»Wir bau­en Wie­ner Ban­lieues«

Die Ar­chi­tek­ten­kam­mer kri­ti­siert Stadt­pla­nung und Wohn­bau der Stadt mas­siv. Sie se­hen gro­ße so­zia­le Pro­ble­me auf Wi­en zu­kom­men und for­dern ei­nen Pa­ra­dig­men­wech­sel.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON AN­NA THALHAMMER

Wo­hin man in Wi­en auch schaut, über­all ste­hen Krä­ne, über­all wird ge­baut. Kaum ei­ne eu­ro­päi­sche Stadt wächst so schnell wie Wi­en – für Ar­chi­tek­ten soll­te das ein Pa­ra­dies auf Er­den sein, es win­ken Auf­trä­ge.

Die Wie­ner Ar­chi­tek­ten­kam­mer ist al­ler­dings über die ak­tu­el­le Ent­wick­lung der Stadt mehr als un­glück­lich. Der Grund: „Es wer­den zwar sehr schnell sehr vie­le Wohn­bau­ten er­rich­tet, aber es fin­det da­zu kei­ne ge­schei­te Stadt­pla­nung statt. Und das seit Jahr­zehn­ten nicht“, sagt Sek­ti­ons­chef Chris­toph May­r­ho­fer. Seit den 1950ern wür­de mo­der­ne Stadt­pla­nung als Ent­wick­lung von se­pa­rier­ten Nut­zungs­in­seln ver­stan­den wer­den. So wur­den et­wa Ar­beit, Woh­nen und In­fra­struk­tur funk­tio­nell in Wohn­häu­ser, Bü­ro­ge­bäu­de, Ein­kaufs­zen­tren ge­teilt: Nach die­sem Sche­ma wur­den et­wa die Groß­feld­sied­lung, das Nord­bahn­hof­vier­tel oder auch die Ge­bäu­de auf der Do­nau­plat­te er­rich­tet. Ei­ne so ein­di­men­sio­na­le Nut­zung ent­spre­che aber we­der ei­nem of­fe­nen, be­leb­ten, viel­schich­ti­gen Stadt­raum noch ei­ner ge­mischt ge­nutz­ten und so­zi­al di­ver­sen eu­ro­päi­schen Stadt.

Ge­ra­de weil nun in Wi­ens gro­ßen Stadt­ent­wick­lungs­ge­bie­ten auf­grund des star­ken Zu­zugs bis zu 13.000 Woh­nun­gen jähr­lich ent­ste­hen sol­len – und das mög­lichst bil­lig –, for­dert die Kam­mer ei­nen Pa­ra­dig­men­wech­sel. Soll­te die­ser nicht er­fol­gen, sieht sie Ghet­to­bil­dung und da­mit gro­ße so­zia­le Pro­ble­me auf Wi­en zu­kom­men. Ar­chi­tekt und Uni­ver­si­täts­leh­ren­der Max Rie­der for­mu­liert es dras­tisch: „Wir bau­en Wi­ens neue Ban­lieues. Der Wohn­bau ist der­zeit das Krebs­ge­schwür Wi­ens, der gan­ze Stadt­tei­le zer­frisst und tö­tet. Der Na­me Wohn­bau­stadt­rat sagt es schon. Er baut Woh­nun­gen, aber lei­der kei­ne Stadt.“ Le­ben statt woh­nen. Der­art räum­lich­funk­tio­nal ge­glie­der­te Stadt­tei­le sei­en tot, für die Frei­zeit­ge­stal­tung we­nig at­trak­tiv. Das wür­de da­zu füh­ren, dass vie­le von dort ins Stadt­zen­trum fah­ren, weil kein Le­ben auf der Stra­ße pas­sie­re. Das füh­re wei­ters zu Trans­port­pro­ble­men und viel Ver­kehr. Nicht be­leb­te Stadt­tei­le und men­schen­lee­re Stra­ßen sei­en ein po­ten­zi­el­les Si­cher­heits­ri­si­ko.

Gu­te Stadt­pla­nung müs­se dar­um in ers­ter Li­nie hei­ßen, dass man sich in neu­en Vier­teln gern auf­hält. Die Ar­chi­tek­ten be­to­nen die Wich­tig­keit von be­leb­ten Erd­ge­schoß­zo­nen. „Dass es Bau­trä­gern noch im­mer ge­stat­tet wird, hier mit För­der­gel­dern Müll­räu­me und der­glei­chen zu er­rich­ten, ist wirk­lich schlecht“, sagt May­r­ho­fer. In der Theo­rie weiß die Stadt um die Re­le­vanz von be­leb­ten Erd­ge­schoß­zo­nen – zu­min­dest, wenn für grö­ße­re Vier­tel städ­te­bau­li­che Wett­be­wer­be durch­ge­führt wer­den, müs­sen Kon­zep­te ein­ge­reicht wer­den. Das dann in die Pra­xis um­zu­set­zen ist aber oft schwie­rig. In Aspern et­wa wur­de mo­na­te­lang ver­han­delt, bis sich mit der Spar­grup­pe über­haupt ei­ne Be­trei­be­rin fand, die nun ver­sucht, ei­ne Ein­kaufs­stra­ße zu be­trei­ben. Auf dem Nord­bahn­hof ste­hen et­li­che Lo­ka­le noch im­mer leer.

