Weh­muts­vol­le »West Si­de Sto­ry«

Bern­steins ge­nia­les Mu­si­cal be­geis­tert in der Salz­bur­ger Fel­sen­reit­schu­le – als nost­al­gi­sche Er­in­ne­rung der ge­al­ter­ten Ma­ria von Ce­ci­lia Bar­to­li.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON WAL­TER WEIDRINGER

Ein Trep­pen­witz der Ge­schich­te: Die Up­per West Si­de von einst mit ih­ren vie­len Ein­wan­de­rern aus Ost­eu­ro­pa und der Ka­ri­bik ist un­ter­ge­gan­gen – und just dort, wo Leo­nard Bern­stein und Ar­thur Lau­rents ih­re mo­der­ne Ver­si­on von „Romeo und Ju­lia“an­ge­sie­delt hat­ten, zwi­schen Ab­bruch­häu­sern und schmut­zi­gen Hin­ter­hö­fen, öff­ne­te 1966 dann auch die neue Me­tro­po­li­tan Ope­ra ih­re Pfor­ten.

So­gar in Salz­burg scheint die so­ge­nann­te Hoch­kul­tur nun mu­tig frem­des Ter­rain zu an­nek­tie­ren. „West Si­de Sto­ry“bei den Fest­spie­len zu Pfings­ten und im Som­mer – das kann über den Kas­sen­er­folg mit ins­ge­samt acht längst aus­ver­kauf­ten Vor­stel­lun­gen hin­aus ja nicht bloß be­deu­ten, man wol­le die Gen­re­fach­leu­te vom Broad­way mit de­ren ei­ge­nen Waf­fen schla­gen. Nein, es soll­te schon auch ein an­de­rer, auf der Büh­ne noch sel­ten ver­wirk­lich­ter Zu­gang sein, den Ce­ci­lia Bar­to­li als künst­le­ri­sche Lei­te­rin der Pfingst­fest­spie­le da­bei im Sinn hat­te. Ein „opern­haf­ter“näm­lich – al­so das, was Bern­stein ur­sprüng­lich ei­gent­lich ver­mei­den woll­te, aber gott­lob nicht rest­los konn­te und in sei­ner le­gen­dä­ren Auf­nah­me 1985 mit Opern­stars auch selbst be­kräf­tig­te.

Ce­ci­lia Bar­to­li nun mit knapp 50 als Ma­ria? Die Skep­sis man­cher Be­ob­ach­ter war an sich so un­ge­recht wie un­be­grün­det: Noch bei ih­rer quir­lig­ju­gend­li­chen Ce­ne­ren­to­la 2014 ver­schwen­de­te wohl nie­mand ei­nen Ge­dan­ken an ihr Ge­burts­da­tum – und im Mu­sik­thea­ter de­fi­nie­ren sich Fi­gu­ren eben nicht rein rech­ne­risch, son­dern im wun­der­sa­men Zu­sam­men­wir­ken von Ge­sang und Darstel­lung. Den­noch wen­det der broad­way­er­fah­re­ne Re­gis­seur Phi­lip Wm. McKin­ley gleich­sam ei­nen Trick an, in­dem er Bar­to­li in ei­ner Rah­men­hand­lung als um Jahr- zehn­te ge­reif­te Ma­ria vor­stellt: In lei­den­der Er­in­ne­rung durch­lebt sie das Stück als Rück­blen­de, wan­delt als stum­me Zeu­gin durch die Sze­nen, trifft auf ihr ei­ge­nes, jun­ges Ich in Gestalt der ein­dring­li­chen Mi­chel­le Vein­ti­mil­la – und kann To­nys Tod zu­letzt kein zwei­tes Mal mehr er­tra­gen . . . Fremd­kör­per Bar­to­li. Ei­ne „West Si­de Sto­ry“zwei­ter Ord­nung al­so – bei der McKin­ley den Nost­al­gie­trumpf frei­lich all­zu tri­um­phie­rend aus­spielt. Für Bar­to­li birgt das Kon­zept je­doch den Vor­teil, dass sie sich nicht durch die Dia­lo­ge quä­len muss, de­ren Aus­führ­lich­keit zu­min­dest im ers­ten Teil zu ei­nem Span­nungs­ab­fall führt. Nur die zen­tra­len Sät­ze spricht sie mit – und singt na­tür­lich. In den schöns­ten, den ly­ri­schen Mo­men­ten formt sie da­bei be­we­gen­de Phra­sen mit ei­nem cre­mi­gen Klang, der gar nicht weit ent­fernt von dem ist, was Ki­ri Te Ka­na­wa einst un­ter Bern­steins St­ab­füh­rung er­zielt hat.

