Tisch­lern für den Zeit­geist

Drei Män­ner grün­de­ten ei­ne Tisch­le­rei – und ver­ein­ten sie mit ei­nem Bü­ro für Raum­ge­stal­tung. Ein Be­trieb als Ant­wort auf den stark wach­sen­den Do-it-yours­elf-Markt bei Mö­beln – und als Ant­wort auf ei­ne neue Kon­su­men­ten­ge­ne­ra­ti­on.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON ELI­SA­BETH POSTL

dann ra­ten wir da­von ab, ihn zu ver­wen­den.“Schließ­lich muss das Ma­te­ri­al Be­las­tun­gen stand­hal­ten.

Die Nä­her brin­gen nun das zu­sam­men, was zu­sam­men­ge­hört. „In der Bran­che sagt man: Wenn man se­hen will, wie ei­ne Naht ge­macht wird, geht man zu Witt­mann“, er­zählt Ro­eh­rig. Er muss es ja wis­sen. Der Fran­zo­se ist zwar erst seit De­zem­ber im Un­ter­neh­men. Doch er kennt das Ge­schäft. Zu­vor war er et­wa bei Li­g­ne Ro­set und Wal­ter Knoll tä­tig.

Das Herz­stück der Ma­nu­fak­tur, wie Witt­mann es be­zeich­net, ist die Pols­te­rei. Hier wer­den Haut und Ske­lett zu­sam­men­ge­führt, da­mit am En­de ein ech­ter Witt­mann ent­steht. Und so rei­hen sich Stuhl um Stuhl und Couch um Couch in der al­ler­letz­ten Fer­ti­gungs­hal­le. Kenn­zeich­nung. Feh­ler? Die pas­sie­ren na­tür­lich, er­zählt Hentsch­ke. „Aber nicht häu­fig“, und wenn, dann wür­den sie vor der Aus­lie­fe­rung kor­ri­giert. Wer un­ge­nau ge­ar­bei­tet hat, lässt sich leicht nach­voll­zie­hen. Denn je­der Mit­ar­bei­ter ist da­zu an­ge­hal­ten, sei­nen Ar­beits­schritt zu kenn­zeich­nen. „So lässt sich auch 30 Jah­re spä­ter noch zu­rück­ver­fol­gen, wer et­was her­ge­stellt hat“, sagt Hentsch­ke. Und nicht nur das: „Je­der fühlt sich per­sön­lich für sein Mö­bel­stück ver­ant­wort­lich und sorgt da­für, dass es per­fekt wird.“

Wer sich für ei­nen Witt­mann ent­schei­det, hat sich dies im Vor­feld wahr­schein­lich gut über­legt. Ein teu­res Stück zu kau­fen und sich bald von ihm zu tren­nen, das ist das Kon­zept des Un­ter­neh­mens nicht. Die Mö­bel sind zeit­los ge­stal­tet. Sie sol­len auch noch in fer­ner Zu­kunft ge­fal­len, nicht bloß ei­nem Mo­de­trend fol­gen. Ein Grund, war­um es sich loh­ne, die Stü­cke auf­ar­bei­ten zu las­sen, sagt Ro­eh­rig.

So keh­ren Tei­le aus der Ver­gan­gen­heit gar nicht so sel­ten an ih­ren Ge­burts­ort zu­rück. Dass man da­für frü­he­re Be­schäf­tig­te aus dem Ru­he­stand holt, kann durch­aus vor­kom­men. „Sie zei­gen uns dann, wie et­was ge­macht wur­de.“Güns­tig ist ei­ne sol­che Kom­plet­t­er­neue­rung nicht. Sie kos­tet 70 bis 80 Pro­zent vom Neu­preis. Die Ver­bin­dung des Kun­den zu sei­nem In­ven­tar steht of­fen­bar über den Din­gen.

