Kampfsport ge­gen die »Mar­ke der Bö­sen«

Tsche­tsche­nen hŻãen mit ei­nem schlech­ten ImŻ­ge zu k´mp­fen. Wie A©Żm BisŻev ver­sucht, ©en Ruf zu ver­ães­sern un© Ju­gen©li­che von Ge­wŻlt o©er Ji­hŻ© fern­zu­hŻl­ten.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON CHRIS­TI­NE IMLINGER

Ban­den­kri­mi­na­li­tät, Ji­ha­dis­ten, Ju­gend­li­che, die sich als is­la­mi­sche Sit­ten­wäch­ter auf­spie­len und mit de­nen man sich nicht an­le­gen soll­te – sit­zen doch die für den Kampfsport trai­nier­ten Fäus­te oder die Mes­ser lo­cker. Geht es um Tsche­tsche­nen – das öf­fent­li­che Bild ist ein schlech­tes. „Tsche­tsche­nen sind ei­ne Mar­ke für Bö­ses; wenn et­was pas­siert, über das man sonst nicht ein­mal be­rich­ten wür­de, greift man in die­se Schub­la­de“, sagt Adam Bi­saev. Für die­ses Image ha­be, so sagt er, nicht die Com­mu­ni­ty mit 30.000 Tsche­tsche­nen in Ös­ter­reich ge­sorgt, das hät­ten schon die Rus­sen zu Kriegs­zei­ten auf­ge­baut.

„Wenn et­was pas­siert, dann sind 0,1 Pro­zent der Tsche­tsche­nen viel­leicht in so et­was in­vol­viert. 99,9 Pro­zent lei­den dar­un­ter“, sagt Bi­saev. Er, selbst Tsche­tsche­ne und seit zwölf Jah­ren in Wi­en, hat ge­gen das schlech­te Image und ge­gen Pro­ble­me mit Ju­gend­li­chen et­was un­ter­nom­men. In Wi­en hat er erst ei­nen Ka­ra­te­klub auf­ge­macht und ist dann via Sport zur so­zia­len Ar­beit mit Kin­dern und Ju­gend­li­chen ge­kom­men. Mitt­ler­wei­le ar­bei­tet er mit dem Be­zirk zu­sam­men, ist An­sprech­part­ner bei Pro­ble­men und be­treibt das Zen­trum für Bil­dung und Sport La­tar Do und den Ver­ein To­le­ranz.

„Die Kampf­kunst ist ein star­kes Er­zie­hungs­sys­tem.“Jun­ge Tsche­tsche­nen (vor­wie­gend Bur­schen, aber auch Mäd­chen) kom­men erst, weil sie stark sein, kämp­fen wol­len. „Aber dann ler­nen sie et­was an­de­res. La­tar Do ba­siert auf Ka­ra­te, Judo und Jiu-Jitsu – und da­mit auf der ja­pa­ni­schen Phi­lo­so­phie.“Es ge­he um Dis­zi­plin und Re­spekt, sich selbst und sei­ne Ag­gres­sio­nen zu kon­trol­lie­ren, um Selbst­re­fle­xi­on, dar­um, „ein bes­se­rer Mensch zu wer­den“. Durch den Krieg sei viel durch­ein­an­der. Mitt­ler­wei­le wird die von ihm mit­ent­wi­ckel­te Kampf­sport­art an vier Or­ten in Wi­en trai­niert. Da­ne­ben ar­bei­tet er mit Ju­gend­li­chen in Work­shops: Ein­mal pro Wo­che kom­men sie in dem Sou­ter­rain­lo­kal in der Bri­git­ten­au zu­sam­men, um über das Image der Tsche­tsche­nen, In­te­gra­ti­on, Ge­walt oder Re­li­gi­on zu re­den. Denn, Pro­ble­me will auch Bi­saev nicht leug­nen. „Durch den Krieg ist viel durch­ein­an­der­ge­kom­men“, sagt er und spricht von ei­ner „Ma­cho­kul­tur“, da­von, dass die Ju­gend­li­chen sich mit ih­rer ei­ge­nen Ge­schich­te und ih­rer Re­li­gi­on oft kaum aus­ken­nen – und so Feind­bil­der ent­ste­hen. Oder mit dem Wi­der­spruch der Le­ben in Tsche­tsche­ni­en und Ös­ter­reich. Vor­fäl­le wie je­ner in der Mill­en­ni­um Ci­ty zei­gen das: Jun­ge Tsche­tsche­nen woll­ten als ei­ne Art Sit­ten­wäch­ter Mäd­chen abends nach Hau­se schi­cken. Der Va­ter, der zu Hil­fe kam, wur­de kran­ken­haus­reif ge­prü­gelt. „In Tsche­tsche­ni­en sind Frau­en nach 22 Uhr nicht mehr al­lein auf der Stra­ße. Dis­co, frei­er Sex, das geht in un­se­rer Re­li­gi­on nicht“, sagt Bi­saev, der meint, ei­nes füh­re da zum an­de­ren, und die Ein­stel­lung ver­tritt, auch in Wi­en soll­ten tsche­tsche­ni­sche Frau­en nachts nicht al­lein un­ter­wegs sein. „In Tsche­tsche­ni­en wä­re es ak­zep­tiert, dass ein Bru­der ei­ne Frau nach Hau­se schickt. Hier müs­sen die Ju­gend­li­chen ver­ste­hen, dass das ak­zep­tiert ist, sie sich nicht ein­mi­schen dür­fen.“In­te­gra­ti­on, das heißt für ihn, ei­ge­ne Wer­te zu le­ben, sich an­zu­pas­sen, aber sich nicht zu as­si­mi­lie­ren. Ein Ba­lan­ce­akt.

