Heim­tü­cki­sche Brom­beer­ran­ken

Die Presse am Sonntag - - Spiel -

Der Win­ter hat es nicht leicht in ei­nem Win­ter­sport­ort. Er soll­te pünktlich in der zwei­ten No­vem­ber­hälf­te ein­tref­fen. Dann soll­te er ein flei­ßi­ger Ar­bei­ter wie Frau Hol­le sein und aus­rei­chend Nach­schub an Schnee brin­gen. Vor al­lem in der Nacht, bit­te. Am Tag ist die Land­schaft für die Gäs­te im Son­nen­schein be­reit­zu­hal­ten. Am bes­ten wind­still. Und nicht zu viel Schnee na­tür­lich, aber vor al­lem nicht zu we­nig. Heik­le Ent­schei­dun­gen, die Frau Hol­le in Ab­spra­che mit Herrn Win­ter da zu tref­fen hat. Dann hat der Herr Win­ter noch ka­len­der­kun­dig zu sein. Er muss sich zu­min­dest beim Os­ter­ter­min bes­tens aus­ken­nen, ob früh im Jahr oder spät, und auf je­den Fall bis Os­ter­mon­tag­abend in vol­ler Pracht durch­hal­ten. Dann aber soll­te er sich schleu­nigst zu­rück­zie­hen und dem Früh­ling Platz ma­chen. Spä­tes­tens zu Pfings­ten hat der Herr Win­ter aus­zu­a­pern.

Denn je­der Win­ter­sport­ort braucht mehr als ei­ne Sai­son. Selbst Schlad­ming, mit et­was mehr als zwei­tau­send Hö­hen­me­tern an bei­den Tal­sei­ten bes­tens da­für ge­rüs­tet, ver­schie­de­ne Jah­res­zei­ten nach den Hö­hen­schich­ten in Zeit­schich­ten an­zu­bie­ten. Wäh­rend oben noch Steig­ei­sen für heik­le Wan­der­stel­len emp­foh­len wer­den, kann im Tal schon das ers­te Bio­ge­mü­se aus den Gär­ten ge­holt wer­den. Aus den Gär­ten mit Fo­li­en.

Jetzt reich­te es An­na Berg­mann, Kom­man­dan­tin der Po­li­zei­in­spek­ti­on Schlad­ming. Sie ver­ließ ih­re Sai­son­phi­lo­so­phie und kon­zen­trier­te sich auf die männ­li­che Lei­che, die ne­ben dem Wan­der­steig auf den Sat­tel­berg in der öst­li­chen Ram­sau den letz­ten Kalt­luft­ein­bruch tot, aber sonst bes­tens über­stan­den hat­te. Er war min­des­tens ei­ne Wo­che rund zwan­zig Me­ter vom Steig ent­fernt un­ter ei­ner Fich­te ge­le­gen, sag­te der Arzt als vor­läu­fi­ges Er­geb­nis. Er war nicht hin­ge­schleppt wor­den, son­dern dort mit ei­nem har­ten Ge­gen­stand mehr­fach sehr kräf­tig auf den Kopf ge­schla­gen wor­den.

Zu kräf­tig. Von der zwei­ten Per­son am Tat­ort, dem Tä­ter, war kei­ne Spur zu ent­de­cken ge­we­sen. Ei­nen mög­li­chen Schuh­ab­druck hat­te die Son­ne weg­ge­schmol­zen. Sie konn­te da­für nicht be­langt wer­den. Ein paar schwa­che Zwei­ge ei­ner Bir­ke wa­ren abgebrochen, und ei­ne An­samm­lung von HO­NIG­WA­BE

Gün­ter Le­ho­fer

war Po­li­ti­k­re­dak­teur in der „Klei­nen Zei­tung“. In der Pen­si­on be­gann er, Kri­mis zu schrei­ben. Sein ers­ter liegt nun vor: „An­na und die Süd­wand“, ein Schlad­ming­kri­mi. Be­son­ders freut ihn, dass es ihm ge­lun­gen ist, ei­ne Frau als Kom­man­dan­tin ei­ner Po­li­zei­in­spek­ti­on durch­zu­set­zen. www.kri­mi­au­to­ren.at Baum­zap­fen lag in ei­ner Mul­de durch­ein­an­der. Ein Brom­beer­strauch hat­te freund­lich ei­ne Lü­cke ge­las­sen, als ei­ne Art Not­steig. An ei­nem Dorn hing ein Fetz­chen grü­ner Stoff.

In der Ram­sau war die wei­te­re Ar­beit sehr rasch vor sich ge­gan­gen. Der to­te Mann, Anton St­ein­wen­der, war ein im Ort be­kann­ter Lang­lauf­schi­leh­rer ge­we­sen und woll­te heu­er mit dem Haus­bau be­gin­nen. Sei­ne Part­ne­rin, Eva, gab sich schwer ge­schockt. Sie ar­bei­te­te im Bü­ro der klei­nen Lang­lauf­schu­le. Sie hat­te sein Ver­schwin­den nicht ge­mel­det, weil er ge­sagt ha­be, er wol­le ei­ne Wo­che Aus­zeit neh­men. Das ha­be er manch­mal ge­tan und war nach­her wie­der bes­tens ge­launt zu­rück­ge­kom­men. Das be­stä­tig­ten un­ab­hän­gi­ge Zeu­gen, Ar­beits­kol­le­gen, sei­ne El­tern, Evas El­tern.