Wenn Bar­to­li al­ler­dings mehr ge­ben muss, dann schmei­chelt ihr die Ver­stär­ker­an­la­ge nicht: Ja, der Sound kommt auch aus den Boxen. Au­ßer­dem bleibt sie so­gar in Du­et­ten sze­nisch iso­liert, wirkt fast wie ein Fremd­kör­per, da ja al­le mit der jun­gen Ma­ria in­ter­agie­ren. Dar­über hin­aus ist McKin­leys Idee vor al­lem ge­gen­über dem To­ny von Nor­man Rein­hardt nicht ganz fair. In Wi­en war der ju­gend­lich wir­ken­de Ame­ri­ka­ner zu­letzt in der „Stra­ni­e­ra“im Thea­ter an der Wi­en zu hö­ren. Hier er­in­nert er nach klei­nen Une­ben­hei­ten mit ge­rad­li­ni­gem Te­nor und sau­be­rer Kopf­stim­me an den im bes­ten Sinn nai­ven Charme ei­nes Jer­ry Had­ley – und legt sich auch Re­gis­seur Phi­lip Wm. McKin­ley er­zählt Bern­steins Mu­si­cal­klas­si­ker durch Rück­blen­den. als Darstel­ler voll ins Zeug. Nur: In­mit­ten der von hal­ben Kin­dern do­mi­nier­ten Be­set­zung nimmt er sich un­ver­dien­ter­ma­ßen schon reich­lich er­wach­sen aus, wäh­rend er zu Bar­to­li doch gut ge­passt hät­te . . .

„Wi­thout a gang you’re an or­phan“, heißt es ein­mal im Text. Nun, Gus­ta­vo Du­da­mel brach­te sei­ne Gang mit – und in die­ser spiel­te wahr­lich nie­mand wie ein schüch­ter­nes Wai­sen­kind. Das Simon´ Bol´ıvar Sym­pho­ny Orches­tra ent­fach­te im halb ver­deck­ten Orches­ter­gra­ben vor al­lem ei­nes: rhyth­mi­sche Ver­ve. Auch iri­sie­ren­de Strei­ch­er­klän­ge um­schweb­ten wie ei­ne Glo­rio­le et­wa das „So­mew­he­re“, das bei­nah selbst­ver­ständ­lich auch Ce­ci­lia Bar­to­li an­stimm­te. An vie­le an­de­re Fi­nes­sen des Stücks, ge­wiss ei­nes der gro­ßen, ge­nia­len Mu­sik­thea­ter­wer­ke des 20. Jahr­hun­derts, konn­te man sich mehr er­in­nern, als sie di­rekt ver­neh­men. Da­ne­ben be­herrsch­ten im Gen­re er­prob­te Pro­fis die Pro­duk­ti­on: Ge­or­ge Tsyp­in schuf ein pit­to­resk-be­weg­li­ches Büh­nen­bild, auf des­sen drei Ebe­nen sich ein for­mi­da­bles En­sem­ble mit der groß­ar­ti­gen Ka­ren Oli­vo (Ani­ta) an der Spit­ze tum­mel­te und Li­am Steels Cho­reo­gra­fi­en mit Le­ben er­füll­te – fre­ne­ti­scher Ju­bel.

Gus­ta­vo Du­da­mels Orches­ter ent­fach­te vor al­lem ei­nes: rhyth­mi­sche Ver­ve.

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