Blau-grü­ne Hoch­bur­gen der Hof­burg­wahl

Zwei Drit­tel der Wäh­ler im bur­gen­län­di­schen Wies­fleck ha­ben für Nor­bert Ho­fer ge­stimmt. Ein Grund da­für: ein leer­ste­hen­des Er­ho­lungs­heim. Nir­gends hol­te Alex­an­der Van der Bel­len mehr Stim­men als im Ti­ro­ler Kau­ner­tal. Auch, weil er den Dia­lekt sei­ner ehe­ma

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON BER­NA­DET­TE BAYRHAMMER VON MAR­TI­NA MARX

Seit ein paar Wo­chen steht jetzt al­so doch ein Pla­kat für Nor­bert Ho­fer an ei­nem Ahorn im bur­gen­län­di­schen Wies­fleck. Vor dem ers­ten Durch­gang der Hof­burg­wahl gab es in der gan­zen Ge­mein­de kein ein­zi­ges Wahl­pla­kat. Den­noch hat Ho­fer nir­gend­wo mehr Stim­men ge­holt als hier. Wäh­rend ös­ter­reich­weit 35,1 Pro­zent den blau­en Hof­burg­kan­di­da­ten wähl­ten, wa­ren es in Wies­fleck 64,1 Pro­zent, rund drei­ein­halb Pro­zent­punk­te mehr als in Ho­fers Hei­mat­ort Pin­ka­feld, zwei Ki­lo­me­ter ent­fernt.

An der Kreu­zung mit dem Ho­ferPla­kat („Stim­me der Ver­nunft“) biegt ein Trak­tor an der Raiff­ei­sen­bank vor­bei Rich­tung La­ger­haus ab, ein zwei­ter fährt an dem Le­bens­mit­tel­ge­schäft mit den zu­ta­pe­zier­ten Aus­la­gen vor­bei den Hü­gel hin­auf. Wies­fleck ist ei­ne ty­pi­sche bur­gen­län­di­sche Streu­sied­lung, bäu­er­lich ge­prägt. Und auf Ge­mein­de­ebe­ne ei­gent­lich über­haupt nicht blau. Mehr noch: Der 1100-Ein­woh­ner-Ort hat nicht ein­mal ei­ne ei­ge­ne FPÖ.

Wies­fleck ist fest in rot-schwar­zer Hand. Die SPÖ hat die knap­pe Mehr­heit im Ge­mein­de­rat, die ÖVP stellt den Bür­ger­meis­ter. Die Ju­gend Ho­fers sei wohl aus­schlag­ge­bend ge­we­sen für das Er­geb­nis, sagt Hans Bren­ner (58), der seit 15 Jah­ren die Ge­mein­de führt. Die Nä­he zu Ho­fers Hei­mat­ort, dass man­che Wies­fle­cker ihn wohl ken­nen wür­den. Und nicht zu­letzt das Flücht­lings­the­ma. Auch der ÖVP-Mann hält jetzt, im zwei­ten Wahl­gang, „den Kan­di­da­ten aus Pin­ka­feld“für den bes­se­ren. Und so sä­hen das auch die meis­ten, die er ken­ne, sagt Bren­ner im Ge­spräch mit der „Pres­se am Sonn­tag“. Angst vor Flücht­lings­heim. Wenn man mit den Wies­fle­ckern spricht, fällt im­mer wie­der ein Be­griff: das Er­ho­lungs­heim. Der „Son­nen­gar­ten“des Wie­ner Hilfs­werks, ein Zen­trum für Se­nio­ren und Men­schen mit Be­hin­de­rung, ist um­ge­ben von Wald und Vo­gel­ge­zwit­scher und steht seit Ok­to­ber leer. Vor dem Ein­gang liegt aus­ran­gier­tes Spiel­zeug, hin­ter den Fens­tern ver­trock­nen die Zim­mer­pflan­zen. Und in der Ge­mein­de kur­siert die Angst, dass hier ein gro­ßes Flücht­lings­quar­tier ein­ge­rich­tet wer­den könn­te.

