Ge­fan­gen im ei­ge­nen Land

Krieg, Blo­cka­de und die Iso­la­ti­on von der Au­ßen­welt prä­gen das Le­ben der Men­schen im Ga­za­strei­fen. Es herrscht die Angst vor ei­nem neu­en Kon­flikt. Be­such in ei­nem ab­ge­rie­gel­ten Ge­biet.

Die Presse am Sonntag - - Globus - VON JU­LIA RAABE

Imad Okal zeigt auf den Schutt­hau­fen un­ter sei­nen Fü­ßen. „Das hier war ein­mal ein Kran­ken­haus“, sagt der stäm­mi­ge Mann. Zu­satz: „Für be­hin­der­te Men­schen.“Dann hebt er den Blick und deu­tet auf die grü­nen Fel­der und ein hü­ge­li­ges Wald­stück in der Fer­ne. „Dort drü­ben ist schon Is­ra­el.“Er kneift die Au­gen zu­sam­men und starrt kurz an­ge­strengt in Rich­tung der Gren­ze. „Wenn man ge­nau schaut, kann man viel­leicht so­gar is­rae­li­sche Sol­da­ten se­hen.“

She­jaiy­ya, ein Vier­tel am nörd­li­chen En­de von Ga­za-Stadt: Trüm­mer von Ge­bäu­den und Ein­schuss­lö­cher an den Haus­wän­den zeu­gen bis heu­te von den 51 Ta­gen Krieg, den Is­ra­el vor zwei Jah­ren ge­gen die ra­di­kal­is­la­mi­sche Pa­läs­ti­nen­ser­or­ga­ni­sa­ti­on Ha­mas ge­führt hat. Hier or­te­te die is­rae­li­sche Ar­mee Ab­schuss­ram­pen für Ha­mas-Ra­ke­ten und An­griffs­tun­nel; hier mar­schier­te sie im Ju­li 2014 mit Bo­den­trup­pen ein und lie­fer­te sich ei­ne Schlacht mit den Kas­sem-Bri­ga­den der Ha­mas. Von dem Vier­tel blieb nicht viel üb­rig, auch das Al-Wa­fa-Spi­tal nicht, das vor dem An­griff eva­ku­iert wur­de und in dem Is­ra­el ei­ne Ha­mas-Kom­man­do­zen­tra­le ver­mu­te­te. Okal, der für das UN-Hilfs­werk für Pa­läs­ti­na-Flücht­lin­ge, kurz UNRWA, ar­bei­tet, er­in­nert sich noch gut an die dra­ma­ti­schen St­un­den: „In der Nacht der In­va­si­on sind Dut­zen­de Men­schen ge­stor­ben. Hun­der­te muss­ten flie­hen. Vie­le Häu­ser wur­den zer­stört.“ Der Rück­keh­rer. Awad Ej­leh ist ei­ner der Be­woh­ner von She­jaiy­ya, die flüch­ten muss­ten und wie­der zu­rück­ge­kehrt sind. Kur­ze, graue Stop­pel­haa­re, Schnau­zer, lan­ges, wei­ßes Hemd. „Dort war ein­mal mein Haus“, sagt er und zeigt auf ein fla­ches, rot-gelb be­mal­tes Ge­bäu­de ge­gen­über, das ziem­lich neu aus­sieht. „Es hat­te acht Stock­wer­ke, 85 Men­schen wohn­ten da­rin. Es war mei­ne Le­bens­grund­la­ge. Al­les zer­stört.“Den Klotz von ei­nem Erd­ge­schoß, der jetzt an die­ser Stel­le steht, ha­be Ka­tar fi­nan­ziert, sagt er. „Dann ha­ben sie auf­ge­hört zu zah­len. Ich nut­ze es als La­ger­raum.“

Ej­leh lebt mit sei­ner Fa­mi­lie nun in ei­nem Miets­haus. Ar­beit ge­be es nicht. Er ha­be Schul­den. „Wir müs­sen bet­teln, um zu über­le­ben.“Nun sei auch noch die Ge­mein­de ge­kom­men und ha­be von ihm ver­langt, ei­nen Was­ser­zäh­ler zu in­stal­lie­ren, um den Was­ser­ver­brauch zu mes­sen. „Sie ha­ben mir mit Ge­fäng­nis ge­droht, wenn ich es nicht tue. Aber das kos­tet zwei­tau­send Sche­kel, und ich ha­be kei­ne Geld.“

