FAK­TEN

Die Presse am Sonntag - - Österreich -

Not in God’s Na­me

heißt das So­ci­alMe­dia-Pro­jekt, bei dem sich Kampf­sport­ler ge­gen Ge­walt im Na­men der Re­li­gi­on aus­spre­chen. 15 Sport­ler gibt es der­zeit als Te­sti­mo­ni­als, lau­fend kom­men neue hin­zu.

Im Aus­land

fin­det das Pro­jekt be­reits An­klang. Auf Ein­la­dung des bel­gi­schen Bot­schaf­ters wer­den die Pro­jekt­teil­neh­mer nach Brüs­sel ein­ge­la­den. Face­book: Not in God’s Na­me und Gent ken­nen­ler­nen und das Pro­blem­vier­tel Mo­len­beek be­su­chen wer­den – ge­mein­sam wol­len sie über­le­gen, wie das Pro­jekt zur Dera­di­ka­li­sie­rung vor Ort bei­tra­gen kann.

Die ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaft hat Not in God’s Na­me wie­der­um für ein An­ti-Ra­di­ka­li­sie­rungs­pro­jekt des U. S. De­part­ment of Sta­te ge­mein­sam mit Face­book vor­ge­schla­gen. Die Bot­schaft hat auch ei­ne Ver­bin­dung zur re­nom­mier­ten Dera­di­ka­li­sie­rungs­ex­per­tin An­ne Speck­hard her­ge­stellt, die für ein Pro­jekt fast 500 IS-Rück­keh­rer in­ter­viewt hat und nun Not in God’s Na­me un­ter­stüt­zen will. Der Plan sei es, Vi­de­os zu dre­hen, in de­nen die Sport­ler sa­gen, war­um der IS schlecht sei. In ei­nem E-Mail, das der „Pres­se“vor­liegt, ver­spricht Speck­hard, die Vi­de­os zu schnei­den – und zu ver­tei­len. Nur mit der Stadt Wi­en oder den ös­ter­rei­chi­schen Be­hör­den gibt es kei­ne Ko­ope­ra­ti­on. Das Pro­jekt sei vor­ge­stellt wor­den und müs­se sich nun für ei­ne För­de­rung be­wer­ben, heißt es aus dem In­te­gra­ti­ons­mi­nis­te­ri­um.

„Die Jungs hö­ren auf mich“, sagt Mair­bek Tai­su­m­ov, der an die­sem Tag mit Alex­an­der Ka­ra­kas, Ka­rim Ma­b­rouk und wei­te­ren Kol­le­gen im To­san im zwei­ten Be­zirk sitzt, wäh­rend oben ei­ne Grup­pe Män­ner trai­niert. Tai­su­m­ov trägt den Bart, wie es man­che streng­gläu­bi­ge Mus­li­me tun, das Ge­spräch wird er ein­mal un­ter­bre­chen – er möch­te be­ten. Tai­su­m­ov ist ge­bür­ti­ger Tsche­tsche­ne. Vie­le Dschi­ha­dis­ten in Ös­ter­reich kom­men aus die­ser Com­mu­ni­ty. Auch er hat da­mit be­reits Er­fah­rung ge­macht: Ein Freund sym­pa­thi­sier­te mit ra­di­ka­len Grup­pen – er hat ihn von die­sem Weg weg­ge­bracht. In­dem er ihn zum Kampf­trai­ning mit­ge­nom­men hat. Er kann sich vor­stel­len, in Trai­nings­pau­sen in Parks zu ge­hen. „Vie­le Ju­gend­li­che be­fra­gen mich zu Re­li­gi­ons­the­men, man­che wol­len auch mit mir be­ten“, sagt er. „Er ist ein Vor­bild, und man macht zu 100 Pro­zent, was ein Vor­bild sagt, sonst hät­te man die Per­son nicht als Vor­bild ge­wählt“, er­klärt ein jun­ger Mann im To­san.

