ZUR PER­SON

Was ist die wirt­schaft­li­che Vi­si­on des neu­en SPÖ-Chefs? Sein iPho­ne-Bei­spiel zeigt: Er will ei­nen Staat, der kraft­voll in­ves­tiert. Da­hin­ter ste­hen The­sen der In­no­va­ti­ons­for­sche­rin Ma­ria­na Maz­zu­ca­to. Die Um­set­zung steckt vol­ler Fal­len.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON KARL GAULHOFER

Wenn Chris­ti­an Kern er­klä­ren will, was er mit sei­nem „New De­al“für die Wirt­schaft meint, dann greift er zum Te­le­fon. Al­ler­dings nur im über­tra­ge­nen Sin­ne. Dem frisch ge­kür­ten Kanz­ler dient das iPho­ne von App­le als Bei­spiel da­für, wie sich Staat und pri­vat er­gän­zen sol­len: Die öf­fent­li­che Hand in­ves­tiert mu­tig gro­ße Sum­men in die Grund­la­gen­for­schung. Wo die Saat auf­geht, set­zen pri­va­te Un­ter­neh­men sie in Markt­er­fol­ge um. So war es auch beim iPho­ne: Kei­ne ein­zi­ge der bahn­bre­chen­den Tech­no­lo­gi­en im „Com­pu­ter für die Wes­ten­ta­sche“stammt tat­säch­lich aus der Ga­ra­ge von Ste­ve Jobs. Ob Halb­lei­ter, In­ter­net, Touch­screen, Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem oder Sprachas­sis­tent: Im­mer sorg­ten staat­li­che La­bors, mi­li­tä­ri­sche Pro­gram­me oder öf­fent­lich fi­nan­zier­te Unis für den Durch­bruch.

Zu die­ser Er­kennt­nis kam der neue Hoff­nungs­trä­ger der hei­mi­schen Po­li­tik frei­lich nicht durch Ei­gen­re­cher­che und Gr­ü­be­lei. Der Vi­el­le­ser ist viel­mehr ein Fan von Ma­ria­na Maz­zu­ca­to. Die In­no­va­ti­ons­for­sche­rin mit ita­lie­ni­schen Wur­zeln lan­de­te mit der Streit­schrift „Das Ka­pi­tal des Staa­tes“ei­nen Best­sel­ler, durch den sie zur Kult­fi­gur lin­ker In­tel­lek­tu­el­ler avan­cier­te.

Die „Pres­se am Sonn­tag“traf die tem­pe­ra­ment­vol­le Öko­no­min, die an der Uni­ver­si­tät von Sussex lehrt, vor ei­nem Jahr in Lon­don. Auch sie griff

Ma­ria­na Maz­zu­ca­to

(47) ist ei­ne Öko­no­min, die zum The­ma In­no­va­ti­on forscht und an der Uni­ver­si­tät von Sussex in En­g­land lehrt. Sie hat ita­lie­ni­sche El­tern, wuchs aber in den USA auf und be­sitzt bei­de Staats­bür­ger­schaf­ten. Die Mut­ter von vier Kin­dern ist mit ei­nem ita­lie­ni­schen Film­pro­du­zen­ten ver­hei­ra­tet.

„Das Ka­pi­tal des Staa­tes“

ist die Über­set­zung ih­res Er­folgs­bu­ches, das im Ori­gi­nal tref­fen­der „The En­tre­pre­neu­ri­al Sta­te“heißt (Ver­lag Kunst­mann, 320 Sei­ten). da­mals rhe­to­risch zum iPho­ne – frei­lich mit er­bit­ter­tem Un­ter­ton. Denn die 47-Jäh­ri­ge nimmt es den un­dank­ba­ren IT-Kon­zer­nen übel, dass sie so we­nig Steu­ern zah­len, ob­wohl der Staat ih­ren Er­folg erst er­mög­licht hat. Ihr Fu­ror trifft auch die US-Re­pu­bli­ka­ner, die vom Er­folgs­mo­dell öf­fent­li­cher In­no­va­ti­ons­kraft ab­rü­cken: „Wer den Staat nicht mag, be­schreibt ihn als so öde und lang­wei­lig, dass nie­mand In­ter­es­san­ter mehr für ihn ar­bei­ten will.“ USA als Vor­bild. Eben-noch-ÖBB-Chef Kern fin­det die Po­li­tik je­den­falls noch span­nend ge­nug. Aber die Um­set­zung sei­ner ge­borg­ten Vi­si­on dürf­te auf zahl­rei­che Hür­den und Fal­len sto­ßen. Denn auch wenn Maz­zu­ca­to von ei­nem abs­trak­ten Staat spricht, denkt sie doch meist an ei­nen ganz kon­kre­ten: die USA, wo sie auf­ge­wach­sen ist. Aus­ge­rech­net in der Hoch­burg des Ka­pi­ta­lis­mus ent­stand über vie­le Jahr­zehn­te ein spe­zi­el­les Bio­top von de­zen­tra­len Be­hör­den, die im­men­se Be­trä­ge ge­zielt in For­schungs­pro­jek­te len­ken. Ähn­lich läuft es sonst nur noch in Is­ra­el. In bei­den Län­dern ste­hen am An­fang meist An­for­de­run­gen des Mi­li­tärs.

