Russ­lan¤s Virt­schafts­proã­lem ist ein fa­ta­les Drei­ge­spann

Die Fak­to­ren, die Russ­land ei­ne Re­zes­si­on be­sche­ren, ha­ben sich ge­gen­sei­tig ver­stärkt. Am meis­ten steht sich das Land selbst im Weg.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON EDU­ARD ST­EI­NER

Wel­che Sek­to­ren au­ßer­halb der Land­wirt­schaft sind noch at­trak­tiv? Je­der. An­la­gen­bau, In­dus­trie, Phar­ma, . . . Ge­ra­de vom der­zeit viel be­ju­bel­ten Agrar­sek­tor weiß man, dass er im­mer gro­ße Pro­ble­me hat­te, qua­li­fi­zier­tes und zu­ver­läs­si­ges Per­so­nal in der Pro­vinz an­zu­heu­ern. Das hält an. Da kann man nichts ma­chen. Es ist eben so, dass wir ver­wöhnt wa­ren, weil lan­ge Zeit rie­si­ge Men­gen an Pe­tro­dol­lars ins Land ge­flos­sen sind. Vie­le ha­ben es ver­lernt zu ar­bei­ten und ha­ben sich dar­an ge­wöhnt, mehr zu be­kom­men, als sie ge­ben kön­nen. Vie­le müs­sen um­ler­nen. Sie ha­ben im­mer eng mit Eu­ro­pa ge­ar­bei­tet. Gibt es Ex­pan­si­ons­plä­ne? Plä­ne be­ste­hen. Aber wir ar­bei­ten jetzt über Ven­ture-Ca­pi­tal-Fonds, et­wa im Ge­sund­heits­we­sen, in der Bio­tech­no­lo­gie usw. Aber so gro­ße Zu­käu­fe wie vor Jah­ren gibt es nicht. Frü­her ha­ben wir ge­kauft und uns ge­wun­dert, dass al­les so bil­lig ist, bis wir mit der eu­ro­päi­schen Rea­li­tät kon­fron­tiert wur­den, die et­wa gro­ße Me­tall­ur­gie­fa­bri­ken un­ren­ta­bel macht und an den Rand drängt, wo Ener­gie­res­sour­cen bil­lig und öko­lo­gi­sche An­for­de­run­gen nied­ri­ger sind. Ge­ra­de Sie, da Sie in 35 Län­dern ar­bei­ten, wis­sen um die Be­deu­tung des Images. Die Ukrai­ne-Po­li­tik hat das Image Russ­lands – vor al­lem in sei­nen Nach­bar­län­dern – nicht er­höht. Spü­ren Sie das beim Ge­schäft? Ich wür­de nicht sa­gen, dass wir es sehr stark spü­ren. Wenn wir nicht auf der po­li­ti­schen, son­dern auf der wirt­schaft­li­chen Ebe­ne kom­mu­ni­zie­ren, so be­ste­hen hier ganz an­de­re Be­zie­hun­gen. Aber sie ge­hen doch in­ein­an­der über. Und der Ima­ge­scha­den hält lang an, wie man im Fall Gaz­proms sieht, des­sen Macht­de­mons- Op­ti­mis­mus sieht zwar an­ders aus. Aber zu­letzt ging zu­min­dest der Pes­si­mis­mus hin­sicht­lich der rus­si­schen Wirt­schafts­ent­wick­lung zu­rück. Schon bald könn­te Russ­land die Re­zes­si­on, die 2015 mi­nus 3,7 Pro­zent be­tra­gen und sich in den An­fangs­mo­na­ten 2016 et­was schwä­cher fort­ge­setzt hat, hin­ter sich las­sen und auf den Wachs­tums­pfad zu­rück­keh­ren, mein­te die­se Wo­che der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds (IWF): Zwar wer­de die Kon­junk­tur heu­er vor­aus­sicht­lich wei­ter schwä­cheln, aber be­reits im kom­men­den Jahr könn­te die Wen­de ge­schafft wer­den. Ge­gen­sei­ti­ge Ver­stär­ker. Dass Russ­land nach Jah­ren des Booms über­haupt in der Re­zes­si­on ge­lan­det ist, hat drei Grün­de. Zum ei­nen den fast schon zwei­jäh­ri­gen Öl­preis­ver­fall von zu­vor 115 Dol­lar je Bar­rel auf zwi­schen­zeit­lich un­ter 28 Dol­lar, der auch den Ru­bel mit nach un­ten riss. Zum an­de­ren die west­li­chen Sank­tio­nen, auf die Russ­land mit ei­nem Im­port­stopp für Agrar­pro­duk­te re­agiert hat und die vor al­lem we­gen des be­schränk­ten Zu­gangs zum Ka­pi­tal­markt schmer­zen. Un­ab­hän­gig da­von aber steckt Russ­land drit­tens oh­ne­hin in ei­ner Struk­tur­kri­se, da die Pro­duk­ti­vi­tät über Jah­re mit den Lohn­stei­ge­run­gen nicht Schritt ge­hal­ten hat und kei­ne Vor­aus­set­zun­gen für ein in­ves­ti­ti­ons­ge­trie­be­nes Wachs­tums­mo­dell ge­schaf­fen wur­den.

