Hoch­zeit im Al­ter: Vom spä­ten Ja-Sa­gen

Sie sind weit über der Le­bens­mit­te, wa­ren schon ein­mal ver­hei­ra­tet oder tun es das ers­te Mal. Das Kleid ist dann meist nicht mehr weiß, son­dern creme­far­ben, oder die Braut­leu­te tra­gen Tracht. Die Zahl der Men­schen, die mit 55 plus hei­ra­ten, steigt. War­um

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON EVA WINROITHER

Das ers­te Mal sieht sie ihn, da ist er fast nackt. Nur mit ei­nem Hand­tuch be­klei­det, kommt Fritz Krempl, da­mals 67 Jah­re alt, die Trep­pe hin­un­ter. „Das ist pri­vat“, wird er zur ver­dutz­ten Iris Rein­gru­ber sa­gen, die er für ei­ne Pas­san­tin hält. Hin­ter ihm mel­det sich be­reits la­chend die Vi­sa­gis­tin zu Wort. Rein­gru­ber und Krempl wur­den bei­de als Se­nio­ren­mo­dels für ei­nen In­fra­rot­ka­bi­nen­her­stel­ler ge­bucht. Krempl muss be­reits in der Ka­bi­ne Fo­tos ma­chen. Da­her das Hand­tuch. Für die nächste Auf­nah­me liegt sie be­reits (an­ge­zo­gen) in sei­nen Ar­men auf der Couch. „Ich ha­be mir ge­dacht: Mein Gott ist die dünn. Und ih­re wei­ßen, lan­gen Haa­re, die­se Mäh­ne hat mir im­po­niert“, er­in­nert sich Fritz Krempl, Lie­be auf den ers­ten Blick war es trotz­dem nicht. „Es ist ein Job, den man macht“, sagt Rein­gru­ber, da­mals 51 Jah­re alt. „Wir sind dann wie­der aus­ein­an­der­ge­gan­gen.“Doch das Schick­sal wird sie über die nächs­ten drei Jah­re im­mer wie­der für Fo­to­shoo­tings zu­sam­men­füh­ren. Ei­ne Ein­la­dung zu ei­nem Es­sen im Re­stau­rant lehnt sie ab („Ich war mü­de“), ei­ne wei­te­re zu ei­ner Boots­fahrt nimmt sie an. Auf der wird sich Krempl auch de­kla­rie­ren: „Ich lie­be dich. Was du da­mit machst, ist dei­ne Sa­che, aber ich wer­de nicht da­mit auf- hö­ren.“Es soll­te noch Jah­re dau­ern, bis ihn sei­ne zu­künf­ti­ge Ehe­frau er­hört. Dann aber rich­tig. Mit Zu­sam­men­zie­hen, Hoch­zeit und dem Ver­spre­chen „Ich wer­de dich auf Hän­den tra­gen“. Mehr Ehen im Al­ter. Die Zahl der Men­schen über 55 oder äl­ter, die in Ös­ter­reich hei­ra­ten, ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark ge­stie­gen. Gab es 2000 noch 260 Frau­en, die sich mit 60 oder äl­ter trau­ten, wa­ren es 2014 be­reits fast drei Mal so viel, näm­lich 690. Bei den Män­nern (von de­nen ten­den­zi­ell mehr spä­ter hei­ra­ten) stieg die Zahl von 615 auf 1705. Je nach Al­ters­ka­te­go­rie (60–64, 65–69 oder 70–74 etc.) hat sich die Zahl meist ver­dop­pelt oder fast ver­drei­facht. So­gar Män­ner, die mit 95 Jah­ren oder äl­ter ge­hei­ra­tet ha­ben, gab es in den Jah­ren 2014, 2012 und 2011.