Da ist die Re­de da­von, dass man die Kin­der dort dann nicht mehr mit dem Fahr­rad zum Wirt auf ein Eis schi­cken kön­ne. Manch ei­ner weiß sich nicht an­ders zu hel­fen als mit ei­ner un­ver­hoh­le­nen Dro­hung. „Aft mi­as­s­mas holt vor­her spren­ga“, sagt ein Ar­bei­ter, der an ei­nem An­hän­ger schraubt. Al­so: Wenn Flücht­lin­ge kom­men, müs­sen wir das Heim vor­her in die Luft ja­gen. „Oder willst, dass noch mehr Aus­län­der kom­men und uns den Job weg­neh­men?“

Der­zeit gibt es in der Ge­mein­de kei­nen ein­zi­gen Flücht­ling. Die FPÖ ha­be mit Post­wurf­sen­dun­gen un­be­grün­de­te Ängs­te ge­schürt, sagt Mar­kus Bren­ner (35), seit sechs Jah­ren Vi­ze­bür­ger­meis­ter der Ge­mein­de und üb­ri­gens nicht mit Bür­ger­meis­ter Bren­ner ver­wandt. Da ha­be auch ei­ne Ver­an­stal­tung nichts ge­bracht, bei der er­klärt wur­de, dass es kei­ne der­ar­ti­gen Plä­ne ge­be. Die FPÖFunk­tio­nä­re aus dem be­nach­bar­ten Pin­ka­feld hät­ten ver­spro­chen, dass es kein Flücht­lings­heim ge­be, wenn Ho­fer in die Hof­burg kom­me, er­zählt der Wirt am Ran­de ei­ner Stamm­tisch­run­de. Re­gio­na­ler Stolz auf Ho­fer. Die Zu­stim­mung für Ho­fer ist groß bei den Her­ren, die ein, zwei Ach­terl trin­ken, be­vor es um zwölf Uhr zum Es­sen nach Hau­se geht. Die Grün­de rei­chen von Res­sen­ti­ments bis Re­gio­nal­stolz. Der FPÖKan­di­dat wer­de das Kopf­tuch ver­bie­ten. Er sei jung („Willst ei­nen Pen­sio­nis­ten als Prä­si­dent?“). Und er sei aus der Ge­gend („Der ist halt un­ser Kan­di­dat“) – auch wenn ihn kei­ner per­sön­lich kennt. Wor­auf­hin spe­ku­liert wird, ob Ho­fer denn als Prä­si­dent ein­mal in Wies­fleck auf­tau­chen wer­de. Ru­dolf Kirch­schlä­ger sei im Jahr 1978 hier ge­we­sen. Aus­ge­rech­net, um die Park­an­la­ge des Er­ho­lungs­heims zu er­öff­nen, das vie­len Bür­gern heu­te Angst macht.

Die Wies­fle­cker sei­en auch un­zu­frie­den mit der Bun­des­po­li­tik, schil­dert die nächs­te Wir­tin. „Es reicht den Leu­ten ein­fach.“So ähn­lich sieht das auch der Vi­ze­bür­ger­meis­ter. Ein Grund sei si­cher die Po­li­tik­ver­dros­sen­heit ge­we­sen. Aus der Ge­mein­de­po­li­tik kön­ne er sich das ful­mi­nan­te Er­geb­nis für Ho­fer je­den­falls nicht er­klä­ren.

Auf die Ge­mein­de­po­li­tik könn­te es sich aber aus­wir­ken. Die Prä­si­den­ten­wahl, die auf ein star­kes FPÖ-Er­geb­nis bei der Land­tags­wahl folg­te (20,4 Pro­zent), will die Be­zirks­par­tei nut­zen, um wie­der Struk­tu­ren auf­zu­bau­en. Nach­dem zu­letzt 2002 ein FPÖ-Mann im Ge­mein­de­rat saß, gab es vor zwei Wo­chen ein Tref­fen zur Grün­dung ei­ner neu­en FPÖ-Orts­grup­pe. Das In­ter­es­se dürf­te aber vor­erst en­den wol­lend sein, wie der Wirt er­zählt. Nur zwei Wies­fle­cker sei­en bei dem Tref­fen ge­we­sen.

