen. Aber die Mehr­heit im Land sagt, man kom­me oh­ne den Wes­ten aus, stel­le al­les selbst her. Über­schätzt sich Russ­land da nicht? Die eu­ro­päi­schen Ver­tre­ter sa­gen,

Wla­di­mir Jew­tu­schen­kow (67)

ist Grün­der und Mehr­heits­ei­gen­tü­mer des russ­land­weit größ­ten Misch­kon­zerns, Sis­te­ma.

Im Sep­tem­ber 2014

wur­de er we­gen Geld­wä­sche­ver­dachts drei Mo­na­te un­ter Haus­ar­rest ge­stellt, was die Ge­schäfts­welt scho­ckier­te und nach der be­rühm­ten Yu­kos-Af­fä­re als zwei­te Großat­ta­cke der Be­hör­den ge­gen Pri­vat­un­ter­neh­mer ge­deu­tet wur­de.

Jew­tu­schen­kow

wur­de nicht ver­ur­teilt, muss­te aber den zu­vor aus den Hän­den des nach Ös­ter­reich ge­flüch­te­ten Gou­ver­neurs­sohns Ural Ra­chi­mow ge­kauf­ten Öl­kon­zern Ba­sch­neft, ei­nen der größ­ten im Land, an den Staat über­ge­ben.

Der Ver­lust des

Öl­kon­zerns re­du­zier­te sein Ver­mö­gen. Mit 2,4 Mrd. Dol­lar nimmt Jew­tu­schen­kow aber auf der rus­si­schen „For­bes“-Rei­chen­lis­te im­mer­hin Platz 34 ein.

Vor der Grün­dung

von Sis­te­ma 1993 war der ver­hei­ra­te­te Va­ter zwei­er Kin­der Lei­ter des Mos­kau­er Staats­ko­mi­tees für Tech­nik. Russ­land wür­de täg­lich die EU schwä­chen. Un­se­re Ver­tre­ter sa­gen um­ge­kehrt, die EU wür­de Russ­land schwä­chen. Je­der hört nur sich selbst. Ei­gent­lich ha­ben bei­de recht: Die EU und Russ­land schwä­chen sich ge­gen­sei­tig. Wie al­so aus der Sack­gas­se her­aus­kom­men? So wie wir hin­ein­ge­gan­gen sind. Ein­fach re­tour! Und al­les auf­he­ben. Den­ken Sie, dass die west­li­chen Sank­tio­nen die­ses Jahr auf­ge­ho­ben wer­den? Ich den­ke, dass sie ge­lo­ckert wer­den. Es ist wie in ei­ner Fa­mi­lie, wo bei­de Sei­ten fünf Mi­nu­ten nach dem Streit be­grei­fen, dass sie im Un­recht sind. Und dann wer­den die Be­zie­hun­gen so gut wie frü­her sein? Da­von bin ich voll­auf über­zeugt. Weil man in Russ­land von Chi­na ent­täuscht ist, zu dem man sich hin­wen­den woll­te? Ers­tens ist nie­mand von Chi­na ent­täuscht, da wir uns vor­her auch nicht täu­schen lie­ßen. Al­le se­riö­sen Leu­te wuss­ten um die Schwie­rig­kei­ten, Men­ta­li­täts­un­ter­schie­de bei der Ar­beit mit Chi­na. Es war und ist ein­fach nö­tig, die Ar­beit mit Chi­na zu in­ten­si­vie­ren. Ver­blen­dung und Ent­täu­schung aber sind kei­ne Ka­te­go­ri­en im Ge­schäfts­le­ben. Im Ge­schäfts­le­ben zählt et­was an­de­res: Ob es et­was bringt oder nicht – man muss sei­ne gan­ze Ener­gie auf­wen­den. Ist der­zeit ein güns­ti­ger Mo­ment, als Aus­län­der in Russ­land zu in­ves­tie­ren? Ja. Die Ein­tritts­schwel­le ist nied­rig. Es gibt gu­te An­ge­bo­te und kein schlech­tes In­ves­ti­ti­ons­kli­ma. Und noch ei­nes: Die Sank­tio­nen, die Ru­bel­ab­wer­tung und der sin­ken­de Wohl­stand ha­ben da­zu ge­führt, dass ei­ne gro­ße Ak­ti­vi­tät im Land zu be­mer­ken ist. Frü­her sind vie­le im Aus­land un­ter­wegs ge­we­sen. Nun wird das Ge­schäft im In­land be­lebt. Na­tür­lich kann man im­mer auch ver­lie­ren. Aber der­zeit ist die Wahr­schein­lich­keit weit­aus ge­rin­ger als vor­her, weil mehr Leu­te an bes­se­ren Zu­stän­den im Land in­ter­es­siert sind.

Der Te­le­fon­kon­zern MTS ist das größ­te Un­ter­neh­men im Port­fo­lio des

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