Es gab nie Pro­ble­me mit ihm, ver­si­cher­ten al­le Be­frag­ten. „Mit we­nigs­tens ei­nem an­de­ren Men­schen muss­te er Pro­ble­me ge­habt ha­ben“, sag­te An­na dann im­mer. Aber es gab kei­ne Hin­wei­se von den Zeu­gen. Es über­rasch­te An­na nicht, dass der nächste Hin­weis an­onym kam.

Auf dem Land ließ sich nach Mei­nung der Leu­te vie­les nicht öf­fent­lich sa­gen, wenn man dort un­be­hel­ligt le­ben woll­te. So teil­te ei­ne an­ony­me Per­son mit, dass Eva zwei Lieb­ha­ber ne­ben Anton St­ein­wen­der ge­habt ha­be. Sie be­haup­te­te wei­ter, dass Eva da­mit kein Pro­blem ge­habt ha­be, die drei Män­ner hin­ge­gen schon. Nun gab es Eva und nur noch zwei Män­ner.

Im Kreuz­ver­hör im klei­nen Zim­mer auf der Po­li­zei­in­spek­ti­on ver­such­te Eva Hin­ter­mai­er kurz zu leug­nen, gab aber rasch zu, dass der an­ony­me Tipp­ge­ber in der Sa­che recht ha­be. „Mein Gott, es hat sich so er­ge­ben“, er­zähl­te sie. „Ich be­gann mit Anton, ich kann­te ihn schon von der Schu­le her, dann kam Er­win in den Be­trieb, und er kam da­zu, und dann ver­schau­te sich Hans von der Pen­si­on Schlad­ming­blick in mich, und ich fand ihn auch ganz toll.

Jetzt hört es sich na­tür­lich ganz blöd an, aber ich hat­te wirk­lich kein Pro­blem mit den drei­en. Ich mei­ne emo­tio­nal, or­ga­ni­sa­to­risch schon. Klar, die drei ka­men da­hin­ter, dass sie drei wa­ren, aber kei­ner gab von selbst auf, und je­der woll­te, dass ich mit den bei­den an­de­ren auf­hör­te. So ging das den BUCHSTABENBUND gan­zen Win­ter.“Er­win Sa­mo­nig saß als nächs­ter auf dem Ver­hör­stuhl. Er re­de­te nicht her­um. Anton ha­be ihm bei der Ein­stel­lung klar ge­macht, dass er und Eva ein Paar sei­en. „Da­mit mein­te er, ich soll­te mich an­ders­wo um­schau­en. Das war mit Eva nicht so leicht, sie schaut gut aus. Wir hat­ten bald ein Ver­hält­nis. Aber mit dem Mord ha­be ich nichts zu tun. Wo­zu auch? Anton stör­te mich nicht.“

Hans Stei­ger von der Pen­si­on Schlad­ming­blick hat­te auch kei­ne Pro­ble­me, sein Ver­hält­nis mit Eva zu­zu­ge­ben. Anton sei für Eva kein Hin­der­nis ge­we­sen und da­her auch nicht für ihn. „Sie ist ei­ne Traum­frau. Was will ich mehr?“An­na hät­te ihm sa­gen kön­nen, dass vie­le Män­ner mehr woll­ten, ge­ra­de von ei­ner Traum­frau.

Eva war wü­tend, als sie mit den Aus­sa­gen kon­fron­tiert wur­de. „Er­win und Hans woll­ten mich ganz für sich al­lein. Ich woll­te nicht.“Die Ali­bis der bei­den Män­ner hiel­ten.

Dann er­zähl­te ihr An­na, dass sie schon als Kind mit ih­ren Brü­dern auf dem Sat­tel­berg ge­spielt ha­be. Trotz Ver­bots der El­tern, weil ei­ni­ge Stel­len des Bergs ge­fähr­lich wa­ren. Eva lach­te, mit ih­ren zwan­zig Jah­ren fast zwan­zig Jah­re nach An­na auf der Welt, und sag­te, auch die Bäu­me än­der­ten sich mit der Zeit und die Wald­lich­tun­gen erst recht. „Vor al­lem ein gro­ßer Brom­beer­strauch wu­chert der­zeit wie wild da oben“, er­zähl­te Eva ver­gnügt, „er ist ganz dicht, aber wer ihn kennt wie ich, der fin­det ei­nen Durch­schlupf.“

„Aber man kann beim has­ti­gen Durch­ge­hen trotz­dem ein­mal hän­gen blei­ben. Brom­beer­ran­ken sind heim­tü­ckisch.“„Das kön­nen sie wirk­lich sein“, gab Eva gern zu. An­na konn­te ihr nur noch sa­gen, dass sie hier­blei­ben müs­se. Wie­so? Lö­sung der ver­gan­ge­nen Wo­che: Wenn Sooth vor Gher­sin ge­gan­gen wä­re und sich nach Gher­sin um­ge­dreht hät­te, hät­te er, eben­so wie De­geh, die Son­ne im Rü­cken ge­habt. Sei­ne Be­haup­tung, er hät­te den Frem­den des­halb nicht er­ken­nen kön­nen, weil er von der Son­ne ge­blen­det wor­den war, war da­her ge­lo­gen. KIN­DER-SYM­BOL-SU­DO­KU

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