Zwar lobt sie auch Deutsch­land, das als Vor­bild für Ös­ter­reich prak­ti­ka­bler wä­re. Aber beim Fraun­ho­fer-In­sti­tut und der För­der­bank KfW geht es doch um ver­gleichs­wei­se klein ge­ba­cke­ne Bröt­chen. Im gro­ßen Stil in­ves­tie­ren könn­te Eu­ro­pa als Gan­zes, was au­ßer in der Kern­for­schung (das Cern in Genf ) bis heu­te nicht ge­lun­gen ist. Da­mit das klei­ne Ös­ter­reich et­was be­we­gen kann, müss­te es be­trächt­li­che bud­ge­tä­re Mit­tel frei­schau­feln. Kürzt die Re­gie­rung da­für die So­zi­al­bud­gets, be­gehrt die SPÖ-Ba­sis auf. Er­höht sie die Steu­ern, ver­spielt Kern den Ver­trau­ens­vor­schuss aus der Wirt­schaft, den er für sei­ne viel be­schwo­re­ne Auf­bruchs­stim­mung braucht. Die jetzt ge­nüss­lich schnur­ren­de Kat­ze wür­de sich als­bald in den Schwanz bei­ßen.

Da­zu kommt: Ein Staat nach dem Ide­al Maz­zu­ca­tos geht ge­wal­ti­ge Ris­ken ein. Er in­ves­tiert in ei­ner Pha­se, in der noch völ­lig un­ge­wiss ist, ob ei­ne neue Tech­no­lo­gie zum Er­folg führt. Beim Plau­dern gibt die Au­to­rin gern zu, was sie in ih­rem Buch ge­flis­sent­lich un­ter den Tisch kehrt: dass auch der Staat da­bei „oft viel Mist macht“. Vie­le öf­fent­lich ge­woll­te In­no­va­tio­nen sind spek­ta­ku­lär ge­schei­tert, vom De­ba­kel der fran­zö­si­schen Con­cor­de bis zu den jüngs­ten So­lar-Flops der Ame­ri­ka­ner. Kein Vor­wurf, son­dern Schick­sal.

Was wie­der­um be­deu­tet: Die öf­fent­li­che Hand braucht nicht nur vol­le Kas­sen, son­dern auch ei­nen sehr lan­gen Atem. Das aber steht im dia­me­tra­len Wi­der­spruch zu den Er­war­tun­gen an Kern. Er soll mög­lichst schnell „lie­fern“, am bes­ten schon bis zum Herbst, da­mit der Zau­ber des Neu­starts nicht ver­blasst: hö­he­res Wachs­tum, we­ni­ger Ar­beits­lo­se – und da­mit we­ni­ger un­zu­frie­de­ne Wäh­ler, die zur FPÖ mit ih­ren po­pu­lis­ti­schen Pa­ro­len über­lau­fen.

Wie will Kern al­so heh­re Vi­si­on und holp­ri­gen Po­li­ti­k­all­tag un­ter ei­nen Hut brin­gen? Of­fen­bar durch An­rei­ze, da­mit Un­ter­neh­men wie­der ech­te Er­wei­te­rungs­in­ves­ti­tio­nen wa­gen. Laut „Trend“könn­te es da­bei um Prä­mi­en­mo­del­le ge­hen, bei de­nen die öf­fent­li­che Hand je­den Eu­ro ver­dop­pelt, der in zu­kunfts­träch­ti­ge Sek­to­ren in­ves­tiert wird. Oder um Ab­nah­me­ga­ran­ti­en und In­ves­ti­ti­ons­frei­be­trä­ge für Start-ups. Wenn das stimmt, dann hat man in Kerns Um­feld die Bot­schaft von Maz­zu­ca­to gründ­lich miss­ver­stan­den.

Auch wenn sol­che Werk­zeu­ge in der Pra­xis recht ra­sche Wir­kung ver­spre­chen: In der Denk­welt der Volks­wir­tin sind die­se För­de­run­gen hin­aus­ge­wor­fe­nes Geld, weil sie nur sub­ven­tio­nie­ren, was in der Pri­vat­wirt­schaft frü­her oder spä­ter oh­ne­hin ge­schieht. Der Staat müs­se viel­mehr „das tun, was die Pri­va­ten nicht tun“– al­so selbst in un­ge­wis­se Zu­kunfts­the­men in­ves­tie-

Wenn Maz­zu­ca­to vom »Staat« re­det, denkt sie an die USA, aber nicht an Ös­ter­reich. Die öf­fent­li­che Hand soll dort in­ves­tie­ren, wo das Ri­si­ko für Pri­va­te noch zu groß ist.

ren, an die sich kein Un­ter­neh­men und kein Ka­pi­tal­ge­ber her­an­wagt. Mis­si­on pos­si­ble. Nun ist es nicht erst ih­re Er­kennt­nis, dass bei Grund­la­gen­for­schung der Markt ver­sagt und der Staat ein­sprin­gen muss. Aber es geht ihr nicht dar­um, dass er „ei­nen klei­nen De­fekt re­pa­riert“, son­dern „ak­tiv Märk­te ge­stal­tet“, weil er ei­ne „gro­ße Idee, ei­ne Mis­si­on“hat. Zu­min­dest das soll­te sich auf hie­si­ge Ver­hält­nis­se her­un­ter­bre­chen las­sen: mit ei­nem ver­netz­ten Ge­samt­plan für staat­li­che In­ves­ti­tio­nen, der Unis und Un­ter­neh­men ein­bin­det. Da­zu braucht es kei­ne schwer auf­zu­trei­ben­den Mil­li­ar­den, son­dern nur die Ziel­stre­big­keit und den Über­blick ei­nes gu­ten Ma­na­gers. Bei­des Qua­li­tä­ten, die Kern mit­brin­gen soll­te. Und viel­leicht kann er ja sei­ne Mu­se Maz­zu­ca­to als Be­ra­te­rin en­ga­gie­ren.

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