Al­les nur Ge­schich­ten?

Er er­zählt von abs­trak­ter Ma­le­rei, Flücht­lin­gen und Je­sus: Die poin­tier­ten »Sto­ries« des bul­ga­ri­schen Künst­lers Ned­ko Sola­kow sind der­zeit in Wi­en zu se­hen.

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON SA­BI­NE B. VO­GEL

In ei­nem un­schein­ba­ren Holz­kas­ten sah man auf der Do­cu­men­ta 12 (2007) Men­gen von Kar­tei­kar­ten. Mit den 180 Blät­tern hat­te Ned­ko Sola­kow ein dunk­les Ge­heim­nis ver­ar­bei­tet: Als jun­ger Stu­dent und über­zeug­ter So­zia­list ar­bei­te­te er von 1976 bis 1983 für den bul­ga­ri­schen Ge­heim­dienst. Als er „Top Se­cret (1989–90)“1990 in So­fia das ers­te Mal aus­stell­te, war der Schock in Bul­ga­ri­ens Kunst­sze­ne groß. Auf der Do­cu­men­ta prä­sen­tier­te er sein Ge­ständ­nis dann in ei­ner Vi­tri­ne. Man konn­te nicht mehr blät­tern und wuss­te nicht so recht, ob Sola­kow sich tat­säch­lich hat­te an­heu­ern las­sen oder ob es ei­ne sei­ner vie­len Ge­schich­ten war. Denn der bul­ga­ri­sche Künst­ler ist ein Meis­ter im Ge­schich­ten­er­zäh­len. Jetzt zeigt er in sei­ner Ein­zel­aus­stel­lung in der Wie­ner Ga­le­rie Ge­org Kargl Fi­ne Arts neue „Sto­ries“.

Ei­gent­lich hät­te der Ti­tel der Schau ja an­ders lau­ten sol­len, er­zählt er: „Sto­ries with Long Pro­lo­gues, Ra­pid Cli­ma­xes and Qu­iet En­dings.“Aber sei­ne To­le­ranz für prä­ten­tiö­se Ti­tel sei ge­sun­ken. Al­so hat er ihn ab­ge­kürzt und bie­tet den ur­sprüng­li­chen Ti­tel als Wand­ob­jekt mit Buch­sta­ben aus far­bi­gem Stoff zum Kauf an. Sol­che Wen­dun­gen sind ty­pisch für den 1957 in Cher­ven Bryag ge­bo­re­nen Künst­ler. Im­mer spie­len sei­ne ei­ge­nen In­ter­es­sen und Ängs­te in sei­ne Wer­ke hin­ein. Da­mals auf der Do­cu­men­ta hing et­wa sei­ne Zeich­nungs­se­rie „Fe­ars“: Auf 99 Blät­tern wa­ren klei­ne Cha­rak­te­re mit hand­ge­schrie­be­nen Tex­ten kom­bi­niert. Sie be­schrie­ben ver­schie­de­ne Ängs­te, und al- len war ei­nes ge­mein­sam: „Wenn ich ei­ne Ge­schich­te vol­ler Sar­kas­mus und Hu­mor er­zäh­le, dann gibt es ei­ne Re­gel, die ich be­fol­gen muss: Ich muss auch über mich selbst wit­zeln“, sag­te er da.

Die­ser Selbst­be­zug ist auch in Wi­en zen­tral. Hier aber ste­hen we­ni­ger sei­ne Ge­füh­le als schar­fe Kunst­kom­men­ta­re im Zen­trum. Da­für be­dient er sich vie­ler Me­di­en. „Manch­mal ver­wech­seln Be­su­cher mei­ne Schau mit ei­ner Grup­pen­aus­stel­lung, weil ich ei­ne so gro­ße Brei­te in mei­nem Werk ha­be“, er­klär­te Sola­kow ein­mal. Ei­ne Ko­ket­te­rie, denn den iro­ni­schen, ana­ly­ti­schen, hin­ter­grün­di­gen Zeich­nun­gen, Skulp­tu­ren und der Ma­le­rei ge­mein­sam ist die ho­he Qua­li­tät, mit der er kom­ple­xe Zu- sam­men­hän­ge in Bild und Wort an­schau­lich macht. Sei­ne be­son­de­re Stär­ke liegt in der Wand­ma­le­rei. Manch­mal zeich­net er win­zig klei­ne Ge­schich­ten auf fast ver­bor­ge­nen Stel­len. In Wi­en hat er die Land­kar­te Ös­ter­reichs mit ro­ter Far­be groß auf­ge­malt. Links da­ne­ben steht ei­ne klei­ne ro­te Fi­gur auf der wei­ßen Wand und sagt: „Kann ich her­ein­kom­men?“„Nein, ich ha­be ge­nug von dei­ner Far­be um mich her­um“, ant­wor­tet das zwei­te Maxl, ein Wei­ßer auf der ro­ten Far­be der Land­kar­te. 16.950 Eu­ro kos­tet „In­si­de/Outs­ide“. Ein Bild will weg­ren­nen. Ist die­se Wand­ma­le­rei auf die Flücht­lings­si­tua­ti­on be­zo­gen? „Ja, in ge­wis­ser Wei­se“, re­la­ti­viert Sola­kow. Aber die­se Flücht­lin­ge kom­men aus der Schweiz, fügt er hin­zu. Wo­mit klar ist: Ein­sei­ti­ge Be­zü­ge in­ter­es­sie­ren ihn nicht. Auch hier schwingt na­tür­lich das The­ma der Kunst mit, wenn Far­ben auf­ein­an­der­tref­fen und Kon­tu­ren ver­lo­ren ge­hen. Deut­li­cher wird das in „The Ab­stract pain­ting (with no fra­me)“(50.850 Eu­ro), das von ei­nem opu­len­ten, gol­de­nen Rah­men um­ge­ben ist. „Ab und zu pro­du­zie­re ich die­se glän­zen­den, ko­mi­schen Ob­jek­te, de­ren Er­schei­nung sich dann beim Le­sen der Ge­schich­te völ­lig ver­kehrt“, sagt So­lo­kow da­zu. Mit­ten drin ist ein Bild mit ei­nem win­zi­gen schwar­zen Qua­drat. Ein abs­trak­tes Bild. Das al­ler­dings hat Bei­ne und will weg­ren­nen. Denn es fühl­te sich mi­se­ra­bel, weil es im In­ter­net her­aus­fand, kei­nes­wegs ori­gi­när zu sein. Ein phi­lo­so­phi­scher Ge­schich­ten­er­zäh­ler soll­te dem Qua­drat dann et­was hin­zu­er­fin­den, um die Ein­zig­ar­tig­keit her­aus­zu­he­ben – ei­nen Rah­men zu schaf­fen.