Je­der der Män­ner auf den Sitz­bän­ken des To­san er­zählt ei­ne Ge­schich­te von Dis­zi­plin, von den Hür­den des Le­bens. Da­von, wie es ist, sich von ganz unten nach oben zu ar­bei­ten. „Wir kom­men von der Stra­ße. Und jetzt schau­en die Ju­gend­li­chen zu uns auf. Ich ver­su­che, auf mei­ne Art ein Vor­bild zu sein“, sagt Ka­rim Ma­b­rouk, Ös­ter­rei­cher mit ägyp­ti­schen Wur­zeln, der in sei­ner Frei­zeit jü­di­sche, mus­li­mi­sche und Kin­der christ­li­chen Glau­bens im Kampfsport un­ter­rich­tet. Auch er kennt Men­schen, die in den Dschi­had ge­zo­gen sind. Und er weiß, was es heißt, sich durch­zu­kämp­fen. Ab­seits sei­ner Kar­rie­re als Thai­bo­xer stu­diert er Sport­wis­sen­schaf­ten an der Fach­hoch­schu­le – um Stu­di­um und Kämp­fe zu fi­nan­zie­ren, jobbt er ne­ben­bei. Sport­för­de­rung vom Staat be­kommt er nicht. Was er er­reicht hat, hat er sich selbst er­ar­bei­tet. Die Macht der Ido­le. Dass der Staat sie so we­nig bei der Sport­kar­rie­re un­ter­stützt, schmerzt die Kämp­fer. Im­mer wie­der kommt dies im Ge­spräch auf. Tai­su­m­ov will seit Jah­ren die ös­ter­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft, be­kommt sie aber nicht. Stän­dig for­der­ten die Be-

»Er ist ein Vor­bild, und man macht zu 100 Pro­zent, was ein Vor­bild sagt.«

hör­den neue Pa­pie­re an. Zu­letzt ei­nen Straf­re­gis­ter­aus­zug von Thai­land, wo er ei­ni­ge Mo­na­te im Jahr trai­niert. „Die­se Men­schen sind Ido­le, aber Ös­ter­reich in­ter­es­siert das nicht“, kri­ti­siert Pro­jekt­grün­der Ka­ra­kas. Da­bei wä­ren sie be­reit, dem Land et­was zu ge­ben.

Ka­rim Ma­b­rouks Traum­job: So­zi­al­ar­bei­ter. „Ich ha­be ge­merkt, dass mir die Ar­beit mit Kin­dern Spaß macht. Ich wür­de gern mit Ju­gend­li­chen, die ra­di­ka­li­siert sind, trai­nie­ren“, sagt er. Im Kampfsport kön­ne Ener­gie ab­ge­baut und in neue Bah­nen ge­lenkt wer­den. Kämp­fen im ge­schütz­ten Rah­men nennt er das.

In ei­nem nächs­ten Schritt ver­su­chen die Sport­ler nun neue Te­sti­mo­ni­als zu ge­win­nen. Box-Welt­meis­ter Ty­son Fu­ry, der 2015 Wla­di­mir Klitsch­ko vom Thron stieß, hat dem Pro­jekt be­reits ei­ne wohl­wol­len­de Vi­deo­bot­schaft ge­sandt. Fu­ry, gläu­bi­ger Christ, hat zu­letzt mit an­ti­se­mi­ti­schen Sa­gern in ei­nem Vi­deo für Auf­re­gung ge­sorgt – und sich zwei Ta­ge spä­ter ent­schul­digt. „Für mich ist re­le­vant, dass die Sport­ler die Ju­gend­li­chen da­von ab­hal­ten, zum Is­la­mi­schen Staat zu ge­hen“, sagt Ka­ra­kas. Bei der Aus­wahl der Te­sti­mo­ni­als ver­lässt er sich auf das Wis­sen sei­ner Kampf­sport­ler. Der­zeit pla­nen Ka­ra­kas und Co., ein Book­let her­aus­ge­ben mit den Sport­lern und ih­ren Bot­schaf­ten. Es könn­ten auch Sam­mel­kar­ten wer­den, die man dann tau­schen kann. So wie das un­ter Sport­fans üb­lich ist.

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