Die Schleu­sen­wär­ter am Bo­spo­rus

In der Flücht­lings­kri­se ist die Tür­kei zum Schlüs­sel­land für Mer­kel und die EU ge­wor­den. Beim UN-Gip­fel in Istan­bul hofft die Re­gie­rung, die mehr Flücht­lin­ge als je­de an­de­re auf­ge­nom­men hat, nun selbst auf Hil­fe.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON THO­MAS VIEREGGE SEI­TE 8

Ruck­ar­tig trei­ben die Wind­stö­ße Plas­tik­fet­zen, Do­sen und lee­re Fla­schen vor sich her. In der kar­gen Ein­öde öst­lich von Ni­zip im Sü­den der Tür­kei, durchschnitten von ei­ner Fern­stra­ße und dem Eu­phrat-Stau­damm, wir­beln Staub­fah­nen. Un­ter ei­nem stei­ni­gen Hü­gel, auf des­sen An­hö­he die rot­wei­ße Fah­ne mit dem Halb­mond und dem Stern weht, du­cken sich zwei Camps, fern­ab von je­der Zi­vi­li­sa­ti­on: Ni­zip I und Ni­zip II, strikt se­pa­riert in Na­tio­na­li­tä­ten, um je­den Kon­flikt zu ver­mei­den.

Im Zelt­la­ger Ni­zip I hau­sen ira­ki­sche und af­gha­ni­sche Flücht­lin­ge, im Con­tai­ner­la­ger Ni­zip II Flücht­lings­fa­mi­li­en aus Sy­ri­en – und die Sy­rer ha­ben es ent­schie­den bes­ser ge­trof­fen. Je­der Con­tai­ner, 21 Qua­drat­me­ter groß, ist mit ei­ner Sa­tel­li­ten­schüs­sel und mit ei­ner Kli­ma­an­la­ge aus­ge­stat­tet, er um­fasst drei Zim­mer samt Kü­che und Wohn­schlaf­zim­mer, wo sich zu­wei­len ein Dut­zend Men­schen drängt. Das La­ger be­her­bergt Kin­der­gar­ten, Schu­le, Su­per­markt, Mo­schee und Fuß­ball­kä­fig. Es strahlt so et­was wie ei­ne dörf­li­che At­mo­sphä­re aus, in der ver­schlei­er­te Müt­ter Ba­bys im Kin­der­wa­gen spa­zie­ren füh­ren.

Kei­ne 50 Ki­lo­me­ter süd­wärts, jen­seits der tür­kisch-sy­ri­schen Gren­ze, tobt in­des­sen der Krieg. Fast täg­lich sucht der Schre­cken des be­reits fünf Jah­re an­dau­ern­den Kon­flikts die tür­ki­sche Grenz­stadt Ki­lis heim. Er for­dert sei­nen Blut­zoll, auch un­ter den Flücht­lin­gen. Die Ra­ke­ten der IS-Ter­ror­mi­li­zen schla­gen in der Stadt ein, in der die Zahl der Mi­gran­ten die der Ein­woh­ner längst über­trof­fen hat. In Ki­lis ha­ben die Be­woh­ner – für ih­re Gast­freund­schaft und Hilfs­be­reit­schaft ge­prie­sen und in­zwi­schen so­gar für den Frie­dens­no­bel­preis no­mi­niert – ih­re Ver­wand­ten aus Alep­po und an­ders­wo lan­ge Zeit mit of­fe­nen Ar­men auf­ge- nom­men, um Brot und Tee mit ih­nen zu tei­len.

Zer­mürbt vom Bom­ben­ha­gel dro­hen un­ter­des­sen die Tür­ken in Ki­lis – und nicht nur hier – die Ner­ven, ih­re Ge­duld und ih­re To­le­ranz zu ver­lie­ren. Der Vi­ze­gou­ver­neur von Ga­zi­an­tep, der Haupt­stadt der gleich­na­mi­gen Pro­vinz, be­zeich­net die Flücht­lin­ge di­plo­ma­tisch denn auch als Gäs­te – die, so sei­ne va­ge Hoff­nung, ir­gend­wann wie­der in ih­re Hei­mat zu­rück­keh­ren wür­den.

