»Die Zeit der Ei­che ist vor­bei«

Fried­rich Liech­ten­stein, kau­zi­ger En­ter­tai­ner mit DDR-Ver­gan­gen­heit, ist Groß­meis­ter ei­nes He­do­nis­mus, dem Kon­sum­ver­zicht lieb ist. Am 19. Mai gas­tiert er in Wi­en, noch da­vor läuft auf Ar­te sei­ne zehn­tei­li­ge Se­rie »Tank­stel­len des Glücks« an. Ein In­ter­vie

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON SA­MIR H. KÖCK

Sie prä­sen­tie­ren auf Ih­rem neu­en Al­bum „Schö­nes Boot aus Klang“auch äl­te­re Songs wie „Dol­phin­man“in neu­en Ar­ran­ge­ments. Del­fi­ne sind rar in Pop­songs. Ein­zig Fred Neil hat ih­nen ein­mal ei­nen Song ge­wid­met. Wie ka­men Sie auf die­ses The­ma? Fried­rich Liech­ten­stein: Es war 2002. Ich hab’ in der Li­ni­en­stra­ße ge­wohnt. Mei­ne Nach­barn wa­ren 2Raum­woh­nung. Sie hat­ten da­mals ein hüb­sches Lie­bes­lied na­mens „2 von Mil­lio­nen Ster­nen“. Es hat den „Dol­phin­man“in­spi­riert. Mit dem Lied hab’ ich um ei­ne ver­flos­se­ne Lie­be ge­balzt. Del­fi­ne ha­ben ja so et­was Phal­li­sches, sind lieb­rei­zend und be­gabt. Sie ah­men ja auch höchst ta­len­tiert Del­fin­lau­te nach. Wo­her rührt die­ses Ta­lent? Das hab’ ich schon als Kind prak­ti­ziert. Wir ha­ben da­mals auch in der DDR „Flip­per“ge­se­hen. Al­ler­dings im Ki­no, nicht im Fern­se­hen. Seit­her übe ich de­ren Spra­che. Ei­ne ge­wis­se Sehn­sucht nach dem Meer ist auch in Ih­rem ers­ten Be­rufs­wunsch – Sie woll­ten Al­gen­for­scher wer­den – re­flek­tiert. Al­gen sind ein gro­ßes The­ma. Es ist in mir in Zei­ten gro­ßer Ohn­macht hoch­ge­kom­men und ganz zwei­fel­los ei­ne All­machts­fan­ta­sie. Na­tur­a­na­lo­gi­en wa­ren in der Mensch­heits­ge­schich­te im­mer schon be­liebt. Ein­fach, weil die Na­tur schön ist und im­mer recht hat. Die Zeit der Ei­che ist vor­bei. Nun ist die Ära der Al­ge an­ge­bro­chen, ei­ne Ära, die durch cle­ve­re Mi­mi­kry und ra­sches Ver­ges­sen ge­kenn­zeich­net ist. Al­les