Men­schen und an­de­re Un­to­te

Aleksan­dar He­mon, ge­fei­er­ter US-Au­tor mit bos­ni­schen Wur­zeln, er­zählt in »Zom­bie Wars« von der un­sanf­ten Lan­dung ei­nes jun­gen Möch­te­gern-Dreh­buch­au­tors.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON JUT­TA SOMMERBAUER

Chi­ca­go in den Nul­ler­jah­ren: Jos­hua Le­vin möch­te nicht er­wach­sen wer­den. Der 33-Jäh­ri­ge hängt ab­wech­selnd im hip­pen Cof­fee­shop (der prä­ten­ti­ös „Cof­fee Shop­pe“heißt) oder im schmud­de­li­gen „West­mo­re­land“ab, gibt Eng­lisch­kur­se für ost­eu­ro­päi­sche Ein­wan­de­rer und be­sucht selbst halb­her­zig Kur­se für Dreh­buch­au­to­ren.

Schrei­ben, das be­deu­te, „die hoff­nungs­lo­se Bür­de von Ent­schei­dun­gen tra­gen zu müs­sen, die kei­ner­lei Fol­ge nach sich zie­hen“, heißt es ganz zu Be­ginn. Das ist Jos­hua. Pri­vat ver­sucht er, Tref­fen mit sei­nen El­tern zu ent­kom­men, und er­freut sich am Ge­dan­ken, seit Neu­es­tem mit Ki­mi­ko Su­gi­mu­ra ei­ne se­xu­ell er­fül­len­de Be­zie­hung zu ha­ben. Ki­mi­ko, ei­ne so ver­füh­re­ri­sche wie per­fekt or­ga­ni­sier­te Kin­der­psy­cho­lo­gin, bringt auf den Punkt, was Jos­hua aus­macht: „Ich lie­be es, wie du denkst, oh­ne zu den­ken.“

Wäh­rend Jos­hua noch grü­belt, wie ei­ne ver­läss­li­che Part­ner­schaft mit der von ihm ge­wünsch­ten se­xu­el­len Auf­re­gung ver­ein­bar ist, sind die Plä­ne für sein per­sön­li­ches Glück schon wie­der Ma­ku­la­tur. Der Thir­ty­so­me­thing wird aus sei­ner be­que­men Exis­tenz ge­sto­ßen, als in sei­nem Eng­lisch­kurs die an­zie­hen­de Bos­nie­rin Ana auf­taucht, die in ei­ner un­glück­li­chen Ehe mit ei­nem kriegs­trau­ma­ti­sier­ten Mann lebt. Die Be­kannt­schaft mit „Leh­rer Josh“ent­wi­ckelt sich zur ex­plo­si­ven Af­fä­re samt Cul­tu­re Clash – Ra­che­ge­lüs­te von Anas Ehe­mann und Blut­ver­gie­ßen in­be­grif­fen. Hei­ter und schräg. Was wie ein dra­ma­ti­scher Stoff klingt, hat Aleksan­dar He­mon als hei­te­re Ro­man­hand­lung auf­ge­schrie­ben, in der mit kul­tu­rel­len Zu­schrei­bun­gen ge­spielt und ame­ri­ka­ni­sche und bos­ni­sche Be­find­lich­kei­ten oft mit um­wer­fen­der Si­tua­ti­ons­ko­mik ge­schil­dert wer­den. He­mon stammt selbst aus Sa­ra­je­wo und war 1992 im Rah­men ei­nes Li­te­ra­turs­ti­pen­di­ums in Chi­ca­go, als der Krieg um Bos­ni­en aus­brach. Er kehr­te nicht mehr in sei­ne Hei­mat zu­rück und schreibt seit Lan­gem in eng­li­scher Spra­che. Sein Ro­man „La­za­rus“war ein Best­sel­ler.

Ei­ne schrä­ge No­te be­kommt „Zom­bie Wars“auch durch das Skript, an dem Jos­hua – erst­mals seit Lan­gem – schreibt und das zwi­schen den Ka­pi­teln des Ro­mans steht. Des­sen Hand­lung: Die ame­ri­ka­ni­sche Re­gie­rung will Ein­wan­de­rer in Zom­bies um­wan­deln, die Skla­ven­ar­beit ver­rich­ten. Doch das Pro­jekt ge­rät au­ßer Kon­trol­le, die Bür­ger sind be­droht. Ein mu­ti­ger Mi­li­tär­arzt na­mens Klopstock und sei­ne Ver­bün­de­ten neh­men den Kampf ge­gen die Un­to­ten auf. Es scheint, als wür­den die Zom­bies aus Jos­huas Dreh­buch all­mäh­lich sein Le­ben be­völ­kern: Da sind die Bos­ni­er mit ih­ren un­to­ten Kriegs­er­in­ne­run­gen. Da ist der Irak-Krieg, in den ein hur­ra-pa­trio­ti­sches Ame­ri­ka zieht (wir schrei­ben das Jahr 2003). Und da ist Stag­ger, ein trau­ma­ti­sier­ter Ve­te­ran aus der „Ope­ra­ti­on De­sert Storm“, der Jos­hua nicht von der Seite wei­chen will.

He­mons Fi­gu­ren be­we­gen sich ziel­si­cher auf den Ab­grund zu: Anas ei­fer­süch­ti­ger Ehe­mann be­droht Jos­hua, Ki­mi­ko er­fährt von der Af­fä­re, dann ist Anas Toch­ter plötz­lich ver­schwun­den. Und An­ti­held Jos­hua zieht auf ei­ne bra­chia­le Ra­che­tour mit dem Sa­mu­raischwert schwin­gen­den Stag­ger.

Doch He­mons Ro­man ist viel mehr als Slap­stick. Er führt Jos­hua in die ihm un­be­kann­te Welt der Trost- und Hei­mat­lo­sen, in der die Apart­ments son­der­bar leer sind und ei­ne un­ver­ständ­li­che Kon­so­nan­ten­spra­che ge­spro­chen wird. Jos­huas Traum vom an­spruchs­lo­sen Glück kol­li­diert mit den Trau­ma­ta der Rea­li­tät. Bis er er­kennt, dass es kein Zu­rück gibt. Wie ei­ner sei­ner bos­ni­schen Be­kann­ten tro­cken sagt: „Will­kom­men in die­ser Welt.“

Ni­na Su­bin

Von Sa­ra­je­wo nach Chi­ca­go: Au­tor Aleksan­dar He­mon.

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