Ge­nau dies wür­den Musta­fa, Ah­met, Mehsut und ih­re Frau­en in Ni­zip am liebs­ten auch tun, ver­si­chern sie im Brust­ton der Über­zeu­gung – so­fern in Sy­ri­en end­lich Frie­den ein­keh­ren wür­de. Und für sie heißt dies nichts an­de­res, als Bas­har al-As­sad von der Macht zu ver­trei­ben. Ah­med glaubt nicht an ei­ne Ver­hand­lungs­lö­sung, son­dern an Waf­fen­ge­walt. Sein Sohn kämpft für die Freie Sy­ri­sche Ar­mee. „Ir­gend­je­mand muss die Hei­mat ja schließ­lich ver­tei­di­gen“, sagt er, wäh­rend die Kli­ma­an­la­ge in den ei­ge­nen vier Con­tai­ner­wän­den auf der höchs­ten Stu­fe surrt.

Rund drei Mil­lio­nen Flücht­lin­ge nahm die Tür­kei auf, zehn Mil­li­ar­den Dol­lar steck­te An­ka­ra nach of­fi­zi­el­len An­ga­ben in die In­fra­struk­tur der Flücht­lings­hil­fe. Ein Zehn­tel der Flücht­lin­ge lebt in La­gern, der Rest hat sich in Städ­te vor al­lem im Sü­den der Tür­kei durch­ge­schla­gen. Ca. 400.000 Men­schen zog es nach Istan­bul, in die Bo­spo­rus-Me­tro­po­le an der Kreu­zung zwi­schen Asi­en und Eu­ro­pa. Dass hier in der kom­men­den Wo­che der UNWelt­gip­fel für hu­ma­ni­tä­re Hil­fe statt­fin­den wird – ei­ne Pre­mie­re –, hat für die Tür­kei mehr als nur sym­bo­li­sche Be­deu­tung. Es hat sich viel Frust über die EU auf­ge­staut. „Wir kön­nen das Land nicht in ein of­fe­nes Ge­fäng­nis ver­wan­deln“, er­klärt ein hoch­ran­gi­ger Di­plo­mat im Au­ßen­mi­nis­te­ri­um in An­ka­ra. „Wir brin­gen ein gro­ßes Op­fer. Wir ha­ben ei­ne Po­li­tik der of­fe­nen Tür be­trie­ben, wir ha­ben jah­re­lang Alarm ge­schla­gen und jetzt spie­len wir die Schleu­sen­wär­ter und tun den Eu­ro­pä­ern ei­nen Ge­fal­len.“Dies be­inhal­tet im­pli­zit die Dro­hung, den Flücht­lings­strom via Bo­spo­rus über ei­nen Um­weg wie­der nach Eu­ro­pa zu len­ken.

Ne­ben den 90 Staats- und Re­gie­rungs­chefs, die sich in Istan­bul zur glo­ba­len Lö­sung der Flücht­lings­fra­ge an­ge­sagt ha­ben, reist auch An­ge­la Mer­kel neu­er­lich in heik­ler Mis­si­on in die Tür­kei. Die deut­sche Kanz­le­rin hat sich in ein Di­lem­ma ma­nö­vriert: Sie mach­te die Tür­kei in der Flücht­lings­kri­se zum Schlüs­sel­land, und sie han­del­te mit Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan˘ und Pre­mier Ah­met Da­vu­tog­lu˘ na­mens der EU ei­nen Flücht­lings­de­al aus, der nach ei­ner Ei­ni­gung für die Vi­s­um­frei­heit für Tür­ken nun wie­der auf der Kip­pe steht.