Ei­gen­schaf­ten, die der­zeit hoch im Kurs ste­hen. Fuh­ren Sie, als Sie noch in Stal­in­stadt leb­ten, oft ans Meer? So oft es ging. Die Ber­ge ha­ben mich in mei­ner Ju­gend nie fas­zi­niert. Auf ih­re Schön­heit bin ich erst in den letz­ten Jah­ren ge­kom­men, wie mein Al­bum „Bad Gas­tein“be­weist. Wie vie­le DDR-Bür­ger pfleg­te Ih­re Mut­ter die Frei­kör­per­kul­tur. Nicht je­des Kind ist wahn­sin­nig dar­an in­ter­es­siert, sei­ne El­tern nackt zu se­hen. Wie ging es Ih­nen da­mit? Ich hab’ nicht wei­ter dar­über nach­ge­dacht. Mein Va­ter hat die gan­ze Woh­nung mit Bil­dern sei­ner nack­ten Frau voll­ge­hängt. Mir kam das ganz na­tür­lich vor. Nackt­heit hat­te in der DDR nichts mit Geil­heit zu tun. Gab es in der DDR ei­ne an­de­re Se­xua­li­tät? Auf je­den Fall. Pünktlich mit dem Mau­er­fall hat sich das ge­än­dert. Auf ein­mal war Sex ein De­al zwi­schen Mann und Frau. In der DDR spiel­te das Ma­te­ri­el­le im Zwi­schen­mensch­li­chen kei­ne Rol­le. Die Frau­en wa­ren angst­frei und selbst­be­wusst, wa­ren meist der ak­ti­ve­re Part. Wie hat sich Ihr Le­ben nach dem Mau­er­fall ver­än­dert? Zu­nächst war man sehr auf mich als Thea­ter­mann neu­gie­rig. Zu DDR-Zei­ten durf­te ich ja nicht rei­sen. Das ho­le ich jetzt mit mei­ner One-Man-Show nach. Da hab’ ich ei­ne Zeit­lang ganz gut ver­dient. Über­haupt soll­te die An­pas­sungs­leis­tung der ehe­ma­li­gen DDRBür­ger mehr ge­wür­digt wer­den. Über Nacht muss­te man al­les neu er­ler­nen. Die Ge­rü­che, Far­ben, Moral­vor­stel­lun­gen, die Pro­duk­te im Le­bens­mit­tel­han­del – al­les war plötz­lich an­ders. Apro­pos Le­bens­mit­tel – Sie wa­ren ei­ne Zeit­lang auch Mi­li­tär­koch. Die Mi­li­tär­zeit war ei­ne Zeit der gro­ßen Ver­wahr­lo­sung. Weil ich kein gro­ßer Freund von Schie­ße­rei­en bin, schau­te ich, dass ich in die Kü­che kam. Sie war ein bes­se­rer Ort als der Pan­zer­wa­gen. Be­rühmt wur­den Sie als Pup­pen­spie­ler von

