Der Co­wor­king Space als Mar­ke­ting­tool

Die Ber­li­ner Blog­fa­brik bie­tet Ar­beits­plät­ze an, für die Be­nut­zer nicht mit Geld, son­dern mit In­hal­ten für ein Web­ma­ga­zin zah­len. Gleich­zei­tig hat man so ei­nen Pool an Mit­ar­bei­tern, an die Auf­trä­ge von ex­ter­nen Kun­den ver­mit­telt wer­den.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON ERICH KOCINA

Es könn­te ein ganz nor­ma­les Bü­ro sein. Im Hin­ter­hof ei­nes al­ten Back­stein­baus in Ber­linK­reuz­berg, in­nen mit wei­ten, of­fe­nen Räu­men und viel Licht, auf klei­ne­ren und grö­ße­ren Ti­schen bli­cken jun­ge Men­schen in ih­re Lap­tops. Doch die Men­schen, die hier ar­bei­ten, sind hier nicht an­ge­stellt. Gut, so weit ist das Kon­zept des Co­wor­king Spaces schon be­kannt – Fre­e­lan­cer mie­ten sich in ei­ner grö­ße­ren Bü­ro­ein­heit ein. Da­mit ha­ben sie ei­nen Ar­beits­platz mit der pas­sen­den In­fra­struk­tur, aber auch Kon­takt zu an­de­ren Men­schen. Ge­ra­de für jun­ge Selbst­stän­di­ge kann das ei­ne span­nen­de Al­ter­na­ti­ve zum Ho­me-Of­fice sein. Aber die Blog­fa­brik bie­tet doch ein et­was an­de­res Mo­dell an.

Wer hier ar­bei­tet, muss da­für nichts be­zah­len – zu­min­dest nicht mit Geld. Die rund 45 Men­schen lie­fern In­hal­te für ein On­li­ne­ma­ga­zin, das Dai­lyB­re­a­dMag. Mit ein bis zwei Ar­ti­keln pro Mo­nat ist die Mie­te ab­ge­ar­bei­tet, je nach per­sön­li­chem Schwer­punkt kön­nen es aber auch Vi­de­os oder Bil­der sein, den Rest der Zeit kann man sich ei­ge­nen Pro­jek­ten wid­men. Da ist et­wa ei­ne Food­blog­ge­rin, ein Ins­ta­gram­mer, der Un­ter­neh­men be­rät oder ei­ne freie Au­to­rin, die auch für ei­nen Berlin-Blog schreibt. Sie al­le ha­ben ei­nes ge­mein­sam – sie ma­chen Con­tent für das In­ter­net. Auf ih­ren ei­ge­nen Blogs, auf di­ver­sen Platt­for­men – und eben für das haus­ei­ge­ne di­gi­ta­le Ma­ga­zin. Zum Teil sind dar­un­ter auch Con­tent Crea­tors, wie man sie im Haus nennt, die gro­ße Reich­wei­ten mit­brin­gen.

„Das Dai­lyB­re­a­dMag ist ein Ni­schen­ma­ga­zin, das sich um den di­gi­ta­len Wan­del dreht“, sagt Ma­ria Eb­bing­haus, Pro­jekt­ma­na­ge­rin der Blog­fa­brik. Ein Me­di­um, das we­ni­ger als Trä­ger für Wer­bung ge­dacht ist, son­dern vor al­lem als Mar­ke­ting­tool. „Ein Port­fo­lio nach au­ßen, um zu zei­gen, dass wir tol­le Leu­te ha­ben.“Auf die­se Wei­se kommt man über die ei­ge­ne In­hou­seA­gen­tur auch zu Auf­trä­gen von ex­ter­nen Kun­den – und kann die­se gleich an die Leu­te im Haus wei­ter­ge­ben. In die­sem Fall ist der Co­wor­king Space vor al­lem ei­ne Trä­ger­ra­ke­te, um Men­schen aus dem di­gi­ta­len Be­reich zu ver­sam­meln. Auf sie kann man dann zu­rück­grei­fen, wenn es Auf­trä­ge oder Pro­jek­te gibt, bei de­nen sie mit ih­ren Fä­hig­kei­ten hilf­reich sein kön­nen. Eb­bing­haus sieht die Blog­fa­brik dann auch vor al­lem als ei­nen Thinktank zum The­ma Di­gi­ta­li­sie­rung. Das war eben­so die Idee, die hin­ter der Grün­dung im Som­mer 2015 stand. Pro­bie­ren in der di­gi­ta­len Welt. Hin­ter der Blog­fa­brik steht die Münch­ner Me­lo Group, die sich vor al­lem dem Pres­se­ver­trieb wid­met, al­so et­wa dem Trans­port von Print­pro­duk­ten zum Ein­zel­han­del. Die Er­fah­run­gen, die man dort mit der Dis­tri­bu­ti­on im ana­lo­gen Be­reich hat­te, woll­te man nun auch in der di­gi­ta­len Welt schaf­fen. Mit dem Un­ter­neh­men im Hintergrund kann man viel aus­pro­bie­ren und neue Zah­lung der Mie­te da­bei sind, müs­sen sie sich hier für ih­ren Platz be­wer­ben. Qua­si über al­lem schwebt der Ge­dan­ke, dass man so auch ein Team für ei­ge­ne Auf­trä­ge bei­sam­men hat.