In Istan­bul muss sie ver­su­chen, den schwie­ri­gen Part­ner Er­do­gan˘ auf Li­nie zu hal­ten. Sie muss ihn zur Rä­son ru­fen und ihn zu­gleich be­sänf­ti­gen. Im Dis­put um ei­ne Auf­wei­chung der schar­fen An­ti­ter­ror­ge­set­ze nimmt der selbst­herr­li­che „Reis“, der Füh­rer, ei­ne Jus­ta­ment-Po­si­ti­on ein. In Eu­ro­pa schau­kelt sich die Kri­tik an sei­nen au­to­kra­ti­schen Al­lü­ren, der Auf­he­bung der Im­mu­ni­tät für ein Vier­tel der tür­ki­schen Par­la­men­ta­ri­er, der Ver­fol­gung von Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­kern und Jour­na­lis­ten der­weil im­mer wei­ter auf. Ei­ne Ab­stim­mung im deut­schen Bun­des­tag zur Ver­ur­tei­lung des Ge­no­zids an den Ar­me­ni­ern 1915 könn­te nach der Cau­sa Böh­mer­mann voll­ends zum Bruch mit Ber­lin füh­ren.

Nach dem er­zwun­ge­nen Rück­tritt Da­vu­tog­lus˘ ist Mer­kels Ge­währs­mann in An­ka­ra ab­han­den­ge­kom­men. Der neue Pre­mier, Bi­na­li Yil­di­rim, gilt als Mann von Er­do­gans˘ Gna­den. Noch vor we­ni­gen Wo­chen hat­ten Mer­kel und Da­vu­tog­lu˘ dem Vor­zei­ge­camp Ni­zip II un­ter eher mar­tia­li­schen Be­din­gun­gen ei­nen Be­such ab­ge­stat­tet: Zwei Eli­te­sol­da­ten mit Ma­schi­nen­pis­to­len im An­schlag hiel­ten vom Bus­dach aus die La­ge un­ter Kon­trol­le.

Im Kin­der­gar­ten in Ni­zip schrei­en sich die Kin­der die See­le aus dem Leib, in der Schnei­de­rei nä­hen Frau­en, auf dem Fuß­ball­platz kom­man­diert Mehsut, der „Bür­ger­meis­ter“in sei­nem Block im Camp, als Trai­ner die Bu­ben her­um. Je­der hat hier ein Schick­sal zu er­zäh­len: die Mut­ter, die sehn­süch­tig auf ih­ren Sohn war­tet, Mehsut, der um sei­ne Schwes­ter in Ki­lis bangt, und der Eng­lisch­leh­rer Musta­fa aus Homs, der zwei Dut­zend Ver­wand­te im Krieg ver­lo­ren hat und der nun nur ei­nes vor Au­gen hat – die Zu­kunft sei­ner Kin­der.

In Ni­zip le­ben sie am Ufer des blitz­blau­en Eu­phrat, ein­ge­zäunt wie in ei­nem Kä­fig und von Pos­ten auf Wach­tür­men be­äugt, in Si­cher­heit und doch ein­ge­sperrt – und sie ha­ben einst­wei­len nichts Bes­se­res zu tun, als zu war­ten und zu be­ten, dass in Sy­ri­en Frie­den aus­bricht und sie ihr Land wie­der auf­bau­en kön­nen. „In­schallah“, fügt ein 20-Jäh­ri­ger in­stän­dig hin­zu.

We­gen der Gast­freund­schaft und Hilfs­be­reit­schaft ist Ki­lis für den No­bel­preis no­mi­niert. Die Kri­tik an Er­do˘gans au­to­kra­ti­schen Al­lü­ren schau­kelt sich in Eu­ro­pa auf.

Reu­ters

Sy­ri­sche Flücht­lin­ge im Vor­zei­ge­la­ger Ni­zip na­he der Gren­ze im Sü­den – in Si­cher­heit, aber si­cher­heits­hal­ber doch hin­ter ei­nem Zaun.

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