1956

wur­de Fried­rich Liech­ten­stein als Hans-Hol­ger Fried­rich in Stal­in­stadt, DDR ge­bo­ren. Stu­dier­te von 1980 bis 1984 an der Ernst-Bu­schSchau­spiel­schu­le, Berlin. Ar­bei­te­te dann als Pup­pen­spie­ler, Re­gis­seur und Schau­spie­ler.

2003

er­fin­det er sich als En­ter­tai­ner Fried­rich Liech­ten­stein neu. Zu­dem ar­bei­tet er an Kunst­pro­jek­ten, ge­stal­tet Pop-Va­riet`es, spricht Hör­bü­cher ein.

2004

er­scheint sein De­büt­al­bum „Plea­se Ha­ve a Look from Abo­ve“auf dem Wie­ner La­bel Fa­b­ri­que.

2015

er­scheint die kam­mer­mu­si­ka­li­sche Lie­der­samm­lung „Schö­nes Boot aus Klang“auf Vi­nyl und als Down­load. Ab 16. Mai läuft auf Ar­te Liech­ten­steins zehn­tei­li­ges „Tank­stel­len des Glücks“. Am 19. Mai gas­tiert er mit sei­nen Lie­dern im Thea­ter Ak­zent. Stal­in­stadt. Wie ka­men Sie zu die­sem eher exo­ti­schen Be­ruf? Mir ge­fiel das Kryp­ti­sche, das Ar­ti­fi­zi­el­le am Pup­pen­spiel. Man konn­te ver­bor­ge­ne po­li­ti­sche Aus­sa­gen ma­chen. Wir hat­ten al­le ein gu­tes Selbst­wert­ge­fühl. In der DDR war es das Ers­te, was ich un­be­kann­ten Leu­ten sag­te. Im Wes­ten schwieg ich lie­ber dar­über. Hab’ mich erst jetzt wie­der da­mit ver­söhnt. Was kaum je­mand mehr weiß: Pup­pen­spiel war ein Hoch­schul­stu­di­um in der DDR. Nach ei­nem hal­ben Le­ben im Kom­mu­nis­mus ha­ben Sie die Won­nen des Kon­sum­ver­zichts im Wes­ten schät­zen ge­lernt. Wie kam das? Das hat sich peu a` peu er­ge­ben. In Kn­ei­pen­ge­sprä­chen ge­fiel mir im­mer auf­zu­zäh­len, was ich al­les nicht ha­be. Am En­de die­ser Ent­wick­lung hat­te ich gar nichts mehr, nicht ein­mal ei­ne Woh­nung. Ich leb­te als Schmu­cke­re­mit im L 40, ei­nem ku­bi­schen Mo­no­li­then na­he dem Ro­sa-Lu­xem­burg-Platz in Berlin. Ein ar­chi­tek­to­ni­sches Vor­zei­ge­pro­jekt, in dem in­ter­es­san­te Leu­te le­ben, die mich als Mit­be­woh­ner ge­dul­det ha­ben. Ich will nichts be­sit­zen als mei­ne zwei gro­ßen Kof­fer mit An­zü­gen. Ha­ben Sie die Fi­gur Fried­rich Liech­ten­stein als Mi­schung von Bo­he­mi­en und Dan­dy an­ge­legt? Ge­wis­ser­ma­ßen. Vor al­lem aber woll­te ich Pop­star sein, grö­ßer und glän­zen­der als frü­her im Le­ben. Son­nen­bril­le, gol­de­ne Fin­ger­nä­gel, selt­sa­me An­zü­ge – das sind mei­ne Ac­ces­soires. Frü­her als Thea­ter­re­gis­seur leb­te ich grau­schwar­ze Un­auf­fäl­lig­keit. Als Fried­rich Liech­ten­stein stol­zie­re ich schon ein­mal im wei­ßen An­zug her­um. Hat­ten Sie nie Exis­tenz­ängs­te? Selt­sa­mer­wei­se nicht. Ich he­ge ei­ne Art Ur­ver­trau­en, dass sich al­les fügt. In mei­nem Be­ruf kann man ganz schnell wie­der zu Geld kom­men. Bis­lang ging sich al­les, wenn auch oft knapp, aus. Ich hab’ ein­fach kein Ta­lent zur Ver­zweif­lung. Wel­che Mu­sik hat Sie ge­prägt? Mei­ne ers­te Plat­te war gar kei­ne. Es war ei­ne Schall­fo­lie aus Bul­ga­ri­en auf der Ger­s­hon Kings­leys „Pop­corn“und Isaac Hayes’ „Shaft“drauf war. In die­sem Span­nungs­feld zwi­schen bil­li­ger elek­tro­ni­scher Mu­sik und Soul bil­de­te sich mein Mu­sik­ge­schmack. Auch Mar­vin Gaye lieb­te ich sehr früh. Das ließ ich mir et­was kos­ten. Mei­ne Mo­nats­mie­te be­trug da­mals cir­ca 26 Mark, West­plat­ten