Die Hel­le und das Blau

Die be­leb­te Na­tur hängt am Licht, wir tun es na­tur­ge­mäß auch. Aber es kann zu viel da­von da sein, und es muss das rech­te zur rech­ten Zeit sein.

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON JÜR­GEN LAN­GEN­BACH

Mehr Licht“, soll Goe­the ge­haucht ha­ben, als das sei­ne am Er­lö­schen war, es ist um­strit­ten, sein Die­ner hat an­de­res über­lie­fert: Ei­nen „Bot­scham­per“ha­be der Herr ge­or­dert –g ei­nen Nacht­topf. Aber das mit dem Licht, auch wenn es nur er­fun­den ist, ist gut er­fun­den, es passt zu Goe­the, der sei­ne Far­ben­leh­re für das wich­tigs­te sei­ner Wer­ke ge­hal­ten hat. Es passt auch zur ganz ba­na­len All­tags­er­fah­rung: Wenn das ewig drü­cken­de Win­ter­grau über Wi­en weicht, das ers­te Blau vom Him­mel winkt, ist man ein an­de­rer Mensch. Man nimmt es je­des Jahr mit Stau­nen zur Kennt­nis, wel­che Macht die bei­den ha­ben: die Hel­le und das Blau.

Ers­te­re war zu Goe­thes Zei­ten noch eng an die Na­tur ge­kop­pelt, Ker­zen und Lam­pen­öl konn­ten sich die meis­ten nicht leis­ten. Die Zeit des ewi­gen Lichts brach erst 1893 an, in Chi­ca­go: Da fei­er­te man den 400. Jah­res­tag der Ent­de­ckung Ame­ri­kas mit ei­ner Welt­aus­stel­lung. Im Mit­tel­punkt stand die „Gre­at Hall of Electri­ci­ty“: Ni­co­la Tes­la und Charles Wes­ting­hou­se, der Er­fin­der des Wech­sel­stroms und sein Ver­mark­ter, il­lu­mi­nier­ten sie mit 130.000 Glüh­lam­pen zur „Ci­ty of Light“.

Bald kam auch die Au­ßen­be­leuch­tung, sie ver­wan­del­te die Welt und ih­re Wahr­neh­mung der­art, dass 1994 vie­le Be­woh­ner von San Fran­cis­co die No­t­ruf­num­mer wähl­ten: Sie hät­ten am Him­mel ei­ne „gi­gan­ti­sche wei­ße Wol­ke“ge­sich­tet. Es war die Milch­stra­ße, zum ers­ten Mal seit Jahr­zehn­ten mit blo­ßem Au­ge zu se­hen, weil ein Erd­be­ben die Strom­ver­sor­gung un­ter­bro­chen hat­te. Für die Men­schen war das ein Schre­cken, für an­de­re ein Se­gen: „Seit sie zu Be­such auf un­se­rer Seite sind“– kaum fünf Mi­nu­ten –, „sind in Nord­ame­ri­ka ge­schätz­te 12.256 Vö­gel bei Kol­li­sio­nen mit Fens­tern ge­stor­ben“, bi­lan­ziert Flap, das Fa­tal Light Awa­ren­ess Pro­gram (www.flap.org): Beim Be­such der Home­page ist es in Ame­ri­ka tie­fe Nacht, die Vö­gel wur­den vom Licht ver­wirrt und fan­den den Tod.

Sie sind nicht die ein­zi­gen Op­fer der Light Pol­lu­ti­on, die Lis­te wird im- mer län­ger, Mee­res­schild­krö­ten et­wa lau­fen vom Strand zur Stra­ße statt zum Meer, weil sie die La­ter­nen für Ster­ne hal­ten. Auch im Was­ser kommt ei­ni­ges in Be­we­gung, Tier­ge­mein­schaf­ten ge­ra­ten durch­ein­an­der, man­che scheu­en das Licht, an­de­re stre­ben hin (Bio­lo­gy Let­ters 11: 20150080). Dann gibt es na­tür­lich noch je­ne, de­ren Licht­hun­ger so no­to­risch ist, dass er be­sun­gen wur­de, die „Mot­ten“: „An ei­nem stark be­leuch­te­ten Krie­ger­denk­mal in Sü­dita­li­en kom­men in ei­nem ein­zi­gen Jahr et­wa sie­ben Mil­lio­nen Groß­schmet­ter­lin­ge zu To­de“, bi­lan­zier­te Peter Hu­e­mer vom Ti­ro­ler Lan­des­mu­se­um.

