Das Land der be­am­te­ten Po­li­ti­ker

40 Pro­zent ©er po­li­ti­schen Füh­rungs­kräf­te kom­men Żus ©em öf­fent­li­chen Sek­tor, Żãer nur et­wŻ zehn Pro­zent ©er Er­werãst´ti­gen Żrãei­ten im StŻŻts©ienst.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON GER­HARD HO­FER UND KA­TRIN NUSSMAYR

Mit der Kür von Chris­ti­an Kern zum neu­en Bun­des­kanz­ler kam das gro­ße Au­f­at­men. „End­lich ein Ma­na­ger aus der Wirt­schaft“, hieß es da, und es war ei­ner­lei, dass Kerns Ma­na­ger­kar­rie­re sich aus­schließ­lich in staats­na­hen und staat­li­chen Un­ter­neh­men – sprich Ver­bund und ÖBB – ab­ge­spielt hat­te. Die Be­to­nung liegt auf Ma­na­ger. Und un­ter­schwel­lig lau­tet die Bot­schaft: Un­se­re Po­li­ti­ker ha­ben sich von der ech­ten Le­bens- und Ar­beits­welt so weit ent­fernt, dass al­lein der Um­stand ei­nes Quer­ein­stei­gers als Be­frei­ungs­schlag emp­fun­den wird.

An­lass ge­nug, um sich die Be­rufs­kar­rie­ren hei­mi­scher Po­li­ti­ker vor ih­rem Ein­stieg in die Po­li­tik nä­her an­zu­se­hen. Wel­che Be­rufs­er­fah­rung ha­ben die knapp 750 Man­da­ta­re und Re­gie­rungs­mit­glie­der ge­sam­melt, die in Land­ta­gen, Na­tio­nal- und Bun­des­rat so­wie im Eu­ro­pa­par­la­ment tä­tig sind? Das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd, teil­wei­se über­ra­schend und manch­mal auch ziem­lich skur­ril.

Er­nüch­ternd ist vor al­lem der Um­stand, dass sich die Be­rufs­kar­rie­ren von Po­li­ti­kern grund­le­gend von je­nen in der Be­völ­ke­rung un­ter­schei­den. So sind zwar 76 Pro­zent der knapp 4,15 Mil­lio­nen Er­werbs­tä­ti­gen in die­sem Land in der Pri­vat­wirt­schaft be­schäf­tigt. Aber nur 30 Pro­zent der Po­li­ti­ker ha­ben Er­fah­run­gen als Ar­beit­neh­mer in der Pri­vat­wirt­schaft ge­sam­melt.

Und selbst die­se 30 Pro­zent sind mit gro­ßer Vor­sicht zu ge­nie­ßen. Denn als „Pri­vat­wirt­schaft“gel­ten na­tür­lich auch Par­tei­en und NGOs. Al­lein im Wie­ner Land­tag ha­ben fast 17 Pro­zent der Man­da­ta­re ih­ren Weg in den Plenar­saal über ei­ne An­stel­lung in ih­rer Par­tei ge­fun­den.

Auch wenn man sich hier­zu­lan­de oft wie in ei­nem Be­am­ten­staat fühlt, in der Ar­beits­welt ma­chen Be­am­te und Ver­trags­be­diens­te­te le­dig­lich zehn Pro­zent al­ler Er­werbs­tä­ti­gen aus. Im Vor­jahr wa­ren es ex­akt 419.999 Per­so­nen, die laut Sta­tis­tik Aus­tria im öf­fent­li­chen Di­enst ge­ar­bei­tet ha­ben.

Al­ler­dings kom­men vier von zehn Po­li­ti­kern in Ös­ter­reich aus dem öf­fent­li­chen Be­reich. Den ab­so­lu­ten Re­kord hält da­bei der bur­gen­län­di­sche Land­tag, dort ha­ben mehr als 67 Pro­zent ih­re po­li­ti­sche Kar­rie­re vom Staats­dienst aus ge­star­tet. Im­mer­hin 13 Pro­zent der Lan­des­po­li­ti­ker im son­nigs­ten Bun­des- land sind Leh­rer (ge­we­sen). Al­len vor­an SPÖ-Lan­des­haupt­mann Hans Niessl.

„Der Bun­des­tag ist mal vol­ler und mal lee­rer, aber im­mer vol­ler Leh­rer“, ka­lau­er­te einst der deut­sche FDP-Po­li­ti­ker Ot­to Graf Lambs­dorff. Der Satz kann in Ös­ter­reich nur auf das Bur­gen­land um­ge­münzt wer­den. Ins­ge­samt sind we­ni­ger als sechs Pro­zent der hei­mi­schen Man­da­ta­re und Re­gie­rungs­mit­glie­der aus dem Klas­sen­zim­mer in den Plenar­saal ge­wech­selt.

