Das lieb­li­che Fest und die Klän­ge des Geis­tes

Das Pfingst­wun­der ist nicht an­nä­hernd so oft ver­tont wor­den wie die ös­ter­li­chen Ge­scheh­nis­se. Doch ist der Hei­li­ge Geist in un­se­ren Kon­zert­und Opern­häu­sern auf sanf­te Wei­se stets prä­sent.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON WIL­HELM SINKOVICZ

Ge­lieb­te Tan­te! Os­tern, das lieb­li­che Fest ist ge­kom­men, Du freust Dich jetzt, dass ich sie mit Pfings­ten ver­wechs­le, aber das ge­schah ja nur, da­mit Du Dich freust“– Al­f­red Pol­gar bohr­te mit sei­ner spit­zen Fe­der un­be­wusst in der tiefs­ten pfingst­li­chen Wun­de. Zwar ge­hört, was wir die­ser Tage fei­ern, zu den herr­lichs­ten Mys­te­ri­en. Doch ist Os­tern of­fen­bar viel po­pu­lä­rer. Mu­si­ka­lisch be­trach­tet, je­den­falls.

Be­we­gen­de Pas­si­ons­ver­to­nun­gen kom­men dem abend­län­disch so­zia­li­sier­ten Kul­tur­men­schen so­gleich in den Sinn. Dicht ge­folgt in der Be­liebt­heits­ska­la vom „Weih­nachts­ora­to­ri­um“und viel­leicht dem all­um­fas­sen­den „Mes­si­as“. So­gar die Apo­ka­lyp­se ge­nießt in un­se­ren Brei­ten dank Franz Schmidts „Buch mit sie­ben Sie­geln“Hei­mat­recht.

Chris­ti Lei­den, Tod und Au­fer­ste­hung! Aber der Hei­li­ge Geist? In Hans Pfitz­ners „Pa­le­stri­na“wird er vom Kon­zil an­ge­ru­fen – wird aber auch zum Sub­jekt zy­ni­scher Be­trach­tun­gen an­ge­sichts der päpst­li­chen Ge­sand­ten, von de­nen Graf Lu­na singt: „Sie brin­gen den Hei­li­gen Geist. Der gibt ih­nen dann die Be­schlüs­se ein . . .“ Der Geist siegt über Um­we­ge. Im­mer­hin: Pfitz­ners An­ti­po­de Gus­tav Mah­ler droht mit dem über­wäl­ti­gen­den Pfings­thym­nus „Ve­ni Crea­tor Spi­ri­tus“am Be­ginn der Ach­ten Sym­pho­nie, die Wän­de al­ler Kon­zert­sä­le zu spren­gen. Im Üb­ri­gen muss der Mu­sik­freund Ein­schlä­gi­ges beim ka­tho­li­schen Fun­da­men­ta­lis­ten un­ter den Kom­po­nis­ten, Oli­vier Mes­sia­en, auf­spü­ren: In der „Mes­se de Pen­te­cote“ˆ zün­geln die „lan­gues de feu“, und der „vent de l’Esprit“weht in ge­wal­ti­gen Stö­ßen.

Sind mu­si­ka­li­sche Pfingst­wun­der auch rar, siegt der Geist doch über Um­we­ge, weil er in je­dem Cre­do un­ter uns ist – oder bes­ser über den Din­gen schwebt. An­ders als bei Mah­ler und Mes­sia­en of­fen­bart er sich gern in je­nem „sanf­ten Säu­seln“, des­sen im­ma­nen­te Kraft schon Men­dels­sohns „Eli­as“über je­de Mee­res­bran­dung, je­des Erd­be­ben, je­de Feu­ers­brunst stellt.

Die Klas­si­ker und Ro­man­ti­ker hat er zu ei­nem Kult der über­wäl­ti­gen­den Sanft­heit in­spi­riert. Es ist wohl kein Zu­fall, dass aus­ge­rech­net dort, wo der Hei­li­ge Geist wir­kend ein­greift – im „et in­car­na­tus est“–, bei na­he­zu je­der Ver­to­nung ei­ne merk­li­che Zä­sur ein­tritt und ei­ne be­son­de­re, ei­ne be­son­ders in­ni­ge Mu­sik er­klingt. Die tiefs­ten Ge­heim­nis­se. Oft – den­ken wir nur an Schu­berts Es-Dur-Mes­se, wo die­se Pas­sa­ge auf sin­gu­lä­re Wei­se mit dem „Cru­ci­fi­xus“zu ei­ner wahr­haft spi­ri­tu­el­len Hö­r­er­fah­rung ver­wo­ben wird – sind das die ein­drucks­volls­ten Mo­men­te in ei­ner Ver­to­nung des Or­di­na­ri­ums. In solch schwe­ben­der, von äthe­ri­schen Vio­lin­klän­gen in höchs­ten La­gen ge­tra­ge­ner Ma­nier hält der Geist schließ­lich auch Ein­zug auf die Opern­büh­ne – und macht Re­gis­seurs­köp­fe wirr. Wie mag man nur dar­stel­len, dass es die Tau­be ist, die Rit­ter Lo­hen­grin gen Mont­s­al­vat zieht?

Ein ver­wand­tes Pro­blem ließ schon Wie­land Wa­gner auf ei­ne List ver­fal­len, als der Bay­reu­ther Ka­pell­meis­ter Hans Knap­perts­busch dar­auf be­stand, am En­de des „Par­si­fal“, wie vor­ge­schrie­ben, die Tau­be ein­her­schwe­ben zu se­hen. Man ließ das Tier (Be­woh­ne­rin ei­ner frü­he­ren Pro­duk­ti­on) nur so weit vom Schnür­bo­den her­ab, dass es vom Di­ri­gen­ten­pult aus sicht­bar wur­de. Das Fest­spiel­pu­bli­kum be­kam den Geist dank der von Knap­perts­busch an­ge­fach­ten or­ches­tra­len Klang­wun­der le­dig­lich zu hö­ren, nicht zu se­hen.

Wie der Geist klingt, hat­te Wa­gner ja schon im „Lo­hen­grin“-Vor­spiel de­mons­triert. Al­lein, drei Jah­re spä­ter be­wies Gi­u­sep­pe Ver­di, dass uns das Ohr dies­be­züg­lich auch täu­schen kann: Im ers­ten Mo­ment schei­nen die vier­fach ge­teil­ten Gei­gen­stim­men am Be­ginn sei­ner „Tra­viata“de­nen des „Lo­hen­grin“zum Ver­wech­seln ähn­lich. Grals­rit­ter ge­gen Kur­ti­sa­ne? Der Geist weht, das ist nie zu leug­nen, wo er will.

Nur bei Gus­tav Mah­ler nä­hert sich der Geist im For­tis­si­mo, sonst spricht er ganz lei­se.

Pra­do, Ma­drid

Das Pfingst­wun­der in der Kunst: „Aus­gie­ßung des Hei­li­gen Geis­tes“von El Gre­co.

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