Ne­ben den ei­ge­nen Mö­beln fer­tigt Witt­mann auch Stü­cke ei­nes be­rühm­ten Ös­ter­rei­chers an – je­ne Jo­sef Hoff­manns. Man sei von der Stif­tung da­für als Ein­zi­ger au­to­ri­siert. Hoff­manns Mö­bel wer­den nach wie vor in der ur­sprüng­li­chen Pro­duk­ti­ons­wei­se ge­baut, wenn­gleich sie durch­aus ef­fi­zi­en­ter her­ge­stellt wer­den könn­ten. Die Qua­li­tät aber ist bes­ser als da­mals, der Sitz­kom­fort auch.

Aben­de im Wie­ner Mu­sik­club Flex kön­nen an ei­ner Würstel­bu­de auf dem Schwe­den­platz en­den. Oder mit der Grün­dung ei­ner Tisch­le­rei. Mar­tin Ai­g­ner und Ben­ja­min So­de­mann ent­schie­den sich für Letz­te­res.

Ai­g­ner und So­de­mann wa­ren da­mals selbst­stän­dig. Bei­de hat­ten ei­nen De­si­gn­hin­ter­grund: Ai­g­ner hat­te In­nen­ar­chi­tek­tur an der St. Pölt­ner New De­sign Uni­ver­si­ty stu­diert, So­de­mann De­sign in Müns­ter. Sie kann­ten sich von der Ar­beit in der Sze­ne, hat­ten sich al­ler­dings aus den Au­gen ver­lo­ren. An je­nem Abend im Flex stol­per­ten sie sich qua­si schick­sal­haft wie­der in die Ar­me. „Ben­ja­min hat ge­sagt: ,Hey, ich hab’ ein Ate­lier!‘ Und ich: ,Hey, ich su­che ei­nes!‘“, er­zählt Ai­g­ner von der Be­geg­nung. Dar­aus ent­wuchs „Hand­ge­dacht – Bü­ro und Tisch­le­rei für ge­stal­te­ri­sche Viel­falt“, wenn auch lang­sam: Im schluss­end­lich ge­mein­sam ge­nutz­ten Ate­lier in der Grü­nen­t­or­gas­se, das bis heu­te be­steht, ar­bei­te­ten Ai­g­ner und So­de­mann noch par­al­lel, Ai­g­ner als In­nen­ar­chi­tekt, So­de­mann als Mö­bel­ma­cher. Die Idee ent­stand, die Be­rei­che zu ver­bin­den. Den Drit­ten im „Hand­ge­dacht“-Bun­de lern­ten die bei­den schließ­lich eben­so zu­fäl­lig ken­nen. Mo­ritz Schauf­ler war in der Tisch­le­rei ein­ge­mie­tet, in der die Werk­statt des Tri­os seit­her be­hei­ma­tet ist, am Gür­tel im ach­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk. „Wir hat­ten al­le drei Lust dar­auf, un­se­re Kom­pe­ten­zen zu­sam­men­zu­le­gen. Was sich sehr gut trifft, ist, dass wir al­le als Kern­kom­pe­tenz das Hand­werk ha­ben“, sagt Ai­g­ner. Im­mer­hin sind al­le drei ge­lern­te Tisch­ler, Ai­g­ner und Schauf­ler Tisch­ler­meis­ter. Aber: „Je­der hat ei­ne an­de­re ge­stal­te­ri­sche Aus­bil­dung. Das macht un­se­re Viel­sei­tig­keit aus.“Denn auch Schauf­ler stu­dier­te Pro­dukt­de­sign – in Aa­chen. Ma­lai­se des klas­si­schen Tisch­lers. Mit „Hand­ge­dacht“bie­ten sie näm­lich ein Bü­ro, das De­sign, Pla­nung, Aus­füh­rung, Pro­duk­ti­on und Mon­ta­ge von Mö­beln be­zie­hungs­wei­se Räu­men leis­ten kann. Al­les gut ge­fä­chert in ver­schie­de­ne Ka­te­go­ri­en, da­mit für die po­ten­zi­el­le Kund­schaft mit un­ter­schied­li­cher Geld­beu­tel­grö­ße et­was da­bei ist. Das sei näm­lich die Ma­lai­se der klas­si­schen Tisch­ler­be­trie­be, mei­nen Ai­g­ner und Schauf­ler – kei­ne Fle­xi­bi­li­tät. So­wie der Nach­teil, dass Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de recht ein­fach auch selbst zu bau­en sei­en. Wer je­der­zeit re­la­tiv gut de­sign­te Mö­bel im schwe­di­schen Mö­bel­haus zu ge­rings­ten Prei­sen ho­len und dann selbst – glaubt man dem Grund­ge­dan­ken – kin­der­leicht zu­sam­men­bau­en kann, wird wohl nicht zum Tisch­ler ge­hen. Auch weil er meist nur Ent­wür­fe um­set­ze und der ge­neig­te Mö­bel­käu­fer viel­leicht kei­ne Ide­en hier­für hat. Dem ver­sucht sich „Hand­ge­dacht“ent­ge­gen­zu­stel­len. „Un­se­re Kon­zep­te ha­ben wir schon dem Zeit­geist ent­spre­chend ent­wi­ckelt. Wir rü­cken die Mi­schung aus De­sign und Hand­werk in den Vor­der­grund“, sagt Ai­g­ner.