Da­zu hat die Stadt nur be­grenz­te Hand­ha­be, Bau­trä­ger zu zwin­gen, sich um Erd­ge­scho­ße zu be­mü­hen, wenn ihr das Grund­stück nicht selbst ge­hört, al­len­falls kön­nen Be­din­gun­gen an die Aus­schüt­tung der Wohn­bau­för­de­rung ge­knüpft wer­den. Die­se be­zie­hen aber im­mer we­ni­ger Bau­trä­ger – eben weil die Auf­la­gen hoch und die Zin­sen auf dem frei­en Markt nied­rig sind.

Ähn­lich ist es mit ei­ner wei­te­ren zen­tra­len For­de­rung der Ar­chi­tek­ten­kam­mer: in Stadt­ent­wick­lungs­ge­bie­ten ver­mehrt kul­tu­rel­le In­sti­tu­tio­nen oder Uni­ver­si­tä­ten an­zu­sie­deln, die dort für Le­ben sor­gen. Dass die Wirt­schafts­uni­ver­si­tät nun im Pra­ter und nicht et­wa in Aspern oder auf dem Nord­bahn­hof­ge­län­de steht, ist für sie ei­ner der größ­ten Pla­nungs­feh­ler der ver­gan­ge­nen Jah­re, denn der Uni-Stand­ort hät­te Auf­wer­tung mit sich ge­bracht. „Im Pra­ter bringt das dem Vier­tel gar nichts, das hat auch vor­her gut funk­tio­niert“, sagt May­r­ho­fer. Ei­nen Ver­such, ei­ne kul­tu­rel­le In­sti­tu­ti­on in ein Stadt­ent­wick­lungs­ge­biet zu brin­gen, star­te­te die Stadt, als die Er­wei­te­rung des Wi­enMu­se­ums ver­han­delt wur­de. Die In­sti­tu­ti­on wehr­te sich mo­na­te­lang da­ge­gen und durf­te auf dem Karls­platz blei­ben. Mas­sen­pro­dukt Wohn­bau. Ne­ben der Zu­sam­men­set­zung der Vier­tel kri­ti­siert die Kam­mer die ge­mein­nüt­zi­gen Wohn­bau­ten an sich: „Sie nen­nen es Smart­woh­nun­gen, da­bei ist das nur die Mi­nia­tur ei­ner Woh­nung. Und es wird dar­über nach­ge­dacht, ob man wie­der Plas­tik­fens­ter ein­bau­en kön­ne, das ist sehr un­krea­tiv“, sagt Rie­der.

Zu­rück zur Grün­der­zeit: Ho­he Erd­ge­schoß­zo­nen sol­len für Le­ben im Vier­tel sor­gen. Krea­ti­vi­tät und De­sign sind beim ge­mein­nüt­zi­gen Wohn­bau oft nach­ran­gig.

Die Ge­sell­schaft ha­be sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten eben­so wie die Fa­mi­li­en­struk­tu­ren oder die Ar­beits­welt ge­wan­delt – der Wohn­bau sich dem aber nicht an­ge­passt. Man müs­se sich fra­gen, ob Wohn­bau wirk­lich nur das Woh­nen er­fül­len sol­le oder ob es in Zei­ten, in de­nen es vie­le Ein-Per­so­nen­Un­ter­neh­men oder Start-ups ge­be, nicht ei­ne Ver­schmel­zung ge­ben müs­se, sagt May­r­ho­fer. Der­zeit ist es sehr schwie­rig, in ei­ner ge­för­der­ten Woh­nung ei­ne Fir­ma an­zu­mel­den. Da­zu gibt es im­mer mehr Singles. „Braucht es wirk­lich für je­den Men­schen ei­ne ei­ge­ne Kü­che?“, fragt Rie­der. Platz kön­ne auch ge­spart wer­den, in­dem Ge­mein­schafts­räu­me ge­schaf­fen wer­den.

Die Ide­en der Ar­chi­tek­ten sind viel­fäl­tig, ihr Ein­fluss­be­reich aber ge­ring: Oft sind die Vor­ga­ben der ge­mein­nüt­zi­gen Wohn­bau­trä­ger so strikt, dass es nur mehr dar­um geht, ei­ne ge­wis­se An­zahl von Woh­nun­gen auf ei­nem li­mi­tier­ten Platz zu de­si­gnen. „Wir hof­fen, künf­tig wie­der ak­ti­ver in die Gestal­tung der Stadt mit­ein­be­zo­gen zu wer­den“, sagt Rie­der. „Denn Stadt ist ein so­zia­les Kunst­werk, Ar­chi­tek­tur ei­ne so­zia­le Kunst.“

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