Ne­ben Ejlehs Grund­stück sind ein paar Häu­ser wie­der auf­ge­baut wor­den, von zwei wei­te­ren steht bis­her nur das Fun­da­ment. „Der Wie­der­auf­bau geht nur sehr, sehr schlep­pend vor­an“, sagt UN-Mit­ar­bei­ter Okal. Er schei­tert schon al­lein an den Bau­ma­te­ria­li­en: Is­ra­el hat die Ein­fuhr von Be­ton, Holz und an­de­ren Bau­stof­fen stark be­schränkt, weil es fürch­tet, dass die Ha­mas da­mit Tun­nel bau­en könn­te. Lo­cke­run­gen für den Im­port wur­den aus­ge­setzt, nach­dem die Ar­mee seit April wie­der zwei sol­cher Tun­nel ent­deckt hat. Und von den ver­spro­che­nen drei Mil­li­ar­den Eu­ro der Ge­ber­län­der für den Wie­der­auf­bau ist bis­her we­ni­ger als die Hälf­te aus­be­zahlt wor­den. Nur knapp zehn Pro­zent der zer­stör­ten Häu­ser sind wie­der er­rich­tet wor­den.

Was für Bau­ma­te­ria­li­en gilt, gilt in an­de­rer Form auch für Wa­ren und Men­schen. Seit­dem die ra­di­kal­is­la­mi­sche Ha­mas 2007 die Macht im Ga­za­strei­fen über­nom­men hat, hat Is­ra­el über das Ge­biet ei­ne Blo­cka­de ver­hängt. Nur das Not­wen­digs­te kann ein­ge­führt wer­den; die Wirtschaft ist zum Er­lie­gen ge­kom­men, die Ar­beits­lo­sig­keit liegt bei über 50 Pro­zent. Aus­rei­sen darf nur, wer trif­ti­ge hu­ma­ni­tä­re Grün­de an­füh­ren kann und ei­ne Son­der­ge­neh­mi­gung er­hält. Und seit­dem in Kai­ro Ab­del Fat­tah al-Si­si re­giert, ist auch der Grenz­über­gang Ra­fah nach Ägyp­ten ge­schlos­sen, der Schmug­gel durch Tun­nel ge­stoppt. „Ga­za ist ein Ge­fäng­nis“, sagt die Ärz­tin Gha­da al-Jad­ba.

Tat­säch­lich drängt sich die­ser Ein­druck auf, wenn man am is­rae­li­schen Check­point Erez die Gren­ze über­quert: Me­ter­ho­he Mau­ern, St­a­chel­draht, Wach­tür­me, Stahl­tü­ren. Dann kommt lang nichts, bra­ches, tro­cke­nes Land, auf dem Ka­me­le und Esel gra­sen, bis man schließ­lich zwei pa­läs­ti­nen­si­sche Kon­troll­pos­ten er­reicht: ei­nen der Pa­läs­ti­nen­ser­be­hör­de und ei­nen der Ha­mas. Doch die­se sicht­ba­ren For­men der Ab­ge­schlos­sen­heit sei­en nicht das Schlimms­te, sagt al-Jad­ba: „Die Blo­cka­de be­deu­tet Iso­la­ti­on – ei­ne Blo­cka­de in den Köp­fen.“

Die re­so­lu­te Frau Mit­te 40 lei­tet das Ge­sund­heits­pro­gramm von UNRWA im Ga­za­strei­fen, das auch von der Aus­tri­an De­ve­lop­ment Agen­cy (ADA) un­ter­stützt wird. Die Fol­gen der Iso­la­ti­on kann sie in den 21 Ge­sund­heits­sta­tio­nen des UN-Hilfs­pro­gramms, das für zwei Drit­tel der Ga­za-Be­woh­ner die ein­zi­ge Ge­sund­heits­ver­sor­gung dar­stellt, täg­lich be­ob­ach­ten: Herz­lei­den, Ma­gen­pro­ble­me, auch Dia­be­tes und Frei­zeit­freu­den: zwei Frau­en am Strand von Ga­za. Krebs tre­ten im­mer häu­fi­ger auf. „Die Frus­tra­ti­on der Men­schen über­setzt sich in stän­di­ge Ge­sund­heits­pro­ble­me.“So­gar die Kin­der­sterb­lich­keit ist zum ers­ten Mal seit 1960 wie­der ge­stie­gen – „ei­ner der emp­find­lichs­ten In­di­ka­to­ren für den Zu­stand ei­ner Be­völ­ke­rung.“Weil De­pres­sio­nen, Ge­walt ge­gen Frau­en und selbst un­ter Kin­dern zu­nimmt und es im­mer mehr Selbst­mor­de gibt, hat das Hilfs­werk auch die psy­cho­so­zia­le Be­treu­ung aus­ge­baut. Der UNRWA-Chef im Ga­za­strei­fen, Bo Schack, plä­diert drin­gend da­für, Per­spek­ti­ven für die Men­schen zu schaf­fen. Sie sei­en ver­zwei­felt und su­chen nach Hoff­nung, sagt er. „Und es gibt Grup­pen hier, die den Men­schen Hoff­nung durch Ge­walt ge­ben wol­len.“