Was den Öl­preis be­trifft, so hat er sich auf recht zu­frie­den­stel­len­de 48 Dol­lar er­holt und dürf­te nun kei­nen gro­ßen Ab­stür­zen mehr aus­ge­setzt sein. tra­tio­nen vor zehn Jah­ren be­wirk­ten, dass die EU ge­gen­über sei­nem ei­gent­lich zu­ver­läs­si­gen Lie­fe­ran­ten bis heu­te skep­tisch ist. Al­le Image­kon­se­quen­zen dau­ern lang an. Da­mit muss man le­ben. Ich ver­ste­he al­so rich­tig: Das Image­pro­blem durch die Ukrai­ne-Po­li­tik be­steht? Das wür­de ich so nicht sa­gen. Dort wie da be­steht es, dort wie da ist die Image­ver­än­de­rung auch ein Vor­teil. In Russ­land be­ginnt man ge­ra­de wie­der, ei­ni­ge Un­ter­neh­men zu pri­va­ti­sie­ren. Wel­che Feh­ler soll­te man da­bei ver­mei­den? Wür­de ich im Wei­ßen Haus (Re­gie­rung; Anm.) sit­zen, könn­te ich es sa­gen. Dort sit­zen ge­schei­te, fort­schritt­li­che Leu­te. Ich ha­be ge­nug ei­ge­ne Pro­ble­me. Schau­en Sie auf mei­nen Schreib­tisch! Ich se­he, dass Ar­beit für Sie of­fen­bar die größ­te Be­frie­di­gung ist.

Was die Sank­tio­nen an­langt, so muss die EU in den nächs­ten Wo­chen ei­ne Ent­schei­dung tref­fen. Falls nicht al­le 28 EU-Mit­glie­der für ei­ne Ver­län­ge­rung stim­men, lau­fen die Straf­maß­nah­men En­de Ju­li aus. Im Un­ter­schied zur letz­ten Ent­schei­dungs­run­de vor ei­nem hal­ben Jahr ist jetzt zu­min­dest ei­ne Lo­cke­rung in be­stimm­ten Be­rei­chen nicht mehr aus­ge­schlos­sen. Knack­punkt. Bleibt ei­gent­lich der schwie­rigs­te Punkt, und zwar die Re­for­men, die nur von Russ­land selbst ab­hän­gen. „Mag das Öl auch wie­der 100 Dol­lar kos­ten, oh­ne Struk­tur­re­for­men kön­nen wir mit ma­xi­mal 1,5 bis zwei Pro­zent wach­sen“, sag­te nie­mand Ge­rin­ge­rer als Zen­tral­bank-Che­fin El­vi­ra Na­bi­ul­li­na kürz­lich. Die­se Mei­nung teilt auch die Eu­ro­päi­sche Bank für Wie­der­auf­bau und Ent­wick­lung, die das Land für die Zeit nach der Trend­wen­de 2017 auf ein schwa­ches Wachs­tum von et­wa zwei Pro­zent be­schränkt

»Mag das Öl 100 Dol­lar kos­ten, oh­ne Re­form wach­sen wir ma­xi­mal 1,5 bis zwei Pro­zent.«

sieht, so­fern es nicht zu ra­di­ka­len wirt­schaft­li­chen Um­ge­stal­tun­gen kommt.

Am 25. Mai tagt das Wirt­schafts­rats­prä­si­di­um. Die Haupt­auf­ga­be: Wachs­tums­quel­len fin­den, da­mit das BIP mit­tel­fris­tig wie­der um jähr­lich vier Pro­zent zu­legt. Das sei das, was Russ­land brau­che, so Wla­di­mir Pu­tins obers­ter Wirt­schafts­be­ra­ter, And­rej Be­lou­sow. Es gibt Leu­te, die sind für den Ur­laub ge­schaf­fen, im Ur­laub be­kom­men sie Ener­gie, wer­den krea­tiv. Und dann gibt es Leu­te, die für die Ar­beit ge­schaf­fen sind. Von den­je­ni­gen, die bei­des kön­nen, ha­be ich we­ni­ge ge­trof­fen. Ich bin lei­der für die Ar­beit prä­des­ti­niert. Aber mir ge­fällt die­se Prä­des­ti­na­ti­on. Eben är­ger­lich, dass prä­des­ti­nier­te Un­ter­neh­mer in Russ­land oft an der Ar­beit ge­stört wer­den. Wenn man ein Pro­jekt an­geht, dann muss man al­les durch­rech­nen, um nie­man­dem auf die Fü­ße zu tre­ten. Wenn man in dir nicht ei­nen Kon­kur­ren­ten, son­dern ei­nen Feind sieht, den man stö­ren muss, dann ist das in ers­ter Li­nie dei­ne Schuld. Es ist dein Ri­si­ko. Du warst be­reit, die­ses Ri­si­ko auf dich zu neh­men. Du hast ab­ge­wo­gen und ge­rech­net. Be­schul­di­ge da­her in ers­ter Li­nie dich selbst!

Reu­ters

Mul­ti­mil­li­ar­därs Wla­di­mir Jew­tu­schen­kow.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.