Es ist ein Mo­dell, das sich weg von den Ur­sprün­gen der Co­wor­king Spaces be­wegt. „Das Ur­kon­zept war das Ca­fe“,´ sagt To­bi­as Schwarz, Co­wor­king Ma­na­ger des St. Ober­holz in Berlin Mit­te. Men­schen, die das kos­ten­lo­se WLAN nut­zen und da­bei nicht zum lau­fen­den Kon­sum ge­zwun­gen wer­den. Und qua­si als Ne­ben­er­schei­nung ent­steht da­bei

Das Web­ma­ga­zin ist vor al­lem ein Mar­ke­ting­tool, um Kun­den zu ge­win­nen. Se­ren­di­pi­tät: Die zu­fäl­li­ge Be­ob­ach­tung von et­was, nach dem man nicht ge­sucht hat.

ei­ne Com­mu­ni­ty – man ver­netzt sich mit Men­schen aus teil­wei­se völ­lig un­ter­schied­li­chen Be­rei­chen und er­fährt, wo­mit die­se sich ge­ra­de be­schäf­ti­gen. Für Schwarz spielt vor al­lem ein Be­griff ei­ne gro­ße Rol­le, die Se­ren­di­pi­tät. Da­hin­ter ver­steckt sich die zu­fäl­li­ge Be­ob­ach­tung von et­was, nach dem man ur­sprüng­lich nicht ge­sucht hat. Ge­nau das ma­che das Co­wor­king aus, des­halb sieht er es als so be­fruch­tend an. Caf´e als Ein­stiegs­dro­ge. „Im Ho­me-Of­fice hat man Frei­heit“, meint Schwarz. Ein Bü­ro brin­ge Struk­tur. Ca­fes´ wie­der­um schaf­fen Com­mu­ni­ty. Und Co­wor­king Spaces, so die The­se, ver­ei­nen all das in sich, er spricht auch vom „vier­ten Ort der Ar­beit“. Das St. Ober­holz hat, qua­si als Ein­stiegs­dro­ge, ein Ca­fe,´ in dem die Gäs­te in der Re­gel vor ge­öff­ne­ten Lap­tops sit­zen. Das ist vor al­lem für je­ne in­ter­es­sant, die am Be­ginn ste­hen und noch kein Geld für die Mie­te – ein Ar­beits­platz kos­tet pro Mo­nat 190 Eu­ro – zur Ver­fü­gung ha­ben.

Der Be­darf an sol­chen Ar­beits­plät­zen ist in Berlin groß. Es gibt vie­le Start-ups, die Raum und In­fra­struk­tur brau­chen. Fre­e­lan­cer ha­ben in der Re­gel auch kein Pro­blem, ei­nen Platz im St. Ober­holz zu be­kom­men. Bei klei­nen Teams, die auf der Su­che nach Bü­ros sind, macht Schwarz aber ei­ne Ein­schrän­kung – Stichwort Se­ren­di­pi­tät: „Da ar­bei­te ich die War­te­lis­te nicht chro­no­lo­gisch ab – son­dern so, dass da auch et­was Über­ra­schen­des zu­sam­men­kommt.“

Chris­toph Ne­u­mann

Wer in der Blog­fa­brik ei­nen Ar­beits­platz bucht, zahlt da­für nicht mit Geld, son­dern mit Con­tent.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.