GE­DENK­FEI­ER MAUTHAUSEN

Zeit­zeu­gen. Daniel Cha­noch und Shaul Sch­pil­man wa­ren Teil der »131 Bu­ben«, Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Au­schwitz als Grup­pe zu­sam­men­hiel­ten. Sie ha­ben über­lebt. die im

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON AN­NA-MA­RIA WALL­NER

Daniel Cha­noch ist ein auf­ge­weck­ter Mann. Er ist 84 Jah­re alt, und man sieht deut­lich, dass er im­mer noch Freu­de an sei­nem Le­ben hat. Er grüßt char­mant und zieht da­bei sein klei­nes schwar­zes Fi­scher­käpp­chen. Das ist das viel­leicht Er­staun­lichs­te bei der Be­geg­nung mit ihm. Nach al­lem, was er in sei­ner frü­hen Ju­gend, zwi­schen sei­nem ach­ten und sei­nem zwölf­ten Le­bens­jahr er­lebt hat, könn­te man an­neh­men, er sei ein ge­bro­che­ner Mensch. Über vier Jah­re hat er wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs in ins­ge­samt sechs Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern ver­bracht. Das letz­te, das Au­ßen­la­ger Guns­kir­chen in Oberösterreich, sei das schreck­lichs­te ge­we­sen, er­zählt er.

Er war ei­ner von 131 Bu­ben, die im Spät­som­mer 1944 vom Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Lands­berg in das Ver­nich­tungs­la­ger Au­schwitz-Bir­ken­au ge­bracht wur­den. Die Grup­pe trat mu­tig ei­nen ge­mein­sa­men, or­ga­ni­sier­ten Ein­zug ins Ver­nich­tungs­la­ger an und ließ sich bei der Se­lek­ti­on nicht aus­ein­an­der­trei­ben, was die Waf­fen-SS zu ih­rem Er­stau­nen ak­zep­tier­te. Der or­ga­ni­sier­te Zu­sam­men­halt ret­te­te ih­nen das Le­ben. Den­noch wur­den zwei Drit­tel der Grup­pe im Lauf der In­haf­tie­rung im La­ger er­mor­det. Daniel Cha­noch und sein Freund Shaul (Paul) Sch­pil­man wa­ren un­ter den rund 40 Über­le­ben­den der „131 Bu­ben“, die am 5. Mai 1945 im Au­ßen­la­ger Guns­kir­chen von den Ame­ri­ka­nern be­freit wur­den. Die bei­den sind zwei von sie­ben Zeit­zeu­gen, die die ver­gan­ge­ne Wo­che auf Ein­la­dung des Mauthausen-Ko­mi­tees in Wi­en ver­bracht ha­ben. Beim Fest der Freu­de auf dem Hel­den­platz am 8. Mai hat Cha­noch ge­mein­sam mit sei­ner zwölf­jäh­ri­gen En­ke­lin An­na ei­ne Re­de ge­hal­ten und be­tont, wie wich­tig So­li­da­ri­tät im Le­ben ist; heu­te, Sonn­tag, wer­den bei­de bei der Ge­denk- und Be­frei­ungs­fei­er in der KZ-Ge­denk­stät­te Mauthausen an­we­send sein und spre­chen.