Aber die Na­tur lernt bzw. die Evo­lu­ti­on sorgt da­für, dass sie sich auch an die­se neue Um­welt an­passt: Schwei­zer For­scher sam­mel­ten über tau­send Lar­ven von Pfaf­fen­hüt­chen-Ge­spinst­mot­ten in halb Eu­ro­pa, teils in mit Licht ver­seuch­ten, teils in da­von ver­schon­ten Re­gio­nen. Im La­bor lie­ßen sie sie zu Fal­tern rei­fen, dann bo­ten sie ih­nen in ei­nem Flug­kä­fig ei­ne Licht­quel­le an: Die Mot­ten, de­ren El­tern Nacht­lich­ter­fah­rung hat­ten, hiel­ten sich zu­rück, sie schlu­gen die Rich­tung sel­te­ner ein, um 30 Pro­zent (Bio­lo­gy Let­ters 12. 4.). Krebs­ri­si­ko. Und je­ne, die all das Licht ma­chen, ler­nen sie auch? Nur lang­sam: Erst in den 1950er-Jah­ren be­merk­te man, wie sehr wir am Licht hän­gen. Un­se­re in­ne­ren Uh­ren wer­den vom Ta­ges­licht jus­tiert und ge­ra­ten durch das Dau­er­licht durch­ein­an­der. Das schlägt auf den Kör­per durch: Bei Kran­ken­schwes­tern mit viel Nacht­dienst er­höht sich das Brust­krebs­ri­si­ko, auch bei an­de­ren Tu­mo­ren ist der Ver­dacht so stark, dass Licht von der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO als ver­mut­li­ches Kar­zi­no­gen ein­ge­stuft wur­de.

Die glei­che Or­ga­ni­sa­ti­on rief an­no 2000, als erst­mals mehr über­ge­wich­ti­ge als un­ter­ernähr­te Men­schen auf der Er­de leb­ten, die „Epi­de­mie der Fett­lei­big­keit“aus. Auch sie hängt mit dem Licht bzw. der sin­ken­den Dau­er des Schlafs zu­sam­men. Kommt die­ser end­lich doch, fällt meist noch et­was Licht von drau­ßen her­ein. Das ir­ri­tiert die in­ne­re Uhr, es rich­tet auch di­rekt am Fett et­was an, Patrick Ren­sen (Lei­den) hat es be­merkt: Licht legt die Fett­zel­len lahm, die Ener­gie ver­schleu­dern: die brau­nen (Pnas 112, S. 6748).

Ren­sen rät, Schlaf­zim­mer „dun­kel zu hal­ten“. Am Mor­gen dann mö­ge man das Licht su­chen, das der Na­tur, emp­fiehlt Phyl­lis Zee (Chi­ca­go). Sie hat Pro­ban­den ihr nor­ma­les Le­ben füh­ren, aber je­den Tag ei­ne hal­be St­un­de lang spa­zie­ren ge­hen las­sen, man­che in der Früh, an­de­re am Nach­mit­tag. Das Licht war gleich hell, aber die Mor­gen­spa­zie­rer ver­lo­ren Pfun­de, es lag an der Qua­li­tät des Lichts, in dem des Mor­gens ist viel Blau (PLos One 9: e92251).

Das ist auch das, das auf die in­ne­re Uhr wirkt, über spe­zi­el­le Zel­len im Au­ge, die mit dem Se­hen nichts zu tun ha­ben und die man erst 2007 be­merkt hat, die „in­trin­sic pho­to­sen­si­ti­ve re­ti­nal gan­gli­on cells“(ipRGCs). Na­tür­lich kommt blau­es Licht auch über die Fo­to­re­zep­to­ren der Netz­haut, dem Ge­hirn tut das wohl, nicht nur bei der Stim­mung. Es regt auch das Den­ken an, Ste­ve Lo­ckey (Boston) hat es ge­zeigt (Na­tu­re 469, S. 284). Er plä­diert für mehr Blau, es ist um­strit­ten, die neu­en Leuch­ten – LEDs et­wa – könn­ten zu viel brin­gen, vor al­lem am Abend: Charles Szei­sler (Har­vard) hat Test­schlä­fer in sei­nem La­bor ge­be­ten, erst noch zu le­sen, ent­we­der in ei­nem Buch und un­ter Lam­pen­licht oder in ei­nem E-Book, das Licht emit­tiert, dar­un­ter viel blau­es. Wer das vor Au­gen hat­te, schlief spä­ter ein, be­kam an­dern­tags die Au­gen schwe­rer auf und pro­du­zier­te we­ni­ger Me­la­to­nin, das ist der Neu­ro­trans­mit­ter, der die in­ne­re Uhr speist (Pnas 112, S. 1232).

Mehr Licht? Mehr Blau? Zu­min­dest in der Not? Mat­t­hew Ro­sen­gart (Pitts­burgh) ist an Mäu­sen auf­ge­fal­len, dass sie Ope­ra­tio­nen an Le­ber und Nie­re bes­ser über­ste­hen, wenn sie zu­vor blau­em Licht aus­ge­setzt wer­den, nicht dem grel­len, das in Ho­s­pi­tä­lern herrscht (Pnas 25. 4.). Aber Ro­sen­gart warnt vor Vo­rei­lig­keit: Mäu­se sind nacht­ak­tiv, auf sie wir­ken Far­ben viel­leicht an­ders. Die größ­te Hoff­nung auf Blau zer­schlug sich oh­ne­hin längst. Wil­helm Reich heg­te sie, als er in den Irr­sinn glitt: Er sah in der Him­mels­bläue ei­ne Ener­gie („Or­gon“), die al­les heilt, wenn man sie ak­ku­mu­liert, in Ka­bi­nen, in die man sich setzt. Er tat es, wie auch man­che An­hän­ger. Ge­hol­fen hat es nicht.

Licht­ver­schmut­zung kos­tet Mil­lio­nen Tie­re das Le­ben. Aber ers­te Ar­ten pas­sen sich an. Wenn Mäu­se ope­riert wer­den, tut ih­nen blau­es Licht zu­vor wohl. Men­schen auch?

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