kos­te­ten so um die 150 Mark. Wel­che Rol­le spielt Mü­ßig­gang für Sie? Schon ei­ne gro­ße. Fla­nie­ren ist mir unend­lich wich­tig. Und bin ich ein­mal am Meer, dann bin ich kein Typ, der surft. Lie­ber sit­ze ich in ei­nem Ca­fe´ und schaue stun­den­lang auf das Was­ser. Ich hab’ ein ge­wis­ses Ta­lent zur Kon­tem­pla­ti­on. Sport ist je­den­falls nichts für mich. Mir scheint schon Ke­geln sehr ge­fähr­lich zu sein. All die­se ko­mi­schen Be­we­gun­gen, die kos­ten wahr­schein­lich mehr Men­schen­le­ben, als man den­ken wür­de. Trotz Sport­feind­lich­keit hal­ten Sie en­ge Füh­lung mit der Ju­gend. War­um? Ich ha­be mit 18 Jah­ren ge­hei­ra­tet und muss des­halb jetzt mei­ne Ju­gend et­was nach­ho­len. Mit lau­ter Gleich­alt­ri­gen im sel­ben Raum zu sit­zen kommt mir selt­sam vor. Da­für bin ich zu über­mü­tig. Ich in­ter­es­sie­re mich für die jun­gen Men­schen und sie sich für den En­ter­tai­ner Fried­rich Liech­ten­stein. Ist es wahr, dass die jun­gen Da­men Ih­ren Bauch lie­ben? Zu mei­nem Er­stau­nen, ja. Es ist es tat­säch­lich so. Frü­her ha­ben man­che Leu­te zu mir ge­sagt, ich sol­le mei­nen Bart ab­neh­men, wenn ich Pop­star wer­den will. Ich tat es nicht. Das Dick­sein woll- te man mir auch aus­re­den. Die Wen­de war wohl, als ich in die­sem Wer­be­spot im Milchmüs­li ba­de­te. Das kam an. Wie ka­men Sie über­haupt auf Bad Gas­tein, dem Sie Ihr letz­tes Al­bum wid­me­ten? Olaf Kroh­ne und Ike Ikrath, Ho­te­liers ei­ner neu­en Ge­ne­ra­ti­on, ha­ben mich vor ein paar Jah­ren nach Bad Gas­tein ge­holt. Da sind mir ein­mal die Au­gen her­aus­ge­fal­len, und ich hab’ mich schock­ver­liebt. Die Stim­mung er­in­nert mich an Ost­ber­lin nach dem Mau­er­fall. Es ist ein gu­ter Ort für Fla­neu­re. Auf die­ser Lie­der­samm­lung ha­ben Sie auch „Clo­se to You“von Burt Ba­cha­rach ge­co­vert. Was schät­zen Sie an sei­ner Kunst? In Zei­ten, in de­nen ich nichts hat­te, be­saß ich doch ei­nen klei­nen Plat­ten­spie­ler, auf dem ich die­se ei­ne Plat­te von Di­on­ne War­wick auf und ab spiel­te. Dar­auf sang sie lau­ter Lie­der von Ba­cha­rach. Sie sind so ver­füh­re­risch und so un­glaub­lich schön, un­mög­lich für mich, ih­nen zu wi­der­ste­hen. Wo­von er­näh­ren Sie sich li­te­ra­risch? Ich le­se der­zeit recht we­nig, zeh­re noch aus den Zei­ten, als ich Thea­ter ge­macht ha­be. Das letz­te Buch, über das ich mei­ne Au­gen strei­cheln ließ, war „Die Mei­sen von Uu­si­maa sin­gen nicht mehr“, der De­büt­ro­man mei­nes Soh­nes Franz Fried­rich. Und den rus­si­schen Dich­ter War­lam Scha­l­a­mow lie­be ich sehr. Er war ein Meis­ter der öko­no­mi­schen, klei­nen Tex­te. Am 16. Mai läuft Ih­re Se­rie „Tank­stel­len des Glücks“auf Ar­te an. Wo­rum geht es da? In die­sem Road­mo­vie geht es um die klan­des­ti­ne Ma­gie von Tank­stel­len, wie sie viel­leicht nur von Füh­rer­schein­lo­sen er­kannt wer­den kann. Für mich sind es je­den­falls die ro­man­tischs­ten Or­te, die vor­stell­bar sind. In Wi­en wa­ren wir da­für üb­ri­gens auch.

Kat­ha­ri­na Roß­both

Ob als Mu­si­ker, Schau­spie­ler oder Re­gis­seur – das Un­ter­hal­ten ist Mul­ti­ta­lent Fried­rich Liech­ten­steins Le­ben.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.