Der ge­bür­ti­ge Li­tau­er Cha­noch und der um ei­nen Kopf klei­ne­re, ge­bür­ti­ge Wie­ner Sch­pil­man tei­len nicht nur ei­ne ähn­li­che Kind­heit im La­ger, bis heu­te kreu­zen sich ih­re We­ge in ih­rer neu­en Hei­mat, Is­ra­el. Bei­de ka­men nach Kriegs­en­de in das da­ma­li­ge Pa­läs­ti­na. Sch­pil­man ab­sol­vier­te mit knapp 17 Jah­ren den Mi­li­tär­dienst in Is­ra­el, Cha­noch ging zum Stu­di­um in die USA, kehr­te zu­rück nach Is­ra­el und bau­te sein ei­ge­nes Le­bens­mit­tel­un­ter­neh­men auf. Sch­pil­man wur­de Kran­ken­pfle­ger, lebt heu­te in Tel Aviv. Bei­de ha­ben ge­hei­ra­tet und Kin­der be­kom­men – aber mit dem, was sie in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern er­lebt ha­ben, ge­hen sie doch völ­lig kon­trär um. Der ei­ne, Cha­noch, er­zählt viel und so­gar gern von die­ser Zeit, auch sei­ne Kin­der und sei­ne Frau wis­sen al­les dar­über. Sch­pil­man al­ler­dings hat mit sei­nen Kin­dern (er und sei­ne zwei­te Frau ha­ben sie­ben, dar­un­ter zwei ge­mein­sa­me) nie dar­über ge­re­det. Ei­ne Nacht zu­rück in Au­schwitz. Daniel Cha­noch ist der ge­bo­re­ne Schau­spie­ler. „Ich er­zäh­le gern Ge­schich­ten und ich re­de gern mit Men­schen.“Sei­ne Frau, die be­reits in Pa­läs­ti­na ge­bo­ren wur­de, sei zwar schon ein biss­chen mü­de von sei­nen KZ-Er­zäh­lun­gen, „aber ich kann nicht auf­hö­ren, mich da­mit aus­ein­an­der­zu­set­zen“. Vor ei­ni­gen Jah­ren hat er sich ei­nen gro­ßen Wunsch er­füllt: Er woll­te mit sei­ner Toch­ter und sei­nem Sohn ei­ne Nacht in „sei­ner“Ba­ra­cke in Au­schwitz ver­brin­gen. Dar­aus ent­stand 2008 die Do­ku­men­ta­ti­on „Piz­za in Au­schwitz“(von Mos­he Zi­mer­man). Sei­ne Toch­ter er­trug die­sen Aus­flug nur schwer. In ei­ner emo­tio­na­len Sze­ne wirft sie ih­rem Va­ter vor, er suh­le sich in den schreck­li­chen Er­in­ne­run­gen, er kön­ne das Er­leb­te nicht wie­der­her­stel­len, sie wol­le nach Hau­se, hal­te das nicht aus. Er sagt dar­auf nur: „Ich bin glück­lich hier.“Das ist für vie­le Men­schen, ob Zeit­zeu­gen wie er oder Nach­ge­bo­re­ne, schwer zu ver­ste­hen.

Und noch schwe­rer zu ver­ste­hen ist, was er dann sagt: Er spü­re bis heu­te ei­ne ge­wis­se Be­wun­de­rung für die SSLeu­te. „Ich ha­be nicht dar­um ge­be­ten, aber sie ist da.“So ha­be er sich von ih­nen ei­nen Sinn für Ord­nung und Äs­t­he­tik ab­ge­schaut. „Sie ha­ben mich be­ein­flusst, ich war ein jun­ger Bub.“Trotz­dem will er vor al­lem jun­ge Men­schen auf­rüt­teln. Seit Jah­ren tin­gelt er mit sei­ner Ge­schich­te und ei­ner akri­bisch zu­sam­men­ge­stell­ten Po­wer­point-Prä­sen­ta­ti­on durch Schu­len und warnt die Ju­gend­li­chen vor to­ta­li­tä­ren Re­gimes: „Ich über­zeu­ge sie, dass die schlech­tes­te De­mo­kra­tie bes­ser als

Heu­te, Sonn­tag,

fin­det in der KZGe­denk­stät­te in Mauthausen ei­ne Ge­denk- und Be­frei­ungs­fei­er statt: Kund­ge­bun­gen bei den na­tio­na­len Denk­mä­lern (ab 8.30 Uhr), Be­grü­ßung und Ge­denk­re­den (10–11.30 Uhr).

Das Maut­hau­senKo­mi­tee

wur­de 1997 vom Ös­ter­rei­chi­schen Ge­werk­schafts­bund und der Bi­schofs­kon­fe­renz der rö­misch-ka­tho­li­schen Kir­che mit dem Bun­des­ver­band der Is­rae­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de in Form ei­nes Ver­eins als Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on der Ös­ter­rei­chi­schen La­ger­ge­mein­schaft Mauthausen ge­grün­det. Der Ver­ein or­ga­ni­siert das gan­ze Jahr über Ver­an­stal­tun­gen zum Ge­den­ken der Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, seit 2013 das jähr­li­che Fest der Freu­de auf dem Hel­den­platz und lädt Zeit­zeu­gen in Schu­len etc. ein. Der Schwer­punkt ih­rer Zi­vil­cou­ra­ge­trai­nings für Schu­len, Lehr­werk­stät­ten und Ju­gend­zen­tren liegt der­zeit auf dem The­ma „Asyl und Flücht­lin­ge“.

