Die Re­vo­lu­ti­on hat sich er­schöpft

Am Frei­tag be­gan­nen die Wie­ner Fest­wo­chen mit ei­ner mehr als fünf­stün­di­gen Ins­ze­nie­rung von Frank Cas­torf. Sei­ne Ver­si­on von Pla­to­nows Ro­man »Tsche­wen­gur« ist wirr und fad.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON NOR­BERT MAY­ER

Die Hand­lung von And­rei Pla­to­nows Ro­man kann ein­fach er­zählt wer­den: Ei­ni­ge Jah­re nach der Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on 1917 ist Russ­lands Bür­ger­krieg bei­na­he be­en­det, den Kom­mu­nis­mus in sei­nem Lauf hält of­fen­bar nichts mehr auf. Zwei mi­li­tan­te Mit­läu­fer, Kop­jon­kin und Dva­nov, ma­chen sich auf in die Stadt Tsche­wen­gur in der Step­pe, um dort zu er­fah­ren, wie er sich auf die Ge­sell­schaft aus­ge­wirkt hat, auf die Bour­geoi­sie, die ab­ge­schafft ge­hört, auf die Bau­ern, die ih­re Ar­beit ein­stel­len, denn jetzt ist ja Klas­sen­kampf, jetzt wird neu ver­teilt. Die Par­tei sorgt doch für al­le. „Tsche­wen­gur“ist ein Rei­se­und Bil­dungs­ro­man. Kop­jon­kin nennt sein Pferd So­wjet­macht, als Traum­bild hat er die er­mor­de­te Re­vo­lu­tio­nä­rin Ro­sa Lu­xem­burg, de­ren Gr­ab er sucht. Wie ein Don Qui­jo­te kämpft er sich mit sei­nem treu­en Be­glei­ter durch die neu­en Ver­hält­nis­se. Blut muss flie­ßen, die Re­vo­lu­ti­on muss fres­sen.

Pla­to­nows Text spießt die frü­he so­wje­ti­sche Pro­pa­gan­da auf. Aus Sicht der No­men­kla­tu­ra wur­de sein Werk zu Recht weg­ge­sperrt. Er schrieb so aben­teu­er­lich ab­surd, als ob ei­ne frü­he Os­tVer­si­on von Al­bert Ca­mus ih­re Vi­sio­nen mit viel Wod­ka, Ta­blet­ten und im Fie­ber­wahn zu Pa­pier ge­bracht hät­te. Sta­lin schrieb an den Rand ei­nes der Ma­nu­skrip­te: „Drecks­kerl“. Aus or­tho­do­xer Sicht stimmt das so­gar. Pla­to­now war wirk­lich nichts hei­lig. Er war als Pro­gres­si­ver un­be­quem.

Ein fan­tas­ti­scher Stoff für tol­le Thea­ter­aben­de al­so. Aber was für ei­ne er­bärm­li­che, un­in­spi­rier­te Show hat Frank Cas­torf, der über die Ber­li­ner Volks­büh­ne Ost schon bei­na­he so lang herrscht wie einst Ge­nos­se Sta­lin über die UdSSR, aus die­ser Vor­la­ge ge­macht? Sei­ne Ins­ze­nie­rung für das Schau­spiel Stutt­gart vom vo­ri­gen Herbst, die die­sen Frei­tag bei den Wie­ner Fest­wo­chen zu Gast war, ent­täusch­te mit ih­rer post­dra­ma­ti­schen Fa­desse: „Tsche­wen­gur“(Deutsch von Re­na­te Reschke) ist kei­ne „Wan­de­rung mit of­fe­nem Her­zen“, wie der Un­ter­ti­tel ver­spricht, son­dern ein bun­ter Abend für ei­ne ge­schlos­se­ne Ge­sell­schaft des in­ners­ten Zir­kels der noch le­ben­den Nei­gungs­grup­pe Cas­torf. In­nen­welt. Sym­pto­ma­tisch da­für ist das Büh­nen­bild, ein Zei­chen für in­ne­re Emi­gra­ti­on. Aleksan­dar De­nic´ hat mit ge­wal­ti­gem Auf­wand ei­ne dreh­ba­re Fe­s­tung ge­baut. In der ei­nen Ach­se sieht man die mäch­ti­ge Ver­klei­dung ei­ner al­ten so­wje­ti­schen Dampf­lok. Wie ei­ne Kirch­turm­spit­ze sieht ihr Schlot aus, aus ihm ra­gen Kreu­ze, dringt be­stän­dig Rauch. Die­se Lok kann auch mit ih­ren Schein­wer­fern den Völ­kern Si­gna­le ge­ben. Vor­wärts! Auf der Rück­sei­te die­ser Ach­se aber dre­hen sich die Blät­ter ei­ner Wind­müh­le (Cer­van­tes!), auf de­nen manch­mal leicht be­klei­de­te Da­men tur­nen. Hoch oben auf der Müh­le ein Por­trät der Lu­xem­burg. Un­ter dem dop­pel­ten Über­bau sind die Mü­hen des UdSSR-All­tags rea­li­siert – ein Straf­la­ger, ei­ne Ar­bei­ter­ba­ra­cke, ein Klub (sei­ne Ne­on­schrift ver­heißt „So­wjet­macht“), ein Hof, ein Co­la-Au­to­mat.

