IN ZAH­LEN

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld -

Zwi­schen Ein­fa­mi­li­en­häu­sern und Bäu­men taucht ein gänz­lich un­spek­ta­ku­lä­res Ge­bäu­de auf. Es ist das der Fir­ma Witt­mann. An ihr mi­ni­ma­lis­ti­sches En­tree´ hat sie ei­ne gan­ze Fa­b­rik an­ge­schlos­sen. Die Grö­ße des Are­als er­schließt sich auf den ers­ten Blick kaum. Lärm? Kei­ner zu hö­ren. Von Fließ­bän­dern und über­di­men­sio­na­len Ma­schi­nen fehlt eben­falls je­de Spur.

Wer von Hand ar­bei­tet, macht das oft lei­se und in al­ler Re­gel mit Be­dacht. 115 Mit­ar­bei­ter ge­hen hier fünf Tage die Wo­che ans Werk. Fast al­le von ih­nen stam­men aus der Um­ge­bung. El­tern und auch ih­re Kin­der. Die Bin­dung an den Be­trieb ist oft stark.

In Ets­dorf am Kamp er­zeugt Witt­mann sei­ne Mö­bel. Es ist ein Un­ter­neh­men mit lan­ger Tra­di­ti­on, das einst als Satt­le­rei be­gann. 1896 ge­grün­det und in Fa­mi­li­en­hand, ist die Zuf­rie­den­heit des Kun­den obers­tes Ge­bot. Ein Muss, viel­leicht so­gar mehr als bei an­de­ren. Denn da, wo der Kun­de tief in die Ta­sche greift, sind gu­te Er­geb­nis­se Pflicht. „Es gibt viel­leicht drei bis vier Her­stel­ler auf der Welt, die hand­werk­lich auf dem Ni­veau ar­bei­ten wie wir“, sagt Witt­mann-Ge­schäfts­füh­rer Hart­mut Ro­eh­rig.

Die Fir­ma Witt­mann wur­de vie­le Jah­re von Ul­ri­ke Witt­mann und ih­rem Mann, Heinz Ho­fer-Witt­mann, in vier­ter Ge­ne­ra­ti­on ge­führt. Aus dem ope­ra­ti­ven Ge­schäft hat sich das Paar aber weit­ge­hend zu­rück­ge­zo­gen. Doch Ul­ri­ke Witt­mann be­treut als Ge­schäfts­füh­re­rin noch De­sign und Ent­wick­lung. Stra­te­gi­sche Mit­be­stim­mung ist der Fa­mi­lie wich­tig, es gibt ei­nen gu­ten Aus­tausch mit ihr, sagt Ro­eh­rig.

Nur be­stell­te Wa­ren wer­den von Witt­mann ge­fer­tigt. „Al­les, was Sie hier se­hen, ist be­reits an Kun­den ver­kauft“, er­gänzt Re­ne´ Hentsch­ke, der den Be­reich Tech­nik bei Witt­mann lei­tet. Zwi­schen 8000 und 10.000 Mö­bel ver­las­sen die Ma­nu­fak­tur jähr­lich. Rund sechs Wo­chen dau­ert der Ent­ste­hungs­pro­zess. „Wenn es schnel­ler ge­hen muss, dann geht es schnel­ler.“

Es ist die Schlos­se­rei, die ein Mö­bel­stück erst zum Le­ben er­weckt. Sie macht das, was es bei an­de­ren Her­stel­lern nicht gibt: aus Me­tall­stü­cken und Schrau­ben ein Grund­ge­rüst her­stel­len. Bei an­de­ren ist es aus Holz oder Kunst­stoff und meist zu­ge­kauft, sagt Hentsch­ke. Bei Witt­mann ist es an­ders, der Vor­teil ei­ner Ma­nu­fak­tur. „Wenn je­mand sein So­fa zehn Zen­ti­me­ter schmä­ler ha­ben will, dann ma­chen wir es eben schmä­ler. Wenn der Ses­sel brei­ter sein soll, dann ma­chen wir ihn brei­ter.“Ein An­spruch, den die in­dus­tri­el­le Her­stel­lung so nicht er­fül­len kann. „Bei uns ist al­les ei­ne Maß­an­fer­ti­gung.“Da­her sei man auch nicht von tech­ni­schen Ein­schrän­kun­gen ab­hän­gig.

Nach­dem der Schlos­ser am Werk war, war­ten un­zäh­li­ge Me­tall­rah­men auf ih­re wei­te­re Ver­ar­bei­tung. Für Witt­mann kommt nun der nächste lo­gi­sche Schritt: die Be­gur­tung. Die Gur­te sol­len dem Kun­den nicht wie im Au­to Si­cher­heit bie­ten, son­dern Kom­fort mög­lich ma­chen. Da­für wer­den die Bän­der über Sitz- und Lie­ge­flä­chen ge­spannt. Im An­schluss wer­den Fe­der­ker­ne dar­auf plat­ziert. Nun er­folgt die Be­kle­bung. Über 40 ver­schie­de­ne Schaum­stoff­qua­li­tä­ten wer­den da­für ver­ar­bei-

1896

wur­de das Un­ter­neh­men Witt­mann als Satt­le­rei ge­grün­det. Heu­te stellt es Mö­bel her. Witt­mann be­fin­det sich in Fa­mi­li­en­be­sitz.

70 Pro­zent

be­trägt der Ex­port­an­teil.

115 Mit­ar­bei­ter

sind in der Ma­nu­fak­tur be­schäf­tigt.

16 Mil­lio­nen Eu­ro

be­trug der Um­satz zu­letzt. tet. Noch fehlt das Le­der oder der Stoff, um das Mö­bel­stück ein­zu­klei­den. Stüh­le kom­men plötz­lich in Ro­sa, Weiß, Tür­kis oder Grün da­her. „Wir ha­ben aus dem Pols­tern ei­ne Kunst ge­macht“, sagt Hentsch­ke. An je­nen Stel­len, an de­nen et­wa ei­ne Flä­che mehr be­las­tet wer­de, ver­stärkt man den Schaum­stoff, in der Mit­te wer­de es da­für wei­cher. „Man kann dem Ver­schleiß da­mit gut ent­ge­gen­wir­ken.“Zu­min­dest 15 bis 20 Jah­re soll­ten die Mö­bel näm­lich pro­blem­los hal­ten.

Nun kommt der Zu­schnitt. Un­zäh­li­ge Stier­häu­te lie­gen in ei­ner klei­nen Hal­le über­ein­an­der. Mal ist das Le­der wei­cher, mal ist es här­ter. Mal ist es ro­bus­ter, mal emp­find­sa­mer. Mal schwarz, mal grün oder braun. Für Kind und Kat­ze ist nicht al­les ge­eig­net. Der Kun­de kann die­ses Wis­sen nicht ha­ben, sei­ne aus­führ­li­che Be­ra­tung ist des­halb wich­tig.

Wer sich mit Le­der nicht an­freun­den kann, hat die Mög­lich­keit, auf 200 un­ter­schied­li­che Stof­fe aus­zu­wei­chen. Wem das nicht ge­nü­ge, so Hentsch­ke, kön­ne auch sei­nen ei­ge­nen Stoff mit­brin­gen. Doch das ist mit Ris­ken ver­bun­den. „Denn der Stoff kann un­ge­eig­net sein,

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