„Kon­zep­te“klingt eben­falls we­nig nach Tisch­ler und Hand­ar­beit, son­dern mehr nach Mee­tings und Bu­si­ness – der Na­me „Hand­ge­dacht“passt rich­tig gut zu dem, was Ai­g­ner, Schauf­ler und So­de­mann an­bie­ten wol­len. „Patch­work“nen­nen sie et­wa ei­nes eben je­ner Kon­zep­te: „Da­bei nut­zen wir die vor­han­de­nen Res­sour­cen des Auf­trag­ge­bers“, er­klärt Ai­g­ner. „Ich sa­ge be­wusst nicht Up­cy­cling. Wir schau­en eher: Ist die Res­sour­ce Zeit? Ist es Geld? Sind es al­te Mö­bel? Wel­che Auf­ga­ben kann der Kun­de über­neh­men?“

Auf die­se Art bau­ten „Hand­ge­dacht“et­wa ei­ne Kü­che für ei­nen Kun­den. Der Mas­ter­plan, die Skiz­ze, kam von ih­nen, den Haupt­teil der Kü­che kauf­te der Kun­de auf dem On­li­ne­markt­platz will­ha­ben.at ein, bau­te sie ab und bei sich zu Hau­se wie­der auf – „Hand­ge­dacht“po­si­tio­nier­te die Kü­che dann neu und bau­te in den ent­stan­de­nen Lü­cken dann selbst Mö­bel da­zu. „Das ist ein sehr schö­nes Zu­sam­men­spiel aus den Mög­lich­kei­ten, die der Kun­de hat, und un­se­ren Fä­hig­kei­ten“, sagt Ai­g­ner, Preis­pro­ble­me ge­be es so auch nicht. „Was wir aber trotz­dem nicht wol­len, ist, dass der Kun­de dann bei uns in der Werk­statt steht und selbst Ma­te­ri­al zu­schnei­det.“

Das Lieb­lings­kon­zept der drei ist al­ler­dings je­nes mit dem kom­pli­zier­tes­ten Na­men: „or­ga­nisch-pro­zess­ori­en­tiert“sa­gen sie da­zu. In Wirk­lich­keit wird da­bei mit dem Auf­trag­ge­ber be­spro­chen, was er un­ge­fähr gern hät­te – dann wird dem Team freie Hand ge­las­sen. Mit Ma­te­ri­al und Ma­schi­nen rei­sen „Hand­ge­dacht“dann an, dre­hen die Mu­sik laut auf – und bau­en ein­fach vor Ort und ver­trau­en da­bei ih­rem ge- stal­te­ri­schen Ge­fühl für den Platz. So ent­stand et­wa der Scha­ni­gar­ten der „R & Bar“(ge­spro­chen: Rund­bar) in Wi­en-Neu­bau, laut Ai­g­ner „der schöns­te der Stadt“. Da da­bei kla­rer­wei­se drau­ßen ge­baut wur­de, hat­ten die drei an­fangs Angst vor Lärm­be­schwer­den. Die­se ka­men dann auch tat­säch­lich – aber nur, weil die Mu­sik, die das Trio beim Ar­bei­ten hör­te, zu laut ein­ge­stellt war. „Von der Ar­beit selbst wa­ren die An­rai­ner aber an­ge­tan“, meint Ai­g­ner, „da sind vie­le ste­hen ge­blie­ben und ha­ben ge­sagt: ,Hier riecht es so gut nach Holz!‘“