Im Of­fe­nen sind die zehn Schau­spie­ler je­doch sel­ten, son­dern meist in den In­nen­räu­men ver­sam­melt oder zen­tral in ei­nem Pkw der Mo­skwit­schWer­ke, in dem sie sich kör­per­lich nä­her­kom­men. Das Ge­sche­hen wird durch mo­bi­le Ka­me­ra­teams auf zwei Vi­deo-Screens hoch oben auf dem Ge­samt­kunst­werk über­tra­gen. Die Bot­schaft an das Pu­bli­kum: Wir brau­chen kei­ne vier­te Wand, wir sind uns selbst ge­nug und schi­cken euch ins Ki­no.

Tat­säch­lich ist man pha­sen­wei­se ge­neigt, län­ger als die Ver­ren­kun­gen des En­sem­bles die in Schwarz-Weiß ein­ge­spiel­ten End­los­schlei­fen his­to­ri­scher Do­ku-Clips zu be­trach­ten, et­wa das Stamp­fen ei­ner Ei­sen­bahn. Oder sich völ­lig der Mu­sik zu wid­men: Zi­ta­te von Schosta­ko­witsch, die sich vor und nach der Pau­se zu ei­nem skur­ri­len Sä­bel­tanz samt Pferd aus­wach­sen. Im zwei­ten Teil do­mi­niert der Blues der Rol­ling Sto­nes. Das ist hübsch an­zu­hö­ren. An­sons­ten ver­säumt man nicht mehr viel. Denn die­se Ins­ze­nie­rung ist von ar­ro­gan­ter Be­lie­big­keit. Meist un­ter Ge­brüll, bei schlech­ter Akus­tik, wer­den Mas­sen an Text wie im Ak­kord aus­ge­sto­ßen. Wer spielt wel­che Rol­le? Un­in­ter­es­sant. Cas­torf spielt.

Ein­mal, nach viel zu vie­len St­un­den, lässt er ei­ne Schau­spie­le­rin sa­gen, sie sei es satt, für al­te avant­gar­dis­ti­sche Re­gis­seu­re zu ar­bei­ten. Aber die Spit­ze ist hier nicht das Pro­blem, son­dern das Stump­fe. Es mu­tet spät­pu­ber­tär an, wie frei von Iro­nie um Iro­nie ge­run­gen wird. Auch die Fan­ta­si­en do­mi­nan­ter Frau­en in Netz­strümp­fen, die be­vor­zugt ih­re Bei­ne sprei­zen, wäh­rend die Män­ner Flüs­sig­kei­ten und Es­sens­res­te von sich ge­ben, scheint kein Pri­vi­leg wür­de­lo­ser Grei­se, son­dern schlicht schlecht ver­klei­de­ter Se­xis­mus zu sein.

»Drecks­kerl« schrieb Sta­lin an den Text­rand. Aus or­tho­do­xer Sicht hat­te er da­mit recht. Am En­de siegt bei Frank Cas­torf das Kunst­blut. Fa­zit: Lie­ber tot als rot.

Das Grund­prin­zip des Abends ist oh­ne­hin Ver­schleie­rung. Ein­gangs gibt es Sze­nen mit ei­ner (wohl vom Meis­ter selbst ge­bas­tel­ten) Be­grün­dung, war­um Pla­to­now so gut sei (bes­ser als He­ming­way!). Dann darf stun­den­lang der Dich­ter frag­men­ta­risch mit sei­nem Ro­man zu Wort kom­men, aber er geht im Stak­ka­to der Schau­spie­ler un­ter. Es herrscht Be­lie­big­keit. Ein Ba­by wird in den Müll gek­ü­belt, ei­ne Kü­chen­scha­be saugt an ei­ner of­fe­nen Wun­de, ein Bau­er isst Dreck, ein Fi­scher er­säuft sich in ei­ner Wan­ne. Ein­mal dür­fen al­le Darstel­ler Hüh­ner sein. Da wird ge­ga­ckert. Der Un­ter­schied zum üb­ri­gen Wort­schwall ist mar­gi­nal. Am En­de gibt es ein Film­chen, in dem die Re­vo­lu­tio­nä­re durch ein Mais­feld stol­pern und mit Un­men­gen an Kunst­blut ih­ren Hel­den­tod spie­len. Fa­zit zu Rev­nar­od´ und Rev­kom:´ Lie­ber tot als rot.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.