Ein­woh­ner

hat die Ge­mein­de.

Pro­zent

stimm­ten für Nor­bert Ho­fer.

Ein­woh­ner

hat die Ge­mein­de.

Pro­zent

stimm­ten für Van der Bel­len.

Da oben, im ers­ten Stock, ha­ben wir ge­wohnt. Tür an Tür“, sagt Hans Pock­stal­ler. In ei­nem der vier Zoll­häu­ser mit den schein­bar un­durch­dring­ba­ren Mau­ern in Feich­ten in der Ge­mein­de Kau­ner­tal hat Alex­an­der Van der Bel­len ei­nen Teil sei­ner Kind­heit ver­bracht. Die Freund­schaft der eins­ti­gen Spiel­ka­me­ra­den hat die Zeit über­dau­ert. Wenn der ehe­ma­li­ge Lang­zeit­chef der Grü­nen im Kau­ner­tal sei, kom­me er ihn im­mer be­su­chen, er­zählt Pock­stal­ler. Er ist mit 72 Jah­ren gleich alt wie Van der Bel­len, ge­mein­sam ha­ben sie die ers­te Klas­se be­sucht. „Er war kein Laus­bub. Ich kann mich nicht er­in­nern, dass wir je ge­strit­ten hät­ten“, er­in­nert sich Hans Pock­stal­ler im Ge­spräch mit der „Pres­se am Sonn­tag“.

Es ist ein son­ni­ger Tag, der Schnee blitzt von den Berg­spit­zen, in den Gär­ten blü­hen die Bäu­me. Post­kar­ten­idyll könn­te man es nen­nen. „Bei uns ist er der Sa­schi“, sagt Rein­hold Plan­ken­stei­ner. Ihm ge­hört der Su­per­markt mit­ten im Ort. Und ih­rem Sa­schi hat die Ge­mein­de Kau­ner­tal im ers­ten Wahl­gang ge­nau 60 Pro­zent ein­ge­bracht. In kei­nem an­de­ren Ort in Ös­ter­reich konn­te er ein bes­se­res Er­geb­nis er­rei­chen. Nor­bert Ho­fer (FPÖ) kam hin­ter Andre­as Khol (ÖVP) mit 12,98 Pro­zent le­dig­lich auf Platz drei.

Spricht man mit Kau­ner­ta­lern über Alex­an­der Van der Bel­len, gibt es kein schlech­tes Wort. Auch nicht hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand. Es schwingt Stolz in den An­mer­kun­gen mit. Viel­leicht ist An­er­ken­nung das bes­se­re Wort. Da ist kei­ne Auf­re­gung. Et­was Be­son­de­res ist Alex­an­der Van der Bel­len im Kau­ner­tal nicht. Er ist von hier, er ge­hört da­zu. »Er ist ja von da.« „Ich wäh­le gleich wie beim ers­ten Mal“, sagt Adolf Prax­ma­rer, wäh­rend er das nächs­te Holz­scheit auf den Hack­stock legt. „Er ist ja von da.“Sei­ne Frau Mo­ni­ka steht da­ne­ben. „Wir tref­fen ihn hin und wie­der beim Wan­dern“, sagt sie. Für Van der Bel­lens Sohn Flo­ri­an hat sie ge­ar­bei­tet, als die­ser Ge­schäfts­füh­rer des Tou­ris­mus­ver­ban­des war. Sei­nem Va­ter at­tes­tiert sie Durch­set­zungs­ver­mö­gen: „Der wird das schon gut ma­chen als Bun­des­prä­si­dent.“

