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EIN STEILPASS IN DIE TIE­FE DES SPORTS

Die Presse am Sonntag - - Sport -

En­g­land ist das Mut­ter­land des Fuß­balls. Die gro­ßen Klubs ge­nie­ßen welt­weit Sym­pa­thi­en und es sind nicht nur ge­wief­te Mar­ke­ting-Schach­zü­ge, die die­se Emo­tio­nen we­cken. Kult, Tra­di­ti­on, Pre­mier Le­ague – wer ein Spiel im Old Traf­ford oder an der Stam­ford Bridge ge­se­hen hat, ver­gisst die­se Im­pres­sio­nen nie. Auch Län­der­spie­le der Th­ree Li­ons sind mit­un­ter un­ter­halt­sam, vor al­lem ih­re „To­re“: der Lat­ten­pend­ler von Ge­off Hurst im WMFi­na­le 1966, Die­go Ma­ra­do­nas „Hand Got­tes“1986 oder Frank Lam­pards in Wahr­heit nicht zu über­se­hen­der und doch nicht zäh­len­der Frei­stoß-Lat­ten­tref­fer 2010. Auch zig Elf­me­ter-Tra­gö­di­en oder pat­scher­te Tor­hü­ter be­we­gen. Das Team mag eher Mit­leid we­cken, Klubs er­freu­en sich trotz ih­rer teils ab­sur­den Trans­fer­po­li­tik wei­ter­hin ei­ner Mi­schung aus Be­wun­de­rung und Ehr­furcht.

Selbst un­ter Be­son­de­ren gibt es Aus­nah­men, die al­le über­strah­len. Der Tra­di­ti­on, des My­thos, ih­rer Di­men­si­on we­gen – wie Li­ver­pool. Die von Jür­gen Klopp be­treu­ten Reds sind nun auch Eu­ro­pas letz­te Ant­wort auf Spa­ni­ens er­drü­cken­de Do­mi­nanz im Eu­ro­pa­cup. Li­ver­pool trifft im Eu­ro­pa-Le­agueFi­na­le am Mitt­woch in Ba­sel auf FC Se­vil­la. To­ni Pols­ters Ex-Klub ge­wann die­sen Be­werb zwei­mal in Se­rie und kann mit dem Hattrick Ge­schich­te schrei­ben. Im Cham­pi­ons­Le­ague-Fi­na­le steigt er­neut das Ma­drid-Der­by At­le­ti­co´ ge­gen Re­al, seit 2014 (Re­al) und 2015 (Bar­ce­lo­na) ist Spa­ni­en die Num­mer eins. Dass die Ibe­rer auch Ti­tel­ver­tei­di­ger bei der EM sind, passt per­fekt in die­ses Bild.

Doch eher ge­winnt Li­ver­pool ein El­fer­schie­ßen als En­g­land. War­um? Das ist kei­ne emo­tio­na­le Wer­tung, son­dern sta­tis­tisch be­legt. Der ein­zi­ge Ti­tel ge­lang 1966, seit 1990 gab es bei Tur­nie­ren sechs El­fer­schie­ßen – und fünf gin­gen ver­lo­ren. 1990 und 1996 ju­bel­te Deutsch­land, 1998 Ar­gen­ti­ni­en, 2004 und 2006 war es Por­tu­gal. Dass 2006 mit Ger­rard und Car­rag­her zwei Li­ver­poo­ler schei­ter­ten, kann die­se Be­trach­tung zwar tor­pe­die­ren, lie­fert je­doch wo­mög­lich den Be­weis: En­g­lands hat­te nie die fal­schen Spie­ler, son­dern im­mer die fal­schen Trai­ner.

Ein Te­am­chef ist Psy­cho­lo­ge, Ide­en­ge­ber, An­trei­ber, Mo­ti­va­tor. En­g­land hat­te be­kann­te Trai­ner, mit Sven-Gör­an Eriks­son und Fa­bio Ca­pel­lo so­gar zwei Aus­län­der. Bei der WM oder EM aber fehl­te der letz­te Zu- sam­men­halt, das Ver­trau­en, die Ru­he und zu­gleich der raue Ton. Es gab kei­nen En­ter­tai­ner, der für­sorg­lich je­de Kri­tik schluckt. En­g­land-Ma­na­ger gin­gen als Sir un­ter wie Ca­pel­lo, sie tru­gen wie Ste­ve McCla­ren auf dem Spiel­feld­rand aber auch lie­ber ei­nen Re­gen­schirm statt nass zu wer­den.

En­g­län­der ge­brau­chen Kraft­aus­drü­cke, sie su­chen Tisch­hau­er, lie­ben Laut­spre­cher. Dar­um be­geis­tern au­to­ri­tä­re Ty­pen wie Jo­se´ Mour­in­ho oder flip­pi­ge Ma­na­ger wie Klopp. Al­lein des­halb hat Li­ver­pool grö­ße­re Chan­cen auf den neun­ten Sieg im zwölf­ten Eu­ro­pa­cup­fi­na­le, und En­g­land die eher tris­te Aus­sicht auf das Aus spä­tes­tens im EM-Ach­tel­fi­na­le. Mit oder oh­ne El­fer­schie­ßen . . .

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