Ei­ne lo­gi­sche Ent­wick­lung, die nicht nur dar­an liegt, dass die Men­schen äl­ter wer­den. Die Zeit, in der Ge­schie­de­ne ver­ur­teilt wur­den, in der das En­de der Ehe (oder der Tod des Part­ners) au­to­ma­tisch das En­de von Zwei­sam­keit be­deu­tet hat, ist vor­bei. Si­cher auch, weil die In­dus­trie die Se­nio­ren für sich ent­deckt hat. Wer heu­te 60 ist, kann und soll sich wie 45 füh­len. Bil­der von Pen­sio­nis­ten mit kräf­ti­gem sil­ber­grau­en Haar do­mi­nie­ren die Wer­bung. Die Oma mit dem Tuch um den Kopf ist so gut wie ver­schwun­den.

Adel­heid Stie­ger-Lietz hat ih­ren Mann bei ei­ner Ge­burts­tags­fei­er ken­nen­ge­lernt. „Das war völ­lig un­er­war­tet und über­ra­schend. Wir ha­ben uns ge­se­hen und so­fort ei­ne schö­ne Ver­bin­dung er­kannt“, er­zählt die heu­te 50-Jäh­ri­ge. Ihr Mann ist 66. Kei­ner der bei­den hat ge­plant, ei­nen neu­en Part­ner zu fin­den. Er war schon seit fünf Jah­ren ge­schie­den, sie leb­te in Schei- dung. „Ich bin da­von aus­ge­gan­gen, al­lein alt zu wer­den. Fi­nan­zi­ell ab­ge­si­chert und mit Kin­dern, aber als rich­tig schrul­li­ge Frau al­lein.“Es soll­te an­de­res kom­men.

Ihr im­po­niert eben­falls sein wei­ßes Haar, als sie ihn sieht, ihm ih­re Grö­ße. „Ich bin 1,82 Me­ter groß“, und sie mag ho­he Schu­he. Schon am nächs­ten Tag tau­schen sie ers­te E-Mail-Adres­sen aus. Sie schreibt: „Es ist so neu und trotz­dem so ver­traut.“Das Herz ha­be sich so­fort ent­schie­den, spä­ter auch der Ver­stand. Heu­te nennt sie es „ei­ne be­din­gungs­lo­se Lie­be. Es ist ei­ne an­de­re Lie­be als die, die wir vor­her hat­ten. Oh­ne Er­war­tun­gen. Ein­fach die Freu­de.“Der Wunsch zu hei­ra­ten sei dann ganz selbst­ver­ständ­lich ge­we­sen. Ob­wohl bei­de schon ein­mal ver­hei­ra­tet wa­ren und wuss­ten, dass Ehen schei­tern kön­nen. Trotz­dem sei die Ent­schei­dung klar ge­we­sen. „Die­se Lie­be braucht die glei­che Wert­schät­zung wie un­se­re ers­ten Ehen“, er­klärt Stie­ger-Lietz. Aus fi­nan­zi­el­len Grün­den ge­braucht hät­ten sie die Hei­rat nicht. „Uns war es als Sym­bol wich­tig. Wenn es uns nicht mehr ge­ben soll­te, dann ist die­ses Fest­schrei­ben ein Zei­chen, dass es die­se Lie­be ein­mal ge­ge­ben hat.“ Noch ein­mal Ja sa­gen. So sind die bei­den auch bei Ga­bi So­cher ge­lan­det. Hoch­zeits­pla­ne­rin seit 1999 („Die Be­rufs­be­zeich­nung gab es da­mals noch gar nicht“) und im Salz­kam­mer­gut ak­tiv. Sie hat mehr als 440 Braut­paa­re ver­hei­ra­tet und wun­dert sich nicht, dass Men­schen heu­te auch im ho­hen Al­ter ei­ne Ehe ein­ge­hen. „Frü­her war man mit 55 plus schon ein Pen­sio­nist und ging zum Se­nio­ren­bund. Heu­te darf man das gar nicht mehr an­spre­chen.“Die äl­te­ren Paa­re, die sich bei ihr trau­en, teilt sie in drei Ty­pen. Je­ne, die seit 15, 20 oder mehr Jah­ren zu­sam­men sind und zum ers­ten Mal hei­ra­ten. „Da ist der Grund oft, dass sie kei­ne Zeit hat­ten, sich in das The­ma rein­zu­den­ken. Et­wa, weil sie Kar­rie­re ge­macht ha­ben“, sagt sie.

