Die Ge­reiz­ten

Die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl hat die Po­la­ri­sie­rung im Land nicht er­zeugt, aber ver­stärkt. Der Mann in der Hof­burg wird sei­nen Bei­trag leis­ten müs­sen, den at­mo­sphä­ri­schen Flur­scha­den zu be­rei­ni­gen.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON UL­RI­KE WEI­SER

Wer hät­te vor ei­nem hal­ben Jahr ge­dacht, dass ge­ra­de die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl das Land durch­schüt­telt? Und doch hat uns der ers­te Durch­gang ei­nen neu­en Bun­des­kanz­ler be­schert, der zwei­te dann brei­te in­ter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit. Wo­hin, fragt man sich, wird sich ei­ne – nicht zu­letzt durch die Asyl­kri­se – po­la­ri­sier­te Be­völ­ke­rung wen­den?

Nun hat die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl zwar die am­bi­va­len­te Stim­mung im Land nicht er­zeugt. Aber ver­stärkt. Das liegt ei­ner­seits an der rot-weiß-ro­ten Ver­suchs­an­ord­nung, bei der sich zwei Kan­di­da­ten von ent­ge­gen­ge­setz­ten En­den des po­li­ti­schen Spek­trums ge­gen­über­ste­hen. An­de­rer­seits an der Art des Wahl­kampfs. Ob­wohl bei­de um die Mit­te wer­ben muss­ten, ha­ben sie ihr Scherf­lein zur Ge­reizt­heit im Land bei­ge­tra­gen.

Im Fall von Alex­an­der Van der Bel­len ist das, zu­ge­ge­ben, eher sei­nen Fans als ihm selbst zu „ver­dan­ken“. Zu Recht gab es ei­ne De­bat­te dar­über, dass es un­wür­dig ist, Wäh­ler von Nor­bert Ho­fer wahl­wei­se als rechts­ex­trem oder von Dem­ago­gie ver­blen­de­te Ha­scherln ab­zu­qua­li­fi­zie­ren. Viel lie­ber hät­te man sich im Van-der-Bel­len-La­ger fra­gen sol­len, war­um man zu den viel zi­tier­ten „be­sorg­ten Bür­gern“kei­nen Draht fin­det. Aber Selbst­ver­ge­wis­se­rung ist halt be­que­mer. Und war viel­leicht auch nö­tig. Im­mer­hin sam­melt sich hin­ter Van der Bel­len ei­ne brei­te Al­li­anz, die sonst nicht viel ge­mein­sam hat. Au­ßer dass sie für ihn ist. Oder öf­ter: ge­gen Ho­fer.

Da­mit ha­ben die Van-der-Bel­len-Wäh­ler et­was mit den Ho­fer-Wäh­lern ge­mein­sam: Auch sie sind vor al­lem ge­gen je­man­den. Ho­fer bie­tet, was das be­trifft, ei­ne bun­te Pa­let­te an: Sie reicht von Kopf­tuch­trä­ge­rin­nen bis zur Eli­te, die man in Ho­fers Neu­de­fi­ni­ti­on von „Volk“von dem­sel­ben ab­stra­hie­ren muss. Eli­te ist ein Chif­fre für Van-der-Bel­len- Wäh­ler, wäh­rend die Ho­fer-Fans das „wah­re Volk“bil­den. Was Ho­fer da­mit in­halt­lich mit­tei­len will, bleibt un­klar. Ist die FPÖ et­wa ge­gen Er­folg oder Bil­dung? Zählt ein Stu­dent, der Van der Bel­len wählt, zur Haute­vo­lee? Und was sa­gen da­zu ei­gent­lich frei­heit­li­che Aka­de­mi­ker wie Jo­hann Gu­de­nus? Oder Ur­su­la Sten­zel, de­ren Traum­job Be­zirks­kai­se­rin der In­nen­stadt war? Kein Kon­sens­dik­tat. Die Ant­wor­ten feh­len, aber um die­se ging es wohl auch nie. Son­dern um die Stim­mung. Sie ist nun auf bei­den Sei­ten da und lässt sich mit dem Wahl­sonn­tag nicht ein­fach aus­knip­sen. Egal, wer in die Hof­burg ein­zieht, er wird ei­nem Land mit at­mo­sphä­ri­schem Flur­scha­den ge­gen­über­ste­hen. Stim­mung – das klingt leicht, flüch­tig, ist aber et­was Hand­fes­tes. Stim­mun­gen ha­ben Fol­gen. Für Ak­ti­en­märk­te und für Län­der. Fol­gen, mit de­nen man le­ben muss.

Das gilt auch für die Fol­gen ei­ner Wahl. Denn Al­ter­na­ti­ve da­zu gibt es kei­ne. Wah­l­er­geb­nis­se sind, wie es Dirk Kurb­ju­weit im „Spie­gel“ge­nannt hat, „hei­li­ge Zah­len“. Sie sind Aus­druck der grund­le­gen­den Spiel­re­geln, auf die wir uns ge­ei­nigt ha­ben. Egal, ob uns das Er­geb­nis ge­fällt.

Zu die­sem de­mo­kra­ti­schen Re­spekt muss der künf­ti­ge Bun­des­prä­si­dent – der nicht um­sonst un­par­tei­isch sein soll – ei­nen Bei­trag leis­ten. Dies­mal mehr als sonst. Das ist wich­ti­ger als all die an­de­ren oh­ne­hin un­halt­ba­ren Ver­spre­chen der Kan­di­da­ten (Ab­hil­fe bei In­te­gra­ti­ons­pro­ble­men oder Ar­beits­lo­sig­keit etc). Und hof­fent­lich auch re­le­van­ter als sämt­li­che Neu­deu­tun­gen des Am­tes.

Wo­bei das kein Plä­doy­er für ein ku­sche­li­ges Kon­sens­dik­tat sein soll. Das wä­re auch Un­sinn. Die Po­la­ri­tä­ten in der Ge­sell­schaft gab es vor der Wahl, und es gibt sie auch da­nach. Es wä­re nun an der Zeit zu ler­nen, mit ih­nen bes­ser um­zu­ge­hen. Das heißt nicht, dass man al­le ver­ste­hen muss oder dass das Fak­tum, Angst zu ha­ben, ei­nen An­spruch auf um­fas­sen­des Ver­ständ­nis aus­löst. Im Ge­gen­teil. „Ver­ständ­nis oh­ne ge­leb­ten Wi­der­spruch ist her­ab­las­send“, kon­sta­tiert Cle­mens Setz klug in der „Zeit“. Wor­auf man aber ein Recht hat, sind ei­ne se­riö­se Aus­ein­an­der­set­zung und po­li­ti­sche Kul­tur. Dar­an wer­den wir ar­bei­ten müs­sen. Egal, wer heu­te ge­winnt.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.