US-Kul­tur­krieg um das stil­le Ört­chen

De­mo­kra­ten und Re­pu­bli­ka­ner er­öff­nen mit der Trans­se­xua­li­tät ei­ne neue ideo­lo­gi­sche Front. Es geht um Mil­li­ar­den und Macht.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON OLI­VER GRIMM

Lo­ret­ta Lynch wähl­te ei­nen dras­ti­schen Ver­gleich, als sie am Mon­tag vor ei­ner Wo­che in Wa­shing­ton vor die Ka­me­ras und Mi­kro­fo­ne trat. „Es ist noch nicht so lan­ge her, dass Staa­ten, ein­schließ­lich North Ca­ro­li­na, Ta­feln über Toi­let­ten, Trink­brun­nen und öf­fent­li­chen Ein­rich­tun­gen hat­ten, die Men­schen bloß auf­grund ei­nes per­sön­li­chen Merk­mals drau­ßen hiel­ten“, sag­te die US-Jus­tiz­mi­nis­te­rin. Die Kla­ge ih­rer Be­hör­de ge­gen ein neu­es Ge­setz von North Ca­ro­li­na, dem­zu­fol­ge Trans­se­xu­el­le nur je­ne öf­fent­li­chen Toi­let­ten auf­su­chen dürf­ten, die dem Ge­schlecht auf ih­rer Ge­burts­ur­kun­de ent­sprä­chen, ste­he in­so­fern in der Tra­di­ti­on der ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­rechts­be­we­gung und des Kamp­fes ge­gen die Un­ter­drü­ckung der Schwar­zen.

An der exo­tisch an­mu­ten­den Fra­ge, wel­che Be­dürf­nis­an­stal­ten trans­se­xu­el­le Men­schen auf­su­chen dür­fen, hat sich in den ver­gan­ge­nen Wo­chen ein zu­se­hends er­bit­ter­ter Streit zwi­schen ei­ner Grup­pe re­pu­bli­ka­nisch re­gier­ter US-Teil­staa­ten und der Bun­des­re­gie­rung un­ter Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma ent­facht.

Die Front­li­nie in die­sem neu­es­ten Ge­fecht der „Cul­tu­re Wars“, die in den 1960er-Jah­ren an­läss­lich der schritt- wei­sen Eman­zi­pa­ti­on der Schwar­zen, Frau­en und Ho­mo­se­xu­el­len be­gan­nen, die Lin­ke und die Rech­te an­hand von Fra­gen der per­sön­li­chen Le­bens­füh­rung zu tren­nen, ist klar ge­zo­gen.

Auf der ei­nen Sei­te steht, stell­ver­tre­tend für ein hal­bes Dut­zend an­de­rer Teil­staa­ten, der re­pu­bli­ka­ni­sche Gou­ver­neur von North Ca­ro­li­na, Pat McCr­o­ry. Un­ter sei­ner Füh­rung ha­ben die bei­den mehr­heit­lich re­pu­bli­ka­ni­schen Kam­mern des Ge­setz­ge­bers die­ses Süd­staa­tes ein Ge­setz er­las­sen, das Schu­len und an­de­ren öf­fent­li­chen Ge­bäu­de­be­trei­bern die Ein­rich­tung von klar nach Ge­schlecht ge­trenn­ten Toi­let­ten und Um­klei­de­ka­bi­nen vor­schreibt und ver­fügt, dass die Ge­burts­ur­kun­de un­um­stöß­lich fest­schreibt, ob man Mann oder Frau ist. Zu­dem un­ter­sagt es die­ses Ge­setz Städ­ten und Kom­mu­nen in North Ca­ro­li­na, ge­gen die Dis­kri­mi­nie­rung von Trans­se­xu­el­len vor­zu­ge­hen.

An­lass­ge­setz­ge­bung. Das war ein recht kla­rer Fall von An­lass­ge­setz­ge­bung, der sich auf ei­ne ent­spre­chen­de Ver­ord­nung der seit vo­ri­gem Jahr de­mo­kra­tisch re­gier­ten Stadt Char­lot­te be­zog, die es Trans­se­xu­el­len er­laubt hat­te, je­ne Be­dürf­nis­an­stal­ten auf­zu­su­chen, in de­nen sie sich si­che­rer füh­len.

Auf der an­de­ren Sei­te des Kon­flikts ha­ben das US-Jus­tiz- und das Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um (ab­ge­se­hen von der ein­gangs er­wähn­ten Kla­ge) ei­nes der schwers­ten Ge­schüt­ze in Stel­lung ge- bracht, die es bei Strei­tig­kei­ten zwi­schen Wa­shing­ton und den Gou­ver­neu­ren gibt: die Strei­chung mil­li­ar­den­schwe­rer Steu­er­sub­ven­tio­nen für die ört­li­chen Bil­dungs­sys­te­me. Die Oba­ma-Re­gie­rung be­ruft sich auf ei­ne im Jahr 1972 un­ter Prä­si­dent Richard Ni­xon er­las­se­ne Vor­schrift na­mens Ti­tel IX, die je­g­li­che Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund­la­ge des Ge­schlechts mit dem Ent­zug von Bun­des­sub­ven­tio­nen sank­tio­niert. Tit­le IX dien­te dem Wei­ßen Haus be­reits im April 2011 als Grund­la­ge da­für, Ame­ri­kas Hoch­schu­len zu ei­nem en­ga­gier­te­ren Vor­ge­hen ge­gen Ver­ge­wal­ti­gung und sons­ti­gen se­xu­el­len Miss­brauch an­zu­spor­nen.

Wirt­schaft­li­cher Scha­den. Da­mals wie heu­te droht der Ver­lust enor­mer Sum­men. North Ca­ro­li­na ist, wie vie­le re­pu­bli­ka­nisch do­mi­nier­te Süd­staa­ten, stark von Steu­er­sub­ven­tio­nen ab­hän­gig. Im jüngs­ten Haus­halts­jahr er­hielt der Staat rund 4,3 Mil­li­ar­den Dol­lar (3,8 Mil­li­ar­den Eu­ro) an Bil­dungs­zu­schüs­sen aus dem US-Bud­get. Ein Drit­tel des Ge­samt­bud­gets von North Ca­ro­li­na kommt aus Wa­shing­ton.

McCr­o­rys Vor­ge­hen ge­gen die freie Toi­let­ten­wahl von Trans­se­xu­el­len hat sei­nem Staat schon wirt­schaft­li­chen Scha­den zu­ge­fügt. Die Fi­nanz­un­ter­neh­men PayPal und Deut­sche Bank ha­ben als Re­ak­ti­on ih­re Ex­pan­si­ons­plä­ne auf Eis ge­legt, die Hun­der­te Ar­beits­plät­ze ge­bracht hät­ten.

Hin­ter all dem steht der Um­stand, dass North Ca­ro­li­na bei der Prä­si­den­ten- und Kon­gress­wahl am 8. No­vem­ber ein Schlüs­sel­staat sein wird. 2008 ge­wann hier Ba­rack Oba­ma knapp, vier Jah­re spä­ter Mitt Rom­ney. In Rom­neys Wind­schat­ten kam auch Gou­ver­neur McCr­o­ry in sein Amt. Er muss nun um sei­ne Wie­der­wahl zit­tern.

Reu­ters

Man­che Lo­kal­be­trei­ber neh­men den Trans­se­xu­el­len­streit mit Hu­mor.

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