Daniel Cha­noch

(* 1932 in Kau­nas, Li­tau­en) über­leb­te sechs Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Er ist Va­ter von zwei Kin­dern und lebt heu­te in Is­ra­el.

Shaul (Paul) Sch­pil­man

(* 1931 in Wi­en), 1942 ver­haf­tet, 1945 im KZ-Au­ßen­la­ger Guns­kir­chen be­freit. Er ist Va­ter von sie­ben Kin­dern, lebt heu­te in Tel Aviv. je­de Dik­ta­tur ist. Mein Vor­trag ist ein Pro­phy­lak­ti­kum ge­gen je­de Form von Fa­schis­mus.“Auch ver­gan­ge­ne Wo­che in Wi­en hat er Schul­klas­sen be­sucht und war wie­der be­geis­tert, wie vie­le gu­te Fra­gen die Kin­der stell­ten.

In Au­schwitz und Guns­kir­chen ha­ben Cha­noch und Sch­pil­man den Lei­chen die Klei­dung und ihr letz­tes Hab und Gut ab­ge­nom­men und die Ge­gen­stän­de ge­sam­melt. Sie er­zäh­len bei­de von dem Zu­sam­men­halt un­ter den jun­gen Bu­ben, die es ih­nen leich­ter ge-

Sie tei­len viel, aber mit dem, was sie im La­ger er­lebt ha­ben, ge­hen sie völ­lig kon­trär um. »So­li­da­ri­tät ist, wenn du Hun­ger hast und das letz­te Stück Brot teilst.«

macht hat, die Zeit zu über­ste­hen. „So­li­da­ri­tät ist, wenn du Hun­ger hast und das letz­te Stück Brot mit ei­nem Ka­me­ra­den teilst“, sagt Cha­noch. Zur ak­tu­el­len Flücht­lings­kri­se wol­len sie nicht viel sa­gen, aber Cha­noch be­tont: „Es ist wich­tig, den Flücht­lin­gen zu hel­fen, weil es Grün­de hat, war­um sie aus ih­rem Land flie­hen.“ Kind­heit in Wi­en Ot­ta­kring. Sch­pil­man war vor elf Jah­ren das ers­te Mal nach dem En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges wie­der in Ös­ter­reich. Er er­zählt in im­mer noch ganz gu­tem Deutsch mit ei­nem leich­ten wie­ne­ri­schen Ein­schlag da­von, dass sein Va­ter Leut­nant im Ers­ten Welt­krieg war. Sei­ne Fa­mi­lie leb­te bis zum An­schluss 1938 in Wi­en Ot­ta­kring, und bis zur De­por­ta­ti­on in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Theresienstadt im Jahr 1942 wohn­ten sie in ei­ner klei­nen Woh­nung am Fleisch­markt im ers­ten Be­zirk, sein Va­ter ar­bei­te­te in der jü­di­schen Kul­tus­ge­mein­de. Da­bei sei sei­ne Fa­mi­lie nie re­li­gi­ös ge­we­sen. Das hat sich bei ihm nicht mehr ge­än­dert. „Ich glau­be nicht an ei­nen Gott nach al­lem, was ich im Ho­lo­caust er­lebt ha­be. Wenn ei­ner ei­nen Gott hat­te, dann Hit­ler. Wie konn­te die­ser Mann denn sonst trotz meh­re­rer At­ten­tats­ver­su­che ge­gen ihn so lang am Le­ben blei­ben?“

Daniel Cha­noch sagt, die So­li­da­ri­tät und Un­ter­stüt­zung un­ter den Bur­schen im La­ger sei sehr wich­tig ge­we­sen. Was ihn aber über­le­ben ließ, sei sein Op­ti­mis­mus ge­we­sen. „Und der Ge­dan­ke, dass ich noch ge­nug Zeit zum Ster­ben ha­be.“Auch bei größ­tem Hun­ger ha­be er au­ßer­dem ge­wusst, „dass es Din­ge gibt, die du nicht es­sen soll­test, weil sie dich tö­ten kön­nen“.

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