Der zwei­te Typ sei­en Paa­re, die be­reits ver­hei­ra­tet sind und das Ja-Wort er­neu­ern. Für das Fest wird dann nicht ge­spart. „Oft war die ers­te Hoch­zeit ganz be­schei­den, weil man sich noch nicht viel leis­ten konn­te, das holt man dann nach“, er­zählt So­cher. Mit fei­er­li­cher Ze­re­mo­nie, Hoch­zeits­tor­te und ei­nem Fest. Und dann gibt es noch die Paa­re, die sich erst im Al­ter ken­nen­ler­nen. Je­ne, die (wie­der) hei­ra­ten, weil sie so froh sind, je­man­den ge­fun­den zu ha­ben. „Im Al­ter muss man nichts mehr be­wei­sen. Das ist dann ein sehr be­wuss­tes Ja zu ei­ner ge­mein­sa­men Zu­kunft“, sagt sie. Kaum je­mand hei­ra­tet üb­ri­gens in Weiß, vie­le in Tracht. Die Paa­re ge­nie­ßen ih­re spä­te Be­zie­hung je­den­falls. „Es hat ei­ne ganz an­de­re Qua­li­tät. Wir freu­en uns mit­und an­ein­an­der“, sagt Stie­ger-Lietz. Auch, weil ihr be­wusst ist, wie schnell das Glück im Le­ben schwin­den kann. Nach dem An­trag von Hein­rich er­krankt Stie­ger-Lietz an Krebs. Noch wäh­rend ih­rer Che­mo­the­ra­pie hei­ra­ten die bei­den am Lin­zer Pöst­ling­berg „im Kreis der Fa­mi­lie“. Ge­mein­sam ha­ben sie zehn Kin­der aus frü­he­ren Be­zie­hun­gen, plus En­kel­kin­der, plus vie­le Ge­schwis­ter. Ihr Mann sei wäh­rend ih­rer Krank­heit so stark ge­we­sen, ob­wohl er selbst zu dem Zeit­punkt zwei neue Knie be­kom­men hat, er­zählt sie. Ih­re bei­den Fa­mi­li­en wür­de es freu­en, „dass wir zwei für­ein­an­der da sind“. Das wür­de ei­ne äl­te­re Ehe viel­leicht auch von ei­ner jün­ge­ren un­ter­schei­den. „Frü­her gibt es schon auch die Vor­stel­lung von Si­cher­heit, den ge­mein­sa­men Be­sitz des Hau­ses, und dass Kin­der ei­nen ge­mein­sa­men Na­men tra­gen“– im Al­ter fal­le das meist weg. Schwie­ri­ge Ent­schei­dun­gen. Auch Fritz Krempl ge­nießt die Ehe. Heu­te ist er 75, sei­ne Frau 59. „Im Al­ter ist es weit­aus schö­ner als in jun­gen Jah­ren. Man hat Zeit, man lebt be­wuss­ter. Ich ha­be Din­ge ent­deckt, von de­nen ich nicht wuss­te, dass es sie gibt. Ich mei­ne jetzt nicht das Kör­per­li­che, son­dern das Zu­sam­men­sein, die Ge­sprä­che, das Um­ge­hen mit­ein­an­der.“Er und sei­ne Frau, Iris Rein­gru­ber, sit­zen an die­sem Tag im Ca­fe´ Traxlmayr in Linz. Ih­re wei­ßen, dich­ten Haa­re hat Rein­gru­ber zu ei­nem Zopf zu­sam­men­ge­bun­den, der ihr lo­cker über die Schul­tern fällt. Al­les an ihr ist fein: die Ge­sichts­zü­ge, die Fi­gur, die Fal­ten, die sich wie Strah­len in dün­nen Li­ni­en beim La­chen von den Au­gen aus ab­zeich­nen. Sie nennt ihn Schatz. Er nimmt wäh­rend des Ge­sprächs im­mer wie­der ih­re Hand und küsst sie. „Ich bin im­mer wie­der er­staunt, was für ei­ne schö­ne Frau ich ha­be.“Er lä­chelt. Da­bei war ihr Be­zie­hungs­start al­les an­de­re als ein­fach. So­wohl er als auch Iris Rein­gru­ber wa­ren ver­hei­ra­tet, als sie sich ken­nen­lern­ten. Sei­ne zwei­te Ehe war be­reits seit Jah­ren zer­rüt­tet, sie gab sei­nem Wer­ben schließ­lich nach – da­vor schlug al­ler­dings auch noch ein Ver­such fehl, sie beim Tan­go­tan­zen zu ge­win­nen.