Die Ge­schich­te rund­her­um ist zu lang, um sie kom­plett zu zi­tie­ren, zu lang auch für das klei­ne Bild, wes­we­gen klei­ne Pfei­le uns im­mer an­zei­gen, wo der Satz auf dem gol­de­nen Rah­men wei­ter­geht – wun­der­bar, wie Sola­kow hier die Über­hö­hung von ba­na­ler Kunst durch ab­sur­de Tex­te zu­spitzt!

Ei­ne hu­mor­vol­le Abrech­nung mit der Ma­le­rei ist auch „Fi­ve Pain­tings“. Je­des Bild iro­ni­siert die abs­trak­te Ma­le­rei: „Ein Bild be­kommt die Grip­pe und ver­liert 6,2 % der for­ma­lis­ti­schen Er­schei­nung“, sein „in­ne­res Le­ben wird da­für um 19 % be­rei­chert“. Das wei­ße Bild „fühlt sich ganz ori­gi­när in der Pur­heit“und be­son­ders wild ist: „Ein Kon­zept­künst­ler ver­lor sich in ei­ner ma­le­ri­schen Flä­che und war schnell von ei­ner Qua­ran­tä­nebla­se ein­ge­schlos­sen, da­mit sei­ne kon­zep­tu­el­len Vi­bes das Bild nicht in­fi­zie­ren.“

Man­che Wer­ke han­deln aber auch von Sola­kow selbst, et­wa die bei­den gro­ßen Oh­ren aus Alu­mi­ni­um. Ei­nes hängt ver­kehrt her­um, aber der Text be­tont, dass hier al­les ganz aus­ba­lan­ciert sei – ein wei­te­rer Schritt in der Ver­ar­bei­tung sei­ner Sta­si-Zeit? Auch wenn das The­ma für ihn ei­gent­lich ab­ge­schlos­sen ist, blitzt es doch hin und wie­der auf – und gibt zu­min­dest ei­ne Ant­wort: Ja, die­se Ge­schich­te ist wahr.

Denn Sola­kow er­fin­det nichts au­ßer­halb des Tat­säch­li­chen – auch bei fern lie­gen­den The­men wie Re­li­gi­on: Er fand ei­ne Sze­ne zu Chris­ti Ge­burt, ge­malt im Stil rus­si­scher Iko­nen, und kleb­te Sprech­bla­sen mit blas­phe­mi­schen Kom­men­ta­ren hin­ein. Da sagt Ma­ria: „End­lich wer­de ich das ers­te Mal Sex mit mei­nem ar­men Ehe­mann Jo­sef ha­ben.“Ei­ne jun­ge, was­ser­tra­gen­de Frau am Bild­rand be­kennt: „Ei­gent­lich ge­hö­re ich zu ei­ner an­de­ren Re­li­gi­on, aber da ist kein Job zu krie­gen.“Das Was­ser selbst hofft: „Viel­leicht wer­de ich ei­nes Ta­ges hei­lig.“Und das klei­ne Je­sus­kind? Es grüßt: „Hi the­re!“Noch bis 30. Ju­li: „Sto­ries“, Schleif­mühl­gas­se 5, 1040 Wi­en.

Sola­kow er­fin­det nichts au­ßer­halb des Tat­säch­li­chen – auch bei The­men wie Re­li­gi­on.

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