„Die meis­ten wäh­len ihn schon, weil sie mit sei­nen The­men mit­kön­nen“, sagt Jo­sef Raich, seit 2004 Bür­ger­meis­ter. „Aber ich den­ke, die Be­zie­hung zum Kau­ner­tal über­wiegt.“Für die Kau­ner­ta­ler ist die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl ei­ne Per­sön­lich­keits­wahl. Die Par­tei spielt ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. Das zeigt das Bei­spiel 2010: Da be­kam Heinz Fi­scher im Kau­ner­tal 95 Pro­zent der Stim­men. Und das, ob­wohl die Ge­mein­de klar der schwar­zen Reichs­hälf­te zu­zu­ord­nen ist. „Ich bin so schwarz, ich wer­fe im Tun­nel noch ei­nen Schat­ten“, sagt der Bür­ger­meis­ter. Sei­ne Lis­te trägt den Na­men Hei­mat Kau­ner­tal. Dass Van der Bel­len eben­falls mit dem Be­griff Hei­mat den Wahl­kampf be­strei­tet, fin­det er „schon in Ord­nung“. Alex­an­der Van der Bel­len sei als Flücht­ling hier­her ge­kom­men und ha­be das Kau­ner­tal als Hei­mat an­ge­nom­men. „Und wenn er her­kommt, re­det er voll im Dia­lekt.“ Fe­ri­en im Kau­ner­tal. 1945, kurz nach Kriegs­en­de, der Hof­burg­kan­di­dat war ein Jahr alt, ist die Fa­mi­lie von Wi­en ins Kau­ner­tal über­sie­delt. Sie blieb nur rund sechs Jah­re in die­sem en­gen Al­pen­tal. Die Woh­nung im Zoll­haus be­hielt man aber, ver­brach­te die Fe­ri­en hier. Van der Bel­len führ­te die­se Tra­di­ti­on mit sei­nen Kin­dern fort. Und die Kau­ner­ta­ler Al­pen sind Mo­ti­ve sei­ner Pla­kat­kam­pa­gne im Ren­nen um die Hof­burg. „Hei­mat braucht Zu­sam­men­halt“steht auf dem ei­nen. „Wer un­se­re Hei­mat liebt, spal­tet sie nicht“auf dem an­de­ren.

Bei all der Un­ter­stüt­zung, die Van der Bel­len im Kau­ner­tal er­fährt: Die Auf­re­gung, die im Rest des Lan­des

»Oder willst, dass noch mehr Aus­län­der kom­men und uns den Job weg­neh­men?« »Er war kein Laus­bub. Ich kann mich nicht er­in­nern, dass wir je ge­strit­ten hät­ten.«

über den La­ger­wahl­kampf bzw. die Spal­tung der Ge­sell­schaft herrscht, kann man hier nicht so rich­tig nach­voll­zie­hen. Es wer­de nicht so viel Un­ter­schied ma­chen, wer in der Hof­burg sit­ze. „Der Bun­des­prä­si­dent hat sei­ne Rech­te und Pflich­ten, die hat er zu er­fül­len und aus“, sagt Raich.

Sor­gen macht der 630-Ein­woh­nerGe­mein­de eher je­ne Wir­kung, die ein frei­heit­li­cher Prä­si­dent Nor­bert Ho­fer im Aus­land ha­ben könn­te. Der Tou­ris­mus, wenn auch auf der sanf­ten Sei­te, ist die größ­te Ein­nah­me­quel­le der Ge­mein­de, die Glet­scher­bah­nen sind der größ­te Ar­beit­ge­ber. „Für das Image wä­re das nicht su­per, das hat schon Schwarz-Blau ge­zeigt“, sagt Raich.

Hans Pock­stal­ler, Van der Bel­lens Freund aus Kind­heits­ta­gen, ist ähn­li­cher Mei­nung: „Ich bin kein gro­ßer Freund die­ser an­de­ren Par­tei.“Auf die Fra­ge, wie die Stich­wahl aus­ge­hen wer­de, ant­wor­tet er: „Es wird sehr knapp, aber ich den­ke, er schafft es.“

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