Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KULTURKAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜLLER

Gras­sie­ren­de Ver­blö­dung? Die Be­haup­tung, dass FPÖ-Wäh­ler un­ge­bil­det sei­en, er­klärt den Wah­l­er­folg Ho­fers nicht. Sie ist auch we­ni­ger ei­ne Ana­ly­se als ein Teil des Pro­blems.

Sind Ho­fer-Wäh­ler des­we­gen Ho­fer-Wäh­ler, weil sie dumm und un­ge­bil­det sind? Die Au­to­rin Chris­ti­ne Nöst­lin­ger et­wa hat in ei­nem In­ter­view mit Ra­dio Ö24 die­sen Schluss ge­zo­gen. Die vie­len Stim­men für den FPÖ-Kan­di­da­ten füh­re sie auf Denk­faul­heit und ei­nen Man­gel an Bil­dung zu­rück. Man müs­se sich nur an­schau­en, in wel­chen Wie­ner Be­zir­ken die FPÖ am bes­ten ab­ge­schnit­ten ha­be – dort, wo die Leu­te am öf­tes­ten nur Pflicht­schul­ab­schluss hät­ten.

Tat­säch­lich gibt es ei­ne Kor­re­la­ti­on zwi­schen Bil­dungs­ni­veau und der Nei­gung, Nor­bert Ho­fer zu wäh­len. Aber mei­ne Fra­ge an Nöst­lin­ger wä­re doch: Wenn sie das Wahl­ver­hal­ten in Ar­bei­ter­be­zir­ken so er­klärt – sind dann auch die frü­he­ren SPÖ-Er­fol­ge in den­sel­ben Be­zir­ken auf Denk­faul­heit und Bil­dungs­man­gel zu­rück­zu­füh­ren? Oder ver­blö­den die Men­schen auf ein­mal ra­di­kal?

Mich er­staunt die Be­reit­schaft, mit der auch Men­schen in ei­ner star­ken hu­ma­nis­ti­schen Tra­di­ti­on ein be­fremd­li­ches Wahl­ver­hal­ten der so­ge­nann­ten klei­nen Leu­te auf Per­sön­lich­keits­män­gel zu­rück­füh­ren. Da­bei gibt es ganz ra­tio­na­le Grün­de, war­um ge­ra­de die Schwa­chen in un­se­rer Ge­sell­schaft, die in der Gestal­tung ih­rer Le­bens­um­stän­de we­ni­ger frei und mehr auf an­de­re an­ge­wie­sen sind, ge­ra­de je­ne Par­tei­en und Po­li­ti­ker be­vor­zu­gen, von de­nen sie sich am bes­ten be­schützt füh­len. War­um die­je­ni­gen, die sich in ih­rem be­ruf­li­chen Le­ben nicht auf der Sie­ger­stra­ße er­le­ben, we­nigs­tens mit ih­rer Wäh­ler­stim­me ein­mal zu den Ge­win­nern ge­hö­ren wol­len. Das SP-Ur­ge­stein Nöst­lin­ger soll­te ei­gent­lich fra­gen, was et­wa mit der Be­schüt­zer­rol­le der SPÖ für die Ar­bei­ter pas­siert ist.

Hier wird ein Grund­pro­blem des Wohl­fahrts­staa­tes ma­ni­fest: Da er zwar stän­dig Wohl­ta­ten ver­gibt, aber nie in glei­chem Ma­ße an je­de Grup­pe, fühlt sich ir­gend­wann fast je­der als Ver­lie­rer, als im Stich ge­las­sen. In der Ab­wahl von Re­gie­rungs­par­tei­en kön­nen die frus­trier­ten Wäh­ler in der Re­gel ih­ren Un­mut pro­duk­tiv, wir­kungs­voll und mit Be­frie­di­gung los­wer­den. Ist aber wie in Ös­ter­reich die zur Re­gie­rungs­ar­beit zu­ge­las­se­ne Par­tei­en­kom­bi­na­ti­on als SPÖVP ein­ze­men­tiert, fällt die­ser Rei­ni­gungs- und Er­neue­rungs­me­cha­nis­mus weg. Ge­ra­de den Klei­nen, den Macht­lo­sen, bleibt nichts an­de­res, als ih­re Wahl­stim­me au­ßer­halb die­ses Sys­tems zu plat­zie­ren, wenn sie sich noch ir­gend­wie selbst spü­ren wol­len.

Ich ver­ste­he je­des Un­be­ha­gen über ei­nen Tri­umph Ho­fers und der FPÖ. Er­staun­lich ist er aber nicht. Ge­ra­de in der Ar­bei­ter­schaft, die sich aus ih­rer al­ten po­li­ti­schen Hei­mat an­hö­ren muss, sie sei denk­faul und un­ge­bil­det. Ein trau­ri­ges Bild, das vie­les deut­lich macht. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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