Aus­rei­sen darf nur, wer aus hu­ma­ni­tä­ren Grün­den ei­ne Son­der­ge­neh­mi­gung er­hält. »Es gibt Grup­pen hier, die den Men­schen Hoff­nung durch Ge­walt ge­ben wol­len.«

Da­mit meint Schack die Ha­mas und noch ra­di­ka­le­re Grup­pen. Über­all in Ga­za-Stadt, an Stra­ßen­la­ter­nen und auf Ver­kehrs­in­seln, hän­gen mar­tia­li­sche Pla­ka­te, auf de­nen sie ih­re „Mär­ty­rer“prei­sen und den Kampf ge­gen Is­ra­el be­schwö­ren. Und es sieht längst nicht so aus, als ob sich die La­ge der Men­schen bald ver­bes­sern wür­de – im Ge­gen­teil: Erst ver­gan­ge­ne Wo­che hat es wie­der Ge­fech­te zwi­schen Is­ra­el und der Ha­mas ge­ge­ben, die schlimms­ten seit dem En­de des Kriegs. Nun geht die Angst vor ei­nem neu­en Kon­flikt um.

Die Ha­mas ist über­all. Auch an der Zu­fahrt zum Ha­fen ha­ben sich ih­re Auf­pas­ser pos­tiert. Schwar­ze Uni­form, Schirm­müt­ze, grim­mi­ger Blick. Von dem Wach­pos­ten aus ent­geht ih­nen nie­mand, der den kur­zen Weg von der Haupt­stra­ße hin­un­ter an den Strand ein­schlägt. Auch ei­ne Ka­me­ra fällt ih­nen auf. Fo­tos zu ma­chen ist ei­gent­lich ver­bo­ten, wenn man vor­her nicht um ei­ne Ge­neh­mi­gung an­ge­sucht hat. Al­ler­dings lässt sich die­se dann doch un­bü­ro­kra­tisch um­ge­hen, nach­dem man ei­ni­ge freund­li­che Wor­te ge­wech­selt und der Chef des Wach­pos­tens kurz zum Han­dy ge­grif­fen hat. Kaf­fee und Zu­cker­wat­te. Un­ten am Ha­fen füllt sich an die­sem son­ni­gen Spät­nach­mit­tag lang­sam die Pro­me­na­de. Auf den Bän­ken sit­zen klei­ne Grup­pen von Män­nern. Ver­schlei­er­te Frau­en fla­nie­ren mit ih­ren Kin­dern an den bun­ten Fi­scher­boo­ten vor­bei. Händ­ler bie­ten Kaf­fee, Luft­bal­lons und so­gar Zu­cker­wat­te an, was sich kaum je­mand leis­tet. Es gibt ei­nen Spiel­platz und ei­ne Strand­bar mit far­bi­gen Plas­tik­ti­schen. Ei­ne rie­si­ge Säu­le er­in­nert an die zehn To­ten der Ma­vi Mar­ma­ra, je­nes Ak­ti­vis­ten­schiffs, das 2010 Hilfs­gü­ter nach Ga­za brin­gen woll­te und von is­rae­li­schen Sol­da­ten ge­stürmt wur­de.

Vom Ha­fen aus er­streckt sich ki­lo­me­ter­lang der Sand­strand. Die Stra­ße säu­men Ho­tels und lee­re Bars. Ei­gent­lich könn­te Ga­za ein Ur­laubs­pa­ra­dies sein. Frü­her, er­in­nert sich Hai­der Abus­harkh, sei­en über Ägyp­ten auch vie­le Tou­ris­ten ge­kom­men, „von über­all her“. Heu­te, sagt er, kom­me nie­mand mehr. Der 70-Jäh­ri­ge ist im heu­ti­gen Is­ra­el ge­bo­ren und muss­te 1948 flüch­ten. In den 1980er-Jah­ren hat er in Wi­en sei­ne Fach­arzt­aus­bil­dung ge­macht und die ös­ter­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft er­hal­ten. Nun lebt er wie­der in Ga­za.

„Un­ser Haupt­pro­blem ist die Ha­mas-Re­gie­rung“, sagt Abus­harkh. Seit sie an der Macht ist, ha­be sich al­les ver­än­dert. „Es gibt kei­ne Ar­beit mehr, die Prei­se sind hoch.“Je­den Tag wer­de die La­ge un­er­träg­li­cher. „Wä­re die Gren­ze zu Ägyp­ten of­fen, dann wür­den vie­le jun­ge Leu­te das Land ver­las­sen“, ist er über­zeugt. „Ein jun­ger Mensch will ar­bei­ten, hei­ra­ten, ei­ne Woh­nung ha­ben. Das ist hier nicht mög­lich. So­bald die Gren­ze of­fen ist, wer­den sie ge­hen.“

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