Da sind die Bau­ern schon viel do­mi­nan­ter. Ge­ra­de ein­mal 2,5 Pro­zent der werk­tä­ti­gen Be­völ­ke­rung sind Land­wir­te, aber mehr als sie­ben Pro­zent der po­li­ti­schen Eli­te wird – größ­ten­teils – vom Bau­ern­bund ge­stellt. Mit an­de­ren Wor­ten: Der Bau­ern­stand hat in der Po­li­tik drei­mal so viel Prä­senz wie ihm wirk­li­chen Le­ben. Im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen und im Ti­ro­ler Land­tag sind so­gar mehr als 15 Pro­zent der Ab­ge­ord­ne­ten Land­wir­te.

Nur die Frei­be­ruf­ler sind noch stär­ker über­re­prä­sen­tiert. Sie ma­chen im­mer­hin 6,4 Pro­zent der Po­li­ti­ker, aber le­dig­lich 1,6 Pro­zent der Er­werbs­tä­ti­gen aus. Vie­le Selbst­stän­di­ge. Dass hier­zu­lan­de mehr Bau­ern in den Par­la­men­ten als auf den Fel­dern un­ter­wegs sind, mag nicht wirk­lich über­ra­schen. Be­mer­kens­wert ist hin­ge­gen, dass fast 14 Pro­zent der Po­li­ti­ker als Selbst­stän­di­ge tä­tig wa­ren oder sind. Aber nur 7,3 Pro­zent der Er­werbs­tä­ti­gen sind ih­re ei­ge­ne Che­fin, ihr ei­ge­ner Herr.

Wäh­rend aber bei den Bau­ern die po­li­ti­sche Über­prä­senz sich auch tat­säch­lich po­si­tiv für die Land­wir­te aus­wirkt – man er­in­ne­re sich nur, wie schnell nach den Frost­schä­den Steu­er- nach Be­rufs­grup­pen, in Pro­zent geld lo­cker­ge­macht wur­de –, dürf­ten vie­le Un­ter­neh­mer in den Par­la­men­ten dem Un­ter­neh­mer­tum in die­sem Land nicht son­der­lich zu­träg­lich sein. Das soll wie­der­um die Hoff­nung vie­ler Un­ter­neh­mer nicht trü­ben, die sich mit dem Ma­na­ger Kern auch mehr En­ga­ge­ment für den Wirt­schafts­stand­ort wün­schen. Aber die Aus­re­de, es sei­en zu we­nig Selbst­stän­di­ge in der Po­li­tik, ist sta­tis­tisch ein­deu­tig wi­der­legt. Ost-West-Ge­fäl­le. An­de­rer­seits kann „selbst­stän­dig“und „Pri­vat­wirt­schaft“vie­les be­deu­ten, vor al­lem in ei­ner Sta­tis­tik. Der aus­ge­schie­de­ne Bun­des­kanz­ler ar­bei­te­te vor sei­nem Ein­tritt in die Wie­ner Lan­des­po­li­tik be­kannt­lich als Ta­xi­fah­rer, mit Chris­ti­an Kern folgt ihm ei­ner aus dem Staats­kon­zern ÖBB nach. Da­bei herrscht bei der SPÖ an Staats­die­nern wahr­lich kein Man­gel. 57 Pro­zent der SPÖ-Man­da­ta­re kom­men aus dem öf­fent­li­chen Sek­tor. Das ist ver­gli­chen mit al­len an­de­ren in den Par­la­men­ten ver­tre­te­nen Par­tei­en ein­sa­me Spit­ze.

Üb­ri­gens: Je tie­fer in den Os­ten, um­so mehr „be­am­te­te“Po­li­ti­ker, könn­te man sa­gen. Der Vor­arl­ber­ger Land­tag ist oh­ne­hin das ein­zi­ge Gre­mi­um, in dem die Pri­vat­an­ge­stell­ten die größ­te Grup­pe stel­len. In Salz­burg und Ti­rol sit­zen die Selbst­stän­di­gen und Frei­be­ruf­ler zu­min­dest auf Au­gen­hö­he mit den öf­fent­lich Be­diens­te­ten im Land­tag.

Fa­zit: Zu­min­dest sta­tis­tisch be­trach­tet lie­gen zwi­schen Po­li­ti­kern und Bür­gern Wel­ten – Ar­beits­wel­ten.

Es hŻt ©en An­schein, Żls w´ren mehr BŻu­ern in ©er Po­li­tik Żls Żuf ©en Fel©ern un­ter­wegs.

Bloomãerg

Einst MŻnŻ­ger, jetzt Bun©es­kŻnz­ler: Chris­tiŻn Kern bei sei­ner Re©e im NŻ­ti­onŻl­rŻt.

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