Der „Hand­ge­dacht“-Stil läuft da­bei, auch un­klas­sisch für ei­nen Groß­teil der Tisch­le­rei­en, nicht über die Ober­flä­chen. Ge­baut wird hier am liebs­ten mit Ma­te­ria­li­en, an die beim Mö­bel­zim­mern sel­ten ge­dacht wird. Tü­ren kön­nen et­wa aus Do­ka-Scha­lun­gen ent­ste­hen.

»Je­der Mit­ar­bei­ter fühlt sich per­sön­lich für sein Mö­bel­stück ver­ant­wort­lich.«

Zu­künf­tig. Dass „Hand­ge­dacht“ne­ben ei­ner Ge­schäfts­idee auch ein jun­ges Un­ter­neh­mens­kon­zept dar­stellt, ist sei­nen Ei­gen­tü­mern vor­der­grün­dig viel­leicht nicht so wich­tig. „Da­mals bei der Grün­dung war es ein­fach auch ein Fak­tor, dass wir Pro­jek­te hat­ten, die wir selbst nicht stem­men konn­ten“, gibt sich Schauf­ler prag­ma­tisch. Die Fra­ge nach ei­ner wirt­schaft­li­chen Phi­lo­so­phie des Be­triebs kön­nen er und Ai­g­ner bei­nah nicht be­ant­wor­ten, auch wenn Schauf­ler zu­gibt: „Der Ge­dan­ke, ein klas­si­sches Un­ter­neh­mer­tum an­zu­stre­ben, be­rei­tet uns schon Schwie­rig­kei­ten.“

»Wir nut­zen die vor­han­de­nen Res­sour­cen des Kun­den. Ist Zeit da? Geld? Al­tes Mo­bi­li­ar?« Lärm­be­schwer­den bei der Mon­ta­ge ka­men nur, weil die Mu­sik zu laut ein­ge­stellt war.

Doch selbst die Wirt­schafts­agen­tur Wi­en zeigt „Hand­ge­dacht“mitt­ler­wei­le als ur­ba­nes, jun­ges Krea­ti­v­un­ter­neh­men her, das die Res­sour­cen der Stadt, ih­re krea­ti­ve so­wie un­ter­neh­me­ri­sche In­fra­struk­tur nutzt und da­bei ge­nau das an­bie­tet, was ei­ne neue Kon­su­men­ten­ge­ne­ra­ti­on sucht. Nicht be­tont öko, aber mit Selbst­ver­ständ­lich­keit nach­hal­tig, nicht den Kun­den be­vor­mun­dend, son­dern ihn als Res­sour­ce – was Ide­en, Ma­te­ri­al, Kön­nen be­trifft – in den krea­ti­ven Pro­zess mit­ein­be­zie­hend. Der Kun­de hat im Ge­gen­zug Ver­trau­en in das Hand­werk des An­bie­ters – und Ver­ständ­nis da­für, wenn er beim Mon­tie­ren des Be­stell­ten die Mu­sik zu laut auf­dreht.

Cle­mens Fa­b­ry

Mar­tin Ai­g­ner (l.) und Mo­ritz Schauf­ler müs­sen ih­re Mö­bel nicht un­be­dingt aus alt­her­ge­brach­ten Ma­te­ria­li­en bau­en. Ih­re Kun­den schät­zen das.

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