Ih­re Freun­din­nen be­zeich­ne­ten sie als mu­tig: In dem Al­ter die­ser Schritt. „Das Schwie­rigs­te war, die Ent­schei­dung selbst zu tref­fen.“Zwei Jah­re lang wer­fen sie die Schuld­ge­füh­le (mit ih­rem Exmann war sie 35 Jah­re ver­hei­ra­tet) aus der Bahn. Krempl bleibt an ih­rer Seite, stellt ihr kein Ul­ti­ma­tum. „Ir­gend­wann war es auch gut. Und ich wuss­te: Ich darf das auch ge­nie­ßen.“

Das Auf­ar­bei­ten der ei­ge­nen Le­bens­bio­gra­fie ist auch wich­tig. „Die Zu­kunft – ei­ne zwei­te oder wei­te­re Ehe – hat erst dann ei­ne Chan­ce, wenn die Ver­gan­gen­heit – ei­ne ers­te, ge­schie­de­ne Ehe – gel­ten darf“, sagt Franz Ha­rant, Be­zie­hungs-, Ehe-, Fa­mi­li­en­seel­sor­ger der Diö­ze­se Linz. Dort gibt es be­reits seit 1992 ei­ne Emp­feh­lung des Pries­ter­rats, Men­schen, die wie­der hei-

»Die­ses Fest­schrei­ben ist ein Zei­chen, dass es die­se Lie­be ein­mal ge­ge­ben hat.« Rei­se nach Ha­waii: »Wor­auf war­ten wir? Das Le­ben darf jetzt auch gut sein.«

Män­ner

wa­ren im Jahr 2014 bei ih­rer Hoch­zeit zwi­schen 70 und 74 Jah­re alt.

Frau­en

wa­ren im glei­chen Jahr eben­falls bei ih­rer Hoch­zeit zwi­schen 70 und 74 Jah­re alt. ra­ten wol­len, mit Vor­be­rei­tung in die neue Ehe zu be­glei­ten. Wenn auch der Wunsch, wie­der mit dem Se­gen Got­tes zu hei­ra­ten, bei die­sen Paa­ren we­ni­ger oft als bei ers­ten Ehen vor­han­den sei.

Da­bei sei es im Al­ter meist schwie­ri­ger Be­zie­hun­gen zu füh­ren. „Je äl­ter die Men­schen, des­to trä­ger wer­den sie. Es braucht viel Ge­spräch, Ver­hand­lung und Ver­ein­ba­rung, wie das Mit­ein­an­der ge­stal­tet wird.“Der Wunsch nach dem Ge­lin­gen der Ehe sei aber bei Jung und Alt gleich. Ein Nicht­hei­ra­ten kä­me oft ei­ner Krän­kung gleich. „Da wird si­gna­li­siert, ich bin mir nicht si­cher, ob du der Part­ner fürs Le­ben bist, das schmerzt mehr oder we­ni­ger be­wusst in der See­le und ver­un­si­chert“, sagt er. Die Ehe, fin­det er, sei bes­ser als ihr Ruf. Es zah­le sich aus, in Be­zie­hun­gen zu in­ves­tie­ren, in Ge­sprä­che, Be­rüh­rung, Wert­schät­zung. Dass die Zahl der Ehen zu­letzt wie­der gestie-

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