Auch, wenn es um Re­li­gi­on geht: Vie­le Ju­gend­li­che wür­den die Re­li­gi­on nicht ken­nen, sei­en be­ein­fluss­bar. Bi­saev – er selbst kennt Tsche­tsche­nen, die in den Ji­had ge­fah­ren sind – ver­sucht, Ju­gend­li­chen den Kern des Is­lam, wie er ihn sieht, na­he­zu­brin­gen: „Es geht um Hu­ma­ni­tät, Hilfs­be­reit­schaft, Ge­rech­tig­keit.“Für Ge­walt ge­be es kei­ne Recht­fer­ti­gung. Auch nicht für Krie­ge zwi­schen Volks­grup­pen.

Dar­an ar­bei­tet seit zwei Jah­ren auch der Rat der Tsche­tsche­nen und In­gu­schen in Ös­ter­reich, den Bi­saev mit­in­iti­iert hat. „Zu­vor gab es kei­ne of­fi­zi­el­len An­sprech­part­ner“, sagt Bi­saev. Viel­leicht auch des­halb wur­de das Pro­blem der vie­len Aus­rei­sen in Rich­tung Sy­ri­en et­was „über­se­hen“. Nun trifft sich der Rat ein­mal pro Wo­che, „Mul­ti­pli­ka­to­ren“der Com­mu­ni­ty ar­bei­ten auch ab­seits dar­an, et­wa mit Af­gha­nen.

Schließ­lich ist es zwi­schen ri­va­li­sie­ren­den Ban­den aus Tsche­tsche­nen und Af­gha­nen schon zu Schlä­ge­rei­en und Mes­ser­ste­che­rei­en ge­kom­men. „Es sind Re­vier­kämp­fe, wie es sie un­ter Ju­gend­li­chen im­mer gibt. Das Pro­blem bei Tsche­tsche­nen oder Af­gha­nen ist, dass sie schnell ein Mes­ser zü­cken“, sagt Bi­saev und er­klärt sich das auch mit den Kriegs- und Ge­walt­er­fah­run­gen in der Hei­mat. Seit der Mas­sen­schlä­ge­rei am Han­dels­kai tref­fen sich Ver­tre­ter des Tsche­tsche­nen­rats mit Ver­tre­tern der Af­gha­nen, et­wa ein­fluss­rei­chen Leu­ten aus Mo­sche­en. Nun sind ge­mein­sa­me Ver­an­stal­tun­gen ge­plant, ein Fas­ten­bre­chen et­wa oder Gril­le­rei­en, da­mit wei­te­re Ban­den­kon­flik­te ver­hin­dert wer­den – und da­mit nicht ein Ge­wal­timage zur ein­zi­gen Ge­mein­sam­keit der Com­mu­ni­tys wird. Bi­saev in der Bri­git­ten­au­er Wohn­an­la­ge, in der er sein Ver­eins­lo­kal be­treibt.

Adam Bi­saev

war in sei­ner Hei­mat Bau­in­ge­nieur oder in der Stadt­ver­wal­tung von Gros­ny tä­tig.

Vor zwölf Jah­ren,

der zwei­te Tsche­tsche­ni­en-Krieg war auf ei­nem Hö­he­punkt, ist er nach Wi­en ge­kom­men. Auch, um po­li­tisch-di­plo­ma­tisch für Tsche­tsche­ni­en zu ar­bei­ten.

Mit sei­nem Ka­ra­te­klub

ist er zur so­zia­len Ar­beit mit Kin­dern und Ju­gend­li­chen ge­kom­men. Heu­te be­treibt er in Wi­en das Zen­trum für Bil­dung und Sport La­tar Do und den Ver­ein To­le­ranz.

»Ein Bruch­teil ist in Ge­wŻlt in­vol­viert, ©er Rest lei©et un­ter ©em schlech­ten ImŻ­ge.«

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